{"id":10261,"date":"2012-01-27T14:15:38","date_gmt":"2012-01-27T17:15:38","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10261"},"modified":"2012-02-04T14:22:04","modified_gmt":"2012-02-04T17:22:04","slug":"einmal-hin-und-zuruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/01\/27\/einmal-hin-und-zuruck\/","title":{"rendered":"Einmal hin und zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Semanario Israelita&#8221;-Herausgeber und &#8220;Tageblatt&#8221;-Redakteur Werner Max Finkelstein in Berlin gestorben<\/p>\n<p><em>Von Sebastian Loschert<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/gorlinsky11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/gorlinsky11.jpg\" alt=\"\" title=\"gorlinsky11\" width=\"250\" height=\"174\" class=\"alignleft size-full wp-image-10265\" \/><\/a>&#8220;Welch ein abenteuerlicher Lebensweg!&#8221;, bewunderte die Frankfurter Allgemeine Zeitung 2005, als sie Werner Max Finkelstein in seiner Berlin Wohnung besuchte. Dass er seinen Lebensabend in Berlin verbringen w\u00fcrde, h\u00e4tten seine Eltern bei seiner Geburt im ostpreu\u00dfischen Gumbinnen im Jahr 1925 noch vermuten k\u00f6nnen \u2013 aber kaum das wechselvolle Leben, das dazwischen lag: Flucht um die halbe Welt, unz\u00e4hlige Jobs in Dschungel, Mine und Gro\u00dfstadt. Dann Posten als Chefredakteur und Herausgeber in Buenos Aires. Schlie\u00dflich, 1999, im Alter von 74 Jahren, R\u00fcckkehr mit einer neuen Liebe nach Berlin.<\/p>\n<p>Es waren der Machtantritt der Nazis und der Boykott j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte, die die Familie Finkelstein 1935 dazu zwangen, Gumbinnen und ihr gutgehendes Gesch\u00e4ft zu verlassen und nach Berlin zu ziehen. Ab 1938 wurde f\u00fcr Juden jedoch auch dort die Luft zu d\u00fcnn zum Atmen. Der 14-j\u00e4hrige Max wurde deshalb mit dem Kindertransport nach Schweden geschickt, was f\u00fcr ihn der Beginn einer langen Odyssee werden sollte.<\/p>\n<p>Erst zwei Jahre sp\u00e4ter sollte Finkelstein seine Mutter in La Paz wiedersehen, nachdem er alleine eine Zug- und Schiffsreise \u00fcber die Sowjetunion, Asien und Nordamerika bis Bolivien unternahm. Doch diese Reise, ebenso wie die folgenden sieben Jahre in Bolivien, erlebte er eher als spannendes Abenteuer denn als Schicksalsschlag. Die teils unglaublichen Geschichten, die er bei seinen Jobs im Gef\u00e4ngnis von La Paz oder auf Alligatorenjagd in Trinidad erlebte und die er auch in der Redaktion gerne zum Besten gab, lassen sich in seiner Biographie &#8220;Jude, Gringo, Deutscher&#8221; nachlesen.<!--more--><\/p>\n<p>In Bolivien sind er und seine Emigranten-Clique jedoch immer Fremde geblieben. Mehr Offenheit erhoffte man sich stattdessen vom europ\u00e4ischeren Buenos Aires. Tats\u00e4chlich schien er dort nach seiner Einreise zu Fu\u00df \u00fcber die &#8220;Gr\u00fcne Grenze&#8221; heimisch zu werden: Er gr\u00fcndete eine Familie, hatte zwei Kinder. Und bewarb sich 1963 auf eine Anzeige des &#8220;Argentinischen Tageblatts&#8221;: &#8220;F\u00fcr mich war klar, dass ich nun diese Chance ergreifen und mich auf die Stelle bewerben musste!&#8221; Er bekam den Posten, obwohl ein Akademiker gesucht und Finkelstein ohne jeden Schulabschluss war.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr seine arbeitsame Unbek\u00fcmmertheit gibt Finkelstein in seiner Biographie: Als er \u00fcber eine Rede des damaligen Pr\u00e4sidenten Arturo Illia zum &#8220;Tag der Industrie&#8221; berichten sollte, und diese Aufgabe mit seinem geplanten Wochenendausflug ans Meer kollidierte, entschloss er sich kurzerhand, &#8220;das \u00fcbliche Gerede zu einem derartigen Anlass selbst zu schreiben&#8221;. Am Montag wurde ihm dann offenbart, dass das Tageblatt als einzige Zeitung die Rede des Pr\u00e4sidenten brachte: Illia hatte sie n\u00e4mlich abgesagt.<\/p>\n<p>Sein Lebenswerk sollte jedoch eine andere Zeitung werden. Denn 1979 wurde ihm die Verantwortung f\u00fcr das &#8220;Semanario Israelita&#8221; \u00fcbertragen, das er in den folgenden zwei Jahrzehnten beinahe im Alleingang auf die Beine stellte, zum Schluss auch aus der eigenen Tasche mitfinanzierte. Als &#8220;Unabh\u00e4ngiges J\u00fcdisches Wochenblatt&#8221; sollte es das gesamte, vielstimmige Bild der &#8220;Immigrantenschicksalsgemeinde&#8221;, wie er es nannte, darstellen. F\u00fcr seinen Einsatz f\u00fcr die Verst\u00e4ndigung zwischen Juden und Deutschen erhielt er 1993 das Verdienstkreuz Erster Klasse.<\/p>\n<p>Doch trotz alledem konnte sich Finkelstein auch in Buenos Aires nicht richtig einleben: &#8220;Wir waren immer die Gringos&#8221;, sagte er in einem Interview 2001 \u00fcber die Emigranten erster Generation. Eine neue Liebe gab dann den Ansto\u00df daf\u00fcr, wieder nach Deutschland zur\u00fcckzukehren und schweren Herzens den Abschiedsartikel seines Semanario mit dem Wort &#8220;Aus!&#8221; zu \u00fcberschreiben. Im Semanario lernte er die 49 Jahre j\u00fcngere Praktikantin Kerstin Schirp kennen, beide verliebten sich ineinander und fassten den Entschluss, nach Berlin zur\u00fcckzukehren. Dort diktierte er ihr seine Biographie. &#8220;Ich bin nach Hause zur\u00fcckgekehrt!&#8221;, lautet der letzte Satz. Er war dort beim J\u00fcdischen Museum und, bis zuletzt, beim Berliner Arbeitskreis J\u00fcdischer Sozialdemokraten aktiv.<\/p>\n<p>In dieser Woche ist das tatenreiche Leben zu Ende gegangen. Werner Max Finkelstein, 20 Jahre lang Macher des &#8220;Semanario Israelita&#8221; in Buenos Aires und \u00fcber 25 Jahre lang Journalist und Redakteur im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221;, ist am Diestag im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nWerner Max Finkelstein (2.v.l.) in der Redaktion des &#8220;Argentinischen Tageblatts&#8221;. Vorne Chefredakteur Peter Gorlinsky.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Semanario Israelita&#8221;-Herausgeber und &#8220;Tageblatt&#8221;-Redakteur Werner Max Finkelstein in Berlin gestorben Von Sebastian Loschert &#8220;Welch ein abenteuerlicher Lebensweg!&#8221;, bewunderte die Frankfurter Allgemeine Zeitung 2005, als sie Werner Max Finkelstein in seiner Berlin Wohnung besuchte. 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