{"id":1035,"date":"2007-05-19T17:04:55","date_gmt":"2007-05-19T20:04:55","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/05\/19\/fortschritt-durch-technik\/"},"modified":"2007-05-19T17:04:55","modified_gmt":"2007-05-19T20:04:55","slug":"fortschritt-durch-technik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/05\/19\/fortschritt-durch-technik\/","title":{"rendered":"Fortschritt durch Technik?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Ausstellung &#8220;Negatec&#8221; im Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica hinterfragt kritisch und mit viel Humor<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1036\" alt=Oswald2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2007\/05\/Oswald2.jpg\" \/><br \/>\n<em>Oswaldo Maci\u00e1s Installation &#8220;Surrounded by Tears&#8221; (Umgeben von Tr\u00e4nen) soll ein Bewusstsein daf\u00fcr wecken, wie abgestumpft der globalisierte Mensch von heute gegen\u00fcber Presseberichten und -fotos von Kriegen oder Naturkatastrophen geworden ist. Susan Sontag beschrieb es in ihrem Essay &#8220;Der Schmerz der Anderen&#8221;. Maci\u00e1 beweist, dass man noch nicht zu unsensibel ist, diesen Schmerz zu h\u00f6ren: Er hat rund um die Welt Wehklagen von Opfern aufgenommen und l\u00e4sst sie uns aus in verschiedenen H\u00f6hen von der Decke h\u00e4ngenden Glocken vernehmen &#8211; und f\u00fchlen.<\/em><\/div>\n<p>Der rasante Fortschritt der Technik hat in den vergangenen Jahren das Leben revolutioniert. Die Jugend sitzt vor dem Computer, tummelt sich in virtuellen Welten, die bin\u00e4re Denkweise 1-0, ja-nein, schwarz-wei\u00df l\u00e4sst allm\u00e4hlich die Zwischent\u00f6ne verschwinden, die das Leben reich machen. Alles ist &#8220;einfacher&#8221; mit Online-Banking oder Online-Shopping, man ist immer erreichbar mit dem Handy am Ohr, man kann alles was man will sofort haben mit E-Bay, Millionen Videos stehen bei YouTube zur Verf\u00fcgung: So w\u00e4chst eine Generation heran, die nicht mehr warten kann, keine Langeweile mehr ertr\u00e4gt. Und wenn der Strom ausf\u00e4llt, herrscht die gro\u00dfe Ratlosigkeit, denn was soll man machen, wenn innen nichts mehr drin ist und \u00e4u\u00dfere Reize die Leere nicht \u00fcberdecken?<\/p>\n<p>Wie viel weiter hat die Technik den Menschen gebracht?<\/p>\n<p>In der Ausstellung &#8220;Negatec&#8221; im Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica, die man noch bis Sonntag, den 27. Mai besuchen kann, gehen 13 international bekannte und renommierte K\u00fcnstler und K\u00fcnstlergruppen an diese Frage heran. Kurator der Ausstellung ist der 1937 in Deutschland geborene Uruguayer Luis Camnitzer, der seit 1964 in den USA lebt. Er wurde von der argentinischen K\u00fcnstlerin und Kulturmanagerin Patricia Hakim eingeladen, diese Exposition zu organisieren, sie stand ihm als Co-Kuratorin zur Seite.<\/p>\n<p>Camnitzer, selbst ein international ber\u00fchmter K\u00fcnstler und Lehrmeister, betont, dass die von ihm eingeladenen K\u00fcnstler &#8220;keine negative, aber wohl eine kritische Position gegen\u00fcber dem technologischen Fortschritt&#8221; haben.<\/p>\n<p>Die deutsche K\u00fcnstlerin Martina Fischer beispielsweise zeigt das in sich geschlossene System, die nur dem eigenen Zweck dienenden &#8220;Auswirkungen&#8221; vieler technischer Errungenschaften, indem sie drei kleinen, staubsauger\u00e4hnlichen Machinen durch ein Kabel Strom zuf\u00fchrt, durch das sie zugleich auch wieder abgew\u00fcrgt werden, so dass sie sich immer kurz vor und zur\u00fcckbewegen, ohne jemals aus dem Kreislauf herauszukommen. Von Fischer stammen auch an der Wand installierte elektronische &#8220;Beichtk\u00e4sten&#8221;, die m\u00fchevolles Formulieren oder peinliche Schuldeingest\u00e4ndnisse gnadenvoll \u00fcberfl\u00fcssig machen: Man n\u00e4hert sich lediglich mit dem Ohr dem Kasten, und schon spricht eine Stimme den S\u00fcnder von seiner Schuld frei. Eine weitere Installation Martina Fischers ist ein Geldautomat, in dem man ein Herz schlagen h\u00f6rt. Wirft man durch den vorgesehenen Schlitz eine M\u00fcnze ein, h\u00f6rt das Ger\u00e4usch abrupt auf: Der &#8220;g\u00fctige Spender&#8221; hat den Kasten ermordet.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen B\u00f6rsenbewegungen hohe Kunst sein? Bei dem schwedischen K\u00fcnstler Ola Pehrson ja: Er &#8220;\u00fcbersetzt&#8221; die B\u00f6rsenstatistiken in Noten und l\u00e4sst sie von einem professionellen Chor singen. Sein &#8220;NASDAQ Vocal Index&#8221; h\u00f6rt sich \u00fcberraschend gut an.<\/p>\n<p>Die beiden argentinischen K\u00fcnstler Roberto Jacoby und Syd Krochmalny preisen in ihrer Videoinstallation &#8220;La castidad&#8221; (Die Enthaltsamkeit) ebendiesen von beiden selbst praktizierten Lebensstil an. Dazu laden sie jeweils zwei Zuschauer (nach vorheriger Anmeldung) in einen abgeteilten Raum ein, in dem man es sich auf einem breiten Bett gem\u00fctlich machen kann. Durch Kopfh\u00f6rer erh\u00e4lt man Anweisungen, dann l\u00e4uft ein Video, auf dem die beiden durch Schauspieler dargestellten K\u00fcnstler (ein J\u00fcngling und ein \u00e4lterer Herr) \u00fcber allerlei im allgemeinen und die Enthaltsamkeit im besonderen philosophieren. Im Anschluss an den mit 20 Minuten zu langen Film kann man per Notebook mit denen beiden &#8220;live chatten&#8221;.<!--more--><\/p>\n<p>Enthaltsamkeit propagieren die beiden deshalb, um sich vom Gros ihrer Mitmenschen abzuheben, &#8220;etwas Besonderes&#8221; zu sein. Dabei mag man monieren, dass dieses Lebensprojekt dem J\u00fcngeren vom \u00c4lteren aufgezwungen erscheint. Als Kritik an einer &#8220;\u00fcbersexualisierten Gesellschaft&#8221; &#8211; so wollen es die beiden K\u00fcnstler verstanden wissen &#8211; mag man es auch nicht akzeptieren, schlie\u00dflich reden sie von nichts anderem als Sex, und auch wenn sie sich ihm verweigern, ist es doch nur die andere Seite derselben Medaille.<\/p>\n<p>Gelungen ist jedoch, dass Jacoby und Krochmalny dieses sozusagen &#8220;altgriechische Lebensideal&#8221; der platonischen Liebe mit den Mitteln der neuesten Errungenschaften der Technik (Video, Computer-Notebook, Chat) propagieren und au\u00dferdem nicht pers\u00f6nlich in Erscheinung treten (also nur einen scheinbiographischen Anspruch erheben), sondern als zus\u00e4tzlichen Anonymisierungsfaktor Schauspieler einsetzen. Und dann wei\u00df man nicht, ob man wirklich am Ende mit den beiden pers\u00f6nlich chattet, oder ob nicht vielleicht die Putzfrau die Computer-Schicht \u00fcbernommen hat. Auf dieser Meta-Ebene liefern die beiden Argentinier eine hochinteressante Medienkritik.<\/p>\n<p>Die Yes Men, ein K\u00fcnstlerteam aus den USA, zeigen ein Video von einer ihrer Aktionen. In einem nordamerikanischen Uni-H\u00f6rsaal verteilen sie zun\u00e4chst Gratis-Hamburger an die Studenten und verk\u00fcnden dann mit allergr\u00f6\u00dftem Ernst ihre Strategie, den Hunger in der Dritten Welt zu bek\u00e4mpfen: Da die Menschen nur 20 Prozent der N\u00e4hrstoffe eines Hamburgers verwerteten, sollte man aus den menschlichen Abfallstoffen (um nicht zu sagen Exkrementen) wiederum Hamburger herstellen und diese in Hungergebiete schicken. Die Reaktion der Studenten von ungl\u00e4ubigem Staunen bis zum w\u00fctenden Verlassen des H\u00f6rsaals ist genau das, was die K\u00fcnstler erreichen wollen.<\/p>\n<p>Zur Ausstellung &#8220;Negatec&#8221; im Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica in der Arenales 1540 (dienstags bis sonntags von 14-20 Uhr ge\u00f6ffnet, Eintritt frei) geh\u00f6ren weiterhin ein Video der US-Amerikanerin Jenny Perlin, eine Installation von Liza McConnell (ebenfalls USA) und Werke des Deutschen Ingo G\u00fcnther, des Chilenen Alfredo Jaar, des Kolumbianers Oswaldo Maci\u00e1, des Belgiers Wim Delvoye, der in den USA lebenden Argentinierin Mika Rottenberg, dem Critical Art Ensemble (USA) und von I\u00f1igo Manglano-Ovalle (in Spanien geboren, lebt in den USA).<\/p>\n<p>Man sollte etwa 1 \u00bd bis 2 Stunden f\u00fcr den Rundgang durch die Ausstellung, den man im oberen Stockwerk beginnen sollte, veranschlagen. Es empfiehlt sich, die kurzen Texte zu jedem Werk zu lesen. Ein Besuch dieser selten hochklassigen Ausstellung kann nur empfohlen werden!<\/p>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; vom 19.05.07.<\/em><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1038\" alt=Inigo2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2007\/05\/Inigo2.jpg\" \/><br \/>\n<em>&#8220;Im Kugelhagel bzw. Kugelregen&#8221; k\u00f6nnte man I\u00f1igo Manglano-Ovalles Installation nennen. Aus einem Lautsprecher h\u00f6rt man das Ger\u00e4usch eines sanften Regens, in Wirklichkeit handelt es sich um defragmentierte und wieder digitalisierte Sequenzen von Sch\u00fcssen. Am Boden steht ein aufgespannter Schirm aus Kevlar-Tuch &#8211; dem Stoff, aus dem schusssichere Westen gemacht werden.<\/em><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung &#8220;Negatec&#8221; im Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica hinterfragt kritisch und mit viel Humor Von Susanne Franz Oswaldo Maci\u00e1s Installation &#8220;Surrounded by Tears&#8221; (Umgeben von Tr\u00e4nen) soll ein Bewusstsein daf\u00fcr wecken, wie abgestumpft der globalisierte Mensch von heute gegen\u00fcber Presseberichten und -fotos von Kriegen oder Naturkatastrophen geworden ist. 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