{"id":10389,"date":"2012-02-12T12:40:18","date_gmt":"2012-02-12T15:40:18","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10389"},"modified":"2012-02-12T13:28:41","modified_gmt":"2012-02-12T16:28:41","slug":"der-zuschauer-als-spielball","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/02\/12\/der-zuschauer-als-spielball\/","title":{"rendered":"Der Zuschauer als Spielball"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Tanzensemble &#8220;Los Mismos&#8221; spielt mit Publikumserwartungen<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/sopla.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/sopla.jpg\" alt=\"\" title=\"sopla\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"aligncenter size-full wp-image-10390\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/sopla.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/sopla-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\n&#8220;Sopla&#8221;, das bedeutet w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt &#8220;Pusten&#8221;, kann aber auch ein Ausruf des Erstaunens sein. Die Doppeldeutigkeit des St\u00fccks &#8220;Sopla&#8221; des Tanzensembles &#8220;Los Mismos&#8221;, das im letzten Jahr an verschiedenen Spielst\u00e4tten in Buenos Aires auftrat und vergangene Woche im Teatro Timbre 4 gastierte, ist also schon im Titel festgeschrieben. Ob &#8220;Pusten&#8221; oder &#8220;Hoppla&#8221;, das muss der Zuschauer am Ende selbst entscheiden, genauso wie die Antwort auf die Frage, ob man sich gerade tats\u00e4chlich eine Tanzperformance angeschaut hat oder blo\u00df Zeuge einer Probe war, oder ob man, wie es in der Ank\u00fcndigung hei\u00dft, gerade eine &#8220;improvisierte Begegnung&#8221; hatte.<\/p>\n<p>Am Anfang sind drei Frauen und ein Mann auf der B\u00fchne, sie tanzen scheinbar ohne Choreographie, manchmal zusammen, manchmal v\u00f6llig asynchron. Kleine, unvollendete Geschichten werden auf der B\u00fchne erz\u00e4hlt, Choreographien werden begonnen und wieder abgebrochen, manchmal wuseln die T\u00e4nzer chaotisch durcheinander, manchmal halten sie inne und bilden ein Standbild, dann wieder tanzt einer von ihnen ein Solo. Und langsam wird klar, dass es doch eine einheitliche Choreographie gibt: Die Abl\u00e4ufe wiederholen sich, einmal, zweimal, dreimal, viermal. Pl\u00f6tzlich betritt eine vierte Frau den Raum, mit einer Torte in der Hand und schuldbewusstem Gesicht. Der Bann ist gebrochen, die Stille und Konzentriertheit der letzten 20 Minuten sind vorbei. Die T\u00e4nzer tanzen zwar weiter, doch jetzt unterhalten sie sich dabei; die zuletzt Hereingekomme kennt die Abl\u00e4ufe nicht, der Mann muss sie ihr erkl\u00e4ren, Anweisungen werden durch den Raum gerufen. Ganz klar: eine Probe, keine Auff\u00fchrung.<\/p>\n<p>Oder doch nicht? Pl\u00f6tzlich ert\u00f6nt Musik: Ein St\u00fcck von Vivaldi, und ein zweiter Mann, der bis dahin unscheinbar am B\u00fchnenrand sa\u00df, beginnt zu tanzen, er tanzt ein Solo, er tanzt gro\u00dfartig, mit starkem K\u00f6rperausdruck, in gr\u00fcnem Schweinwerferlicht &#8211; ein ungeheuer dramatischer Moment. W\u00e4ren da nicht die anderen, die seine Tanzeinlage als Pause nutzen, Wasser trinken und Kekse essen und sich den Schwei\u00df von der Stirn wischen. Vielleicht, so denkt man sich, vielleicht sollte man &#8220;Sopla&#8221; ganz anders \u00fcbersetzen, n\u00e4mlich mit &#8220;Pustekuchen&#8221;. Denn gerade als der Zuschauer beginnt, sich hineinziehen zu lassen in das Geschehen auf der B\u00fchne, wird er wieder herausgerissen. Eine kleine Bewegung, ein Wort nur macht klar: das hier ist blo\u00df eine Show. Und die &#8220;improvisierte Begegnung&#8221; ist eine Begegnung mit der manipulativen Macht der darstellenden K\u00fcnste: &#8220;Los Mismos&#8221; zeigen, dass der Zuschauer ein Spielball ist in den H\u00e4nden der K\u00fcnstler, die ihn dazu bringen k\u00f6nnen, sich im B\u00fchnengeschehen zu verlieren und ihn genauso schnell wieder auf den Boden der Realit\u00e4t stellen.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Vorstellungen: 3. M\u00e4rz, 21.30 Uhr, <a href=\"http:\/\/elclubdelteatro.com.ar\/\">El Club del Teatro<\/a>, Mar del Plata; 14. und 21. April, 21 Uhr, <a href=\"http:\/\/espaciocafemuller.blogspot.com\/\">Caf\u00e9 M\u00fcller<\/a>, Lavalleja 1116, Buenos Aires.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Tanzensemble &#8220;Los Mismos&#8221; spielt mit Publikumserwartungen Von Mirka Borchardt &#8220;Sopla&#8221;, das bedeutet w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt &#8220;Pusten&#8221;, kann aber auch ein Ausruf des Erstaunens sein. 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