{"id":10449,"date":"2012-02-20T10:37:32","date_gmt":"2012-02-20T13:37:32","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10449"},"modified":"2012-02-19T15:38:21","modified_gmt":"2012-02-19T18:38:21","slug":"niedlich-statt-atzend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/02\/20\/niedlich-statt-atzend\/","title":{"rendered":"Niedlich statt \u00e4tzend"},"content":{"rendered":"<p><strong>250 Illustratoren interpretieren 10 &#8220;Aguafuertes Porte\u00f1as&#8221; von Arlt<\/p>\n<p><em>Von Sebastian Loschert<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/arlt1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/arlt1.jpg\" alt=\"\" title=\"arlt1\" width=\"250\" height=\"353\" class=\"alignleft size-full wp-image-10493\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/arlt1.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/arlt1-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>&#8220;Welche Scheu\u00dflichkeiten muss dieser Vorfahre verbrochen haben, dass sie ihn Arlt genannt haben!&#8221;, fragt sich Roberto Arlt in &#8220;Yo no tengo la culpa&#8221;, einer seiner ber\u00fchmt gewordenen Kolumnen &#8220;Aguafuertes Porte\u00f1as&#8221;. Dieser entfernteste seiner Verwandten in irgendeinem germanischen oder preu\u00dfischen Weiher wird wohl einen Bart bis zur H\u00fcfte und ein faltenzerfurchtes Gesicht gehabt haben, dass sie ihm &#8220;diese vier unaussprechlichen Buchstaben&#8221; verpasst haben, spekuliert Arlt.<\/p>\n<p>Man sieht schon: Auch wenn Roberto Arlt in einem deutschsprachigen Elternhaus im Barrio Flores aufgewachsen ist, 1900 als Sohn eines armen preu\u00dfisch-\u00f6sterreichischen Immigrantenpaares geboren, ist sein Blick auf die Heimat seiner Eltern bereits deutlich ein Blick von au\u00dfen. Mit acht Jahren der Schule verwiesen (der &#8220;unertr\u00e4gliche&#8221; Name war schuld!), bildete er sich fortan als Autodidakt und arbeitete in einer Lokalzeitung, als Bibliothekshelfer, Maler, Mechaniker, Hafenarbeiter, Berufsjournalist, Roman-, Theaterautor oder Erfinder. Trotz alledem blieb er arm, er starb mit 42 Jahren ohne einen Peso in Buenos Aires. Zwei seiner Schwestern starben bereits zuvor an Tuberkulose.<\/p>\n<p>Zweifellos war Arlt also in das Milieu der einfachen und armen Porte\u00f1os zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts integriert. Heute, ein Jahrhundert sp\u00e4ter, gilt er als einer der gr\u00f6\u00dften Schriftsteller Argentiniens, der mit Stilsicherheit und intimer Kenntnis die Gebr\u00e4uche und Redensarten der Bewohner der Hauptstadt skizzierte. Arlt sprach, wor\u00fcber man in der argentinischen Literatur seiner Zeit nicht sprach, schreibt die Arlt-Expertin Rita Gnutzmann: &#8220;Er war Ausl\u00e4nder. Es gab in ihm eine st\u00f6rende Kontinuit\u00e4t mit der Welt der Armen, die weder in ideologischer Sympathie noch in moralischer Sorge wurzelte, sondern in einem gemeinsamen kulturellen Raum.&#8221;<\/p>\n<p>Besonders deutlich wird diese Eigenschaft Arlts eben in den &#8220;Aguafuertes&#8221; (&#8220;Radierungen&#8221;), die zwischen 1928 und 1932 in der argentinischen Zeitung El Mundo erschienen. Nun widmet das Centro Cultural Recoleta diesen &#8220;\u00e4u\u00dferst repr\u00e4sentativen Texten unserer Stadt&#8221;, wie es im Begleitheft hei\u00dft, eine gro\u00dfz\u00fcgige Ausstellung in drei S\u00e4len. Zehn ausgew\u00e4hlte Texte werden von 250 zeitgen\u00f6ssischen Illustratoren bebildert.<\/p>\n<p>Die Ausstellung bietet somit neben der Hommage an Arlt auch &#8220;einen Querschnitt und einen Einblick in die ganze Bandbreite der aktuellen Illustrationsszene Argentiniens&#8221;, erkl\u00e4rt Kuratorin M\u00f3nica Weiss vom &#8220;Foro de Ilustradores&#8221;. Auch wenn die ausgew\u00e4hlten Texte durch durchschnittlich nicht weniger als 25 Bilder vertreten sind, wird es einem dabei nicht langweilig. Aus verschiedensten Perspektiven und mit unterschiedlichsten Mitteln wird das Geschriebene portr\u00e4tiert, mit Bleistift, Acryl- und Aquarellfarben, mit Collagen oder digitaler Bearbeitung.<!--more--><\/p>\n<p>Wenn Arlt etwa in &#8220;Elogio de lo cursi&#8221; (&#8220;Lob des Kitsches&#8221;) eine typische deutsche Bar im Stadtteil Belgrano auf die Schippe nimmt &#8211; diese &#8220;Synthese des Kitsches&#8221;, wo &#8220;die Trivialit\u00e4t zur Kunstform erhoben&#8221; wird -, hat der Illustrator die Wahl. Portr\u00e4tiert er den noch unverf\u00e4lschten deutschen Kellner, der den Gast bedient, als w\u00e4re er der Kaiser? Den Kneipenchef, der das gebrachte Bier mit einem Blick inspiziert, der den Feldmarschall Hindenburg eifers\u00fcchtig machen w\u00fcrde? Den stolzen Kadetten der Milit\u00e4rschule, dem der Autor leise zuraunen m\u00f6chte, er solle doch einmal &#8220;Im Westen nichts Neues&#8221; lesen? Einfach einen typischen Wirtshaustisch? Oder die ganze schaurige Kneipengesellschaft, hier in der &#8220;Dom\u00e4ne von Kant, dem Autor der &#8216;Kritik der reinen Vernunft'&#8221;, wie Arlt ironisch betont?<\/p>\n<p>Angesichts der illustren K\u00fcnstlerriege, die sich vor Arlt verbeugt, bleibt nach dem Besuch der Ausstellung eigentlich nur eine Frage: Warum so niedlich, so h\u00fcbsch, so &#8220;designed&#8221;? Auch wenn sich bei 250 St\u00fccken eine summarische Kritik verbietet: Groteske und d\u00fcstere Interpretationen der Arlt-Texte findet man eher wenige. Den Flaneur Roberto Arlt, der gerade jenen Francisco de Goya ein Genie nennt, &#8220;der Angst macht&#8221;, weil er die Schrecken der Stra\u00dfen Spaniens einfing, findet man nicht leicht wieder. Dies h\u00e4ngt auch mit der Textauswahl zusammen: So wurden offenbar &#8220;Aguafuertes&#8221; mit leichterem Inhalt bevorzugt. Au\u00dferdem k\u00fcrzte die Ausstellungskommission zwei Texte, so dass just die d\u00fcsteren Seiten des &#8220;Stuhls auf dem Gehsteig&#8221; (&#8220;Silla en la vereda&#8221;) oder der &#8220;Erleuchteten Fenster&#8221; (&#8220;Ventanas iluminadas&#8221;) au\u00dfen vor bleiben. Hinter den erleuchteten Fenstern spielt sich dann also keineswegs das &#8220;be\u00e4ngstigendste Gedicht, das die Menschheit kennt&#8221; ab, sondern zwei nette Jungs trinken Mate&#8230; Was passiert heute in den Stra\u00dfen von Buenos Aires, sind da so viele Gr\u00fcnde f\u00fcr Niedlichkeit? Ein Schelm, der da an st\u00e4dtische Kulturf\u00f6rderung denkt.<\/p>\n<p>Die Ausstellung ist kostenlos und noch bis zum 26. Februar ge\u00f6ffnet, montags bis freitags 14 bis 21 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 21 Uhr. Die ausgew\u00e4hlten Texte sind nicht ausgestellt, lassen sich jedoch <a href=\"http:\/\/aguafuertesilustradas2011.blogspot.com\/\">auf der Homepage der Organisatoren<\/a> einsehen.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nAusstellungsplakat des Illustrators Pablo Zweig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>250 Illustratoren interpretieren 10 &#8220;Aguafuertes Porte\u00f1as&#8221; von Arlt Von Sebastian Loschert &#8220;Welche Scheu\u00dflichkeiten muss dieser Vorfahre verbrochen haben, dass sie ihn Arlt genannt haben!&#8221;, fragt sich Roberto Arlt in &#8220;Yo no tengo la culpa&#8221;, einer seiner ber\u00fchmt gewordenen Kolumnen &#8220;Aguafuertes Porte\u00f1as&#8221;. 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