{"id":10570,"date":"2012-02-25T14:32:55","date_gmt":"2012-02-25T17:32:55","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10570"},"modified":"2012-02-25T14:32:55","modified_gmt":"2012-02-25T17:32:55","slug":"uberschreiter-unsichtbarer-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/02\/25\/uberschreiter-unsichtbarer-grenzen\/","title":{"rendered":"\u00dcberschreiter unsichtbarer Grenzen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ulrich Ludat, ein Saarbr\u00fccker K\u00fcnstler, weilt zur K\u00fcnstlerresidenz in Buenos Aires<\/p>\n<p><em>Von Sebastian Loschert<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/ludat3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/ludat3.jpg\" alt=\"\" title=\"ludat3\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"aligncenter size-full wp-image-10589\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/ludat3.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/ludat3-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nSeit Mitte Januar streift der in Saarbr\u00fccken lebende K\u00fcnstler Ulrich Ludat durch Buenos Aires. M\u00f6glich, dass der ein oder andere Leser schon auf ihn aufmerksam geworden ist. Auf ihn und seine &#8220;urbane Umherirrerei&#8221;, wie er seine k\u00fcnstlerische Praxis manchmal nennt, beim Fotografieren in der Stra\u00dfe, bei Audioaufnahmen in einer Zugstation, beim Horchen und Beobachten im Zentrum oder in den Barrios der Stadt. Rund 300 Kilometer Asphalt d\u00fcrfte er in den vergangenen Wochen schon hinter sich gebracht haben, sch\u00e4tzt Ludat &#8211; gr\u00f6\u00dftenteils zu Fu\u00df.<\/p>\n<p>An dem Schnellimbiss-Tisch vor dem Bahnhof San Mart\u00edn hasten die Passanten vorbei, Touristen dr\u00fccken ihre Taschen enger an den K\u00f6rper. Au\u00dfer Ludat sitzen an diesem stark frequentierten Platz keine Europ\u00e4er &#8211; nur einen Steinwurf von der Armensiedlung Villa 31 entfernt ist das den meisten zu riskant. Begeistert erz\u00e4hlt Ludat an dem wei\u00dfen Plastiktisch, Buenos Aires biete ihm die idealen Bedingungen f\u00fcr seine k\u00fcnstlerische Arbeit, f\u00fcr sein urbanes Explorationsprojekt &#8220;orte.lieux.places.lugares&#8221;. Sicherlich wegen des bekannterma\u00dfen gro\u00dfen Kulturangebots in dieser Stadt? Oder wegen der Unterst\u00fctzung durch die K\u00fcnstlerresidenz, zu der er eingeladen wurde? Weit gefehlt: &#8220;Ideal ist, dass ich die Stadt \u00fcberhaupt nicht kannte und keinerlei Zeit hatte, mich auf den Aufenthalt vorzubereiten.&#8221; Ohne Vorkenntnisse will Ludat die Stadt ersp\u00fcren, physisch in sich aufnehmen, sie &#8220;inkorporieren&#8221;. Nur mit Kamera und Aufnahmeger\u00e4t ausger\u00fcstet, zu Fu\u00df oder in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln.<\/p>\n<p>Der Polizist im Polizeicontainer am Eingang der Villa 31 blickt ungl\u00e4ubig. Sichtlich irritiert fragt er mehrmals nach: Ob man unbedingt da rein m\u00fcsse, ob man dort denn jemanden kenne, ob man nicht besser mit dem Bus die Villa Miseria umfahren wolle. Er reiht sich damit in einen warnenden Chor ein, der aus der Millionenstadt aufsteigt und zu verstehen gibt: &#8220;F\u00fcr Fremde kein Zutritt. No-go-Area.&#8221; Trotzdem ist und bleibt das Ziel von Ulrich Ludat die Kapelle des 1974 ermordeten Padre Mugica am anderen Ende des \u00fcber 20.000 Einwohner z\u00e4hlenden Elendsviertels. Wir gehen die staubige, schmale Hauptstra\u00dfe entlang, an deren R\u00e4ndern sich buntbemalte und unverputzte H\u00e4uschen aneinanderreihen. &#8220;Au\u00dferhalb der Villa 31 wei\u00df kaum einer, wo die Kapelle mit dem Grab Mugicas liegt, hier drinnen jeder. Offiziell gibt es keine Stra\u00dfennamen, hier drinnen sehr wohl. Es sind zwei getrennte Welten&#8221;, bemerkt Ludat. &#8220;Genau deswegen bin ich hier: Um solche unsichtbaren, aber sp\u00fcrbaren Grenzen in der Stadt zu erf\u00fchlen.&#8221; Angesichts der &#8220;\u00dcberlebenskunst&#8221; der Villa-Bewohner bewundert er: &#8220;Bei allen Problemen gibt es hier jede Menge \u00c4sthetik und starke Sch\u00f6nheit. Mit einem Schandfleck hat das jedenfalls nichts zu tun.&#8221;<!--more--><\/p>\n<p>Sich-Verlieren, Langsamkeit und K\u00f6rperlichkeit sind die drei Prinzipien, denen Ludat in seinen urbanen Explorationsg\u00e4ngen folgt. Konkret bedeutet das auch: Blasen an den F\u00fc\u00dfen. Der K\u00fcnstler wei\u00df jedoch, dass es sich lohnt, sich der Logik der St\u00e4dte und Metropolen zu widersetzen: 2008 und 2009 f\u00fchrte er ein \u00e4hnliches Projekt schon in Tiflis, Georgien, durch. Er kam an Orte, traf Menschen, die f\u00fcr die Alltags- und Autostr\u00f6me der Stadt unsichtbar sind. Etwa eine bizarre informelle Siedlung abchasischer Fl\u00fcchtlinge, die sich in drei zwanzigst\u00f6ckigen Hochhausskeletten au\u00dferhalb der Stadt notd\u00fcrftig eingerichtet haben. Eine Art Delegation wurde ihm, dem suspekten Fremden, entgegengesandt, bevor er mit gro\u00dfer Gastfreundlichkeit empfangen wurde.<\/p>\n<p>Mit einem traditionellen b\u00fcrgerlichen Kunstbegriff hat seine Arbeit in Tiflis, Saarbr\u00fccken oder Buenos Aires nicht viel gemein, gibt der ausgebildete Diplom-Musiker, der sich sp\u00e4ter auch der Performancekunst zuwandte, gerne zu: &#8220;Im Grunde l\u00e4sst sich gar nicht darstellen, was ich hier tue.&#8221; Dennoch: Am Ende der Entdeckungsphase will er drei besondere Orte gefunden haben, die f\u00fcr seinen Blick auf die Stadt stehen und will diese Orte mit je einem Foto und einer halbst\u00fcndigen Audiospur einfangen. Vielleicht wird es ja der Spielplatz in der Villa 31, kurz hinter dem Siedlungseingang fast unter die Schnellstra\u00dfe geduckt, um die Mittagszeit voller Kinderl\u00e4rm und Elterntratsch.<\/p>\n<p>Ludat arbeitet an seinem Projekt im Rahmen einer K\u00fcnstlerresidenz. Als erster Deutscher hat er eine solche Einladung von der unabh\u00e4ngigen und nichtkommerziellen Kunststiftung &#8216;ace aus Buenos Aires bekommen. Das Residenz-Programm hat die K\u00fcnstlerin und Kuratorin Alicia Candiani 2005 aus der Taufe gehoben, seitdem machten schon 40 K\u00fcnstler von Tasmanien bis Alaska in der rundum renovierten Casona im Stadtteil Colegiales Halt. Auf die Idee kam Candiani durch ihre eigenen Erfahrungen in K\u00fcnstlerresidenzen in China, den USA, Kanada, Europa und Lateinamerika &#8211; und profitiert noch heute von ihrer &#8220;Doppelexistenz&#8221; als K\u00fcnstlerin und Stiftungsdirektorin: &#8220;Man nimmt \u00fcberall einige Ideen mit, \u00e4ndert im eigenen Projekt hier und dort etwas&#8221;, erkl\u00e4rt sie, w\u00e4hrend sie in der K\u00fcche im ersten Stock Kaffee anbietet. Ulrich Ludat stimmt ihr zu: &#8220;Alicia wei\u00df aus eigener Erfahrung genau, was die K\u00fcnstler brauchen.&#8221; Neben der K\u00fcche &#8211; f\u00fcr das gemeinsame Mittagessen von gro\u00dfer Bedeutung &#8211; ist die Stadtvilla unter anderem mit einer Werkstatt inklusive Druckerei, einem Fotostudio, einem Ausstellungsraum und einer kleinen Kunstbibliothek ausgestattet.<\/p>\n<p>&#8220;Uns ist wichtig, dass die K\u00fcnstler in Kontakt mit der Stadt kommen&#8221;, f\u00e4hrt die Direktorin fort. Deshalb w\u00fcrden die eingeladenen K\u00fcnstler mitten im Zentrum wohnen, einige Kilometer vom Stiftungsgeb\u00e4ude entfernt. Diese Philosophie ist ganz im Sinne des Saarbr\u00fcckers, der in Retiro eine Zwei-Zimmer-Wohnung zur Verf\u00fcgung gestellt bekam: &#8220;Ich bin froh, dass sie mich in eine eigene Wohnung gesteckt haben. In dem Haus genie\u00dfe ich eine ganz normale Wohnsituation, man bekommt da alles von den Nachbarn mit. Ich bin mitten im s\u00fcdl\u00e4ndischen Leben,&#8221;<\/p>\n<p>Grenzen finden, Grenzen in Frage stellen. Zur Kapelle am anderen Ende der Villa 31 fanden wir im \u00dcbrigen dank der durchweg freundlichen Barrio-Bewohner. Im angrenzenden Anwesen, einem Hort f\u00fcr Kinder drogenabh\u00e4ngiger Eltern, wurden wir spontan zum Pizzaessen eingeladen. Eine dort ehrenamtlich arbeitende Helferin erz\u00e4hlte, mit ihrem Blackberry-Handy in der Hand, sie durchquere seit Jahren die Villa, ohne dass ihr je etwas zugesto\u00dfen sei.<\/p>\n<p>Wer wissen will, welche drei Orte Ulrich Ludat letztlich ausgew\u00e4hlt hat, kann die Pr\u00e4sentation seiner Fotos und Audioaufnahmen mit K\u00fcnstlergespr\u00e4ch besuchen. Am Donnerstag, dem 1. M\u00e4rz, ab 17 Uhr in der Conesa 667, Colegiales. Um vorige Anmeldung (info@proyectoace.org) wird gebeten.<\/p>\n<p>(Foto: Adriana Moracci)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Ludat, ein Saarbr\u00fccker K\u00fcnstler, weilt zur K\u00fcnstlerresidenz in Buenos Aires Von Sebastian Loschert Seit Mitte Januar streift der in Saarbr\u00fccken lebende K\u00fcnstler Ulrich Ludat durch Buenos Aires. M\u00f6glich, dass der ein oder andere Leser schon auf ihn aufmerksam geworden ist. 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