{"id":10572,"date":"2012-02-25T14:21:53","date_gmt":"2012-02-25T17:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10572"},"modified":"2012-02-25T14:23:53","modified_gmt":"2012-02-25T17:23:53","slug":"versuch-uber-die-deutsche-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/02\/25\/versuch-uber-die-deutsche-vergangenheit\/","title":{"rendered":"Versuch \u00fcber die deutsche Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Kompanie &#8220;La rosa blanca&#8221; inszeniert ein St\u00fcck \u00fcber Hitlers Sekret\u00e4rin<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Bajo_once_metros.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Bajo_once_metros.jpg\" alt=\"\" title=\"Bajo_once_metros\" width=\"250\" height=\"188\" class=\"alignright size-full wp-image-10585\" \/><\/a>Letztens, im Bus, eine Frau und ein Mann im Gespr\u00e4ch \u00fcber einen Zeitungsartikel \u00fcber Ex-Diktator Jorge Rafael Videla: Er: &#8220;Videla ist der argentinische Hitler, sage ich!&#8221; Sie: &#8220;Schlimmer! Hitler hatte es ja nur mit einer Rasse (sic!), aber Videla&#8230;&#8221; Auf solche sehr eigenen Sichtweisen des Nationalsozialismus st\u00f6\u00dft man nicht selten in Argentinien. F\u00fcr jemanden, der in Deutschland aufgewachsen und dem die j\u00fcngere deutsche Geschichte einigerma\u00dfen pr\u00e4sent ist, wirkt das mehr als befremdlich. Die Ank\u00fcndigung eines argentinischen Theaterst\u00fccks \u00fcber Traudl Junge, ehemalige Sekret\u00e4rin Hitlers, ruft dementsprechend Skepsis hervor. Umso mehr, als sich die Kompanie &#8220;La rosa blanca&#8221; den Dokumentarfilm &#8220;Im toten Winkel&#8221; von Andr\u00e9 Heller und Othmar Schmiderer als Arbeitsgrundlage genommen hat, einen Film, der ausschlie\u00dflich aus Interviews mit Traudl Junge besteht, aber gerade deswegen ungeheuer eindringlich ist. Wie kann das auf B\u00fchnenma\u00df \u00fcbertragen werden, fragt man sich, und erwartet nichts Gutes. Leider nicht ganz zu Unrecht.<\/p>\n<p>Eigentlich hatte sie T\u00e4nzerin werden wollen, sagt Traudl Junge im Film. Das nimmt Regisseurin Claudia Carbonell als Anlass, um &#8220;Bajo once metros de cemento&#8221; mit zwei tanzenden Frauen (Georgina Rey und Matilde Campilongo) beginnen zu lassen, in Rot gekleidet, vor schwarzem Hintergrund auf schwach beleuchteter B\u00fchne. Das Tanzelement, das abgesehen von dem Hinweis auf Junges Backfischwunsch keine weitere sinnstiftende Funktion erkennen l\u00e4sst, ist einer der roten F\u00e4den des St\u00fcckes. Ein zweiter, wichtigerer, ist Sophie Scholl. Im Interview erz\u00e4hlt Junge, erst als sie eines Tages an einer Gedenktafel f\u00fcr das Mitglied der &#8220;Wei\u00dfen Rose&#8221; vorbeigegangen sei und festgestellt habe, dass sie im selben Jahr in Hitlers Dienste trat, in dem Sophie Scholl hingerichtet wurde &#8211; beide 22 Jahre alt zu dieser Zeit -, habe sie angefangen, sich nach ihrer pers\u00f6nlichen Schuld zu fragen.<!--more--><\/p>\n<p>Scholl taucht immer wieder auf im St\u00fcck, als schlechtes Gewissen Junges, als Gespenst oder als imaginierte Spielkameradin. Vor allem aber als Hinweis auf die Entscheidungsfreiheit eines jeden, als lebendiges Ausrufungszeichen: &#8220;Du hattest die Wahl!&#8221;, ohne dass das explizit gesagt werden m\u00fcsste. Die Gegen\u00fcberstellung von Junge und Scholl ist eine der besten Ideen der Inszenierung.<\/p>\n<p>Die Idee dagegen, eine Bemerkung Junges \u00fcber Hitlers gespaltenes Verh\u00e4ltnis zur Erotik in eine ausladende Szene voller nackter Haut und Rotlicht zu \u00fcbersetzen und zu allem \u00dcberfluss einen makaber clownesken Hitler auftreten zu lassen, ist weniger gut. Genau wie der Einfall, den Kampf um das eigene Gewissen, das Zur\u00fcckschrecken vor der eigenen Schuld mittels eines heulenden Kindes zu verdeutlichen, das die Wirklichkeit nicht wahrhaben will &#8211; auch das ist gr\u00fcndlich misslungen. Nichts hat dieses Bild mit der tats\u00e4chlichen Traudl Junge zu tun, die durchaus reflektiert und sachlich zu sprechen vermag. Da hilft auch kein Hinweis auf die k\u00fcnstlerische Freiheit.<\/p>\n<p>Als Einf\u00fchrung in eine argentinische Perspektive auf die deutsche Vergangenheit ist das St\u00fcck aufschlussreich. Ansonsten ist der Dokumentarfilm von Heller und Schmiderer sehr zu empfehlen.<\/p>\n<p><em>Sonntags 19.30 Uhr, &#8220;El Tinglado Teatro&#8221;, Mario Bravo 948. Eintritt 60 Pesos.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kompanie &#8220;La rosa blanca&#8221; inszeniert ein St\u00fcck \u00fcber Hitlers Sekret\u00e4rin Von Mirka Borchardt Letztens, im Bus, eine Frau und ein Mann im Gespr\u00e4ch \u00fcber einen Zeitungsartikel \u00fcber Ex-Diktator Jorge Rafael Videla: Er: &#8220;Videla ist der argentinische Hitler, sage ich!&#8221; Sie: &#8220;Schlimmer! 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