{"id":10632,"date":"2012-03-09T21:24:36","date_gmt":"2012-03-10T00:24:36","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10632"},"modified":"2012-03-09T21:24:36","modified_gmt":"2012-03-10T00:24:36","slug":"gemeinsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/03\/09\/gemeinsinn\/","title":{"rendered":"Gemeinsinn"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8230;und wo er leider fehlt<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/zumwohlealler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/zumwohlealler.jpg\" alt=\"\" title=\"zumwohlealler\" width=\"250\" height=\"200\" class=\"alignright size-full wp-image-10641\" \/><\/a>Er ist uns nicht in die Wiege gelegt. Zwar besitzen wir einige Anlagen daf\u00fcr: wie viele andere Lebewesen betreiben wir Brutpflege, lieben also unseren Nachwuchs, in Grenzen auch unsere Eltern und anderen Verwandten, die einige unserer Gene tragen. Dar\u00fcber hinaus hat uns als Gro\u00dfhirner die Evolution bef\u00e4higt, Freunde sowie f\u00fcr gemeinsame Vorhaben Verb\u00fcndete zu gewinnen, Genossen, Partner, Komplizen.<\/p>\n<p>Das alles ist aber erweiterter Egoismus und hat mit Gemeinsinn wenig zu tun.<\/p>\n<p>Gemeinsinn ist die Erweiterung der Verantwortlichkeit \u00fcber den Kreis der Verwandten, Freunde und gerade n\u00fctzlichen Mitstreiter hinaus. Er ist nicht angeboren. Er muss erdacht, erlernt, erlebt werden. Bestenfalls ist er Ergebnis generationenlanger \u00dcbung, der Tradition. Schlimmstenfalls wird er von autorit\u00e4ren F\u00fchrern k\u00fcnstlich erzeugt. Nicht von ungef\u00e4hr pflegen diese ihre Untergebenen mit &#8220;Br\u00fcder und Schwestern&#8221; oder gar &#8220;meine Kinder&#8221;  anzusprechen und lassen sich von ihnen gern als &#8220;Vater&#8221; oder &#8220;Mutter&#8221; der Organisation, Bewegung, Nation titulieren.<\/p>\n<p>In kleinteilig besiedelten Regionen hat sich Gemeinsinn auf nat\u00fcrliche und nahezu unvermeidliche Weise herausgebildet. Wer mit anderen 20 oder 30 Familien in einem abgelegenen Dorf wohnte, wom\u00f6glich noch unter harschen klimatischen Verh\u00e4ltnissen, der kam nicht darum herum, bei all seinen Entscheidungen das Interesse der Nachbarn zu ber\u00fccksichtigen, auch derjenigen, die er nicht als Freunde empfand. Er konnte seinen bissigen Hund nicht frei herumlaufen lassen noch seinen Unrat auf der Stra\u00dfe entsorgen. Er musste bereit sein, von seinen gerade \u00fcppigen Vorr\u00e4ten an Andere abzugeben, die der Hagel betroffen oder der Wolf besucht hatte. Und wenn er dies nicht freiwillig tat, d\u00fcrfte der Schulze oder der \u00c4ltestenrat ihn dazu gen\u00f6tigt haben. Und sp\u00e4testens, nachdem er selbst dank des Gemeinsinns seiner Nachbarn aus einer Notlage befreit worden war, wird er \u00fcberzeugt gewesen sein und auch seinen Kindern beigebracht haben, dass Gemeinsinn eine gute und notwendige Sache ist. So entstand eine Tradition. Die Tradition des Gemeinsinns war der Keimling der Demokratie.<!--more--><\/p>\n<p>Nicht \u00fcberall konnte Gemeinsinn wie im Dorf sich entwickeln oder \u00fcberleben. An Orten, wo sehr viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, an den fruchtbaren Deltas gro\u00dfer Fl\u00fcsse etwa, wo nach Erfindung des Ackerbaus die St\u00e4dte der ersten Hochkulturen entstanden waren, kannte man sich nicht mehr pers\u00f6nlich. &#8220;Wieso eigentlich&#8221;, sagte sich der B\u00e4cker vom Berghang, und er sagte es seinen Kindern, &#8220;soll ich f\u00fcr Leute Opfer bringen, denen weit dort unten am Fluss das Krokodil die Netze zerfetzt hat? Schlie\u00dflich haben die mir nie einen Fisch geschenkt.&#8221;<\/p>\n<p>Die weitgehend nat\u00fcrliche Ordnung, welche der Gemeinsinn im Dorf herstellt, muss in der arbeitsteiligen Massengesellschaft k\u00fcnstlich erzeugt werden: Eine mehr oder weniger wohlwollende Autorit\u00e4t erl\u00e4sst mehr oder weniger gerechte Gesetze, welche von der Gemeinschaft mehr oder weniger willig entgegengenommen und befolgt werden. Je gr\u00f6\u00dfer der in einer solchen Gemeinschaft (noch) herrschende Gemeinsinn ist, desto mehr Aussicht haben gute Gesetze, befolgt, und weniger gute, abgewiesen zu werden. Ist der Gemeinsinn jedoch schwach oder verloren, sind Gesetze nur durch drakonische Strafen durchsetzbar und deren schlechte beginnen unverz\u00fcglich, die guten zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>In ehemaligen spanischen Kolonien ist Gemeinsinn Mangelware. Der dort in manchen Kulturv\u00f6lkern urspr\u00fcnglich gewiss existierende wurde von den Eroberern mit den Kulturen zerst\u00f6rt. Familien aus spanischen Soldaten oder Strafgefangenen und Indianerweibern konnten keine zivilisatorischen Traditionen begr\u00fcnden, schon gar nicht, wenn sie unter der Fuchtel eines Gro\u00dfgrundbesitzers auf einer Plantage oder einem einsamen Geh\u00f6ft hausten. D\u00f6rfer, wo man sich aneinander gew\u00f6hnen und sich gegenseitig erziehen h\u00e4tte k\u00f6nnen, gab es nicht. Und das Leben in den St\u00e4dten war von Beginn an durch am gr\u00fcnen Tisch in Sevilla erdachte, h\u00e4ufig absolut unrealistische Regeln bestimmt, auf welche die lokalen Nachbarschaften \u00fcberhaupt keinen Einfluss hatten.<\/p>\n<p>Nach der &#8220;Befreiung&#8221; der Kolonien wurde der imperiale Autoritarismus von den Caudillos \u00fcbernommen, welche ihn sp\u00e4ter den mehr oder weniger frei gew\u00e4hlten Regierungen vererbten. Gemeinsinn kommt von unten. Wie bereits ausgef\u00fchrt, vertr\u00e4gt er sich schlecht mit Autoritarismus. Und er kommt von innen. Insofern konnte sich die Hoffnung einiger fr\u00fcher Patrioten nicht erf\u00fcllen, Gemeinsinn m\u00f6ge sich \u2013 wie manch andere Tugenden \u2013 dank forcierter europ\u00e4ischer Einwanderung ergeben. Einwanderer pflegen ihre guten Traditionen \u2013 falls sie solche \u00fcberhaupt besitzen \u2013 sehr schnell zu verlieren, wenn sie feststellen, dass diese in der neuen Heimat un\u00fcblich sind und dem eigenen Wohl abtr\u00e4glich sein k\u00f6nnen. Solche Traditionen haben sich nur in sehr wenigen Orten erhalten, welche von homogenen Einwanderergruppen gegr\u00fcndet wurden und relativ abgeschieden blieben. Ohne gemeinsame Entscheidungsfindung kann Gemeinsinn nicht existieren.<\/p>\n<p>Die Abwesenheit von Gemeinsinn bedeutet Unordnung und st\u00e4ndigen Streit. Sie f\u00f6rdert den Korporativismus. Wenn der B\u00fcrger sich in der gro\u00dfen allgemeinen Gesellschaft nicht vertreten und ber\u00fccksichtigt f\u00fchlt, sucht er Unterschlupf in einer kleinen, besonderen. Bestenfalls ist das sein Kirchsprengel, seine Firma, seine Gewerkschaft oder sein Verein und schlimmstenfalls eine Sekte oder Bande. Diese kleinen Gesellschaften m\u00fcssen sich, um ihre Identit\u00e4t zu wahren, st\u00e4ndig von anderen abgrenzen und jene bek\u00e4mpfen. Unter solchen Umst\u00e4nden kann ein geordneter Staat nicht existieren.<\/p>\n<p>Ein Schulbeispiel f\u00fcr falsch verstandenen Gemeinsinn ist die Mafia. Wenn in einer Nation Gemeinsinn fehlt, k\u00f6nnen sich politische Parteien und staatliche Institutionen in mafia\u00e4hnliche Organisationen verwandeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;und wo er leider fehlt Von Friedbert W. B\u00f6hm Er ist uns nicht in die Wiege gelegt. Zwar besitzen wir einige Anlagen daf\u00fcr: wie viele andere Lebewesen betreiben wir Brutpflege, lieben also unseren Nachwuchs, in Grenzen auch unsere Eltern und anderen Verwandten, die einige unserer Gene tragen. 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