{"id":10643,"date":"2012-02-22T14:28:18","date_gmt":"2012-02-22T17:28:18","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10643"},"modified":"2012-03-03T14:28:32","modified_gmt":"2012-03-03T17:28:32","slug":"die-starre-vor-der-auflosung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/02\/22\/die-starre-vor-der-auflosung\/","title":{"rendered":"Die Starre vor der Aufl\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die zwischen 1977 und 1990 entstandenen Aufnahmen der ostdeutschen Fotografin Gundula Schulze Eldowy zeigen die DDR als Land der verh\u00e4rteten Emotionen<\/p>\n<p><em>Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula1.jpg\" alt=\"\" title=\"gundula1\" width=\"500\" height=\"351\" class=\"aligncenter size-full wp-image-10645\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula1.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula1-300x210.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nManchmal geh\u00f6rt viel Mut dazu, unbekannte T\u00fcren aufzusto\u00dfen und sich auf die Menschen dahinter einzulassen. Die 1954 in Erfurt geborene ostdeutsche Fotografin Gundula Schulze Eldowy hat diesen Mut immer wieder aufgebracht. 13 Jahre lang, zwischen 1972 und 1985, lebte sie in der historischen Mitte Berlins im Schatten der Volksb\u00fchne und streifte mit ihrer Kamera durch das angrenzende Scheunenviertel. Dort, wo sich nach der Wende Caf\u00e9s, Bars, Restaurants, Galerien, Hotels und Boutiquen angesiedelt haben, da wo heute Bautr\u00e4ger und Makler die Immobilienpreise ins Astronomische treiben, befand sich damals das Berlin der kleinen Leute.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula2.jpg\" alt=\"\" title=\"gundula2\" width=\"250\" height=\"367\" class=\"alignright size-full wp-image-10646\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula2.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula2-204x300.jpg 204w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Schulze Eldowy lie\u00df sich ein: auf die ausgezehrten Kohlentr\u00e4ger, die 80-j\u00e4hrige, nahezu blinde Postbotin und all die verbitterten alten Leute in den Eckkneipen, die manchmal f\u00fcr sie noch eine Spur vom Glamour und der Verruchtheit der 1920er Jahre im Blick hatten. Sie lie\u00df sich ein auf eine immer noch von den Zerst\u00f6rungen des Zweiten Weltkriegs gezeichnete, langsam aber sicher vor sich hinbr\u00f6ckelnde Welt, in der es kaum Lichtblicke zu entdecken gab. Die suchte sie aber offenbar auch gar nicht.<\/p>\n<p>Der schonungslos existenzielle, alle Tabus der offiziellen DDR-Staatsfotografie brechende Realismus ihrer Aufnahmen aus dem Schwarz-Wei\u00df-Zyklus &#8220;Berlin in einer Hundenacht&#8221; zeigt eine Welt, in der es wenig Trost gibt. In der Ausstellung &#8220;Gundula Schulze Eldowy &#8211; Die fr\u00fchen Jahre. Fotografien 1977-1990&#8221; pr\u00e4sentiert die Fotografie-Institution C\/O Berlin jetzt im Postfuhramt eine Retrospektive mit rund 120 Aufnahmen aus drei umfangreichen Zyklen der an der Leipziger Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst ausgebildeten Fotografin.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula3.jpg\" alt=\"\" title=\"gundula3\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignleft size-full wp-image-10649\" \/><\/a>Zusammen mit K\u00fcnstlerfreunden besuchte Schulze Eldowy regelm\u00e4\u00dfig triste Ost-Berliner Eckkneipen, in denen der &#8220;Zigarettenqualm zum Schneiden dick in der Luft hing&#8221;. Sie lernte Menschen kennen wie Margarete, die gestrauchelte, aber sangesfreudige Schwester der Leinwandlegende Marlene Dietrich, begleitete sie nach Hause und fotografierte sie. Schulze Eldowy erwarb mit ihrer offenen, niemals sensationsl\u00fcsternen Art das Vertrauen dieser Menschen. Sie \u00f6ffneten der jungen Frau ihre Wohnungst\u00fcren und erz\u00e4hlten ihre Lebensgeschichten. Gleichzeitig entstanden damals Serien mit Aktaufnahmen, Menschen am Arbeitsplatz oder unfreiwillig komisch wirkende Stra\u00dfenszenen am Rande von Milit\u00e4rparaden oder anderen Selbstvergewisserungsritualen der offiziellen DDR.<\/p>\n<p>Besonders bewegend ist Schulze Eldowys Schwarz-Wei\u00df-Zyklus &#8220;Tamerlan&#8221;. Die Fotografin lernte die damals 66-j\u00e4hrige, stark verwahrloste Frau 1979 auf einer Parkbank kennen. Ihre verblassende Sch\u00f6nheit faszinierte sie. Es entspann sich ein intensiver Kontakt, der bis 1993 dauerte und Schulze Eldowy zur Augenzeugin von Einsamkeit, Amputationen, menschlicher Verbitterung und Agonie werden lie\u00df. Schulze Eldowy heute: &#8220;Ich schaute ihr beim Leben zu&#8230; Was mich antrieb, war Neugierde. Es war auch Sch\u00f6nheitssinn, der mich das Entsetzen lehrte.&#8221; Der Zyklus zeigt, flankiert von den Briefen der alten Dame an Schulze Eldowy, in kaum zu ertragendem Realismus den finalen Weg einer einst stolzen und bl\u00fchenden Frau durch das von Lieblosigkeit, H\u00e4rte und Entbehrungen gepr\u00e4gte Altenpflegesystem der DDR.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/gundula4.jpg\" alt=\"\" title=\"gundula4\" width=\"250\" height=\"174\" class=\"alignright size-full wp-image-10653\" \/><\/a>Den Abschluss dieser ebenso harten wie beeindruckenden Ausstellung bildet der Farb-Zyklus &#8220;Der gro\u00dfe und der kleine Schritt&#8221;, eine gnadenlos realistische, fotografische Exkursion durch die Krei\u00dfs\u00e4le, Intensivstationen, psychiatrischen Anstalten, Schlachth\u00f6fe und Fabriken von Berlin, Leipzig und Dresden. Diese Fotografin, deren Name l\u00e4ngst in einem Atemzug mit Robert Frank, Diane Arbus oder Nan Goldin genannt wird, schont den Betrachter nicht. Den gro\u00dfen Auftritt, den man ihr zur Zeit in Berlin bereitet, hat sie gerade deshalb zweifellos verdient.<\/p>\n<ul>\n<li>Ausstellung: Gundula Schulze Eldowy. Die fr\u00fchen Jahre. Fotografien 1977-1990<\/li>\n<li>Ort: <a href=\"http:\/\/www.co-berlin.info\/\">C\/O Berlin<\/a> im Postfuhramt<\/li>\n<li>Zeit: bis 26. Februar 2012<\/li>\n<li>T\u00e4glich 11-20 Uhr<\/li>\n<li>Kataloge: Berlin in einer Hundenacht, Lehmstedt Verlag, 248 S., 160 Abb., 29,90 Euro \/ Der gro\u00dfe und der kleine Schritt, 144 S., 81 Abb., 29,90 Euro<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.berlin-ineinerhundenacht.de\/\">Internet<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zwischen 1977 und 1990 entstandenen Aufnahmen der ostdeutschen Fotografin Gundula Schulze Eldowy zeigen die DDR als Land der verh\u00e4rteten Emotionen Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas Manchmal geh\u00f6rt viel Mut dazu, unbekannte T\u00fcren aufzusto\u00dfen und sich auf die Menschen dahinter einzulassen. 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