{"id":10819,"date":"2012-03-08T09:38:43","date_gmt":"2012-03-08T12:38:43","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10819"},"modified":"2012-03-12T17:52:17","modified_gmt":"2012-03-12T20:52:17","slug":"heinrich-gronewald-ein-leben-im-exil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/03\/08\/heinrich-gronewald-ein-leben-im-exil\/","title":{"rendered":"Heinrich Gr\u00f6newald: Ein Leben im Exil"},"content":{"rendered":"<p><strong>Michael Wettern setzt dem P\u00e4dagogen, Journalisten und \u00fcberzeugten Antifaschisten ein Denkmal<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/groenewald11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/groenewald11.jpg\" alt=\"\" title=\"groenewald11\" width=\"250\" height=\"349\" class=\"alignright size-full wp-image-10821\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/groenewald11.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/groenewald11-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Als Kritiker der nationalsozialistischen Bewegung musste er schon fr\u00fch aus Deutschland fliehen, zusammen mit Albert Einstein und Johannes R. Becher stand er auf der ersten Ausb\u00fcrgerungsliste des &#8220;Dritten Reiches&#8221;. Aus dem h\u00e4ufig entbehrungsreichen Exil engagierte er sich unbeirrt gegen die Diktatur in seiner Heimat und fungierte als zentrale Figur in der Opposition gegen den starken Nazi-Einfluss in der deutschen Gemeinschaft Argentiniens. Dennoch ist sein Name so unbekannt, dass selbst die allwissende Suchmaschine Google kaum Informationen \u00fcber ihn findet. Die Rede ist von Heinrich Gr\u00f6newald, Lehrer, Journalist, \u00fcberzeugter Demokrat, Antifaschist und begnadeter P\u00e4dagoge.<\/p>\n<p>Ausgerechnet einem Biologen ist es zu verdanken, dass diesem Kenntnismangel nun abgeholfen wird. Knapp zwanzig Jahre lang ist Michael Wettern, Pflanzenbiologe und Datenschutzbeauftragter der TH Braunschweig, den Spuren nationalsozialistischer Opfer an der damaligen Hochschule nachgegangen. Bei den Arbeiten zur Brosch\u00fcre des 75-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Botanischen Instituts wurde er erstmals aufmerksam auf die zahlreichen Professoren, Mitarbeiter, Studenten und Angestellten der TH Braunschweig, die w\u00e4hrend der NS-Zeit aus politischen oder rassistischen Gr\u00fcnden entlassen worden waren. Aus pers\u00f6nlichem Interesse machte er sich daran, in seiner Freizeit Archive zu durchforsten, Zeitzeugen zu suchen und Biographien zu rekonstruieren. 2010 erschien in Zusammenarbeit mit Daniel We\u00dfelh\u00f6ft das Ergebnis: &#8220;Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Technischen Hochschule Braunschweig 1930-1945&#8221;.<\/p>\n<p>In der Studie sind mehr als f\u00fcnfzig Biographien von Mitarbeitern aufgef\u00fchrt, die der nationalsozialistischen S\u00e4uberung der Hochschule zum Opfer fielen. Eine davon ist die Heinrich Gr\u00f6newalds, dessen Schicksal Wettern so bemerkenswert fand, dass er weitere Untersuchungen anstrengte und nach Zeitzeugen fahndete.<!--more--><\/p>\n<p>\u00dcber das Argentinische Tageblatt machte er schlie\u00dflich Leonor Rothmann aus, die einzige Tochter Gr\u00f6newalds, dank deren Hilfe vor kurzem das beachtliche Ergebnis der jahrelangen Arbeit ver\u00f6ffentlicht werden konnte: &#8220;Heinrich Gr\u00f6newald. Student und Doktorand der Technischen Hochschule in Braunschweig. Ein Leben f\u00fcr die P\u00e4dagogik in Braunschweig, Paris und Buenos Aires&#8221;.<\/p>\n<p>Welchen Aufwand Wettern dabei betrieben hat, kann man in dem akribisch recherchierten und mit Detailtreue geschriebenen Werk nachlesen. Aus einer F\u00fclle von Mosaikst\u00fccken hat Wettern ein eindrucksvolles Gesamtbild dieses unkorrumpierbaren Mannes geschaffen, das nicht nur dessen pers\u00f6nliches Schicksal, sondern auch den historischen Hintergrund abbildet. So erf\u00e4hrt man beispielsweise vom Braunschweig der fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahre, das schon vor der &#8220;Machtergreifung&#8221; tiefbraun gef\u00e4rbt war. In diesem Milieu, unter widrigsten Bedingungen, engagiert sich Gr\u00f6newald unbeirrt in der &#8220;Sozialistischen Studentengruppe&#8221; und in der Lehrergewerkschaft. Auch dass er auf Betreiben des Ministeriums f\u00fcr Volksbildung &#8211; schon seit 1930 in H\u00e4nden der Nazis &#8211; nicht in den Schuldienst \u00fcbernommen wird, h\u00e4lt ihn nicht ab.<\/p>\n<p>In zahlreichen Zeitungsartikeln berichtet er \u00fcber die Nazi-Umtriebe, was ihm schlie\u00dflich zum Verh\u00e4ngnis wird: 1932 wird er von bewaffneten SA-Schl\u00e4gern \u00fcberfallen und entkommt nur knapp. An diesem Punkt sieht er keine andere M\u00f6glichkeit, als ins Exil zu gehen. Mit seinen 23 Jahren flieht er zun\u00e4chst nach Paris, wo er eine Organisation zur Unterst\u00fctzung exilierter Lehrer mit aufbaut, dann nach Buenos Aires, wohin ihn der V\u00f6lkerbund vermittelt, als Lehrer der sich der nationalsozialistischen Gleichschaltung widersetzenden Pestalozzi-Schule. Zuvor war ihm die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft aberkannt worden, weil er &#8220;gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk&#8221; versto\u00dfen und damit &#8220;die deutschen Belange gesch\u00e4digt&#8221; habe. Fortan ist er staatenlos, und es wird Jahrzehnte dauern, bis er die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft wieder zur\u00fcck erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Kaum in Buenos Aires angekommen, beteiligt er sich am Aufbau der antifaschistischen Hilfsorganisation &#8220;Das Andere Deutschland&#8221; und engagiert sich in der &#8220;Auslandsgruppe Deutscher Gewerkschaften&#8221;. Er wird &#8211; neben seiner Arbeit als Lehrer &#8211; Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen und Nachrichtenagenturen, darunter das &#8220;Argentinische Tageblatt&#8221;, der &#8220;Vorw\u00e4rts&#8221; und die amerikanische Nachrichtenagentur UPI.<\/p>\n<p>1943 ist er einer der Hauptinitiatoren des Kongresses deutscher Antifaschisten in Montevideo, nach dem Krieg organisiert er die Lebensmittelpaketsendungen ins Hunger leidende Deutschland. H\u00e4ufig hat er kaum das Geld, seine Miete zu bezahlen, und dennoch findet er immer die Zeit und die M\u00f6glichkeiten, diese ehrenamtlichen Aufgaben auszuf\u00fcllen. Seine Sch\u00fcler beschreiben ihn im R\u00fcckblick als einen &#8220;ausgezeichneten Lehrer mit viel Feingef\u00fchl und gro\u00dfer Menschenkenntnis, der immer Verst\u00e4ndnis f\u00fcr jedes Problem hatte&#8221;.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg bem\u00fcht sich Gr\u00f6newald um seine Wiedereinb\u00fcrgerung, und um Wiedergutmachung, doch statt dass sein Kampf im Exil anerkannt wird, macht man ihm die Emigration zum Vorwurf. Welche entbehrungsreiche Zeit die unfreiwillige Flucht aus der Heimat f\u00fcr ihn bedeutete, dass er auch in Argentinien den Attacken von Nazi-Schl\u00e4gern ausgesetzt war, das will niemand wissen.<\/p>\n<p>Gr\u00f6newald hofft, in den nieders\u00e4chsischen Schuldienst aufgenommen und f\u00fcr den Auslandsschuldienst freigestellt zu werden, um als Leiter der Norte-Schule weiterhin mit Frau und Tochter in Buenos Aires leben zu k\u00f6nnen. Deutschland, in das er immer zur\u00fcckzukehren vorhatte, entpuppt sich f\u00fcr ihn als ein Land, in dem die Funktion\u00e4re des NS-Staates noch immer Einfluss aus\u00fcben, ein Land unter einem bleiernen Schleier des Verdr\u00e4ngens; hier will er nicht leben. Erst nach jahrelangen b\u00fcrokratischen Anstrengungen und einer Intervention des Bundespr\u00e4sidenten Theodor Heuss wird seinem Antrag auf Freistellung f\u00fcr den Auslandsdschuldienst stattgegeben &#8211; zu sp\u00e4t: Zwei Tage zuvor, am 22. Mai 1957, stirbt Heinrich Gr\u00f6newald im Alter von nur 48 Jahren vermutlich an einem Herzinfarkt. Fast zehn Jahre vergehen, bis sein Anspruch auf Wiedergutmachung offiziell anerkannt wird.<\/p>\n<p>Gr\u00f6newalds Schicksal ist genauso einzigartig wie repr\u00e4sentativ. Einzigartig, weil nur wenige den Mut, die Tatkraft und die feste \u00dcberzeugung hatten, die Gr\u00f6newald dazu bef\u00e4higten, seinen Weg so konsequent zu gehen. Repr\u00e4sentativ, weil so viele Menschen, die den Weg des Exils gew\u00e4hlt haben, um von dort aus f\u00fcr ein &#8220;anderes Deutschland&#8221; zu k\u00e4mpfen, bis heute unbekannt, ihre Verdienste bis heute ohne Anerkennung geblieben sind; weil sie im Kleinen wirkten, ohne Aspirationen auf politische Macht. Repr\u00e4sentativ auch deswegen, weil es noch immer eine gro\u00dfe Anzahl von Opfern gibt, von denen man nichts wei\u00df, weil ihr Schicksal still endete, h\u00e4ufig einsam, weil sie schon der mentalen Vernichtung der &#8220;Reichsfeinde&#8221; anheim fielen, nicht erst der physischen.<\/p>\n<p>Michael Wettern hat ihnen ein Denkmal gesetzt, Heinrich Gr\u00f6newald und diesen anderen, unbekannten, weil sein Buch zeigt, dass die Vergangenheit noch nicht bew\u00e4ltigt ist.<\/p>\n<p>(Michael Wettern: Heinrich Gr\u00f6newald 1909-1957. Student und Doktorand der Technischen Hochschule Braunschweig. Ein Leben f\u00fcr die P\u00e4dagogik in Braunschweig, Paris und Buenos Aires, Hannover 2011, ISBN 9783775288033.)<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nHeinrich Gr\u00f6newald im Paris der 30er Jahre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Wettern setzt dem P\u00e4dagogen, Journalisten und \u00fcberzeugten Antifaschisten ein Denkmal Von Mirka Borchardt Als Kritiker der nationalsozialistischen Bewegung musste er schon fr\u00fch aus Deutschland fliehen, zusammen mit Albert Einstein und Johannes R. Becher stand er auf der ersten Ausb\u00fcrgerungsliste des &#8220;Dritten Reiches&#8221;. 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