{"id":10840,"date":"2012-03-12T18:27:34","date_gmt":"2012-03-12T21:27:34","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10840"},"modified":"2012-03-14T12:34:10","modified_gmt":"2012-03-14T15:34:10","slug":"schulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/03\/12\/schulen\/","title":{"rendered":"Schulen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie Chancengleichheit erreicht werden k\u00f6nnte<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/schule.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/schule.jpg\" alt=\"\" title=\"Colorful Chalk at Chalkboard ca. 2001\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignright size-full wp-image-10854\" \/><\/a>Im St\u00e4dtchen meiner Kindheit gab es eine beinahe vollkommene Grundschule. Eine staatliche nat\u00fcrlich, denn f\u00fcr private h\u00e4tte es nicht ausreichend Nachfrage gegeben. Die Privilegien waren auf Seiten der Armen, denn wenn die Leistungen dieser Schule nachzulassen drohten, sogrten die Wohlhabenden f\u00fcr Besserung. Und h\u00e4tte ein Wohlhabender einmal durch Spenden das Zeugnis seines schwachen Spr\u00f6sslings aufzubessern versucht, es w\u00e4re sofort Stadtgespr\u00e4ch geworden und die Armen h\u00e4tten nicht mehr bei ihm eingekauft.<\/p>\n<p>Ich sagte &#8220;beinahe&#8221; vollkommen. Einen Fehler hatte die Schule n\u00e4mlich, den, f\u00fcr Jungen und M\u00e4dchen getrennt zu sein. Eine fr\u00fche Gemeinschaft zwischen Hosen (welche damals nur die Jungs trugen) und R\u00f6cken war im katholischen Bayern nicht erw\u00fcnscht. Dies erschwerte mir Sechsj\u00e4hrigem (der keine Schwester hatte) das Verst\u00e4ndnis des sechsten Gebots. Worin der grunds\u00e4tzliche Unterschied zwischen den Geschlechtern bestand, war mir sehr lange unklar.<\/p>\n<p>H\u00f6here Schulen gab es auch, Mittel-, Realschule und Gymnasium. Sie waren nat\u00fcrlich wieder nach Geschlechtern getrennt, jetzt mit etwas mehr Berechtigung (und etwas weniger Erfolg). Die &#8220;Englischen Fr\u00e4ulein&#8221; k\u00fcmmerten sich um die M\u00e4dchen und die Maristen um die Jungen. Beide Oberschulen waren privat. Hier war die Nachfrage gegeben, denn die Institutionen hatten Internate angegliedert; sie lebten von den Beitr\u00e4gen und Spenden wohlhabender Eltern ausw\u00e4rtiger Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Ich besuchte die Maristenschule. Die Fratres waren recht ordentliche P\u00e4dagogen, wiewohl der Lehrstoff st\u00e4ndig irgendwie nach Weihrauch roch. Das war das eine Manko. Wer in Religion eine Eins hatte, wohl auch noch in der hauseigenen Kapelle ministrierte, hatte es etwas leichter als ein weniger eifriger Kirchg\u00e4nger, die &#8220;Ungen\u00fcgend&#8221; in Deutsch oder Mathe zu vermeiden.<\/p>\n<p>Und das andere Manko war der nie ausgesprochene, aber st\u00e4ndig in den Sch\u00fclerk\u00f6pfen vagabundierende Verdacht, spendenfreudige Eltern h\u00e4tten erfolgreichere Kinder als die anderen. Zu meiner Zeit wurden die Kapelle fertiggestellt und die Sportanlagen einschlie\u00dflich eines olympischen Schwimmbads angelegt, bestimmt nicht mit dem schmalen Schulgeld, das meine Mutter, eine Kriegerwitwe, erlegte.<\/p>\n<p>Dann zogen wir in eine Nachbarstadt um und ich verbrachte die letzten Schuljahre in einer staatlichen Anstalt. Diese war auch nicht schlechter als die der Maristen. Nat\u00fcrlich gab es auch dort Lehrer mit unterschiedlichen Sympathien f\u00fcr die Sch\u00fcler. Aber man hatte nicht den Eindruck, dass Arm oder Reich dabei eine Rolle gespielt h\u00e4tte.<!--more--><\/p>\n<p>Meine Kinder besuchten private Anstalten vom Kindergarten bis zum Abitur. Der Grund daf\u00fcr war, dass wir in Argentinien lebten und wollten, dass die Kinder auch deutschen Unterricht bek\u00e4men, den es in staatlichen Schulen nicht gab. Doch wurden an der Schule auch sehr zahlreiche Kinder einheimischer Eltern unterrichtet, die auf Deutsch keinen besonderen Wert legten (weshalb die Kinder das dann auch nicht lernten). Diesen Eltern ging es schlicht darum, ihre Kinder in einem ordentlichen Schulbetrieb mit gut ausgebildeten und gef\u00fchrten Lehrern zu wissen.<\/p>\n<p>Das ist 35 Jahre her. Schon damals war das urspr\u00fcnglich beispielhafte \u00f6ffentliche Schulsystem des Landes durch allgemeine Schludrigkeit und Gewerkschaftsinteressen unterminiert. In der Folge schickten immer mehr Eltern, die es sich leisten konnten, ihre Kinder auf Privatschulen. Heute hat der Abg\u00e4nger einer \u00f6ffentlichen Schule recht geringe Aussichten auf einen Arbeitsplatz (es sei denn, er w\u00e4re irgendwie mit der Macht im Staate verbandelt). Wenn mein Eindruck nicht tr\u00fcgt, geht die Entwicklung in nicht wenigen sich f\u00fcr zivilisiert und fortschrittlich haltenden Staaten in die selbe Richtung.<\/p>\n<p>Eine Chancengleichheit f\u00fcr Alle, wie sie in den Verfassungen festgelegt ist und st\u00e4ndig von allen politischen Parteien proklamiert wird, kann unter solchen Umst\u00e4nden nicht be- und noch weniger entstehen.<\/p>\n<p>Man darf sich also wirklich fragen, ob die Obrigkeiten nicht gut daran t\u00e4ten, die Kleinstadt meiner Kindheit zu imitieren. Wenn Privatschulen verboten (und die dort derzeitig gebundenen staatlichen Mittel f\u00fcr Verbesserungen der \u00f6ffentlichen Schulen eingesetzt) w\u00fcrden, w\u00e4re das nicht ein ungeheurer Ansto\u00df f\u00fcr Chancengleichheit? Wer dann unbedingt seinen Kindern zus\u00e4tzliche religi\u00f6se, sprachliche oder weltanschauliche Lehren zukommen lassen m\u00f6chte, k\u00f6nnte dies ja au\u00dferhalb der regul\u00e4ren Schulzeit organisieren. F\u00fcr Kinder von Diplomaten oder sonstigen vor\u00fcbergehend im Ausland ans\u00e4ssigen Familien k\u00f6nnte es straffe Ausnahmeregelungen geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Chancengleichheit erreicht werden k\u00f6nnte Von Friedbert W. B\u00f6hm Im St\u00e4dtchen meiner Kindheit gab es eine beinahe vollkommene Grundschule. Eine staatliche nat\u00fcrlich, denn f\u00fcr private h\u00e4tte es nicht ausreichend Nachfrage gegeben. Die Privilegien waren auf Seiten der Armen, denn wenn die Leistungen dieser Schule nachzulassen drohten, sogrten die Wohlhabenden f\u00fcr Besserung. 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