{"id":10959,"date":"2012-03-23T10:38:08","date_gmt":"2012-03-23T13:38:08","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10959"},"modified":"2012-03-27T16:38:34","modified_gmt":"2012-03-27T19:38:34","slug":"geschichten-aus-dem-koffer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/03\/23\/geschichten-aus-dem-koffer\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aus dem Koffer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gabriel Groszman pr\u00e4sentiert sein neuestes Buch in der Pestalozzi-Schule<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/groszman.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/groszman.jpg\" alt=\"\" title=\"groszman\" width=\"250\" height=\"148\" class=\"alignleft size-full wp-image-10961\" \/><\/a>Das Auditorium der Pestalozzi-Schule im Buenos Aires-Stadtteil Belgrano ist fast voll. Keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit bei diesem Thema &#8211; um eine steile These zu wagen: In Deutschland w\u00e4re der Saal nicht einmal zur H\u00e4lfte besetzt. Doch hier in Argentinien ist das Thema von anderer Brisanz: Die Verfolgung von Juden in Deutschland unter der Nazi-Herrschaft, die Flucht ins Exil, das Schicksal der Daheimgebliebenen, darum soll es heute Abend gehen. Viele der Anwesenden, die der Einladung der Asociaci\u00f3n Filantr\u00f3pica Israelita, der Kulturabteilung der Pestalozzi-Schule und des Goethe-Instituts gefolgt sind, k\u00f6nnten eigene Erinnerungen beisteuern, k\u00f6nnten von der eigenen Erfahrung im argentinischen Exil oder der Verfolgung ihrer Eltern im von den Nazis besetzten Europa berichten.<\/p>\n<p>Entsprechend bewegt ist die Atmosph\u00e4re im Saal, als aus dem Buch gelesen wird. &#8220;Ein Koffer auf dem Dachboden&#8221; erz\u00e4hlt von der Geschichte der j\u00fcdischen Familie Uffenheimer aus Breisach in Baden. Der Fund eines Koffers voller alter Dokumente auf dem Dachboden eines verstorbenen Familienmitglieds in Argentinien war Anlass f\u00fcr Gabriel Groszman, sich in eine detaillierte Recherche zu st\u00fcrzen, kaum dass sein erstes Buch &#8220;Als Junge in Ungarn \u00fcberlebt&#8221; (2009) erschienen war. Ausf\u00fchrlich berichtet der \u00e4ltere Herr vorne auf der B\u00fchne vom Entstehungsprozess des Buches, und man kann nur staunen angesichts der Energie und Geistesgegenwart, die er sich trotz der Schicksalsschl\u00e4ge im eigenen Leben offensichtlich bewahrt hat.<\/p>\n<p>In dem Koffer fand Groszman unter anderem den vollst\u00e4ndigen Briefwechsel Semi Uffenheimers mit seiner Schwester Flora, die zusammen mit den Eltern in Deutschland geblieben war. Regelm\u00e4\u00dfig informierte sie Semi \u00fcber die schrittweise Verschlechterung der Lebenssituation der Familie. Es ist totenstill im Auditorium, als Rudolf Barth, ehemaliger Direktor des Goethe-Instituts Buenos Aires und \u00dcbersetzer des ersten Buchs von Groszman, aus diesen Briefen liest. Flora erz\u00e4hlt darin, wie es den Eltern Tag f\u00fcr Tag schlechter geht im Gefangenenlager in S\u00fcdfrankreich, dass sie kaum zu Essen haben, dass sie jeden Tag ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen. Bis eines Tages keine Briefe mehr kommen. Flora ist nach Auschwitz abtransportiert worden, und sie wird nicht mehr zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Befreiender wirken da die Passagen, die die Verlegerin Graciela Komerovsky vorliest. Auch im Schrecken gab es noch einen Alltag, zeigen diese: Er solle doch endlich heiraten, r\u00e4t Flora ihrem Bruder, und anscheinend nimmt er sich den Auftrag zu Herzen: In einer Kontaktanzeige im Argentinischen Tageblatt sucht ein &#8220;Junggeselle, j\u00fcdisch, mittelgro\u00df, selbst\u00e4ndig&#8221;, die &#8220;Bekanntschaft eines patenten netten M\u00e4dchens bis 32 Jahre, zwecks sp\u00e4terer Heirat&#8221;. Gefruchtet haben sie leider nicht.<\/p>\n<p>Tom\u00e1s Abraham, selbst Kind rum\u00e4nisch-j\u00fcdischer Fl\u00fcchtlinge, Literat und Philosoph, \u00fcbernimmt schlie\u00dflich den theoretischen Part des Abends. \u00dcber die Erfahrung der Exilierten in Argentinien redet er, \u00fcber den Prozess der Identit\u00e4tsbildung und \u00fcber den Begriff &#8220;\u00dcberlebender&#8221;, den er ablehnt. Nicht um diesen Begriff zu verst\u00e4rken, nicht um die Immigranten als Opfer zu stilisieren, m\u00fcssen ihre Geschichten immer wieder erz\u00e4hlt werden, sagt er, sondern um zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Vielleicht k\u00f6nnen Veranstaltungen wie diese dabei helfen.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nDer Autor wei\u00df, wovon er schreibt: Auch er kam als j\u00fcdischer Fl\u00fcchtling nach Argentinien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriel Groszman pr\u00e4sentiert sein neuestes Buch in der Pestalozzi-Schule Von Mirka Borchardt Das Auditorium der Pestalozzi-Schule im Buenos Aires-Stadtteil Belgrano ist fast voll. Keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit bei diesem Thema &#8211; um eine steile These zu wagen: In Deutschland w\u00e4re der Saal nicht einmal zur H\u00e4lfte besetzt. 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