{"id":10984,"date":"2012-03-28T10:28:40","date_gmt":"2012-03-28T13:28:40","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=10984"},"modified":"2012-03-27T16:36:46","modified_gmt":"2012-03-27T19:36:46","slug":"auf-den-spuren-des-taters-60-jahre-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/03\/28\/auf-den-spuren-des-taters-60-jahre-danach\/","title":{"rendered":"Auf den Spuren des T\u00e4ters \u2013 60 Jahre danach"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gisela Heidenreich recherchierte f\u00fcr ihr neues Buch auch in Argentinien <\/p>\n<p><em>Von Sebastian Loschert<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/heidenreich.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/heidenreich.jpg\" alt=\"\" title=\"heidenreich\" width=\"250\" height=\"384\" class=\"alignright size-full wp-image-10986\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/heidenreich.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/heidenreich-195x300.jpg 195w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Wer war Horst Wagner? Hoher SS-Offizier im &#8220;Dritten Reich&#8221;, ab 1943 Leiter der f\u00fcr &#8220;Judenangelegenheiten&#8221; zust\u00e4ndigen Gruppe &#8220;Inland II&#8221; im Ausw\u00e4rtigen Amt, pers\u00f6nlicher Verbindungsmann zwischen Ribbentrop und Himmler, zwischen Ausw\u00e4rtigem Amt und SS. Lange Zeit eine kaum beachtete Schl\u00fcsselfigur in der Organisation des Holocaust. Dann aber auch: Der Mann, dem die Mutter von Gisela Heidenreich Nacht f\u00fcr Nacht am M\u00fcnchner Esstisch lange Liebesbriefe nach S\u00fcdamerika schrieb. F\u00fcr den die Mutter in den mageren Nachkriegsjahren das Geld auf die Seite legte und am Essen f\u00fcr die Tochter sparte. Der Mann au\u00dferdem, dessen Name auf der geschenkten Schulmappe stand, die die Autorin bis zum Abitur benutzte.<\/p>\n<p>Wie in ihren vorherigen B\u00fcchern steht in &#8220;Geliebter T\u00e4ter&#8221; die pers\u00f6nliche Betroffenheit von Gisela Heidenreich am Ausgangspunkt ihrer Nachforschungen. Zum dritten Mal spielt ihre Mutter Emmi eine Hauptrolle, zum dritten Mal wagt Heidenreich den Spagat zwischen pers\u00f6nlicher und politischer Aufarbeitung. Wie in &#8220;Sieben Jahre Ewigkeit&#8221; dienen hunderte Briefe als Zeugnisse der geheim gehaltenen Liebe ihrer Mutter. Diesmal aber will die Tochter den &#8220;geliebten T\u00e4ter&#8221; Horst Wagner genauer unter die Lupe nehmen. Wie sah seine Stellung im Ausw\u00e4rtigen Amt aus? Wie konnte er fl\u00fcchten und trotz Haftbefehl in S\u00fcdamerika untertauchen? Wieso wurde er nach seiner R\u00fcckkehr nie verurteilt?<\/p>\n<p>Diese Fragen sind ihr Reisen nach Frankreich, Italien und Argentinien wert. Wenn sich vor einem italienischen Landgut wieder eine Spur verliert, schreibt sie trotzig: &#8220;Ich werde noch einige T\u00fcren \u00f6ffnen, Herr Wagner.&#8221;<\/p>\n<p>Und Heidenreich \u00f6ffnet viele Haust\u00fcren, Ordnerdeckel und Aktenschr\u00e4nke, um Horst Wagner kennenzulernen. Ausgiebig wird seine steile Karriere im diplomatischen Dienst in Berlin erforscht. Die gelingt ihm trotz fehlender diplomatischen Ausbildung dank SS- und Parteimitgliedschaften. Detailreich wird die Arbeit Wagners in der Beh\u00f6rde nachgezeichnet: Von der Organisation antij\u00fcdischer Propagandaaktionen bis zur Empfehlung an Ribbentrop, die &#8220;unverz\u00fcgliche Ausmerzung aller Juden in den von uns besetzten Gebieten&#8221; sei unumg\u00e4nglich.<!--more--><\/p>\n<p>Danach scheut die Autorin keine M\u00fchen, die verworrenen Pfade der Flucht Wagners nachzuzeichnen. Wie viele andere Naziverbrecher w\u00e4hlte er kurz vor dem Haftbefehl 1948 die &#8220;Rattenlinie&#8221; \u00fcber \u00d6sterreich und S\u00fcdtirol nach Italien, fand Gastfreundschaft in Almh\u00fctten, Hotels und Kl\u00f6stern, lebte schlie\u00dflich mehr als zwei Jahre bei einer &#8220;deutschfreundlichen&#8221; \u2013 lies faschistischen \u2013 argentinischen Duquessa in einem Palazzo in Rom, bevor er mit Hilfe des Vatikans den begehrten Rotes Kreuz-Pass f\u00fcr die Ausreise nach S\u00fcdamerika ausgestellt bekam. Kommunist war er schlie\u00dflich keiner. Unter dem Namen &#8220;Peter Ludwig&#8221; reiste er 1951 von Genua nach Peru, kurz darauf fand er in Chile &#8220;wirkliche Freunde&#8221;, wie er schw\u00e4rmte, bevor er noch im selben Jahr nach Argentinien kam.<\/p>\n<p>Gisela Heidenreich reist rund 60 Jahre sp\u00e4ter hinterher. Sie trifft sich in Buenos Aires mit Botschafter Schumacher, erh\u00e4lt dort aber keine Antwort darauf, wie Wagners IRK-Pass in der deutschen Botschaft in einen g\u00fcltigen Reisepass verwandelt werden konnte. Sie trifft sich mit Unterst\u00fctzern von Opfern der Naziverfolgung, mit dem Historiker Uki Go\u00f1i, der geflohenen J\u00fcdin Margot A., die im Viertel Belgrano fast Nachbarin von Wagner war oder mit Schriftsteller Robert Schopflocher, der \u00fcber die Atmosph\u00e4re des idyllischen Belgrano der 1950er Jahre erz\u00e4hlt. Heidenreich sucht alte deutscht\u00fcmelnde Kneipen auf und schaut sich in Bariloche um.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke des Buches, detailreiche Informationen mit Reportage-Elementen zu verbinden, erweist sich in Argentinien, wo die Spuren Wagners bereits verblasst sind, leider als eine Schw\u00e4che. Dort l\u00e4sst die Autorin ihrer Phantasie zu viel Lauf: &#8220;Vielleicht&#8221; besuchte Wagner das seit 1936 unver\u00e4nderte Wirtshaus &#8220;Zur Eiche&#8221; in Vicente L\u00f3pez und traf dort seinen Ex-Kollegen Eichmann. &#8220;Vielleicht&#8221; verbrachte Wagner Weihnachten 1951 auf derselben Estancia nahe Bariloche, wo auch Heidenreich recherchierte.<\/p>\n<p>Diese L\u00fcckenf\u00fcller diskreditieren allerdings nicht die \u00e4u\u00dferst gewissenhafte und engagierte Arbeit, die Heidenreich auf den restlichen \u00fcber 300 Seiten ausbreitet. Immer wieder wird der Fall Wagner in einen gr\u00f6\u00dferen Kontext eingebettet: Wie gelang den Naziverbrechern die Einwanderung nach Argentinien? Wie trug das Ausw\u00e4rtige Amt zum Holocaust bei? Einen Grund, das umfangreiche Buch bis zu Ende zu lesen, bieten andererseits auch die schw\u00fclstigen Passagen aus den Liebesbriefen, die im herben Kontrast zu Wagners Rolle im industriellen Massenmord wenige Jahre zuvor stehen. &#8220;Erf\u00fcllung und Vollendung meines Lebens&#8221;, nennt Emmi ihren Horst, oder &#8220;Du mein geliebtes Ich&#8221;. &#8220;Mein liebstes, \u00fcber alles geliebtes Herz&#8221;, schreibt Wagner zur\u00fcck. Er fordert aber auch: &#8220;folgsam sein und an das Sch\u00f6ne, das kommt, denken&#8221;.<\/p>\n<p>Dass nach Wagners R\u00fcckkehr nach Europa im Mai 1952 und nach Deutschland 1956 &#8220;das Sch\u00f6ne&#8221; f\u00fcr das Paar dann nicht mehr kam, lag nicht an der deutschen Justiz. Denn es gelang Wagner, jahrelang unbehelligt zu leben und sein Gerichtsverfahren bis zu seinem Tod 1977 zu verschleppen. Der Grund war vielmehr, dass der &#8220;Womanizer&#8221; 1957 dann heimlich eine andere heiratete, anstatt mit Emmi &#8220;in aller Ewigkeit Hand in Hand zu bleiben&#8221;, wie jahrelang versprochen. Der Schreibtischt\u00e4ter scheiterte am Ende auch im Privaten.<\/p>\n<p>Wer historische Informationen in der &#8220;leichteren&#8221; Form eines investigativen Romans lesen m\u00f6chte, erf\u00e4hrt in &#8220;Geliebter T\u00e4ter&#8221; die lesenswerte Geschichte eines Naziverbrechers im Ausw\u00e4rtigen Amt.<\/p>\n<ul>\n<li>Gisela Heidenreich: &#8220;Geliebter T\u00e4ter. Ein Diplomat im Dienst der &#8216;Endl\u00f6sung'&#8221;. Droemer Verlag, M\u00fcnchen 2011, 352 Seiten, 22,99 Euro.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gisela Heidenreich recherchierte f\u00fcr ihr neues Buch auch in Argentinien Von Sebastian Loschert Wer war Horst Wagner? 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