{"id":11,"date":"2004-12-12T22:14:32","date_gmt":"2004-12-13T01:14:32","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2004\/12\/12\/luxusbesuch-fur-eine-handvoll-leute\/"},"modified":"2009-12-01T11:39:00","modified_gmt":"2009-12-01T14:39:00","slug":"luxusbesuch-fur-eine-handvoll-leute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2004\/12\/12\/luxusbesuch-fur-eine-handvoll-leute\/","title":{"rendered":"Luxusbesuch f\u00fcr eine Handvoll Leute"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2004\/12\/12\/visita-de-lujo-para-un-publico-chico\/\">Click aqu\u00ed para leer versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Der deutsche K\u00fcnstler Jochen Gerz sprach am 2. Dezember vor nur 20 Besuchern im MALBA \u00fcber sein Werk<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Von Susanne Franz<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=right hspace=5 src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/gerz.jpg\" alt=\"Foto von Jochen Gerz\" \/>Seine Utopie von der \u00c4sthetik der Zukunft beschreibt <a href=\"http:\/\/www.gerz.fr\/\">Jochen Gerz<\/a> mit den Begriffen &#8220;Beitrag&#8221; und &#8220;Kollaboration&#8221;. Der seit Ende der 1950er Jahre in Frankreich lebende deutsche K\u00fcnstler f\u00fchrt so einen Aspekt seiner Arbeit im \u00f6ffentlichen Raum ein. Gerz&#8217; Projekte gegen den Faschismus in Deutschland,  Frankreich oder Gro\u00dfbritannien arbeiten die traumatische politische Vergangenheit Europas auf. &#8220;Die politische Vergangenheit ist die politische Gegenwart&#8221;, postuliert Gerz. &#8220;Eine Vergangenheit, die nicht Geschichte geworden ist und nicht werden kann, ist ungeregelt &#8211; das bedeutet, nicht \u00f6ffentlich&#8221;, versucht er deutlicher zu werden. Was seine k\u00fcnstlerische Arbeit in Deutschland angehe, so sei sie &#8220;ein Beitrag zu der Ver\u00f6ffentlichung einer Vergangenheit, die geheim ist, und so ein Beitrag zur Ver\u00e4nderung der Gegenwart.&#8221; Er ist \u00fcberzeugt: &#8220;Gegenwart wird freigegeben, wenn Vergangenheit ver\u00f6ffentlicht wird.&#8221;<\/p>\n<p>Die Funktion der Kunst als Mittel zur Erinnerung sei nicht neu, r\u00e4umt er ein. Doch habe die traditionelle Kunst die Vergangenheit glorifiziert.<!--more--> Das jedoch sei nicht die Funktion der Kunst, sagt Gerz, und analysiert: &#8220;Die Glorifizierung der Vergangenheit ist nicht das Gleiche wie die Trauer um die Vergangenheit. Es ist nicht das Gleiche wie die Anklage, oder die Denunziation der Vergangenheit. Die \u00e4sthetische Funktion der Kunst ist es, die Wahrheit zu finden. Und die Wahrheit ist die Wahrheit der Stimme.&#8221; Es gehe aber auch nicht nur darum, die Vergangenheit zu denunzieren, nur Trauer, Schmerz und Schande auszudr\u00fccken, sondern sie neu zu definieren, und Verantwortung zu fordern.<\/p>\n<p>Gerz&#8217; Utopie ist eine Zukunft von Autoren, eine Gesellschaft von Beitragenden, in der alle etwas tun. Selbst wenn ein solcher &#8220;T\u00e4ter&#8221; (Autor, nennt ihn Gerz) der Autor eines Verbrechens sei, m\u00fcsste er in der Lage sein zu sagen: &#8220;Ich habe das getan.&#8221; Gerz: &#8220;Nur dann kann man sagen: Was wollen wir tun? Und Kunst geht um diese Frage: Was wollen wir tun.&#8221;<\/p>\n<p>Und er wiederholt noch einmal, eindringlich: &#8220;Die \u00e4sthetische Funktion der Kunst ist die Wahrheit. Wahrheit muss man schaffen, denn die Wahrheit existiert nicht, wenn sie nicht gemacht wird.&#8221; Die \u00c4sthetik der Realit\u00e4t sei die Schaffung vieler Realit\u00e4ten, und dies sei nur mit einem Begriff aus der Politik zu beschreiben, sagt Gerz, und f\u00fchrt einen weiteren zentralen Begriff seiner Utopie ein: &#8220;Demokratie&#8221;. Kunst geh\u00f6re nicht in Museen, nicht an den Kunstmarkt, sie m\u00fcsse direkt absorbiert werden von den Autoren (den B\u00fcrgern). Gerz will Kunst als demokratischen Prozess.<\/p>\n<p>Allerdings sei Kunst dann auch, r\u00e4umt er auf kultiviert-humorvolle Weise ein, wie ein Aspirin, das, wenn man es ins Wasser schmei\u00dfe, auch nicht zur Tablette werde: &#8220;Wenn man Kunst ins Publikum schmei\u00dft&#8221;, wird Kunst zu Demokratie, d.h. zur Wahl und Entscheidung der Autoren. (An anderer Stelle vergleicht Gerz den Prozess mit einem Schwamm: &#8220;Wenn man einen Schwamm ins Wasser h\u00e4lt, saugt er sich voll &#8211; wenn man Kunst in eine Gesellschaft h\u00e4lt, wird sie diese Gesellschaft.&#8221;)<\/p>\n<p><em>Praktische Beispiele<\/em><\/p>\n<p>Seine theoretischen Ans\u00e4tze illustrierte Gerz im folgenden an vier Beispielen. Zun\u00e4chst beschrieb er seine Arbeit an einem Mahnmal gegen den Faschismus, das er 1983 im Auftrag der Stadt Hamburg baute. Es handelt sich um eine 12 Meter hohe S\u00e4ule, viereckig, mit einem Grundriss von 1 x 1 Meter. Die Oberfl\u00e4che ist aus Blei, die S\u00e4ule ist hohl. Daneben ist eine Tafel angebracht mit einem Text in sieben Sprachen, mit der Aufforderung, mit einem Stahlstift auf der Oberfl\u00e4che der S\u00e4ule gegen den Faschismus zu unterschreiben. Wenn der Raum voll ist, senkt sich die S\u00e4ule hinab, um wieder Platz f\u00fcr neue Unterschriften freizugeben.<\/p>\n<p>Nach etwa 10 Jahren und 70.000 Unterschriften sei die S\u00e4ule verschwunden, berichtet Gerz, jetzt sei dort nur noch ein Viereck zu sehen, und die Tafel, deren Aufschrift auch das Verschwinden der S\u00e4ule begr\u00fcndet: &#8220;Denn nichts kann sich an unserer Statt gegen das Unrecht erheben.&#8221;<\/p>\n<p>Gerz beschreibt seine Arbeit als das Produzieren von Wahrheit in einem \u00f6ffentlichen Prozess, und res\u00fcmiert: &#8220;Eine Gesellschaft, die diese Auseinandersetzung aush\u00e4lt, ist nicht am Faschismus interessiert.&#8221;<\/p>\n<p>Eine weitere Arbeit f\u00fchrte Gerz, ohne einen Auftrag zu haben, mit Studenten in Saarbr\u00fccken durch. Vor dem Parlamentsgeb\u00e4ude, in dem sich seit Jahrhunderten der Sitz der politischen Macht befinde &#8211; vom F\u00fcrsten \u00fcber den Gauleiter zum heutigen Parlament &#8211; entfernten sie nachts nach und nach die Pflastersteine und ersetzten sie durch andere Steine. Auf die Original-Steine schrieben sie die Namen aller j\u00fcdischen Friedh\u00f6fe, die es 1933 in Deutschland gab. Nach eineinhalb Jahren geheimer Steinersetzung und der Beschriftung von 2146 Steinen wurde die Sache publik und in der Presse entfesselte sich eine Polemik \u00fcber dieses Mahnmal. Die beschrifteten Originalsteine wurden daraufhin zur\u00fcckgebracht und wieder eingesetzt &#8211; mit der Schrift nach unten.<\/p>\n<p>Vorher und nachher sei visuell genau das Gleiche, sagt Gerz. Das Parlament des Saarlandes diskutierte in der Folge neun Stunden lang und legalisierte mit einer kleinen Mehrheit das Mahnmal. Wenn man heute \u00fcber die Stelle geht, sieht man nichts, aber der Name des Platzes wurde ge\u00e4ndert und hei\u00dft jetzt: &#8220;Platz des unsichtbaren Mahnmals&#8221;.<\/p>\n<p>Die Arbeit habe zwei Titel, sagt Gerz: &#8220;Mahnmal gegen den Rassismus&#8221;, und &#8220;Das unsichtbare Mahnmal&#8221;, und er zitiert Robert Musil: &#8220;Das Bemerkenswerte an Monumenten ist, dass sie so gro\u00df sind &#8211; und dass sie keiner sieht.&#8221; Seit dem Ende des 2. Weltkrieges herrsche die Meinung vor, dass der Mord an den Juden die Grenze der Darstellbarkeit \u00fcberschreite, sagt Gerz, und stellt klar: &#8220;Ich glaube das nicht. Wenn etwas getan werden konnte, muss es auch gesagt werden k\u00f6nnen.&#8221; Kunst sei eine Art, es zu sagen.<\/p>\n<p>Das dritte Beispiel bezog sich auf ein Kriegerdenkmal in einem kleinen Dorf in der  franz\u00f6sischen Dordogne, das an die Opfer eines Massakers der Wehrmacht im 2. Weltkrieg erinnert. Gerz sollte es im Auftrag des franz\u00f6sischen Kultusministeriums ersetzen. &#8220;&#8216;Reemplacer&#8217; hei\u00dft im Franz\u00f6sischen, etwas durch sich selbst zu ersetzen, aber im Deutschen hei\u00dft es, etwas Neues zu schaffen&#8221;, erkl\u00e4rt Gerz. Deshalb habe er zwar das gleiche Objekt (einen Obelisken) neu gemacht, sei aber dann mit einer Gruppe Studenten durch das Dorf gegangen und habe jedem Bewohner die gleiche Frage gestellt. Die Frage wurde nicht publik gemacht, die Antworten wurden auf einem Emailleschild an dem Kriegerdenkmal befestigt. Das Mahnmal, das nicht fertig ist und nie sein wird (nach Beendigung der Arbeit \u00fcbergab Gerz die Frage einem Ehepaar, das nun alle neu Hinzugezogenen und neuen Erwachsenen befragt), hei\u00dft &#8220;Das lebende Monument von Biron&#8221;; die Frage lautete, ob es im Frieden ebenso m\u00f6glich sei, Heldentum, Mut, Solidarit\u00e4t, etc. zu zeigen, wie im Krieg. (Eine Frage \u00fcbrigens, die laut Gerz in Frankreich m\u00f6glich ist, die man aber in Deutschland niemals stellen k\u00f6nnte.)<\/p>\n<p>Als letztes Beispiel seiner Arbeit zeigte Gerz einen kurzen Film, der entstand, nachdem man in Deutschland uns\u00e4gliche 10 Jahre lang \u00fcber den Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin diskutiert hatte, das jetzt von US-Architekt Peter Eisenman errichtet wird. Gerz befragte eine Reihe von deutschen Intellektuellen, die sich am meisten \u00f6ffentlich in Schrift und Wort zu dem Thema ge\u00e4u\u00dfert hatten. Man sieht jedoch nur kurze Aufnahmen von einem nach dem anderen, w\u00e4hrend sie der Frage zuh\u00f6ren, das Ganze ist ein Stummfilm geworden, der hei\u00dft: &#8220;Das Schweigen der Intellektuellen&#8221;. Dies sei nicht als Angriff zu verstehen, sondern es sei eine Hommage an die Grenzen, stellt Gerz klar. Die Frage lautete (sinngem\u00e4\u00df): &#8220;Wenn die Kunst in der Lage w\u00e4re, sich gegen das Unrecht zu stellen &#8211; und wenn Sie heute eine Stimme h\u00e4tten gegen dieses Unrecht &#8211; was w\u00e4re dann Ihre Stimme?&#8221; Kein einziger habe auf die Frage geantwortet, sagt Gerz, alle h\u00e4tten sich auf \u00e4sthetische Aspekte des Mahnmal-Entwurfs oder andere Dinge bezogen (was nach 10 Jahren Debatte vielleicht verst\u00e4ndlich sei). Und Gerz betont noch einmal sein Anliegen: &#8220;Nur wenn wir heute eine Stimme haben, kann sich etwas \u00e4ndern.&#8221;<\/p>\n<p><em>(Das Foto stammt von der Webseite &#8220;<a href=\"http:\/\/www.kunstmuseum.ch\/woherwohin\/kuenstler.html\">woher wohin. Der K\u00fcnstler Jochen Gerz<\/a>&#8220;)<\/em><\/p>\n<p><em>Der Artikel erschien am 11.12.2004 im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer versi\u00f3n en castellano. 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