{"id":11030,"date":"2012-03-30T16:44:20","date_gmt":"2012-03-30T19:44:20","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=11030"},"modified":"2012-03-31T16:56:04","modified_gmt":"2012-03-31T19:56:04","slug":"die-ausgewogenheit-von-form-und-inhalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/03\/30\/die-ausgewogenheit-von-form-und-inhalt\/","title":{"rendered":"Die Ausgewogenheit von Form und Inhalt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rafael Spregelburds &#8220;Ap\u00e1trida&#8221; am Teatro El Extranjero<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Apatrida11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Apatrida11.jpg\" alt=\"\" title=\"Apatrida11\" width=\"500\" height=\"335\" class=\"aligncenter size-full wp-image-11032\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Apatrida11.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Apatrida11-300x201.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\n&#8220;H\u00f6rt, ihr Sterblichen! Den geheiligten Ruf: Freiheit, Freiheit, Freiheit!&#8221; Die Melodie der argentinischen Nationalhymne zerrei\u00dft die erwartungsvolle Stille im Theatersaal. Feierlich, dramatisch, fast pathetisch. Doch pl\u00f6tzlich schreddert die Schallplatte vorne auf der B\u00fchne, wird langsamer, die Melodie verzerrt sich. Ein unsichtbarer DJ versucht sich offensichtlich an einer neuen Hymnenversion, oder er ist von profaner Zerst\u00f6rungswut getrieben. So programmatisch wie der erste Satz eines Romans ist der Beginn dieses Theaterst\u00fccks.<\/p>\n<p>&#8220;Ap\u00e1trida. Doscientos a\u00f1os y unos meses&#8221; spielt im Jahr 1891: In der Stra\u00dfe Florida findet eine Ausstellung statt, die &#8211; nach den Worten Eduardo Schiaffinos &#8211; zeigt, &#8220;dass auch Argentinien schon einige hervorragende Maler besitzt&#8221;. Schiaffino, der sp\u00e4tere Gr\u00fcnder des &#8220;Museo Nacional de Bellas Artes&#8221;, selbst mit eigenen Bildern in der Ausstellung vertreten, ist einer der gr\u00f6\u00dften Bef\u00fcrworter der Begr\u00fcndung einer &#8220;nationalen Kunst&#8221;. Der spanische Kunstkritiker Maximiliano Eugenio Auz\u00f3n findet diese Idee schlicht l\u00e4cherlich. &#8220;Argentinische Kunst wird es in 200 Jahren und ein paar Monaten geben!&#8221;, konstatiert er sarkastisch.<\/p>\n<p>In einem Briefwechsel zwischen K\u00fcnstler und Kritiker erhitzen sich die Gem\u00fcter. Ein immer polemischer werdender Streit entwickelt sich &#8211; nicht nur um die Frage nach der Rolle der nationalen Identit\u00e4t in der Kunst, sondern auch um die Frage nach staatlicher Unterst\u00fctzung, die Schaffung eines Kunstmarktes, die Rolle von Kunstsammlern. &#8220;Die Kunst hat kein Vaterland!&#8221;, ruft Auz\u00f3n voller Pathos. &#8220;Das ist eine leere Aussage&#8221;, erwidert Schiaffino trocken.<\/p>\n<p>Auz\u00f3n und Schiaffino, beide gespielt von Rafael Spregelburd &#8211; nebenbei auch Autor und Regisseur des St\u00fcckes, das gef\u00f6rdert wird vom Goethe-Institut, der Stiftung Pro Helvetia und der Schweizer Botschaft &#8211; liefern sich ein verbales Gefecht, das am Ende in einem bewaffneten endet. Begleitet von den experimentellen T\u00f6nen des Klangk\u00fcnstlers Federico Zypce, duellieren sie sich am Weihnachtsmorgen 1891. Der eine wird sp\u00e4ter als Vater der argentinischen Nationalkunst bekannt sein, den anderen wird kein Mensch mehr kennen. &#8220;Kein Vaterland feiert seine Staatenlosen&#8221;, prophezeit Auz\u00f3n.<!--more--><\/p>\n<p>Eine einigerma\u00dfen ungew\u00f6hnliche Idee, diese heute fast v\u00f6llig unbekannte Diskussion zwischen Auz\u00f3n und Schiaffino auf die B\u00fchne zu bringen. Noch ungew\u00f6hnlicher ist die Umsetzung der Idee, die immerhin zehn Jahre lang in dem preisgekr\u00f6nten Dramaturgen und Schauspieler g\u00e4rte. Lange brauchte es also, bis Spregelburd die richtige Form fand. Ein Zwei-Mann-St\u00fcck ist das Ergebnis des G\u00e4rungsprozesses. Zwei Mann deswegen, weil Zypce, die musikalische Begleitung, wenn man so will, Teil des Geschehens auf der B\u00fchne ist, in einem unkonventionellen Studio aus seltsamen Instrumenten, die ungew\u00f6hnliche Kl\u00e4nge erzeugen und damit einen Kontrapunkt zum Schauspiel bilden. W\u00e4hrend Spregelburds Gestus und Kost\u00fcm der gespielten Zeit entsprechen, sind die T\u00f6ne Zypces ein Gemisch aus ge-remixten Klassikern und elektronisch erzeugten Kl\u00e4ngen &#8211; eindeutig postmodern, fast schon postpostpostmodern. Ein Schauspiel f\u00fcr die Ohren, das auch ohne die brillante Darstellung Spregelburds funktionieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Eine ungew\u00f6hnliche Idee, aber eine geniale. Nicht nur, weil man die Gegenst\u00e4nde der Auseinandersetzung auch im Heute wiederfindet. Nicht nur wegen der aufgeworfenen Fragen, was das gespaltene Verh\u00e4ltnis der Argentinier zu ihrer nationalen Identit\u00e4t angeht, was das Verh\u00e4ltnis zwischen K\u00fcnstler und Kritiker, was die Funktionsweise des Kunstmarkts betrifft. Tats\u00e4chlich w\u00e4re es zu simpel, dieses St\u00fcck als Auseinandersetzung mit diesen Fragen zu beschreiben. Genial ist die Idee wegen der Kombination dieser Fragen mit deren Inszenesetzung. Oder anders gesagt: wegen des idealen Verh\u00e4ltnisses von Inhalt und Form.<\/p>\n<ul>\n<li>Samstags, 20.30 Uhr, Theater &#8220;El Extranjero&#8221;, Valent\u00edn G\u00f3mez 3378, Buenos Aires. Eintritt $60\/40.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nEine \u00fcberzeugende Kombination: Zypce und Spregelburd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rafael Spregelburds &#8220;Ap\u00e1trida&#8221; am Teatro El Extranjero Von Mirka Borchardt &#8220;H\u00f6rt, ihr Sterblichen! Den geheiligten Ruf: Freiheit, Freiheit, Freiheit!&#8221; Die Melodie der argentinischen Nationalhymne zerrei\u00dft die erwartungsvolle Stille im Theatersaal. Feierlich, dramatisch, fast pathetisch. Doch pl\u00f6tzlich schreddert die Schallplatte vorne auf der B\u00fchne, wird langsamer, die Melodie verzerrt sich. 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