{"id":11293,"date":"2012-05-05T14:28:51","date_gmt":"2012-05-05T17:28:51","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=11293"},"modified":"2012-05-05T14:48:00","modified_gmt":"2012-05-05T17:48:00","slug":"bafici-nachlese-jessica-krummachers-totem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/05\/05\/bafici-nachlese-jessica-krummachers-totem\/","title":{"rendered":"Bafici-Nachlese: Jessica Krummachers &#8220;Totem&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Darstellung spie\u00dfb\u00fcrgerlichen Horrors der deutschen Nachwuchsregisseurin lief auf dem 14. Festival des Unabh\u00e4ngigen Films in Buenos Aires<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/jessica_krummacher.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/jessica_krummacher.jpg\" alt=\"\" title=\"jessica_krummacher\" width=\"250\" height=\"333\" class=\"alignright size-full wp-image-11295\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/jessica_krummacher.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/jessica_krummacher-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Nach dem Film ist der Saal einige Sekunden totenstill, nur z\u00f6gerlich setzt der Applaus ein. Bei der Vorf\u00fchrung in Wien, auf der Viennale, gab es einige Lacher im Publikum, hier beim <a href=\"http:\/\/www.festivales.gob.ar\/v3\/web\/index.php\/index.html\">Bafici<\/a> in Buenos Aires nicht. Die Zuschauer wirken eher ein bisschen erschlagen, und zugegeben: Der Film ist keine leichte Kost.<\/p>\n<p>Die Rede ist von &#8220;Totem&#8221;, dem Erstlingswerk der deutschen Nachwuchsregisseurin Jessica Krummacher. Darin geht es um ein junges M\u00e4dchen, die als Hausm\u00e4dchen zu einer Familie aus dem Ruhrgebiet kommt und, so sagt es die Pressemappe, &#8220;dessen Alltag mit dem Erscheinen eines fremden Menschen aus den Fugen ger\u00e4t&#8221;. &#8220;Der Name &#8216;Totem'&#8221;, sagt Krummacher im Telefoninterview, &#8220;hat etwas mit Schutzgeistern zu tun. Und auch, dass das deutsche Wort &#8216;tot&#8217; darin enthalten ist, gefiel mir daran.&#8221;<\/p>\n<p>Bei der Biennale in Venedig wurde der Streifen als Horrorfilm vorgestellt. Eine nicht greifbare Bedrohung begleitet den gesamten Film, keine Szene, die Erleichterung schaffen w\u00fcrde. Der Horror einer ganz normalen, kleinb\u00fcrgerlichen Familie aus dem Ruhrpott, im Einfamilienhaus mit Kaninchen im Garten, einem Hund aus Plastik und zwei t\u00e4uschend echt ausschauenden Babypuppen, die sowohl Mutter Claudia als auch Fiona, das Hausm\u00e4dchen, behandeln, als seien sie echt. Ohne dass der Zuschauer entschl\u00fcsseln k\u00f6nnte, warum &#8211; der Film bietet keine simplen psychologischen Erkl\u00e4rungsmuster. Insofern ist er kafkaesk, die Motive der Handelnden bleiben unerkl\u00e4rt und unerkl\u00e4rlich. Warum behauptet Fiona, sie habe keine Eltern mehr, und erz\u00e4hlt ihrer Mutter sp\u00e4ter am Telefon, es gehe ihr gut? Wieso bricht Claudia von einem Moment auf den anderen in Tr\u00e4nen aus? Welche Rolle spielt die merkw\u00fcrdige Nachbarin, die an den seltsamsten Orten auftaucht?<\/p>\n<p>Man kann den Film aber auch anders lesen, politisch, wenn man so will: Als Film \u00fcber Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. &#8220;Wo bekommt man sowas?&#8221;, werden die Eltern an Fionas erstem Tag in der neuen Familie gefragt. &#8220;Aus dem Internet&#8221;, so die lakonische Antwort. Fiona wird mehr und mehr zum Blitzableiter f\u00fcr all die aufgestauten Aggressionen innerhalb der Familie: die Mutter schl\u00e4gt sie aus Wut \u00fcber die Zur\u00fcckweisung durch ihren Ehemann, der wiederum vergewaltigt sie fast. Und dann wieder gibt es Momente, in denen N\u00e4he geteilt wird, in denen Fiona gebraucht wird, so scheint es, wie ein Kuscheltier &#8211; oder eine dritte Puppe.<\/p>\n<p>&#8220;Es geht auf jeden Fall auch um Herrschaftsverh\u00e4ltnisse&#8221;, sagt Jessica Krummacher, &#8220;aber ich finde es wichtig, dass jeder den Film f\u00fcr sich liest. Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, ja, aber in Fiona habe ich andererseits eine Figur ausgew\u00e4hlt, die sich von den Herrschaftsstrukturen nicht so sehr beeindrucken l\u00e4sst.&#8221;<!--more--><\/p>\n<p>Der Film entstand als Abschlussfilm ihres Studiums an der Hochschule f\u00fcr Fernsehen und Film M\u00fcnchen. Urspr\u00fcnglich hatte sie ihn als Dokumentarfilm geplant, nachdem sie von einem Hausm\u00e4dchen erfuhr, das sich das Leben genommen hat. &#8220;Doch ich habe sehr schnell gemerkt, dass es schwierig ist, eine Doku \u00fcber jemanden zu machen, der nicht mehr da ist.&#8221; So machte sie also einen Spielfilm, sie schrieb das Drehbuch, f\u00fchrte Regie, schnitt und produzierte den Film selbst. Viel von ihr steckt dementsprechend darin, auch Autobiographisches, zumindest indirekt. &#8220;Ich komme aus dem Ruhrgebiet, mir sind die Wohnungen bekannt, mir sind die Sofas bekannt. Und ich behaupte, dass viele Deutsche so sind.&#8221;<\/p>\n<p>Die Publikumslacher in Wien, meint sie, seien dem Wiedererkennungseffekt zu verdanken &#8211; was auch erkl\u00e4rt, warum in Buenos Aires niemand lachte. &#8220;Letztendlich&#8221;, f\u00e4hrt sie fort, &#8220;ist aber alles, was diesen Film betrifft, unabh\u00e4ngig davon. Zwar ist es verbunden mit eigenen Erfahrungen, die man deutet. Ich denke aber meistens eher an andere Menschen als an mich selbst.&#8221; Fiona zum Beispiel habe nichts mit ihrer eigenen Pers\u00f6nlichkeit zu tun, dennoch habe sie die Figur der Fiona aus der Ich-Perspektive konstruiert, weil sie sich in sie hineindachte.<\/p>\n<p>Das Hausm\u00e4dchen Fiona wird gespielt von der hervorragenden wie unbekannten Marina Frenk. Bis auf die Mutter Claudia, die von Nadja Brunckhorst dargestellt wird &#8211; bekannt aus &#8220;Christiane F. &#8211; Wir Kinder vom Bahnhof Zoo&#8221; -, d\u00fcrften die Schauspieler kaum bekannt sein, auch deswegen, weil Krummacher eher am Theater nach ihnen suchte als am Filmset. &#8220;Dass in Deutschland immer wieder dieselben Schauspieler auf der Leinwand zu sehen sind, finde ich furchtbar&#8221;, sagt Krummacher, &#8220;deswegen wollte ich explizit unbekannte Gesichter, die noch nicht mit anderen Filmen und Geschichten beladen sind.&#8221; Und noch eine andere Kritik hat sie am deutschen Film: Dass die F\u00f6rderungsprogramme f\u00fcr Fernsehen und Kino gekoppelt sind, sei fatal: &#8220;Kinofilme haben nichts mit Fernsehen zu tun. Im Fernsehen muss die Geschichte f\u00fcr jeden greifbar sein, der da um 20.15 Uhr sitzt, aber beim Kino kann jeder selbst entscheiden, ob er sich den Film anschaut oder nicht. So f\u00fchrt das zu einer Risikolosigkeit, die den deutschen Film nicht gerade voranbringt.&#8221;<\/p>\n<p>Auch sie bekam keine F\u00f6rderung, ihr Film erschien den F\u00f6rderanstalten zu gewagt. Vielleicht werden die sich jetzt \u00e4rgern. Bisher war das Presseecho durchweg positiv, Der deutsche Filmkritiker R\u00fcdiger Suchsland schrieb: &#8220;Eine Regisseurin ist entdeckt.&#8221; Dem ist nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nJessica Krummacher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Darstellung spie\u00dfb\u00fcrgerlichen Horrors der deutschen Nachwuchsregisseurin lief auf dem 14. Festival des Unabh\u00e4ngigen Films in Buenos Aires Von Mirka Borchardt Nach dem Film ist der Saal einige Sekunden totenstill, nur z\u00f6gerlich setzt der Applaus ein. 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