{"id":11357,"date":"2012-04-30T21:56:42","date_gmt":"2012-05-01T00:56:42","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=11357"},"modified":"2012-05-06T21:59:36","modified_gmt":"2012-05-07T00:59:36","slug":"malerei-als-versuchsanordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/04\/30\/malerei-als-versuchsanordnung\/","title":{"rendered":"Malerei als Versuchsanordnung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gerhard Richters gro\u00dfe Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie in Berlin<\/p>\n<p><em>Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Lesende.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Lesende.jpg\" alt=\"\" title=\"72 x 102 cm\" width=\"500\" height=\"350\" class=\"aligncenter size-full wp-image-11359\" \/><\/a><br \/>\nTitan, Olympionik, Ausnahmek\u00fcnstler, Picasso des 21. Jahrhunderts, Malergenie, wichtigster deutscher K\u00fcnstler der Gegenwart. Die nationale und internationale Presse \u00fcberschlagen sich in diesen Tagen mit immer neuen Etiketten und Lobpreisungen f\u00fcr den K\u00f6lner Maler Gerhard Richter, der am 9. Februar seinen 80. Geburtstag feierte und noch bis zum 13. Mai mit einer gro\u00dfen Retrospektive in der Berliner Neuen Nationalgalerie geehrt wird. Die Ausstellung &#8220;Panorama&#8221; versammelt 130 Gem\u00e4lde und f\u00fcnf Skulpturen aus f\u00fcnf Jahrzehnten seines Schaffens. Darunter ber\u00fchmte Bilder wie das auf der letzten Documenta gezeigte Portr\u00e4t seiner Tochter &#8220;Betty&#8221; und sein wohl popul\u00e4rstes Werk, die 1988 entstandene &#8220;Kerze&#8221;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Betty.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Betty.jpg\" alt=\"\" title=\"30 x 40 cm\" width=\"250\" height=\"186\" class=\"alignleft size-full wp-image-11360\" \/><\/a>Richter selbst kann mit all den Ehrungen und Attributen eigentlich nur wenig anfangen. Und auch die astronomischen Preise, f\u00fcr die seine Bilder heute verkauft und versteigert werden, empfindet er l\u00e4ngst als &#8220;absurd&#8221;. Worum es ihm eigentlich geht, das hat er in den wenigen l\u00e4ngeren Interviews, auf die er sich \u00fcberhaupt eingelassen hat, immer wieder betont. Zum Beispiel im Fr\u00fchjahr 2011 gegen\u00fcber Sir Nicholas Serota, dem Direktor der Londoner Tate Gallery: &#8220;Das Malen ist mein Beruf, weil ich die meiste Lust dazu hatte und habe.&#8221; Und weiter: &#8220;Der Versuch, der Unf\u00e4higkeit und dem Elend eine Form zu geben, also ein Bild davon zu machen.&#8221; Richter, das wurde auch auf der Pressekonferenz zu seiner Berliner Ausstellung deutlich, liebt einfache, klare S\u00e4tze wie diese. M\u00f6gen andere in seine Bilder hineininterpretieren, was sie wollen, f\u00fcr ihn sind sie &#8220;ein Mittel von vielen, diese Welt zu \u00fcberstehen, genau wie Brot und Liebe&#8221;. Anders als \u00f6ffentlichkeitsaffine Malerf\u00fcrsten wie Georg Baselitz, Markus L\u00fcpertz oder der verstorbene J\u00f6rg Immendorff hat Richter sein Tun immer wieder kritisch reflektiert und in Frage gestellt. F\u00fcr ihn, den zur\u00fcckgezogen arbeitenden Zweifler, ist sein k\u00fcnstlerisches Handeln der &#8220;Versuch, die M\u00f6glichkeit zu erproben, was Malerei \u00fcberhaupt noch kann und darf&#8221;.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Kerze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Kerze.jpg\" alt=\"\" title=\"100 x 100 cm\" width=\"250\" height=\"250\" class=\"alignright size-full wp-image-11361\" \/><\/a>Aus dieser Grundfrage heraus l\u00e4sst sich dann auch die stilistische Vielfalt seiner Bilder erkl\u00e4ren: verwischt wirkende Gem\u00e4lde nach Fotovorlagen, Wolkenbilder, fotorealistische Landschaften, Familienportr\u00e4ts, altmeisterlich anmutende Vanitasgem\u00e4lde, abstrakte Farbexperimente, Experimente im Umgang mit monochromen Farbfl\u00e4chen, konzeptuelle Farbkompositionen, Streifenbilder oder auch expressiv-komplexe Abstraktionen. Die Berliner Ausstellung wirkt beim ersten Betreten, als w\u00e4re sie nach dem Zufallsprinzip vollkommen wild durcheinander geh\u00e4ngt worden. Abstraktes wechselt sich mit Figurativem ab, gro\u00dfformatige Bilder h\u00e4ngen neben ganz kleinen, Farbe trifft auf graue Monochromie. Was die Kuratoren Udo Kittelmann und Doroth\u00e9e Brill, die die Ausstellung in enger Abstimmung mit Richter eingerichtet haben, mit dieser etwas verwirrenden Art der Pr\u00e4sentation unterstreichen wollen, ist die auff\u00e4llige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Richters Werk. Die Botschaft: Es gibt bei Gerhard Richter keine abstrakte Phase, die dann irgendwann das figurative Werk abl\u00f6st. Alles geschieht parallel. Der Betrachter kann das ganz einfach nachpr\u00fcfen. Die Schau ist streng chronologisch geordnet. Und so h\u00e4ngen pl\u00f6tzlich Bilder nebeneinander, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten. Zum Beispiel das 2005 entstandene Gem\u00e4lde &#8220;September&#8221;, das mit hohem Abstraktionsgrad, aber dennoch sofort erkennbar, die verheerenden Anschl\u00e4ge auf das World Trade Center am 11.9.2001 thematisiert, neben einem geradezu kontemplativen Landschaftsgem\u00e4lde von 2004, das den Titel &#8220;Waldhaus&#8221; tr\u00e4gt und damit auf den R\u00fcckzugsort des K\u00fcnstlers, das gleichnamige Hotel im schweizerischen Sils-Maria, anspielt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/4096_Farben.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/4096_Farben.jpg\" alt=\"\" title=\"254 x 254 cm\" width=\"250\" height=\"253\" class=\"alignleft size-full wp-image-11362\" \/><\/a>Die Ausstellung hat im sonst eigentlich als Foyer dienenden Erdgeschoss der von Ludwig Mies van der Rohe entworfenen Neuen Nationalgalerie ihren angemessenen Ort gefunden. Die eigens eingebaute Ausstellungsarchitektur kann von den Besuchern komplett umrundet werden. Die Au\u00dfenw\u00e4nde sind mit der aus 196 Tafeln bestehenden Arbeit &#8220;4900 Farben&#8221; beh\u00e4ngt, die im Zusammenhang mit den Entw\u00fcrfen f\u00fcr ein von Richter gestaltetes Kirchenfenster des K\u00f6lner Doms entstand. Die aus jeweils 25 lackierten Quadratfl\u00e4chen bestehenden Tafeln korrespondieren aufs Vortrefflichste mit der modernistischen Gitterstruktur des Museumsbaus.<\/p>\n<p>Und wie kommt Gerhard Richter, ein K\u00fcnstler, der lieber reflektierend aus dem Hintergrund heraus agiert, als sich ins Blitzlichtgewitter zu verirren, mit der schon zu Lebzeiten einsetzenden Mythologisierung und dem medialen Hype, der zur Zeit rund um seine Person veranstaltet wird, klar? Seine Antwort f\u00e4llt \u00fcberraschend altersmilde und vers\u00f6hnlich aus: &#8220;Missachtet zu werden, w\u00e4re auf jeden Fall viel schlimmer.&#8221;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Jugendbildnis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Jugendbildnis.jpg\" alt=\"\" title=\"67 x 62 cm\" width=\"250\" height=\"289\" class=\"alignright size-full wp-image-11364\" \/><\/a><\/p>\n<ul>\n<li>Ausstellung: Gerhard Richter: Panorama<\/li>\n<li>Ort: Neue Nationalgalerie, Berlin<\/li>\n<li>Zeit: 12. Februar bis 13. Mai 2012<\/li>\n<li>Katalog: Prestel Verlag, 304 S., 305 Farbabb., 30 S\/W Abbildungen, 29 Euro (Museum), 39,95 (Buchhandel)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.gerhardrichterinberlin.org\/\">Internet<\/a><\/li>\n<li>Der Zyklus &#8220;18. Oktober 1977&#8221; (RAF-Zyklus) ist w\u00e4hrend der Ausstellungsdauer in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel zu sehen.<\/li>\n<li>Weitere Ausstellung zu Gerhard Richter in Berlin: Gerhard Richter-Editionen 1965-2011, 12. Februar bis 13. Mai 2012, <a href=\"http:\/\/www.me-berlin.com\/\">me Collectors Room<\/a> Berlin<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><\/p>\n<p>Gerhard Richter, &#8220;Lesende&#8221;, 1994, 72 x 102 cm, \u00d6l auf Leinwand, San Francisco Museum of Modern Art.<br \/>\n\u00a9 Gerhard Richter, 2012<\/p>\n<p>Gerhard Richter, &#8220;Betty&#8221;, 1977, 30 x 40 cm, \u00d6l auf Holz, Museum Ludwig, K\u00f6ln \/ Privatsammlung.<br \/>\n\u00a9 Gerhard Richter, 2012<\/p>\n<p>Gerhard Richter, &#8220;Kerze&#8221;, 1982, 100 x 100 cm, \u00d6l auf Leinwand, Museum Frieder Burda, Baden-Baden.<br \/>\n\u00a9 Gerhard Richter, 2012<\/p>\n<p>Gerhard Richter, &#8220;4096 Farben&#8221;, 1974, 254 x 254 cm, Lackfarbe auf Leinwand, Privatsammlung.<br \/>\n\u00a9 Gerhard Richter, 2012<\/p>\n<p>Gerhard Richter, &#8220;Jugendbildnis&#8221;, 1988, 67 x 62 cm, \u00d6l auf Leinwand, The Museum of Modern Art, New York.<br \/>\n\u00a9 Gerhard Richter, 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Richters gro\u00dfe Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie in Berlin Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas Titan, Olympionik, Ausnahmek\u00fcnstler, Picasso des 21. Jahrhunderts, Malergenie, wichtigster deutscher K\u00fcnstler der Gegenwart. Die nationale und internationale Presse \u00fcberschlagen sich in diesen Tagen mit immer neuen Etiketten und Lobpreisungen f\u00fcr den K\u00f6lner Maler Gerhard Richter, der am 9. Februar [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-11357","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kunstler-artistas"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11357","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11357"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11357\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11369,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11357\/revisions\/11369"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11357"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11357"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11357"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}