{"id":11370,"date":"2012-05-04T22:56:54","date_gmt":"2012-05-05T01:56:54","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=11370"},"modified":"2012-05-06T23:02:57","modified_gmt":"2012-05-07T02:02:57","slug":"bafici-nachlese-andreas-dresen-uber-seinen-film-halt-auf-freier-strecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/05\/04\/bafici-nachlese-andreas-dresen-uber-seinen-film-halt-auf-freier-strecke\/","title":{"rendered":"Bafici-Nachlese: Andreas Dresen \u00fcber seinen Film &#8220;Halt auf freier Strecke&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kurz bevor er mit seinem Krebsdrama die wichtigsten deutschen Filmpreise 2012 abr\u00e4umte, sprach Erfolgsregisseur Dresen im Rahmen des Bafici in Buenos Aires \u00fcber das Filmemachen<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/dresen3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/dresen3.jpg\" alt=\"\" title=\"dresen\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignleft size-full wp-image-11381\" \/><\/a>Einen seiner ersten Preise gewann Andreas Dresen in Argentinien. 1985 wurde sein Kurzfilm &#8220;Der kleine Clown&#8221; beim Filmfestival in Mar de Plata ausgezeichnet, doch damals durfte er den Preis nicht pers\u00f6nlich entgegennehmen: die Mauer stand noch. Erst 21 Jahre und eine ganze Filmkarriere sp\u00e4ter kam er her: 2006 war er mit seinem Erfolgsfilm &#8220;Sommer vorm Balkon&#8221; beim Bafici (Festival des Unabh\u00e4ngigen Films Buenos Aires) dabei. Dieses Jahr ist er zum zweiten Mal da, eingeladen zum Nachwuchsf\u00f6rderungsprogramm Talent Campus, das &#8211; unterst\u00fctzt vom Goethe-Institut &#8211; von der Berlinale organisiert wird und mittlerweile in f\u00fcnf weiteren St\u00e4dten der Welt Ableger hat. Aus ganz Lateinamerika wurden junge Nachwuchstalente aus der Filmbranche nach Buenos Aires eingeladen, um vier Tage lang zu diskutieren, zu &#8220;networken&#8221; und erfahrene Filmemacher kennenzulernen. Zum Beispiel Andreas Dresen.<\/p>\n<p>2006, erz\u00e4hlt der, sei er tagelang durch die Stadt gelaufen. Dieses Mal dauerte es keine zehn Minuten, da war er ausgeraubt: der alte Trick mit der Fl\u00fcssigkeit auf der Schulter und dem hilfsbereiten Dieb. Es sei komplizierter geworden, die Kontraste insbesondere in Buenos Aires seien h\u00e4rter geworden, meint er; es gebe mehr Kriminalit\u00e4t, &#8220;und das ist ja immer ein Zeichen daf\u00fcr, dass es Menschen sehr schlecht geht&#8221;.<\/p>\n<p>Offensichtlich hat sich der Regisseur gut erholt von dem Zwischenfall, er ist guter Dinge, w\u00e4hrend er im Caf\u00e9 der Filmhochschule der &#8220;Universidad del Cine&#8221; in San Telmo sitzt und \u00fcber den Einfluss des Herkunftslandes auf das eigene Schaffen redet. Das Caf\u00e9 im \u00fcberdachten Patio des sch\u00f6nen alten Geb\u00e4udes ist seltsam ruhig, die Talent Campus-Teilnehmer schauen sich gerade nebenan im Vorf\u00fchrungsraum &#8220;Halt auf freier Strecke&#8221; an, Dresens neuestes Werk. &#8220;Was mich am argentinischen Kino interessiert, ist die Aufarbeitung der Milit\u00e4rdiktatur, das hat sicher auch mit meiner DDR-Herkunft zu tun&#8221;, sagt er. &#8220;Gerade Zeiten, in denen der Verrat so nahe liegt, sind interessant f\u00fcr das Kino.&#8221;<!--more--><\/p>\n<p>Andreas Dresen wurde 1963 in eine Theaterfamilie hinein geboren. Schon fr\u00fch drehte er Amateurfilme, seit er 16 Jahre alt war, wusste er, dass er Filmemacher werden wollte. W\u00e4hrend die Sowjetunion in ihren allerletzten Z\u00fcgen lag, schloss Dresen sein Studium an der Hochschule f\u00fcr Film und Fernsehen &#8220;Konrad Wolf&#8221; Potsdam Babelsberg ab. &#8220;W\u00e4re die Mauer nicht gefallen, h\u00e4tte ich andere Filme gemacht&#8221;, sagt er. &#8220;Die Sprache, die im Osten gew\u00e4hlt wurde, war eine andere als die heutige. In Zeiten der Diktatur kann man nicht ohne Weiteres die Wahrheit sagen, man muss andere Wege finden. Das Publikum war ein anderes, zum einen las es Filme oder Theater ganz anders, zum anderen war da ein Hunger: Die Menschen waren so bed\u00fcrftig danach, dass jemand die Dinge ausspricht, deswegen rannten sie ins Theater oder ins Kino, das war ihr Fenster zur Welt. Jetzt leben wir in einer Welt, in der jeder alles sagen kann, wo jeder Zugriff hat auf eine un\u00fcberschaubare Menge an Informationen, was die einzelne Info aber auch entwertet. Es ist viel schwieriger, mit einem Buch oder einem Film Geh\u00f6r zu finden. Da frage ich mich manchmal schon: &#8216;Warum muss ich jetzt auch noch einen Film machen, es gibt doch schon so viele, die keiner gesehen hat!'&#8221;<\/p>\n<p><strong>&#8220;Halt auf freier Strecke&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise hat ihn das bisher nicht abgehalten. Vielleicht hat es ihm sogar geholfen, sich vor Banalit\u00e4t und Langeweile zu sch\u00fctzen. &#8220;&#8216;Gibt es diesen Film schon?&#8217;, das ist die Frage, die ich ich mir zum Beispiel vor &#8216;Halt auf freier Strecke&#8217; gestellt habe. Es fing damit an, dass ich das Gef\u00fchl hatte, dass der Tod zwar allgegenw\u00e4rtig ist im Kino, aber blo\u00df als stilistisches Mittel. So viele Menschen sterben im Kino, aber niemand fragt danach, was das eigentlich bedeutet. Dann habe ich mir eine Unmenge an Filmen \u00fcber das Sterben angeschaut, aber ich habe keinen gefunden, der mich zufriedengestellt h\u00e4tte. Also musste ich ihn selbst machen.&#8221;<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist ein Film, der erschl\u00e4gt. Ohne Kitsch und Gef\u00fchlsduselei erz\u00e4hlt er den Tod eines Mannes, vom Moment der Diagnose des Gehirntumors bis zum Eintreten des Todes, erz\u00e4hlt davon, was der Tod eines Familienmitglieds bedeutet f\u00fcr das fragile Gleichgewicht in einer Familie. In Cannes gewann er in der Sektion &#8220;Un certain regard&#8221;, andere Filmkritiker fanden ihn &#8220;so Schei\u00dfe, dass er einen gar nicht erst ber\u00fchrt&#8221;.<\/p>\n<p>F\u00fcr Andreas Dresen ist das in Ordnung: &#8220;Es geht nicht darum, dass alle meine Filme m\u00f6gen, mein Grundantrieb hinter dem Filmemachen war immer die Hoffnung, Diskussion in die Gesellschaft zu tragen.&#8221; Auch hier in Buenos Aires schafft er das: Nach dem Film belagern die angehenden Filmemacher den deutschen Regisseur: Wie er darauf gekommen sei, solch einen Film zu machen, wie das Drehbuch entwickelt worden sei, was der letzte Satz im Film zu bedeuten habe. Ein Filmstudent aus Ecuador wundert sich dar\u00fcber, dass ein solcher Film \u00fcber das Sterben ausgerechnet von einem deutschen Filmemacher stamme. Der extreme Realismus des Films, meint eine andere Studentin, f\u00fchre zu so absurden Situationen, dass man sich an britischen Humor erinnert f\u00fchle. Dresen beantwortet geduldig alle Fragen, erz\u00e4hlt, wie er ein Jahr lang f\u00fcr den Film recherchiert, mit Angeh\u00f6rigen und Betroffenen, \u00c4rzten, Hospizmitarbeitern und Psychologen gesprochen habe. Erkl\u00e4rt, dass es gar kein Drehbuch gegeben habe, dass die Dialoge von den Schauspielern improvisiert sind, dass das Krankenhauspersonal und die Heimpflegerin gar keine Schauspieler waren, sondern tats\u00e4chlich \u00c4rzte und Krankenpfleger. Am Ende m\u00fcssen die Organisatoren die kleine Versammlung mit sanfter Gewalt aufl\u00f6sen, damit die n\u00e4chste Veranstaltung beginnen kann.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, bei Bier und Erdn\u00fcssen, erkl\u00e4rt er, wie er zu dieser Art des Filmemachens gekommen ist. Wir sitzen drau\u00dfen vor einem Eckcaf\u00e9 im Herzen San Telmos, der Abend ist noch sommerlich warm, obwohl der Herbst schon l\u00e4ngst begonnen hat  Sein erster Spielfilm, &#8220;Stilles Land&#8221; (1992), sei von vorne bis hinten durchgeplant gewesen, er habe vorher jede Szene, jedes Bild genau im Kopf gehabt. &#8220;Das Schlimme war: Er sah auch genauso aus&#8221;, sagt er lachend. Sp\u00e4ter dann sei er mutiger geworden, nicht zuletzt auch dank der Erfahrungen durch seine Theaterproduktionen.<\/p>\n<p>Am liebsten von seinen eigenen Filmen hat er &#8220;Halbe Treppe&#8221; (2002): &#8220;Hier habe ich den gr\u00f6\u00dften Sprung gemacht und mich viel getraut: Mit eigenem Geld einen voll improvisierten Film zu drehen, ohne Drehbuch, mit so viel Anarchie und Frechheit. Er ist an vielen Stellen auch nicht rund, aber das macht nichts.&#8221; Eigentlich sei er gar kein so mutiger Mensch, sagt er zwischen zwei Schlucken Bier, und es koste ihn sehr viel, die Kontrolle abzugeben. Auf dem Weg zum Drehort in Frankfurt an der Oder habe er den VW-Bus am Stra\u00dfenrand angehalten und geheult, weil er so nerv\u00f6s und angespannt war. Bis heute habe er jedes Mal vor Drehbeginn Angst und sei so aufgeregt, dass er nicht schlafen k\u00f6nne. &#8220;Ich habe dann das Gef\u00fchl, dass ich gar kein richtiger Regisseur bin.&#8221; Man m\u00f6chte ihn umarmen. Sein Erfolg hat ihm nichts anhaben k\u00f6nnen, hat ihn kein bisschen pr\u00e4tenti\u00f6s gemacht. Er ist ein angenehmer Gespr\u00e4chspartner, nichts muss man ihm aus der Nase ziehen in gemeiner Journalistenmanier. Der Abend wird immer l\u00e4nger, irgendwann schlie\u00dft das Caf\u00e9 und wir verziehen uns in die n\u00e4chste Bar, die mit ihren altehrbaren Kellnern und den beiden Schachspielern am Nebentisch den Charme des Argentiniens der drei\u00dfiger Jahre verspr\u00fcht. Dresen sagt, dass ein guter Filmemacher vor allem eines brauche: &#8220;Mut zum Risiko! Man sollte beim Film nie auf Nummer sicher gehen. Nat\u00fcrlich hat man \u00c4ngste, auch weil man mit viel fremdem Geld arbeitet. Aber Angst ist der schlechteste Ratgeber, wenn man sich von ihr leiten l\u00e4sst, dann hat man schon verloren. Wenn ich nicht mit jedem Film einen Schritt weiter gehe, lande ich in Routine und Langeweile, und dann kann ich aufh\u00f6ren.&#8221;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag findet die offizielle Gespr\u00e4chsrunde zwischen den Teilnehmern des Talent Campus und dem deutschen Regisseur statt. Dresen erz\u00e4hlt von den Dreharbeiten, davon, wie er erst am allerletzten Tag vor Drehbeginn den Arzt gefunden hat, der bereit war, mitzumachen. Von den Vorteilen des kleinen Drehteams, das aus nur sieben Personen bestand: &#8220;Man muss sich das vorstellen wie eine kleine italienische Familie, die einen Film zusammen macht.&#8221; W\u00e4re die Crew gr\u00f6\u00dfer gewesen, meint er, h\u00e4tten die Szenen viel von ihrer Intimit\u00e4t verloren.<\/p>\n<p>Dann geht es um seinen dokumentarischen Ansatz und um die Grenze zwischen Fiktion und Doku. Von einem deutschen Journalisten ist er einmal gefragt worden, warum er nicht gleich einen Doku-Film \u00fcber das Sterben gemacht h\u00e4tte. &#8220;Dann w\u00e4re es ein ganz anderer Film geworden&#8221;, wiederholt er seine Antwort nun. &#8220;Es gibt in dem Film so viele Szenen, bei denen ich hinausgegangen w\u00e4re, aus Scham oder Respekt. Es gibt eine klare Grenze zwischen Spielfilm und Doku.&#8221;<\/p>\n<p>Dann k\u00f6nne man also mit den Mitteln des fiktionalen Films die Wirklichkeit manchmal besser zeigen als mit den Mitteln des dokumentarischen Films? Dresen l\u00e4chelt. &#8220;Manchmal habe ich tats\u00e4chlich das Gef\u00fchl, ich verf\u00fchre die Zuschauer, dass sie wirklich glauben, was sie da sehen auf der Leinwand. Dann denke ich an Brechts Satz &#8216;Glotzt nicht so romantisch!'&#8221; Ob es nun ein Doku- oder ein Spielfilm ist, letztlich sei beides vom h\u00f6chst subjektiven Wahrheitsempfinden der Menschen vor und hinter der Kamera bestimmt, in beiden Formen k\u00f6nne man l\u00fcgen. &#8220;F\u00fcr mich&#8221;, sagt Dresen, &#8220;hat Realismus etwas mit Wahrheit sagen zu tun. Da ist keine Wirklichkeit auf der Leinwand, aber vielleicht ein St\u00fcck Wahrheit.&#8221;<\/p>\n<p>Nach der Runde geht es mit einigen Studenten in die n\u00e4chste Bar. Die Diskussion wird wohl noch den ganzen Abend weitergehen.<\/p>\n<p><strong>Bild:<\/strong><br \/>\nEntspannt in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 in Buenos Aires: Andreas Dresen.<br \/>\n(Foto: Mirka Borchardt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz bevor er mit seinem Krebsdrama die wichtigsten deutschen Filmpreise 2012 abr\u00e4umte, sprach Erfolgsregisseur Dresen im Rahmen des Bafici in Buenos Aires \u00fcber das Filmemachen Von Mirka Borchardt Einen seiner ersten Preise gewann Andreas Dresen in Argentinien. 1985 wurde sein Kurzfilm &#8220;Der kleine Clown&#8221; beim Filmfestival in Mar de Plata ausgezeichnet, doch damals durfte er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,2],"tags":[],"class_list":["post-11370","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-film-cine","category-kunstler-artistas"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11370"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11370\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11382,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11370\/revisions\/11382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}