{"id":11613,"date":"2012-06-22T14:26:13","date_gmt":"2012-06-22T17:26:13","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=11613"},"modified":"2012-06-27T14:27:03","modified_gmt":"2012-06-27T17:27:03","slug":"mit-musik-gegen-den-paco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/06\/22\/mit-musik-gegen-den-paco\/","title":{"rendered":"Mit Musik gegen den &#8220;Paco&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Musikschule der Gemeinde Caacup\u00e9 k\u00e4mpft gegen das Drogenproblem in den &#8220;Villas Miserias&#8221;<\/p>\n<p><em>Von Mirka Borchardt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Schueler_Caacupe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Schueler_Caacupe.jpg\" alt=\"\" title=\"Schueler_Caacupe\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"aligncenter size-full wp-image-11617\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Schueler_Caacupe.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Schueler_Caacupe-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nCamila und Miriam singen sich f\u00fcr ihren Gesangsunterricht warm. Es ist Freitag Nachmittag, \u00fcber der Villa 21-24 h\u00e4ngt blauer Dunst und es riecht nach Grill. Von drau\u00dfen dringen Cumbiakl\u00e4nge in das Klassenzimmer, nebenan \u00fcben drei Kinder die Tonleiter auf einem Keyboard. Camila und Miriam sind Sch\u00fclerinnen der Musikschule der Gemeinde Caacup\u00e9. Camila m\u00f6chte S\u00e4ngerin werden, vielleicht mal eine eigene Band gr\u00fcnden. Vor kurzem ist sie 15 Jahre alt geworden. Deswegen \u00fcbt sie heute mit ihrer zwei Jahre j\u00fcngeren Schwester Miriam f\u00fcr einen besonderen Anlass: ihre Geburtstagsparty. Das wird ein ganz gro\u00dfes Fest, in einem Pavillon auf einem extra daf\u00fcr angemieteten Grundst\u00fcck, erz\u00e4hlt sie freudestrahlend. Selbst ihr Bruder wird kommen. Seit einem Jahr wohnt er nicht mehr in Buenos Aires, genauso lange, wie die Familie nicht mehr in der Villa wohnt. Vor einem Jahr, im Morgengrauen, bekam die Familie Besuch von ein paar bewaffneten Schl\u00e4gertypen, die ihnen mit Konsequenzen drohten, sollte der Bruder tats\u00e4chlich aussteigen. Aussteigen aus dem Drogenhandel, das war damit gemeint. Von einem Tag auf den anderen zog Camilas Familie um.<\/p>\n<p>Santiago, der Lehrer kommt zur\u00fcck, die Gesangsstunde geht weiter. Begleitet von einem leicht verstimmten Klavier \u00fcben die beiden Schwestern die schwierigsten Parts der Songs wieder und wieder. Es ist k\u00fchl im Klassenzimmer, es gibt keine Heizung. W\u00e4hrend die Sonne untergeht, belebt sich die Stra\u00dfe drau\u00dfen, die Cumbia-Kl\u00e4nge werden lauter. Ein Auto f\u00e4hrt vorbei, ein schwarzer, gl\u00e4nzender Mercedes, der hier in diesem Viertel wie von einem anderen Stern wirkt. Doch die Villeros gucken dem Auto nicht einmal hinterher. Die Mafia geh\u00f6rt zum Alltag.<\/p>\n<p>Der Paco ist eines der dr\u00e4ngendsten Probleme in den Villas. Seit der Wirtschaftskrise ist der Konsum um ein Vielfaches gestiegen. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der Jugendlichen in den Villas raucht den giftigen Stoff, wird gesch\u00e4tzt. Weil er billig ist, nur ein paar Pesos kostet der Trip. Weil die Mafia vor ein paar Jahren ihre Produktionsst\u00e4tten unter anderem nach Argentinien verlegt hat; nun sind die Vertriebswege k\u00fcrzer. Und weil der Rausch immer noch am meisten hilft gegen das Gef\u00fchl der Perspektivlosigkeit. Hier ist der Punkt, wo Padre Toto, Santiago und andere Freiwillige der Gemeinde Caacup\u00e9 ansetzen. Gegen die Mafia k\u00f6nnen sie nichts ausrichten, und sie k\u00f6nnen auch nichts \u00e4ndern an den Lebensbedingungen der jungen Menschen. Aber sie k\u00f6nnen ihnen vielleicht neue Perspektiven geben. Durch Bildungsangebote zum Beispiel, durch Sportgruppen, Freizeitaktivit\u00e4ten &#8211; und mit Hilfe der Musik.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Gemeindehaus_Caacupe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Gemeindehaus_Caacupe.jpg\" alt=\"\" title=\"Gemeindehaus_Caacupe\" width=\"250\" height=\"188\" class=\"alignleft size-full wp-image-11615\" \/><\/a>Bei der kleine Kapelle &#8220;Jesus vive&#8221; sind die Stra\u00dfen eng und vom letzten Regen verschlammt, und viel dunkler als beim gro\u00dfen, hell erleuchteten Gemeindehaus Caacup\u00e9. Trotzdem spielen ein Dutzend Jungs Fu\u00dfball, Erwachsene sitzen vor ihren H\u00e4usern und unterhalten sich. &#8220;Als wir hier anfingen, war es noch viel schlimmer&#8221;, erz\u00e4hlt Santiago. &#8220;Viel marginalisierter, und gef\u00e4hrlicher.&#8221; Vor ein paar Jahren gr\u00fcndete er in der Kapelle einen kleinen Chor, der sehr schnell gr\u00f6\u00dfer wurde. Jugendliche kamen, weil das Singen die Langeweile vertrieb, und sie brachten ihre kleinen Geschwister mit, damit die Mutter zu Hause ihre Ruhe habe. Deswegen zog der Chor irgendwann in das Gemeindehaus um, dort war mehr Platz. Nach und nach fand Santiago Lehrer, und bald konnte er auch Klavier- und Gitarrenunterricht anbieten, Trommeln und Blasinstrumente. Auch eine Band gibt es.<\/p>\n<p>Eine der Lehrerinnen ist Jazm\u00edn. Sie unterrichtet Klavier, ist 25 Jahre alt und kommt aus La Boca, einem anderen &#8220;marginalisierten&#8221; Stadtteil von Buenos Aires. Sie kennt die Welt ihrer Sch\u00fcler. &#8220;Das Musikstudium hat mir Spa\u00df gemacht, aber mich nicht ausgef\u00fcllt&#8221;, sagt sie. &#8220;Die Arbeit hier, die schafft das.&#8221; Wie die meisten der acht Lehrer, die au\u00dfer Santiago alle nicht viel \u00e4lter sind als sie, arbeitet sie ehrenamtlich in Caacup\u00e9. Santiago w\u00fcrde sie gerne bezahlen, aber das geht momentan nicht. Die Musikschule finanziert sich allein aus privaten Spenden, jedes Jahr aufs Neue muss er k\u00e4mpfen, um die Mittel zusammenzubekommen. Auch dieses Jahr ist es wieder eng.<\/p>\n<p>Padre Toto ist der Priester der Gemeinde Caacup\u00e9. Mit Jeans und Turnschuhen sitzt er in seinem B\u00fcro, das auf den Hof hinausgeht, auf dem ein paar Jungen Volleyball spielen. &#8220;W\u00e4ren sie jetzt nicht hier, w\u00fcrden sie Paco rauchen&#8221;, stellt Padre Toto fest. Er sagt es ohne Bitterkeit. An der Wand h\u00e4ngt neben dem Kreuz eine Karikatur von von ihm als Fu\u00dfballspieler, gegen\u00fcber ein bunter Sombrero. Er bietet Mate an, w\u00e4hrend er \u00fcber seine Arbeit berichtet, \u00fcber die Versuche, die Jugendlichen von der Stra\u00dfe und damit aus den Armen des Paco zu holen: das Colegio Secundario, eine Berufsschule, Fu\u00dfballgruppen, Gemeinschaftskantinen, Nachhilfeunterricht, eine Pfadfindergruppe &#8211; und die Musikschule. Gerade die sei wichtig im Drogenpr\u00e4ventionsprogramm, denn: &#8220;Musik hat heilende Kr\u00e4fte.&#8221; Etwa 1000 Jugendliche, meint er, k\u00f6nnten sie mit all diesen Initiativen erreichen. Doch wie viel diese Pr\u00e4vention bringt, das sei schwer zu sagen: &#8220;Es gibt kein Vorher-Nachher-Foto.&#8221;<\/p>\n<p>Die heilenden Kr\u00e4fte der Musik, nirgendwo sind sie n\u00f6tiger als hier. &#8220;Letztes Jahr&#8221;, erz\u00e4hlt Jazm\u00edn, &#8220;sahen wir aus dem Haus gegen\u00fcber eine Frau auf die Stra\u00dfe laufen, vermutlich eine Prostituierte, mit durchgeschnittener Kehle. Sie blutete wie ein Schwein. Doch da kam kein Krankenwagen, die trauen sich hier nicht rein. H\u00f6chstens mit einer Eskorte von vier Streifenwagen, aber wenn grad keine verf\u00fcgbar sind, dann kommen sie eben nicht.&#8221; Sie erz\u00e4hlt von einem Sch\u00fcler, dessen Vater mit neun Sch\u00fcssen im K\u00f6rper tot in seinem Wagen gefunden wurde. Von dem M\u00e4dchen, das von ihrem Vater missbraucht wird, und der Mutter, die nichts dagegen tun kann. Dann sagt sie erschrocken: &#8220;Ich h\u00f6re mich ziemlich abgekl\u00e4rt an, oder?&#8221; Und f\u00fcgt entschuldigend hinzu: &#8220;Man gew\u00f6hnt sich daran, irgendwie.&#8221; Jazm\u00edn hat angefangen, Soziologie zu studieren, damit sie ein Werkzeug hat, mit dem sie diesen heftigen Geschichten begegnen kann.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Santiago_Caacupe1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Santiago_Caacupe1.jpg\" alt=\"\" title=\"Santiago_Caacupe\" width=\"250\" height=\"188\" class=\"alignright size-full wp-image-11620\" \/><\/a>Doch besteht die Arbeit an der Musikschule nicht nur aus verst\u00f6renden Erlebnissen. &#8220;Es gibt dir auch ganz viel&#8221;, sagt Santiago. &#8220;Wenn die Sch\u00fcler langsam Vertrauen zu dir entwickeln, wenn sie anfangen, dich zu m\u00f6gen, dann bekommst du das alles zur\u00fcck.&#8221; Die Musikschule ist kein Pflichtprogramm f\u00fcr die etwa 60 Sch\u00fcler zwischen f\u00fcnf und 24 Jahren. Da ist keine ehrgeizige Mutter dahinter, die meint, es w\u00fcrde ihrem Spr\u00f6ssling gut tun, ein Instrument zu lernen. Die Sch\u00fcler kommen freiwillig. Und manchmal auch auf eigene Faust. So wie die zehnj\u00e4hrige Bianca, die mit ihrer gelben Puppe im Arm pl\u00f6tzlich die T\u00fcr zum Klassenzimmer aufmacht und sich neben Santiago auf die Klavierbank setzt. Sp\u00e4ter wechselt sie in den Keyboardunterricht nebenan, zu Jazm\u00edn. Die redet hinterher begeistert auf Santiago ein, er solle die Mutter dazu bewegen, Bianca regelm\u00e4\u00dfig zu bringen, sie habe ein erstaunliches Talent. Ob das was n\u00fctzen wird, ist fraglich. Bianca ist allein hier, stellt sich heraus. Santiago muss sie nach dem Unterricht nach Hause fahren, damit sie nicht allein durch die dunklen Gassen l\u00e4uft. Die Eltern scheinen sich nicht zu k\u00fcmmern. &#8220;Drogenh\u00e4ndler, bestimmt&#8221;, sagt er, auf Deutsch, damit sie es nicht versteht. Er hat zwei Jahre Musik in Karlsruhe studiert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Musiklehrer auf Santiago warten, der oben noch die letzten Instrumente wegschlie\u00dft, beendet Padre Toto nebenan in der Kapelle die t\u00e4gliche Messe. Seine wei\u00dfe Soutane hat er schon ausgezogen, als er herauskommt. Nun tr\u00e4gt er wieder Jeans und T-Shirt. &#8220;Alles gut, Schwester?&#8221;, fragt er, und gibt mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange. &#8220;Ja&#8221;, sage ich. Aber das L\u00e4cheln will mir nicht so richtig gelingen.<\/p>\n<p>Falls Sie die Musikschule und das Drogenpr\u00e4ventionsprogramm von Caacup\u00e9 unterst\u00fctzen m\u00f6chten, haben Sie <a href=\"http:\/\/escuelademusicacaacupe.blogspot.com.ar\/p\/como-colaborar.html\">hier<\/a> die M\u00f6glichkeit dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Musikschule der Gemeinde Caacup\u00e9 k\u00e4mpft gegen das Drogenproblem in den &#8220;Villas Miserias&#8221; Von Mirka Borchardt Camila und Miriam singen sich f\u00fcr ihren Gesangsunterricht warm. Es ist Freitag Nachmittag, \u00fcber der Villa 21-24 h\u00e4ngt blauer Dunst und es riecht nach Grill. 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