{"id":1279,"date":"2007-11-17T08:43:53","date_gmt":"2007-11-17T11:43:53","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/11\/17\/doppelter-verlust-der-kindheit\/"},"modified":"2010-11-07T18:29:22","modified_gmt":"2010-11-07T21:29:22","slug":"doppelter-verlust-der-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/11\/17\/doppelter-verlust-der-kindheit\/","title":{"rendered":"Doppelter Verlust der Kindheit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/11\/17\/doble-perdida-de-la-ninez\/\">Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Der deutsche Videok\u00fcnstler Bj\u00f8rn Melhus besuchte Argentinien<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<table align=left>\n<tr>\n<td align=center>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1281\" alt=Dorothy.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2007\/11\/Dorothy.jpg\" \/><br \/>\n<em>Bj\u00f8rn Melhus als Dorothy in \u201cWeit weit weg\u201d.<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Bj\u00f8rn Melhus, einer der interessantesten Videok\u00fcnstler und Experimentalfilmer Deutschlands, war vergangene Woche im Rahmen des Euroamerikanischen Film-, Video- und Digitalkunstfestivals MEACVAD in Argentinien. Eingeladen worden war er vom Goethe-Institut Buenos Aires, das zusammen mit der Alianza Francesa und der Stiftung Telef\u00f3nica Veranstalter des Festivals war, welches noch zw\u00f6lf weitere bedeutende Pers\u00f6nlichkeiten aus dem In- und Ausland in seinem hochkar\u00e4tigen Programm vom 5. bis 9. November hatte, darunter den charismatischen Dokumentarfilmer und Kinotheoretiker Jean-Louis Comolli aus Frankreich, den brasilianischen Filmemacher, Drehbuchautor und Produzenten Cao Guimar\u00e3es, den K\u00fcnstler, Performer, \u201eNetworker\u201c und experimentellen Dichter Clemente Pad\u00edn aus Uruguay oder die K\u00fcnstlergruppe ArteProt\u00e9ico aus C\u00f3rdoba\/Argentinien.<\/p>\n<p>Geboren in Kirchheim\/Teck (was man ihm nicht anh\u00f6rt), lebt und arbeitet Bj\u00f8rn Melhus heute vor allem in Berlin. Sein Geburtsjahr 1966 ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr seine k\u00fcnstlerische Arbeit, denn Melhus geh\u00f6rt der ersten Generation von deutschen Kindern an, die vom Fernsehen und vor allen den US-amerikanischen Serien gepr\u00e4gt wurde. \u201cSeit ich denken kann, habe ich ferngesehen\u201d, sagt Melhus, der den hopsenden Gang des Astronauten Neil Armstrong, des ersten Menschen auf dem Mond, als Kind endlos auf einer Matratze nachmachte und eine Baustelle in der N\u00e4he der Hochhaussiedlung, in der er aufwuchs, zu seinem eigenen \u201cWilden Westen\u201d erkl\u00e4rte, wo er sich in die Serien hineintr\u00e4umte.<!--more--><\/p>\n<p>Die Identifikationsmuster, die das Fernsehen der Kindheit lieferten, mischten sich mit der Realit\u00e4t des eigenen Lebens und wurden nahtlos eingebaut, ohne dass es dem Kind bewusst geworden w\u00e4re, dass es sich bei den TV-Welten um fiktive Wirklichkeiten handelte und man von den wahren Umst\u00e4nden beispielsweise beim Urwalddoktor Daktari oder auf der Farm der Cartwrights in Bonanza keine Ahnung hatte.<\/p>\n<p>Bj\u00f8rn Melhus empfindet diese Indoktrination und Verzerrung der eigenen Wahrnehmung heute als Verlust (von Identit\u00e4t), und obwohl er in seinen Videoinstallationen und Filmen mit viel Humor arbeitet, ist doch auch immer Trauer mit im Spiel &#8211; Trauer \u00fcber den Verlust der Kindheit im allgemeinen, und im besonderen einer Kindheit, die ungewollt fremdbestimmt war.<\/p>\n<p>An zwei Abenden im Goethe-Institut Buenos Aires und bei zwei Veranstaltungen vor Filmstudenten an der Universit\u00e4t von San Miguel de Tucum\u00e1n im Landesinneren bot  sich letzte Woche die Gelegenheit, das nicht immer leicht zug\u00e4ngliche Werk Melhus\u2019 n\u00e4her kennenzulernen. Am Donnerstagabend zeigte der K\u00fcnstler in Buenos Aires eine Auswahl seiner vielschichtigen Videoinstallationen, am Freitagabend zwei l\u00e4ngere Filme. Im ersten, \u201cWeit weit weg &#8211; Far far away\u201d (1995, 39 Min.), verk\u00f6rpert Melhus, der in seinen Installationen und Filmen immer alle Rollen selbst spielt, Dorothy aus dem \u201cZauberer von Oz\u201d. \u201cDies ist ein autobiographischer Film, es geht um das pers\u00f6nliche Psychodrama vom Ende der Kindheit, vom Kinderzimmer, das zum Gef\u00e4ngnis wird\u201d, erkl\u00e4rt Bj\u00f8rn Melhus den in 12 Kapitel eingeteilten Film von Dorothy, die mit dem Plastikhund Toto, ihrem einzigen Freund, in Sasnak lebt. (Melhus: \u201cDas ist Kansas von hinten gelesen, und es klingt so sch\u00f6n Deutsch.\u201d) Mit Hilfe eines gelben Telefons versucht Dorothy, \u201cweit weit weg\u201d in die Welt des Fernsehens zu entfliehen, und es gelingt ihr, eine zeitgleiche andere Dorothy in Amerika zu erschaffen, ein Signal, mit dem sie \u201ckommuniziert\u201d (Melhus verwendet in seinen Filmen nie die eigene Stimme, sondern Synchronstimmen, in diesem Fall die Stimme der deutschen Synchronsprecherin von Judy Garland aus dem Film \u201cDer Zauberer von Oz\u201d und Judy Garlands Originalstimme). Das Signal vervielf\u00e4ltigt sich, es kommt zur Trennung, zur Transformation, einer erneuten Kontaktaufnahme und dann dem endg\u00fcltigen Verlust dieses Teils der kleinen Dorothy, die einsamer und verzweifelter als zuvor in ihrem Kinderzimmer zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n<p>Auch der zweite Film, den Melhus an diesem Abend zeigt, endet mit einem sehr einpr\u00e4gsamen Bild: In \u201cAuto Center Drive\u201d (2003), in dem unterschiedliche, von Melhus dargestellte \u201eScience-Fiction\u201c-Figuren mit den Stimmen von James Dean, Janis Joplin und Jim Morrison sprechen bzw. singen (\u201calles jung gestorbene Stars, und das ist wichtig!\u201d, merkt der K\u00fcnstler an), befindet sich der Protagonist \u201cJimmy\u201d am Ende in einem Auto, das zun\u00e4chst von einem Chauffeur gesteuert wird. Er beginnt, diesem etwas zu beichten, schaut zur Seite &#8211; und ist allein. Eine treffende Beschreibung des Lebens, in dem wir dahinrasen, ohne eine Ahnung zu haben, wer da eigentlich steuert.<\/p>\n<p><strong>MEACVAD-Buchver\u00f6ffentlichungen<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen des Euroamerikanischen Film-, Video- und Digitalkunstfestivals MEACVAD sind zwei B\u00fccher erschienen: zum einen \u201cVer y Poder\u201d von Jean-Louis Comolli, das von Aurelia Rivera und Nueva Librer\u00eda mit der Unterst\u00fctzung der Alianza Francesa und der Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica herausgegeben wurde. Der andere Band ist \u201cArtes y Medios Audiovisuales, un estado de situaci\u00f3n\u201d, eine Zusammenstellung von Jorge La Ferla, die von der Alianza Francesa, der Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica und dem Goethe-Institut produziert wurde. Sie vereint Schriften \u00fcber Dokumentarfilm, Kino, Fernsehen, Video, Telematik und neue Medien, die von den Forschern und K\u00fcnstlern verfasst wurden, die am Festival teilgenommen haben.<\/p>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; vom 17.11.07.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano. Der deutsche Videok\u00fcnstler Bj\u00f8rn Melhus besuchte Argentinien Von Susanne Franz Bj\u00f8rn Melhus als Dorothy in \u201cWeit weit weg\u201d. Bj\u00f8rn Melhus, einer der interessantesten Videok\u00fcnstler und Experimentalfilmer Deutschlands, war vergangene Woche im Rahmen des Euroamerikanischen Film-, Video- und Digitalkunstfestivals MEACVAD in Argentinien. Eingeladen worden war er vom Goethe-Institut [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,2],"tags":[],"class_list":["post-1279","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein-general","category-kunstler-artistas"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1279"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1279\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4623,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1279\/revisions\/4623"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}