{"id":1312,"date":"2007-12-08T08:00:46","date_gmt":"2007-12-08T11:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/12\/08\/ein-furchtloser-zauberer\/"},"modified":"2007-12-05T15:04:51","modified_gmt":"2007-12-05T18:04:51","slug":"ein-furchtloser-zauberer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/12\/08\/ein-furchtloser-zauberer\/","title":{"rendered":"Ein furchtloser Zauberer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Malba wurde die erste gro\u00dfe Oscar Bony-Retrospektive er\u00f6ffnet<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1294\" alt=Bony.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2007\/11\/Bony.jpg\" \/><br \/>\n<em>Oscar Bony in seinem Atelier in Buenos Aires, 1995. Im Hintergrund ein Foto von &#8220;La familia obrera&#8221;. (Foto: Gian Paolo Minelli)<\/em><\/div>\n<p>Mit seinem Werk \u201cLa familia obrera\u201d (Die Arbeiterfamilie), das er im Jahr 1968 im experimentellen \u201cInstituto Di Tella\u201d ausstellte, brachte der argentinische K\u00fcnstler Oscar Bony (1941-2002), dem im Malba nun die erste umfassende Retrospektive gewidmet ist, restlos alle gegen sich auf. Sowohl die linke wie die rechte Presse wetterten, ein Riesenskandal brach los. Und der K\u00fcnstler goss flei\u00dfig \u00d6l in die Flammen.<\/p>\n<p>In \u201cLa familia obrera\u201d stellte Bony f\u00fcr die Zeit der \u201cExperiencias\u201d genannten Ausstellung im Di Tella eine \u201clebendige\u201d Arbeiterfamilie auf einem Podest aus: Vater, Mutter und Sohn. F\u00fcr die Tage der Schau hatte er dem Mann mehr Geld geboten als dieser in der Fabrik bekommen h\u00e4tte. \u201cVerh\u00f6hnung des Arbeiters!\u201d, st\u00f6hnte die Linke, w\u00e4hrend konservative Kreise die W\u00fcrde der Familie angegriffen sahen. Bewusst spielte Oscar Bony mit seinem Image als Ausbeuter des Proletariats und bezeichnete den Vertrag, den er mit dem Arbeiter geschlossen hatte (und der mit ausgestellt war), als das eigentliche Kunstwerk.<\/p>\n<p>Heute existieren nur noch Fotos dieses Schl\u00fcsselwerks eines der bedeutendsten argentinischen K\u00fcnstler, auf dessen schwer zu rekonstruierende Spuren sich der Chefkurator des Malba, Marcelo Pacheco, gemacht hat, um dem Publikum nun eine kompakte, wohldurchdachte und f\u00fcr Laien wie f\u00fcr Kenner interessante Exposition zu bieten. Viele Werke Bonys wie Performances oder zerst\u00f6rtes Material wurden daf\u00fcr rekonstruiert oder sind als Fotodokumente aus dem bedeutenden Archiv des K\u00fcnstlers erhalten.<\/p>\n<p>Nach dem Sturm der \u201cwilden 1960er-Jahre\u201d kam sehr abrupt die innere Emigration: Nachdem die Ausstellung \u201cExperiencias\u201d von der Polizei geschlossen wurde, zerst\u00f6rten die K\u00fcnstler ihre Werke und warfen sie auf die Stra\u00dfe, um danach das weitere Schaffen zu verweigern. Zu der Gruppe geh\u00f6rten neben Bony u.a. auch Pablo Su\u00e1rez und Margarita Paksa. Bony widmete sich nun der Fotografie: Er machte trendige Aufnahmen von Rockstars der Zeit, gestaltete Plattencover von legend\u00e4ren Bands wie Almendra oder Arco Iris  und pr\u00e4gte die \u00c4sthetik des \u201cRock Nacional\u201d Anfang der Siebziger entscheidend mit.<\/p>\n<p>Mitte der Siebziger begann er auch wieder zu malen &#8211; hyperrealistische Himmel- und Wolkenbilder, die wie Fotografien wirkten, w\u00e4hrend seine Fotos oft surrealistischen Gem\u00e4lden \u00e4hnelten. Der zweite Abschnitt der Retrospektive ist diesen beiden Aspekten seines Schaffens gewidmet.<\/p>\n<p>1977 verlie\u00df Bony mit seiner Familie das von der Milit\u00e4rdiktatur beherrschte Argentinien und lie\u00df sich in Mailand nieder, wo er elf Jahre verbrachte. Obwohl er in dieser Zeit gro\u00dfe Erfolge verbuchte, zahlreiche Ausstellungen hatte, ja, das Kunstleben Italiens mitpr\u00e4gte, ist diese Zeitspanne in der Retrospektive nur sp\u00e4rlich beleuchtet.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Raum nehmen die 1990er-Jahre ein, in denen Bony mit seinen von Revolverkugeln durchl\u00f6cherten Fotografien &#8211; vor allem Selbstportr\u00e4ts &#8211; weit \u00fcber Argentinien hinaus Ruhm erlangte. Die zerschossenen Bilder tauchten erstmals 1994 in der Ausstellung \u201cDe amor y violencia\u201d (Von Liebe und Gewalt) in der Kunstgalerie Filo\u2019s auf; 1996 folgte in der Fundaci\u00f3n Klemm die Exposition \u201cFotograf\u00edas y vidrios baleados\u201d (Zerschossene Fotos und Bilderrahmen), in der Bony auch erstmals seine \u201cSuicidios\u201d (Selbstmorde) genannten Selbstbildnisse zeigte. 1998 wurde im Museo Nacional de Bellas Artes \u201cEl triunfo de la muerte\u201d (Der Triumph des Todes) er\u00f6ffnet, im selben Jahr ehrte das Museum f\u00fcr Moderne Kunst (MAMBA) Bony mit einer Retrospektive seiner Werke der 1970er-Jahre.<\/p>\n<p>\u201cIch bin ganz ruhig, wenn ich mit der 9 Millimeter auf die Bilder ziele\u201d, schreibt Oscar Bony 1997 im Katalog der 5. Internationalen Kunstbiennale von Istanbul. \u201cAn der Wand meines Ateliers lehnen meine Selbstportr\u00e4ts und schauen mich an, auch die unendlichen Himmel Patagoniens, der Amazonas, der jeden Tag weiter niedergebrannt wird &#8211; all das, was im Vergehen begriffen ist und bald nur noch Erinnerung sein wird. Der Revolverschuss ist das entscheidende Signal, nun ist die Grenze gezogen. Das Glas splittert, ganz so, wie die nach dem Zufallsprinzip auftreffenden Kugeln es wollen. So wie es kaputtgegangen ist, bleibt es. Das Urteil des zerbrochenen Glases ist gef\u00e4llt und kann nicht mehr angefochten werden.\u201d<\/p>\n<p>Die im ganzen 120 Werke umfassende Ausstellung \u201cOscar Bony, El mago (Der Zauberer)\u201d wurde vom Malba im Rahmen einer Reihe von Expositionen produziert, die bedeutende argentinische K\u00fcnstler des 20. Jahrhunderts wie Jorge de la Vega, Antonio Berni, Xul Solar, Victor Grippo und Alfredo Guttero in ein neues Licht r\u00fccken. Zu der Ausstellung ist ein zweisprachiger Katalog (Spanisch-Englisch) erschienen.<\/p>\n<ul>\n<li>Oscar Bony, \u201cEl mago\u201d, Werke 1965\/2001, Retrospektive. Kurator: Marcelo Pacheco. Malba, Av. Figueroa Alcorta 3415. Do-Mo und feiertags 12-20 Uhr, dienstags geschlossen, mittwochs bis 21 Uhr, Eintritt frei. An den anderen Tagen: Eintritt 12 Pesos, Lehrer und \u00fcber 65-J\u00e4hrige 6 Pesos, Studenten, unter 12-J\u00e4hrige und Behinderte gratis. F\u00fchrungen mittwochs, donnerstags und freitags 17 Uhr, samstags und sonntags 18 Uhr. 22.11.-30.01.08.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; vom 08.12.07.<\/em><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1295\" alt=Mago.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2007\/11\/Mago.jpg\" \/><br \/>\n<em>Oscar Bony, &#8220;El mago&#8221;, Farbfoto hinter zerschossenem Glas, 1998.<\/em><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Malba wurde die erste gro\u00dfe Oscar Bony-Retrospektive er\u00f6ffnet Von Susanne Franz Oscar Bony in seinem Atelier in Buenos Aires, 1995. Im Hintergrund ein Foto von &#8220;La familia obrera&#8221;. (Foto: Gian Paolo Minelli) Mit seinem Werk \u201cLa familia obrera\u201d (Die Arbeiterfamilie), das er im Jahr 1968 im experimentellen \u201cInstituto Di Tella\u201d ausstellte, brachte der argentinische [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-1312","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tipp-der-woche-recomendacion-de-la-semana"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1312"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1312\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}