{"id":13759,"date":"2012-11-23T14:13:32","date_gmt":"2012-11-23T17:13:32","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=13759"},"modified":"2012-12-02T12:25:28","modified_gmt":"2012-12-02T15:25:28","slug":"14-jahre-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/11\/23\/14-jahre-hoffnung\/","title":{"rendered":"14 Jahre Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 3. September feierte die Juan XXIII-Nachhilfe in San Miguel de Tucum\u00e1n Geburtstag<\/p>\n<p><em>Von Edith Lupprich<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/nachhilfe11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/nachhilfe11.jpg\" alt=\"\" title=\"nachhilfe11\" width=\"250\" height=\"188\" class=\"alignright size-full wp-image-13760\" \/><\/a>N\u00e4chstenliebe und der t\u00e4gliche Kampf f\u00fcr eine bessere Zukunft: Als Mario Robles 1998 gemeinsam mit einigen Nachbarinnen und Nachbarn anfing, drei oder vier Kindern aus ihrem Wohnviertel bei den Schulaufgaben zu helfen, konnte er sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass er vierzehn Jahre sp\u00e4ter dasselbe tun w\u00fcrde. Mit dem Unterschied, dass es nicht mehr vier, sondern gut f\u00fcnfzig Kinder sind, die t\u00e4glich zum Nachhilfeunterricht kommen.<\/p>\n<p>Das Viertel, in dem sich der &#8220;Apoyo Escolar Juan XXIII&#8221; befindet, ist wohl eine der verrufensten Gegenden in San Miguel de Tucum\u00e1n (im Nordwesten Argentiniens). Verbrechen, Drogen, Gewalt, Prostitution werden in den Medien und in Alltagsgespr\u00e4chen gerne mit &#8220;La Bombilla&#8221;, dem &#8220;Spitznamen&#8221; des Viertels, das eigentlich &#8220;Barrio Juan XXIII&#8221; hei\u00dft, in Verbindung gebracht. Mario wei\u00df um dieses Stigma und seine Auswirkungen. Vor allem aber kennt er die andere Seite der Medaille, die die Zeitungen gerne verschweigen: die Armut, die Mangelern\u00e4hrung, manchmal auch die scheinbare Ausweglosigkeit der Lebensumst\u00e4nde.<\/p>\n<p>&#8220;Was lernen wir in der Nachhilfe von Mario? Alles zu teilen, zu spielen, ohne zu schummeln, niemanden zu schlagen, die Dinge an den Platz zur\u00fcckzustellen, von dem man sie genommen hat, sauberzumachen, was einer selbst schmutzig macht, still zu sein und demjenigen, der spricht, zuzuh\u00f6ren, nichts zu nehmen, was uns nicht geh\u00f6rt, sich zu entschuldigen, wenn man jemandem wehgetan hat, sich vor dem Essen die H\u00e4nde zu waschen, ein geordnetes Leben zu f\u00fchren, etwas zu lernen und etwas zu denken und zu zeichnen, zu singen, zu tanzen, zu spielen und jeden Tag ein bisschen zu arbeiten.&#8221;<\/p>\n<p>Diese Anpassung eines Textes aus Reader\u2019s Digest, die Mario vor einiger Zeit an der Wand h\u00e4ngen hatte, macht deutlich, um was es in der Nachhilfe geht. Jeden Tag ein bisschen zu arbeiten, ein bisschen zu rechnen, ein paar Zeilen abzuschreiben. Steter Tropfen h\u00f6hlt den Stein. Und die Zeit zeigt, dass es Sinn macht. &#8220;Am Besten ist es, mit den Kleinsten anzufangen, da kann man etwas ver\u00e4ndern. Wenn sie dann aus der Grundschule in eine h\u00f6here Schule kommen, haben sie eine gute Basis, auf die sie aufbauen k\u00f6nnen&#8221;, ist Mario \u00fcberzeugt. Die Ver\u00e4nderung ist auch bei den Kindern bemerkbar, die neu zur Nachhilfe kommen. Viele von ihnen haben schlechte Schulnoten, die Hefte sind unvollst\u00e4ndig. &#8220;Oft haben die Kinder zu Hause keinen Platz, um die Aufgaben zu machen. Oder niemanden, der ihnen ein bisschen unter die Arme greift. Und die Eltern haben auch kein Geld, um eine Nachhilfelehrerin zu bezahlen&#8221;, erkl\u00e4rt er. Im Laufe einiger Wochen integrieren sich diese Kinder in die Gruppe. Sobald sie ankommen, setzen sie sich hin und fangen an, selbstst\u00e4ndig ihre Aufgaben zu machen. Und auch in Bezug auf die Umgangsformen passen sie sich an, lernen, bei der Ankunft zu gr\u00fc\u00dfen oder keine Schimpfw\u00f6rter zu verwenden.<!--more--><\/p>\n<p>Die Selbstst\u00e4ndigkeit und Mitarbeit der Kinder ist eines der wichtigsten Elemente, das die Nachhilfe am Laufen h\u00e4lt. Es w\u00e4re sonst gar nicht m\u00f6glich, eine Gruppe von drei\u00dfig, vierzig oder f\u00fcnfzig Kindern zu betreuen. Viele Kinder kommen mit ihren Geschwistern, manche erst zwei oder drei Jahre alt. Die Gr\u00f6\u00dferen k\u00fcmmern sich um die Kleineren, die Alteingesessenen um die Neuhinzugekommenen. Manchmal helfen Kinder aus h\u00f6heren Klassen den Erst- oder Zweitkl\u00e4sslern bei den Aufgaben; die Reihenfolge bei der Verwendung der Computer oder der Ablauf von Spielen wird von den Kindern selbst festgelegt. Auch &#8220;Na, wie redest du denn?!&#8221; oder &#8220;Hey Bursche, setz dich hin und gib Ruhe!&#8221; ist des \u00d6fteren zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Vor allem die Unterst\u00fctzung in schulischen Belangen, aber auch &#8220;contenci\u00f3n&#8221; zu bieten, also ein Anlaufpunkt bei den kleinen und gro\u00dfen Problemen des Alltags zu sein, hat sich der &#8220;Apoyo Escolar&#8221; zum Ziel gesetzt. Ab und zu eine Sch\u00fcrfwunde zu desinfizieren geh\u00f6rt ebenso dazu wie blaue Flecken, die aus vermeintlichen &#8220;St\u00fcrzen&#8221; entstanden sind, zu beobachten. Oder ein offenes Ohr zu haben f\u00fcr die Erz\u00e4hlungen der Kinder, die sich manchmal selbst nicht sicher sind, ob es denn nun cool, ganz normal oder doch verwerflich ist, sich f\u00fcnf Punkte (das Symbol f\u00fcr &#8220;vier Gangster gegen einen Polizisten&#8221;) auf die Hand zu malen.<\/p>\n<p>Teil dessen ist es auch, eine bescheidene Nachmittagsjause anzubieten. &#8220;F\u00fcr manche Kinder ist das die letzte Mahlzeit des Tages&#8221;, sagt Mario. &#8220;Die Ern\u00e4hrung ist ein ganz wichtiger Punkt. Man kann von einem Kind, das vielleicht eine Tasse Tee als Mittagessen hatte, nicht dasselbe verlangen wie von einem Kind, das t\u00e4glich zum Fr\u00fchst\u00fcck sein Joghurt isst oder sein Glas Milch trinkt.&#8221; Auch seine Mutter erz\u00e4hlt, dass die Folgen von Unterern\u00e4hrung die Kinder ihr ganzes Leben lang begleiten und sich vor allem negativ auf die Leistungen in der Schule auswirken. Von der katholischen Kirche oder gemeinn\u00fctzigen Organisationen initiierte Mittagstische (&#8220;comedores&#8221;) und staatliche Programme (z.B. die Ausgabe von Milchpulver an M\u00fctter mit kleinen Kindern) machen zwar viel aus, vereinzelt gibt es aber noch immer Kinder, die f\u00fcr ihr Alter viel zu klein und zu d\u00fcnn sind. Die Nachmittagsjause in der Nachhilfe ist dabei sicher nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein. Und doch ist es f\u00fcr Mario, seine Mutter und seinen Bruder eine t\u00e4gliche Herausforderung, die n\u00f6tigen Lebensmittel &#8211; Zucker, Yerba Mate und Brot &#8211; aufzutreiben.<\/p>\n<p>Gelegentlich, zwischendurch auch regelm\u00e4\u00dfig, bekommt die Nachhilfe Spenden von Freiwilligengruppen oder Privatpersonen. So gibt es momentan ein Ehepaar, das einen Teil der t\u00e4glichen Ration Tortillas bezahlt. Spenden, die nicht f\u00fcr die Jause verwendet werden, werden unter den Kindern aufgeteilt, ab und zu bekommt dann jede Familie ein halbes Kilo Milchpulver oder ein P\u00e4ckchen Kakao. Auch das \u00fcbriggebliebene Brot wird getrocknet und zu Br\u00f6seln verarbeitet, die die Kinder mit nach Hause nehmen.<\/p>\n<p>Mario Robles muss sich auch um die Instandhaltung und die Finanzierung der allt\u00e4glichen Aufwendungen k\u00fcmmern, oftmals kommt er daf\u00fcr mit seinem eigenen Gehalt auf. Die Unterst\u00fctzung von Seiten lokaler Politiker w\u00e4re seiner Erfahrung nach immer an gewisse Bedingungen gebunden: den Namen des jeweiligen Kandidaten oder der jeweiligen Kandidatin \u00fcber die Eingangst\u00fcr zu h\u00e4ngen, eine Gruppe Leute zu Kundgebungen zu schicken, vor der Wahl Stimmung zu machen. Was nicht in Frage kommt: politische Unabh\u00e4ngigkeit ist einer von Marios Grunds\u00e4tzen (und wahrscheinlich die einzige M\u00f6glichkeit, das \u00dcberleben seines Projekts nicht an die jeweilige politische Konjunktur zu koppeln). Die Erfahrung mit staatlichen Einrichtungen ist \u00e4hnlich: vor zwei Jahren versprachen Mitarbeiterinnen des Jugendamtes, die geplanten Bauvorhaben zu unterst\u00fctzen. Als die entsprechenden Pl\u00e4ne eingereicht waren, meldeten sie sich nie wieder. Auch die anderen politischen Institutionen zeigen kein besonderes Interesse an der Nachhilfe.<\/p>\n<p>Mit der gro\u00dfz\u00fcgigen Hilfe privater G\u00f6nner k\u00f6nnen die R\u00e4umlichkeiten trotzdem schrittweise erweitert und den Bed\u00fcrfnissen der Kinder angepasst werden. Bis zum Jahr 2008 befand sich die Juan XXIII-Nachhilfe in einem geborgten Haus. Als dessen Besitzer starb, entschloss sich Mario, die Nachhilfe zu sich nach Hause zu verlegen. Anfangs gab es nichts au\u00dfer ein paar Plastiksesseln und Tische, die unter freiem Himmel standen. Bei schlechtem Wetter versammelten sich alle im Esszimmer, das zu diesem Zweck leerger\u00e4umt worden war. Inzwischen hat das &#8220;Klassenzimmer&#8221; ein Dach und gestrichene W\u00e4nde; vor ein paar Wochen wurde ein Fliesenboden verlegt. Die vormalige K\u00fcche wurde zum Computerraum umfunktioniert, der dank verschiedener Spenden recht gut best\u00fcckt ist. Das neueste Bauprojekt ist bereits im Gange: danach werden endlich mehr Toiletten zur Verf\u00fcgung stehen, denn bis jetzt gibt es nur ein WC f\u00fcr alle. Die neuen sanit\u00e4ren Einrichtungen sehen dagegen getrennte R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr Jungen und M\u00e4dchen und sogar eine Duschm\u00f6glichkeit vor.<\/p>\n<p>Seit 14 Jahren besteht die Juan XXIII-Nachhilfe nun durchgehend. Ohne Wochenenden, ohne Ferien. &#8220;Auch am Wochenende, an Feiertagen oder w\u00e4hrend der Ferien brauchen manche Kinder einen Ort, an den sie gehen k\u00f6nnen. An Wochentagen gehen sie in die Schule, zum Mittagstisch, haben ihre Aktivit\u00e4ten dort, und danach kommen sie hierher und machen die Aufgaben. Aber auch wenn alle anderen Einrichtungen geschlossen sind, sind wir da. Nur einmal, als ich operiert wurde, blieb die Nachhilfe zwei Tage lang geschlossen&#8221;, erinnert sich Mario.<\/p>\n<p>Manche der ersten Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen sind bereits selbst Eltern, ihre Kinder kommen ebenfalls zum &#8220;Apoyo Escolar&#8221;. Viele Kinder sind praktisch in der Nachhilfe aufgewachsen. Langsam werden sie \u00e4lter und gehen ihre eigenen Wege, neue Kinder kommen hinzu. Mario Robles hat noch viel vor, er hofft auf viele weitere Geburtstage. Doch wenn die Kinder am Ende des Jahres mit ihren Zeugnisheften kommen und die Klasse bestanden haben, oder wenn ehemalige Sch\u00fcler zu Besuch kommen und erz\u00e4hlen, dass sie aufs Gymnasium gehen oder Arbeit gefunden haben, ist schon heute eines ganz sicher: seine Lebensaufgabe macht Sinn.<\/p>\n<p>Weitere Informationen (auf Spanisch, mit deutscher Zusammenfassung) erh\u00e4lt man auf der <a href=\"http:\/\/www.apoyoescolarjuan23.blogspot.com.ar\/\">Webseite des &#8220;Apoyo Escolar Juan XXIII&#8221;<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. 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