{"id":13933,"date":"2012-12-08T11:14:48","date_gmt":"2012-12-08T14:14:48","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=13933"},"modified":"2012-12-08T12:26:28","modified_gmt":"2012-12-08T15:26:28","slug":"emotionale-zeitreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/12\/08\/emotionale-zeitreise\/","title":{"rendered":"Emotionale Zeitreise"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Las Multitudes&#8221; von Federico Le\u00f3n im Centro Cultural San Mart\u00edn<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/multitudes_arpesella.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/multitudes_arpesella.jpg\" alt=\"\" title=\"multitudes_arpesella\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"aligncenter size-full wp-image-13934\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/multitudes_arpesella.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/multitudes_arpesella-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nEs ist ein Theatererlebnis der besonderen Art. In seinem j\u00fcngsten Werk &#8220;Las Multitudes&#8221;, das momentan im Saal A\/B des <a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/pages\/Centro-cultural-san-martin\/128308930556268\">Centro Cultural San Mart\u00edn<\/a> (Sarmiento 1551, Buenos Aires) gezeigt wird, arbeitet der junge argentinische Theater- und Kinoregisseur Federico Le\u00f3n mit 120 Schauspielern, mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, \u00e4lteren und alten Menschen. Er schrieb das Werk, nachdem er vor zwei Jahren probeweise an einem Wochenende mit einer Gruppe von 100 Schauspielern zusammengekommen war, damit er sich die Wirkung einer solchen Masse vorstellen konnte.<\/p>\n<p>In &#8220;Las Multitudes&#8221; bewegen sich die Menschen meistens im Schutz ihrer Altersgruppe, eine Ausnahme bilden die Familien mit Kindern, die aber keine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung im St\u00fcck haben. Le\u00f3n sagt: &#8220;Sie sind nicht direkt in das Drama der Liebe involviert&#8221;, wie die anderen, die die &#8220;Hauptrollen&#8221; spielen: Die beiden Gruppen der jugendlichen M\u00e4nner und M\u00e4dchen, die das Potenzial f\u00fcr die Zukunft, Idealismus, Sehnsucht und die Suche nach Liebe verk\u00f6rpern, und die beiden Gruppen der alten M\u00e4nner und Frauen, die Lebenserfahrung, Weisheit und Verzeihen symbolisieren, die aber auch auf eine ber\u00fchrende Weise &#8220;Kindsk\u00f6pfe&#8221; sind. Die jungen Erwachsenen sind bereits gespalten: W\u00e4hrend die jungen M\u00e4nner sich noch f\u00fcr die j\u00fcngeren M\u00e4dchen interessieren, bauen die jungen Frauen mit ihnen schon an der Zukunft, der Familie. Hier herrscht noch eine Sehnsucht zur\u00fcck in die Unber\u00fchrtheit, w\u00e4hrend zugleich Zw\u00e4nge, die die unerbittliche Zeit vorschreibt, nach vorne dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck weist sehr sparsame Dialoge auf und verwendet bewusst eine einfache Sprache, die Akteure intonieren verhalten, wie in einem Traum. Mehr als Worte sind in dem Werk die Bewegungsstr\u00f6me der verschiedenen Gruppen von Bedeutung, die Art, wie die Akteure \u00fcber die dunkle, fast v\u00f6llig leere, riesige B\u00fchne laufen, gehen, rennen, tanzen oder schreiten. Die sehr sparsame, indirekte Beleuchtung &#8211; teils durch Spots, teils durch Taschenlampen, die die Schauspieler tragen -, hebt nur selten Gesichter aus der Masse hervor, eher zeichnet sie geheimnisvolle Muster auf die helle Kleidung der Mitwirkenden oder setzt da Akzente, wo sie g\u00e4nzlich &#8220;ausgeschaltet&#8221; wird.<\/p>\n<p>Ein machtvollerer Faktor als das Wort ist auch die Musik (Federico Le\u00f3n arbeitete in &#8220;Las Multitudes&#8221; erstmals mit einem Musiker, Diego Vainer, zusammen). Vom intensiven Raunen einer Gruppe Frauen nach einem Tanz \u00fcber eine geheimnisvolle Melodie, die die alten Frauen den jungen weitergeben, bis zu einem melancholischen Duo mit Gitarre und Mundharmonika und sogar einem echten Rockkonzert ist die Musik der st\u00e4rkste emotionale Tr\u00e4ger des Werkes.<\/p>\n<p>Zu Beginn ist die Menschenmenge in &#8220;Las Multitudes&#8221; heterogen, die einzelnen Gruppen sind untereinander zerstritten oder suchen einander, sind aber immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Erst im Laufe des St\u00fcckes kommen die Menschen zusammen, fechten ihre Zwistigkeiten aus oder l\u00f6sen sich schon mal aus ihrer Gruppe, um einem anderen Einzelnen allein zu begegnen.<\/p>\n<p>Parallel dazu wird das Publikum, das als anonyme Masse der Schauspielergruppe gegen\u00fcbersteht, zusehends in das Geschehen hineingezogen und schlie\u00dflich zu einem Teil der Geschichte. Diese magische Kommunikation wird mit den scheinbar einfachsten Mitteln erreicht &#8211; kein Pathos trennt den &#8220;vortragenden&#8221; Schauspieler vom Zuschauer, der Humor ist nie manipulativ, sondern eher Situationskomik, mit der sich jeder identifizieren kann. Die Zuschauer k\u00f6nnen sich in dem Werk, das f\u00fcr jedes Alter geeignet ist, selbst wiederfinden, z.B. in einer der Altersgruppen, oder sie k\u00f6nnen sich zur\u00fcckerinnern, oder sich die Zukunft vorstellen, oder alles gleichzeitig. Jeder f\u00fcgt im Stillen seine eigene Geschichte, sein eigenes Potenzial, dem Werk hinzu.<\/p>\n<p>&#8220;Las Multitudes&#8221; ist in gewisser Weise eine Zeitreise: Ein Trip durch ein (oder in ein) Raum-Zeit-Kontinuum, in dem die Zeit stehenzubleiben scheint, weil alle Zeiten gleichzeitig nebeneinander existieren, und in dem die Bewegungen der vielen Menschen im Raum auch deshalb eine so starke Wirkung haben, weil hier eigentlich gar keine Bewegung stattfinden d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>In diesem paradoxen Universum gibt es so etwas wie einen Fixstern: Einen besonderen Schauspieler, der sowohl die Menge auf der B\u00fchne als auch das Publikum steuert: Juli\u00e1n (gespielt von dem hervorragenden Schauspieler Juli\u00e1n Zucker) ist ein Kind auf der Schwelle zum Jugendlichenalter, der einzige, der als &#8220;isoliertes&#8221; Individuum auftritt. Die Figur Juli\u00e1n wurde von dem Werk selbst geboren, Federico Le\u00f3n hatte sie zun\u00e4chst nicht vorgesehen. &#8220;Juli\u00e1n ist derjenige, der das alles tr\u00e4umt, der, der die F\u00e4den zieht&#8221;, sagt Le\u00f3n \u00fcber diesen kleinen Magier, der die &#8220;Multitudes&#8221; erklingen l\u00e4sst wie ein Dirigent, der ein Orchester leitet.<\/p>\n<p>Das sehr empfehlenswerte Werk kann man noch am heutigen Samstag, 8.12., am Sonntag, dem 9.12., am Donnerstag, dem 13.12., am Freitag, dem 14.12., und am Samstag, dem 15.12., jeweils um 21 Uhr sehen. Der Eintritt kostet 50 Pesos, donnerstags erm\u00e4\u00dfigt 30 Pesos. F\u00fcr gebrechliche oder anderweitig behinderte Menschen ist extra vorne eine Reihe St\u00fchle aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nMiteinander oder gegeneinander? Eine Szene aus &#8220;Las Multitudes&#8221;.<br \/>\n(Foto: Sebasti\u00e1n Arpesella)<\/p>\n<p><strong>Das St\u00fcck:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/07\/20\/viele-stimmen-ein-klang\/\">Federico Le\u00f3ns j\u00fcngstes Theaterwerk &#8220;Las Multitudes&#8221;<\/a> feierte Ende Juli 2012 im experimentellen Werkstatt-Theater TACEC in La Plata, Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, seine Weltpremiere. Ende September wurde das Werk im Rahmen des internationalen Theaterfestivals <a href=\"http:\/\/www.dw.de\/berlin-stages-a-foreign-affair\/a-16269785\">&#8220;Foreign Affairs&#8221; in Berlin<\/a> gefeiert; neben einigen Argentiniern aus dem Stamm-Ensemble machten dabei auch zahlreiche deutsche Schauspieler mit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Las Multitudes&#8221; von Federico Le\u00f3n im Centro Cultural San Mart\u00edn Von Susanne Franz Es ist ein Theatererlebnis der besonderen Art. 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