{"id":14080,"date":"2012-12-29T18:03:24","date_gmt":"2012-12-29T21:03:24","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=14080"},"modified":"2012-12-29T18:08:44","modified_gmt":"2012-12-29T21:08:44","slug":"deutsche-in-argentinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/12\/29\/deutsche-in-argentinien\/","title":{"rendered":"Deutsche in Argentinien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum man heute am R\u00edo de la Plata kaum noch Deutsch h\u00f6rt<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/obelisk.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/obelisk.jpg\" alt=\"\" title=\"obelisk\" width=\"250\" height=\"150\" class=\"alignright size-full wp-image-14153\" \/><\/a>In den 60ern des vorigen Jahrhunderts machten sie noch eine recht sichtbare Minderheit in der Bev\u00f6lkerung aus. Wenn ich mich recht erinnere, wurde von zwei Millionen Deutschsprechenden bzw. -st\u00e4mmigen gesprochen. In manchen Nachbarschaften von Gro\u00df-Buenos Aires konnte man an jeder zweiten Ecke auf Deutsch einkaufen. Es gab zwei deutsche Tageszeitungen. In der deutschen Bank, in der ich damals arbeitete, sprach die Mehrzahl der mittleren F\u00fchrungskr\u00e4fte Deutsch und viele einfache Mitarbeiter verstanden es zumindest. Auch etliche einheimische Kunden sch\u00e4tzten es, auf Deutsch angesprochen zu werden. Bei Manchen herrschte eine noch br\u00e4unlich gef\u00e4rbte, ziemlich irritierende Deutscht\u00fcmelei.<\/p>\n<p>Damals lebten noch einige der nach der Absetzung des Kaisers vor den Sozialisten Geflohenen. Die in den 30ern vor den Nazis und nach 1945 vor den Alliierten Geflohenen waren in den besten Jahren. Beinahe alle hatten eine neue Existenz aufgebaut, einige viel Geld gemacht.<\/p>\n<p>Neue Einwanderer kamen nicht dazu. Es gab keinen Grund mehr, aus Deutschland zu fliehen. Dennoch blieb die deutsche Gemeinschaft (&#8220;Kolonie&#8221; sagte man) lebendig. Zahlreiche im Wirtschaftswunder erstarkte deutsche Firmen lie\u00dfen sich im Land nieder. Ihre Vertragsleute belebten die deutschen Schulen, Vereine und Gesch\u00e4fte. Sie sch\u00e4tzten diese Infrastruktur, denn man flog damals nicht alle paar Monate nach &#8220;dr\u00fcben&#8221;, das Telefon funktionierte miserabel, es existierte keine Deutsche Welle, und Facebook und Skype nat\u00fcrlich auch nicht. Allerdings blieben diese Leute meist nicht lange. Nach ein paar Jahren lockten andere, interessantere Bestimmungen.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte sich die Reihe der alten Einwanderer sehr gelichtet. Die meisten ihrer Nachkommen sprachen kaum noch Deutsch. Es gab nun auch weniger materiellen Anlass dazu, denn in der Wirtschaft wurde die Sprache immer seltener nachgefragt. Etliche deutsche Firmen hatten sich angesichts der wenig erfreulichen Entwicklung des Landes zur\u00fcckgezogen. Andere, die gro\u00dfen, h\u00e4ngten ihre Argentinienfilialen an Brasilien oder die USA an, wo Deutsch keine Rolle spielte. Oder sie f\u00fchrten ohnehin im Zuge der Globalisierung Englisch als Konzernsprache ein.<\/p>\n<p>Nicht einmal f\u00fcr die wenigen Deutschst\u00e4mmigen, die sich &#8211; zuweilen in dritter Generation &#8211; ein makelloses Deutsch bewahrt hatten, gab es noch genug gute Arbeitspl\u00e4tze. Wenn sie konnten, wichen sie in das Land ihrer Vorfahren aus oder ein sonstiges europ\u00e4isches oder nordamerikanisches.<\/p>\n<p>So kam es, dass die deutschen Gesch\u00e4fte verschwanden, dass man in den Vereinen kaum noch Deutsch h\u00f6rt und sehr lange suchen muss, um irgendwo K\u00f6nigsberger Klopse oder Leberkas vorgesetzt zu bekommen. Die von Zuhause mitgebrachten Deutschkenntnisse von Schulanf\u00e4ngern d\u00fcrften heutzutage so d\u00fcrftig sein, dass Lehrern, die sie zum Sprachdiplom f\u00fchren, allerh\u00f6chste Anerkennung geb\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das muss aber nicht so bleiben. Die Welt ist leider nicht mehr so, wie sie zu Zeiten des Wirtschaftswunders oder noch vor 30 Jahren war. Milliarden Osteurop\u00e4er und Asiaten, ehemals Sklaven ihrer Regierungen, tummeln sich jetzt in der globalen Wirtschaft. Dort ist ein Mittelstand von intelligenten, gut ausgebildeten, disziplinierten und sehr flei\u00dfigen Leuten im Entstehen, der mit Recht seinen Teil am Weltwohlstand einfordert. Zwar ist Wirtschaft kein Nullsummenspiel &#8211; an neuen Gesch\u00e4ften pflegen Verk\u00e4ufer und K\u00e4ufer zu verdienen -, aber wenn wegen geringerer Lohnkosten viele Betriebe von Westen nach Osten wandern, kann das nicht ohne Auswirkungen auf den westlichen Wohlstand bleiben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wei\u00df man das seit Jahrzehnten. Politiker w\u00e4ren das aber nicht, wenn sie nicht jede Aussicht auf Einschr\u00e4nkungen vor ihren W\u00e4hlern verbergen w\u00fcrden. So \u00fcberh\u00e4ufte man die B\u00fcrger mit Geld und Krediten, damit sie sich weiterhin Dinge leisten konnten, die aus ihrem echten Einkommen nicht mehr finanzierbar gewesen w\u00e4ren. Seit diese Methode 2008 sich als kontraproduktiv erwies, leiden die Industriezentren von Griechenland bis USA.<\/p>\n<p>Dabei hat sich Deutschland gut gehalten. Einerseits nat\u00fcrlich wegen seiner gesunden Unternehmensstruktur, welche in zahlreichen Nischen Spitzentechnologie generiert, die von neuen Industriel\u00e4ndern nicht in wenigen Jahren aufgeholt werden kann. Und zum Anderen durch die Sozialma\u00dfnahmen der Regierung Schr\u00f6der. Arbeit wurde vor Einkommen gewichtet, somit der allgemeine westliche Schwund an Wettbewerbsf\u00e4higkeit etwas gemildert.<\/p>\n<p>Das wird aber nicht lange so bleiben. Angesichts des Ausbleibens vieler s\u00fcdeurop\u00e4ischer Auftr\u00e4ge beginnen sich die Wirtschaftsaussichten auch in Deutschland einzutr\u00fcben. Und es wird nicht lange dauern, bis China und Andere gelernt haben werden, die Exzellenz deutscher Nobelautos und Spezialmaschinen nachzumachen (wie Japan und S\u00fcdkorea ja vorexerziert haben).<\/p>\n<p>Dann mag sich das Interesse deutscher Unternehmen und Fachkr\u00e4fte wieder auf Schwellenl\u00e4nder richten, welche noch industriell r\u00fcckst\u00e4ndig sind, dank ihres Nahrungsmittel- und Rohstoffreichtums jedoch nachhaltig steigende Absatzchancen im Osten besitzen.<\/p>\n<p>Zweifelsohne ist Argentinien ein solches Land. Es befindet sich nur derzeitig in einer seiner f\u00fcr Investoren abschreckenden populistisch\/nationalistischen Phasen. Sie dauert schon mehr als zehn Jahre und wird vor\u00fcbergehen. Dann k\u00f6nnte es zu einer recht massiven R\u00fcckkehr von &#8211; unter anderen &#8211; deutschen juristischen und nat\u00fcrlichen Personen kommen, welche traditionelle Beziehungen zum Land besitzen. Am Erfolgreichsten dabei d\u00fcrften diejenigen sein, die sich an das alte, bew\u00e4hrte Investoren-Motto erinnern: &#8220;Einsteigen, wenn die Kanonen donnern! Aussteigen, wenn die Posaunen schmettern!&#8221;<\/p>\n<p>Die Kanonen donnern noch nicht, aber sie grummeln schon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum man heute am R\u00edo de la Plata kaum noch Deutsch h\u00f6rt Von Friedbert W. B\u00f6hm In den 60ern des vorigen Jahrhunderts machten sie noch eine recht sichtbare Minderheit in der Bev\u00f6lkerung aus. Wenn ich mich recht erinnere, wurde von zwei Millionen Deutschsprechenden bzw. -st\u00e4mmigen gesprochen. 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