{"id":14176,"date":"2012-12-30T14:47:15","date_gmt":"2012-12-30T17:47:15","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=14176"},"modified":"2012-12-30T14:47:15","modified_gmt":"2012-12-30T17:47:15","slug":"qualitatsstrategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2012\/12\/30\/qualitatsstrategie\/","title":{"rendered":"Qualit\u00e4tsstrategie?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Planet Erde, bitte melden!<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/planet-erde.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/planet-erde.jpg\" alt=\"\" title=\"planet-erde\" width=\"250\" height=\"141\" class=\"alignright size-full wp-image-14180\" \/><\/a>Es gibt einen Planeten im Sonnensystem, der eine unglaubliche Vielfalt von Lebensformen beherbergt. Viele davon sind weltgeschichtlich j\u00fcngeren Datums. Andere Arten haben in  \u2013zig Millionen Jahren Daseinsformen entwickelt, die sie praktisch unangreifbar machen.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren die Ameisen. Es gibt hunderte von Variationen davon. In einigen Charakteristiken aber gleichen sie sich: Ihre Gesellschaften sind absolut autorit\u00e4r; alle Mitglieder ordnen ihre eigenen Interessen denen der K\u00f6nigin unter. Es sind Klassengesellschaften. Alle Ameisen werden zu Arbeiterinnen, Pflegerinnen, Kundschafterinnen oder Soldatinnnen geboren oder bestimmt (die Ameiseriche spielen eine vergessenswerte Rolle) und bleiben dies, bis das System anders entscheidet. Das System arbeitet mit chemischen Codes, welche die jeweilige T\u00e4tigkeit jeder Ameise bestimmen. Und die letzte \u2013 und vielleicht ausschlaggebende \u2013 Charakteristik der Ameisen ist, dass sie eine extreme Quantit\u00e4tsstrategie verfolgen. Sie haben so viele Nachkommen, dass der Verlust einiger Zehntausend davon den Erfolg ihrer Gesellschaften kaum beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Auf jenem Planeten gibt es eine andere, j\u00fcngere, jedoch \u00e4hnlich erfolgreiche Art, die Menschen. Der Mensch allerdings verdankt seinen Erfolg einer Strategie, die derjenigen der Ameise diametral entgegengesetzt ist. Er setzte von jeher auf Qualit\u00e4t. Er entwickelte ein Gro\u00dfhirn, das jedem Individuum erlaubte, sich in gewissen Grenzen auf die unvorherzusehenden Umweltsituationen einzustellen. In seinen Gesellschaften konnte zwar nicht Jeder tun, was ihm gerade in den Sinn kam, aber es gab ausreichende Spielr\u00e4ume f\u00fcr individuelle Lebensgestaltung. Der hierf\u00fcr erforderliche Raum war meistens gegeben, denn Menschen haben wenige Nachfahren, um welche sie sich intensiv zu k\u00fcmmern haben. Wenn irgendwann oder irgendwo die Gr\u00f6\u00dfe einer Gesellschaft den Raum \u2013 die nat\u00fcrlichen Ressourcen ihres Territoriums \u2013 zu sprengen drohte, verringerte diese die Zahl ihrer Mitglieder. Durch Kriege, Auswanderung, Kindst\u00f6tung oder Z\u00f6libat. So eroberte der Mensch den Planeten, machte sich die meisten anderen Lebewesen untertan oder rottete sie aus. Mit Ausnahme nat\u00fcrlich der Ameisen.<\/p>\n<p>Der Mensch hatte keine nat\u00fcrlichen Feinde mehr. Also hatte er sich irgendwann trotz seiner geringen Fruchtbarkeit derartig vermehrt, dass neue geeignete Lebensr\u00e4ume nicht mehr zur Verf\u00fcgung standen. In der winzigen Zeitspanne eines Jahrhunderts hatte sich seine Zahl mehr als verdreifacht. An manchen Orten rotteten die Menschen sich enger zusammen als die Ameisen in ihren Burgen (etwa 4-5 pro Quadratmeter auf manchen Demos, auf manchen Sport- oder Musikveranstaltungen; wenn sie sich wie die Ameisen horizontal bewegt h\u00e4tten, w\u00e4re nur Platz gewesen f\u00fcr 1 1\/2). Und Ameisenburgen immer \u00e4hnlicher wurden auch ihre Wohn- und Arbeitsst\u00e4tten.<\/p>\n<p>Da war es nicht mehr m\u00f6glich, jedem Einzelnen Ermessensspielr\u00e4ume aufrechtzuerhalten, wie die Qualit\u00e4tsstragegie des Menschen das erfordert h\u00e4tte. Man kannte sich ja kaum noch. Wie sollte man wissen, wem welche Aufgaben, welche Kompetenzen anvertraut werden konnten? Bei der gro\u00dfen Zahl und Vielfalt der zur Befriedigung der Massen herzustellenden Produkte und Dienstleistungen waren au\u00dferdem immer mehr Individuen in einen Arbeitsprozess einzuschalten. Und die Individuen wechselten st\u00e4ndig, da die Mobilit\u00e4t der Menschen durch technische Fortbewegungsmittel ungeheure Ausma\u00dfe angenommen hatte.<\/p>\n<p>Systeme mussten also ersonnen werden. Als erste gro\u00dfe Erfindung galt das Flie\u00dfband. Nun war es kein Handwerker mehr, der ein Produkt herstellte, sondern Dutzende von austauschbaren Arbeitern, die jeweils nur einen winzigen, immer gleichen Teil des Prozesses bewerkstelligten. Dann wurden die Meisten von ihnen durch Roboter ersetzt, welche dieselbe Arbeit schneller erledigten, ohne Lohnforderungen. Auch Lagerarbeiter und Stauer wurden kaum mehr ben\u00f6tigt, da ein System von Containern, Gabelstaplern und automatischen Hochregallagern sie er\u00fcbrigte.<\/p>\n<p>Viele der ehemaligen Arbeiter wurden zu Angestellten. Sie verkauften Waren und Versicherungen, schrieben Briefe, beantworteten Telefonanrufe, rechneten Spar- und St\u00fcckzinsen, bedienten Additions- und Buchungsmaschinen. So viel Hand- und Kopfarbeit war teuer. Das System z\u00f6gerte nicht, sie zu ersetzen. Erst elektrische, dann elektronische Automaten erleichterten, beschleunigten und verbilligten damit die B\u00fcroarbeit. Dann \u00fcbernahmen Computer alle stereotypen Schritte: Zinsrechnung, Abrechnung von Gesch\u00e4ftsvorf\u00e4llen, Buchhaltung, periodische Mitteilungen an Kunden und Gesch\u00e4ftsfreunde.<\/p>\n<p>Das stie\u00df zun\u00e4chst auf die Schwierigkeit, dass auf Seiten des Publikums dem komplizierten, hoch differenzierten und effizienten Output der Unternehmen und Beh\u00f6rden Leute gegen\u00fcberstanden, die an pers\u00f6nliche Beratung gew\u00f6hnt waren und handschriftliche Briefe schickten. Der PC schaffte hier Abhilfe sowie das Internet. Zuerst gew\u00f6hnten sich die durch interessante Spiele gek\u00f6derten Kinder ans neue System. Dann auch die \u00c4lteren, die ihren Enkeln nicht nachstehen wollten.<!--more--><\/p>\n<p>Der nun auch vom breiten Publikum gesch\u00e4tzte technische Fortschritt vervielfachte alle paar Jahre Menge und Schnelligkeit der zu \u00fcbertragenden Daten. Eine Hardware, die fr\u00fcher einen gek\u00fchlten Saal beansprucht hatte, passte jetzt in eine Westentasche. Von beinahe jedem Ort des Globus aus konnte man sich mit beinahe Jedem verbinden, diesen vielleicht sogar auf einem kleinen Bildschirm sehen. Die elektronische Vernetzung des Planeten war nahezu vollst\u00e4ndig geworden. Die Menschen gew\u00f6hnten sich daran, per Tastendruck zu arbeiten, einzukaufen, zu zahlen, ihre Hausarbeit zu machen, sich zu vergn\u00fcgen und mit ihren Verwandten und Freunden zu unterhalten. In Unternehmen und Beh\u00f6rden waren Ansprechpartner f\u00fcr Kunden l\u00e4ngst durch k\u00fcnstliche Stimmen ersetzt, welche f\u00fcr alle stereotypen Fragen stereotype Antworten bereit hatten. F\u00fcr andere Fragen allerdings keine.<\/p>\n<p>Die Gesellschaftssysteme der Menschen, von denen einige sich tausend Jahre lang in Richtung Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit entwickelt hatten, waren unter diesen Umst\u00e4nden nicht mehr in der Lage, ihre urspr\u00fcnglich arteigene Qualit\u00e4tsstrategie fortzusetzen. Masse erfordert Stereotypie; die Technik macht sie m\u00f6glich. Stereotypie vertr\u00e4gt sich nicht mit Eigeninitiative und \u2013verantwortung.<\/p>\n<p>Ein System kommt mit ganz wenigen F\u00fchrern aus. Unternehmer, Wissenschaftler, Ingenieure, Manager. Und, vor allem, Politiker, welche den Anderen Ziele vorgeben und Grenzen setzen k\u00f6nnen. Je weniger Eigeninitiative der Individuen das System voraussetzt, desto weniger wird sein Objekt \u2013 die Massen \u2013 angehalten, eigenes Denken zu entwickeln. Und desto weniger wird das Objekt in der Lage sein, die Subjekte \u2013 seine F\u00fchrer \u2013 zu kontrollieren. Diese andererseits tendieren dazu, sich in eine besondere, abgehobene Klasse zu verwandeln. Es entstehen bereichs\u00fcbergreifende hierarchische Netzwerke. Man tritt sich gegenseitig nicht auf die F\u00fc\u00dfe, dr\u00fcckt bei Verfehlungen eines Kollegen mal ein Auge zu und erwartet von Jenem Gleiches.<\/p>\n<p>So begannen die menschlichen Gesellschaften, sich m\u00e4hlich in eine Zeit zur\u00fcckzubegeben, die sie das &#8220;Dunkle Mittelalter&#8221; nannten. Damals hatte alle Macht bei den Heerf\u00fchrern oder Priestern gelegen; die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen hatte aus Leibeigenen oder Sklaven bestanden. Da aber die Vehikel der Machtaus\u00fcbung \u2013 Berittene, Ruder- oder Segelschiffe \u2013 noch recht d\u00fcrftig waren, konnte der Einzelne meist irgendeine lebenswerte Nische finden. Nun aber war die Macht omnipr\u00e4sent. Per Tastendruck konnte beinahe Jeder sich in Minutenschnelle \u00fcber Vorkommnisse am Ende des Planeten unterrichten. Und per Tastendruck konnten die F\u00fchrer ihre Befehle und Gesetze universell verbreiten. Nicht nur das! Da die Mitteilungen der Individuen \u00fcber Telefon oder Internet, genauso wie ihre allerorts registrierten Bewegungen in der \u00d6ffentlichkeit, sogar ihre H\u00e4user und G\u00e4rten, in ungeheuren Datenarchiven gespeichert wurden, konnten die F\u00fchrer eine nahezu vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber die Gesellschaften aus\u00fcben, beinahe wie eine Ameisenk\u00f6nigin \u00fcber ihr Volk.<\/p>\n<p>Bei alledem war es den Menschen v\u00f6llig entgangen, dass eine kapitale Vorbedingung f\u00fcr ihre Qualit\u00e4tsstrategie nicht mehr existierte. Das war ihre kleine Anzahl gewesen. Diese naturgeschichtlich bedingte Voraussetzung \u2013 anf\u00e4nglich ein Nachteil im Lebenskampf \u2013 hatte daf\u00fcr gesorgt, dass die ganze Menschheitsgeschichte hindurch Kinderreichtum als eine Tugend und ein Segen galt. Wer keine Kinder hatte, war ein Versager. Kinderreichtum wurde von allen Obrigkeiten gelobt. Zuletzt wurde sie mit Geld auf eine Weise pr\u00e4miiert, die Einigen erlaubte, von den Subsidien zu leben, die sie f\u00fcr ihre Kinder erhielten. Nun aber war der Planet so bev\u00f6lkert, dass, wie schon geschildert, f\u00fcr die Kinder kaum noch Platz zum Spielen zur Verf\u00fcgung stand, geschweige denn die Aussicht auf ein einigerma\u00dfen selbstbestimmtes, w\u00fcrdiges Leben. Um sich ein solches Leben zu erm\u00f6glichen, waren schon hunderttausende Armer unterwegs, die unter Lebensgefahr und Opfer all ihrer Ersparnisse in eine der wohlhabenderen Regionen des Planeten zu kommen versuchten.<\/p>\n<p>Ein weiteres Anzeichen f\u00fcr die Abwendung der Menschen von ihren Qualit\u00e4tspostulaten war eine teils durch die Umst\u00e4nde bestimmte, teils sowohl von den F\u00fchrern als auch von den immer bequemeren Untertanen gern akzeptierte Tendenz zur Kollektivisierung. Mit dem angeblichen Ziel, den Eltern mehr Freiheitsr\u00e4ume zu schaffen, wurde die Erziehung der Kinder immer weiter verstaatlicht. Von der Krippe bis zur Universit\u00e4t verbrachten sie den gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Zeit in staatlichen Institutionen. Auch um die Gesundheit der Menschen k\u00fcmmerte sich zunehmend die Gesellschaft. Statt pers\u00f6nlicher Betreuung durch den Hausarzt geriet der Kranke in ein verwirrendes Netz von Kassen, Spezialisten, Laboratorien und Kliniken. Das ging bis zu Aufbewahrungsst\u00e4tten f\u00fcr die f\u00fcr ihre Nachkommen nicht mehr besonders interessanten Alten, wo diese nicht selten zuerst vernachl\u00e4ssigt, dann mit abstrusen Apparaten am Sterben gehindert wurden. Qualit\u00e4tsstrategie?<\/p>\n<p>Unser Wissen \u00fcber Ameisen, Menschen, die sonstigen Umst\u00e4nde jenes Planeten sowie seine Geschichte konnten wir bis vor einiger Zeit aus dem Funkwirrwarr filtern, der uns mehrere Jahrzehnte hindurch erreichte. Anf\u00e4nglich bestanden die Signale aus pr\u00e4zisen Mitteilungen von Regierungen, milit\u00e4rischen und anderen Institutionen sowie periodischen Nachrichten, auch Musik, aus den Rundfunk-, dann auch Fernsehsendern. Obwohl dort sehr zahlreiche Sprachen herrschten, waren die Signale \u00fcbersichtlich und geordnet genug, um unseren Spezialisten ein Verst\u00e4ndnis zu erm\u00f6glichen. Ihren Aussagen zufolge bereitete es zuweilen sogar Genuss, sich Reden oder Literaturvortr\u00e4ge anzuh\u00f6ren oder Musik zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mit der Zeit aber wurde der Wirrwarr immer dichter, schwerer verst\u00e4ndlich und weniger interessant. Zwar verschwanden nach und nach die meisten Sprachen und alle Dialekte. Was blieb, war eine unendliche Masse seltsam verst\u00fcmmelter Wortteile, vermischt mit Satzzeichen, deren Bedeutung unklar blieb. In den noch erkennbaren Sprachteilen glauben unsere Spezialisten neben einem \u00dcberwiegen von Klischees und recht oberfl\u00e4chlichen Aussagen gro\u00dfe Unkenntnis von Grammatik und Orthographie festgestellt zu haben. Soweit es sich um offizielle Texte handelte, strotzten diese vor wenig glaubhaftem Selbstlob, vagen Versprechungen und b\u00fcrokratischen, \u00fcberaus autorit\u00e4ren Anweisungen. Auch schienen diese Texte von nur ganz wenigen Stellen \u2013 m\u00f6glicherweise einer einzigen \u2013 auszugehen. Ganz gelegentlich noch konnten etliche besorgte Texte intellektueller Mahner herausgefiltert werden, die jedoch anscheinend nach wenigen Stunden unterdr\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p>Nun herrscht aus f\u00fcr uns nicht einsehbaren Gr\u00fcnden Funkstille. Es wird abzuwarten bleiben, ob die Menschen noch einmal zu ihrer Qualit\u00e4tsstrategie zur\u00fcckfinden und wir etwas \u00fcber den Weitergang der dortigen Entwicklung in Erfahrung bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Anderweitig wird der Planet f\u00fcr die interstellare Forschung verloren sein. Von den Ameisen jedenfalls sind nach all unseren Erkenntnissen keine Nachrichten zu erwarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Planet Erde, bitte melden! Von Friedbert W. B\u00f6hm Es gibt einen Planeten im Sonnensystem, der eine unglaubliche Vielfalt von Lebensformen beherbergt. Viele davon sind weltgeschichtlich j\u00fcngeren Datums. Andere Arten haben in \u2013zig Millionen Jahren Daseinsformen entwickelt, die sie praktisch unangreifbar machen. Dazu geh\u00f6ren die Ameisen. Es gibt hunderte von Variationen davon. 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