{"id":14642,"date":"2013-02-07T17:53:49","date_gmt":"2013-02-07T20:53:49","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=14642"},"modified":"2013-02-07T17:53:49","modified_gmt":"2013-02-07T20:53:49","slug":"der-teufelskreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/02\/07\/der-teufelskreis\/","title":{"rendered":"Der Teufelskreis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gibt es einen Ausweg?<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/labyrinth.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/labyrinth.jpg\" alt=\"\" title=\"labyrinth\" width=\"250\" height=\"250\" class=\"alignright size-full wp-image-14647\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/labyrinth.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/labyrinth-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Jenes Land war eines der fortschrittlichsten und wohlhabendsten gewesen. Fortschrittlich nicht nur im technischen Sinne, nein, auch was seine gesellschaftlichen Regeln anbetraf, hatte es eher als andere die Weichen f\u00fcr Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit gestellt. Seine Verfassung war vorbildlich und als andernorts noch Frauen, Andersgl\u00e4ubige, Andersfarbige und Arme vom politischen Gesch\u00e4ft ausgeschlossen waren, galt dort bereits das Allgemeine Wahlrecht.<\/p>\n<p>Eine vollkommene Demokratie war damit allerdings nicht erreicht. Die einfachen Leute n\u00e4mlich, von denen es sehr viele gab, lie\u00dfen sich von der patriarchalischen Elite oft bei den Wahlen vertreten, so dass sie auf die Ergebnisse recht wenig Einfluss hatten. Wenn die Eliten auch im Allgemeinen recht vern\u00fcnftig und wohlmeinend waren, etwa ein vorbildliches Erziehungssystem und ein recht ansehnliches Gesundheitswesen schufen, waren die einfachen Leute nicht ganz zufrieden. Sie mussten zwar weniger arbeiten als in vielen anderen Gegenden und lebten trotzdem besser als dort; es \u00e4nderte sich aber wenig an den traditionell sehr hohen Unterschieden in Besitz und Einkommen.<\/p>\n<p>Dagegen, wurde den Leuten gesagt, lie\u00dfe sich etwas tun. Es ginge doch nicht an, dass Einige tausendmal mehr besa\u00dfen und verdienten als die Anderen. Die so sprachen, waren wortm\u00e4chtige, aus anderen L\u00e4ndern zugereiste Gebildete, aus L\u00e4ndern \u00fcbrigens, in denen wesentlich mehr gearbeitet und weniger verdient wurde als in diesem. Umverteilung t\u00e4te not, sagten sie. Das gefiel den einfachen Leuten. Es entstanden neue, &#8220;linke&#8221; genannte, Parteien und Bewegungen mit begeisterten Anh\u00e4ngern und durchsetzungsf\u00e4higen F\u00fchrern. Sie wetterten gegen den &#8220;ausbeuterischen Kapitalismus des Auslands&#8221;, gewannen immer mehr Einfluss in der Volksvertretung und stellten schlie\u00dflich die Regierung.<\/p>\n<p>Der traditionellen Elite gefiel dies nat\u00fcrlich nicht. Sie st\u00e4nkerte, wo sie konnte, gegen die neuen Machthaber und angesichts der zu erwartenden Umverteilungsma\u00dfnahmen wurde ihre Bereitschaft, etwas vom Wohlstand an die Gesellschaft abzugeben, zusehends geringer. Schlie\u00dflich f\u00fchlte sie sich derart bedroht, dass sie die gew\u00e4hlte Regierung durch einen Milit\u00e4rputsch absetzte.<\/p>\n<p>Aber schlie\u00dflich merkten auch die Milit\u00e4rs, dass sie nicht gegen den Volkswillen regieren konnten. Einer aus ihren Reihen setzte sich an die Spitze der Umverteiler, errang die Macht und drangsalierte die Wohlhabenden nach Strich und Faden. Dieser Oberst, dann General und seine Nachfolger wurden gelegentlich wieder von einer demokratischen Regierung abgel\u00f6st, welche wiederum&#8230; So l\u00f6sten sich Milit\u00e4r- und gew\u00e4hlte Regierungen einige Generationen hindurch gegenseitig ab.<\/p>\n<p>Gleich blieb nur eine nachhaltige Tendenz zur Umverteilung. Sie war sozusagen zur Mode geworden. Nat\u00fcrlich gab es mit der Zeit immer weniger zum Umverteilen, weil immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Gesellschaft mit der Zuteilung der Umverteilungsscheibchen besch\u00e4ftigt oder an deren Empfang gew\u00f6hnt wurden, so dass der Volksteil, der Wohlstand schaffte, immer kleiner wurde. Wir wollen diesen Teil &#8220;die Schaffer&#8221; nennen.<\/p>\n<p>Die Schaffer hatten irgendwann nur noch sehr wenig mit der traditionellen Wohlstandselite zu tun, welche durch Umverteilung, Erbteilung und die dem ererbten Reichtum eigene L\u00e4ssigkeit sich praktisch verfl\u00fcssigt hatte. Es waren meist Selfmademen, Leute mit Witz, Einfallsreichtum, Initiative, Unternehmer halt. Patrioten wie ein guter Teil der traditionellen Elite waren die Schaffer allerdings nicht. Weshalb soll man auch als Privatmann Gemeinsinn zeigen, wenn die Bestrebungen des Staates priorit\u00e4r und erkl\u00e4rterweise darauf gerichtet sind, Wohlhabende zu schr\u00f6pfen und Arme zu beschenken? Da hat man genug damit zu tun, das selbst Erreichte zu sch\u00fctzen und f\u00fcr eine ungewisse Zukunft vorzusorgen!<\/p>\n<p>Solche \u00dcberlegungen waren auch den F\u00fchrern der Umverteilungsgesellschaft nicht fern. Sie sahen keinen Grund, sich selber nicht auch als Umverteilungsbeg\u00fcnstigte zu sehen. Schlie\u00dflich waren sie es, die einen immerw\u00e4hrenden Kampf gegen die Ungerechtigkeit f\u00fchrten und sich in ihren \u00c4mtern aufrieben f\u00fcr die Benachteiligten! Kurz, sie waren mit der Zeit genauso mit der Wahrung und Mehrung ihres Privatverm\u00f6gens besch\u00e4ftigt wie die wirklichen Schaffer.<!--more--><\/p>\n<p>So ergab es sich, dass die zwiegeteilte Elite des Landes \u2013 Schaffer und Umverteiler \u2013 in einem gewissen Sinne an einem Strang zogen: Die Guten ins Kr\u00f6pfchen, die Schlechten ins T\u00f6pfchen. Gewinne und Ersparnisse wurden au\u00dfer Landes gebracht. Verluste und Schulden blieben zu Hause.<\/p>\n<p>Und was die Steuern anbetrifft, fand eine besondere Umverteilung statt. Arme und Umverteiler zahlten sowieso keine oder kaum welche. Die Schaffer versuchten (kann man es ihnen \u00fcbelnehmen?), der Schraube mit allen m\u00f6glichen legalen und anderen Mitteln zu entgehen. Das war nicht einmal besonders schwierig, denn die Beh\u00f6rden waren so mit Umverteilen besch\u00e4ftigt, dass sie die m\u00fchsame Steuereintreibung vernachl\u00e4ssigen mussten. Hinterziehung wurde Volkssport. Beinahe die H\u00e4lfte des Volkseinkommens wurde &#8220;schwarz&#8221; erwirtschaftet und ein guter Teil der Arbeiter und Angestellten stand auf keiner Gehaltsliste. So musste die Steuerlast auf immer wenigere Schaffer verteilt werden, diejenigen, die zu sichtbar oder zu dumm oder zu ehrlich oder zu patriotisch waren, sich ihr zu entziehen.<\/p>\n<p>Unter solchen Umst\u00e4nden ging es dem Land nicht mehr besonders gut. Investitionen wurden, wenn \u00fcberhaupt, nur noch get\u00e4tigt, wenn sie kurzfristigen Gewinn versprachen. Das galt f\u00fcr die privaten wie f\u00fcr die staatlichen. Die Schaffer mussten ja damit rechnen, dass die Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiteten, jederzeit von einem Tag auf den anderen zu ihren Ungunsten ge\u00e4ndert werden konnten. Und die Umverteiler konnten kein Interesse an Projekten haben, die ihre Fr\u00fcchte erst abw\u00fcrfen, wenn sie nicht mehr im Amt sein w\u00fcrden. Ganz im Gegenteil. Ihr Interesse war, die bestehenden Umst\u00e4nde der ungerechten Verteilung \u2013 an welchen sich trotz jahrzehntelanger Versprechen nichts ge\u00e4ndert hatte \u2013 m\u00f6glichst unver\u00e4ndert zu lassen. Denn wer w\u00fcrde sie denn noch w\u00e4hlen, wenn es nichts mehr umzuverteilen g\u00e4be?<\/p>\n<p>Das Erziehungssystem des Landes wurde also noch mehr vernachl\u00e4ssigt als die \u00fcbrigen Staatspflichten, nach dem bekannten Prinzip: Bildungsferne schafft Armut. Armut w\u00e4hlt Umverteiler. Umverteiler schaffen Bildungsferne.<\/p>\n<p>Kann es in einer Demokratie eigentlich einen Ausweg aus einem solchem Teufelskreis geben?<\/p>\n<p>Es w\u00e4re schon einer vorstellbar. Sein Prinzip ist die Solidarit\u00e4t. Wenn der Begriff &#8220;Volk&#8221; \u00fcberhaupt einen Sinn haben, wirkliches Zusammengeh\u00f6rigkeitsbewusstsein sich entwickeln soll, dann darf es keine Schmarotzer geben. Solche wie in jenem Lande, die seit Generationen von der Wohlfahrt leben oder sonstige unverdiente Privilegien genie\u00dfen, deren Mehrung sie durch Stra\u00dfensperren, Besetzung von Fabriken und \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden \u2013 Schulen eingeschlossen \u2013 erpressen. Wer nur nimmt und nie gibt, entwickelt kein Verantwortungsgef\u00fchl f\u00fcr seine Mitb\u00fcrger, nicht einmal f\u00fcr seine Mitschmarotzer. Und da er als W\u00e4hler die Geschicke seines Landes mitbestimmen darf, zementiert er Schmarotzertum und Armut.<\/p>\n<p>Der Ausweg aus dem Teufelskreis k\u00f6nnte darin bestehen, alle W\u00e4hler zu Steuerzahlern zu machen, die dann ein doppeltes pers\u00f6nliches Interesse h\u00e4tten: Erstens w\u00fcrden sie kontrollieren wollen, was mit ihren Steuern passiert. Und zweitens w\u00e4re ihnen sehr an Erziehung und Bildung ihrer Volksgenossen gelegen. Denn Erziehung und Bildung sind nun einmal Voraussetzung f\u00fcr das Erreichen steuerpflichtiger Einkommen. Und je mehr Steuerzahler es g\u00e4be, desto weniger w\u00fcrde die Last den Einzelnen dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Da Millionen armer, bildungsferner W\u00e4hler leider nicht von heute auf morgen in Steuerzahler zu verwandeln sind, w\u00e4re der Weg aus dem Teufelskreis ein umgekehrter. Es m\u00fcssten aus Steuerzahlern exklusive W\u00e4hler werden. &#8220;Weh&#8230;&#8221;, h\u00f6rt man den Aufschrei durch alle politischen Klassen gehen, &#8220;qualitatives Wahlrecht: Ein R\u00fcckschritt in die Zeiten der Oligarchie!&#8221;<\/p>\n<p>Formell mag man das so sehen. Man halte sich jedoch vor Augen, dass die heutigen wohlhabenden W\u00e4hler ganz wenig gemein haben mit den Gro\u00dfgrundbesitzern, Industriellen und Adeligen, zu deren Einschr\u00e4nkung vor \u00fcber einem Jahrhundert allgemeine Wahlgesetze erlassen wurden. Heute sind das mittelst\u00e4ndige Schaffer. Ihnen liegt es fern, einen Einbruch der Plebejer in ihren Stand zu verhindern. Ganz im Gegenteil. Sie m\u00fcssen gr\u00f6\u00dftes Interesse an der Erweiterung des Mittelstands haben. Das bedeutet doch mehr kaufkr\u00e4ftige Kunden, mehr gut ausgebildete Arbeitskr\u00e4fte und Berater und nicht zuletzt mehr Steuerzahler, welche dabei helfen, die allgemeine Steuerlast zu tragen. Nat\u00fcrlich bedeutet es auch mehr kompetente Wettbewerber. Aber Konkurrenten hat man immer, und einem echten Unternehmer sind allezeit solche lieber, die effizient und berechenbar sind, als die jetzigen, deren St\u00e4rke in Korruption, Vetternwirtschaft und Steuerhinterziehung besteht. Angesichts der zu erwartenden starken Abnahme der Schwarzarbeit m\u00fcssten selbst die Gewerkschaften sich f\u00fcr ein Steuerzahlerwahlrecht begeisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be schon einen Ausweg aus dem Teufelskreis. Man m\u00fcsste nur etwas tapferer sein als der gro\u00dfe Komiker Valentin, der sagte: &#8220;Wollen h\u00e4tten wir schon m\u00f6gen, blo\u00df d\u00fcrfen haben wir uns nicht getraut.&#8221;      <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es einen Ausweg? Von Friedbert W. B\u00f6hm Jenes Land war eines der fortschrittlichsten und wohlhabendsten gewesen. 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