{"id":14769,"date":"2013-02-22T00:15:27","date_gmt":"2013-02-22T03:15:27","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=14769"},"modified":"2013-02-22T00:15:27","modified_gmt":"2013-02-22T03:15:27","slug":"qualitatsstrategie-fortsetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/02\/22\/qualitatsstrategie-fortsetzung\/","title":{"rendered":"Qualit\u00e4tsstrategie &#8211; Fortsetzung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Erde funkt wieder<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/land.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/land.jpg\" alt=\"\" title=\"land\" width=\"500\" height=\"259\" class=\"aligncenter size-full wp-image-14796\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/land.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/land-300x155.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nNach einer Zeitspanne, welche die Dortigen 35 Jahre nennen, erreichen uns seit Kurzem wieder Signale von jenem &#8220;Erde&#8221; genannten, sonnennahen Planeten. Sie sind sehr viel sp\u00e4rlicher als die vor der langen Funkstille gewohnten. Aber sie reichen aus, einen Teil unserer Informationsl\u00fccke zu f\u00fcllen und uns Anhaltspunkte zur Rekonstruktion des Restes zu geben.<\/p>\n<p>Ein au\u00dferordentlich zerst\u00f6rerischer Vulkanausbruch scheint die Verh\u00e4ltnisse auf der Erde radikal ver\u00e4ndert zu haben. Er ereignete sich in einem als &#8220;Yellowstone&#8221; bezeichneten Gebiet, von dem wir aus fr\u00fcheren Nachrichten wissen, dass es, durch gro\u00dfe oberfl\u00e4chennahe Magmamassen unterlegt, geologisch sehr labil ist. Yellowstone liegt auf einem Kontinent, der die vor der Katastrophe fortschrittlichste und wohlhabendste Gesellschaft der Erde beherbergt, eine Gesellschaft, deren wirtschaftliche, milit\u00e4rische und kulturelle St\u00e4rke Generationen hindurch die Menschen auf dem gesamten Planeten beeinflusst, nach der Meinung Mancher, dominiert hatte.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise befindet sich Yellowstone in einer relativ schwach besiedelten Gegend, so dass die unmittelbaren Personen- und Sachsch\u00e4den nicht erheblich gr\u00f6\u00dfer gewesen zu sein scheinen als bei \u00e4hnlichen gro\u00dfen Vulkanausbr\u00fcchen. Im Unterschied zu jenen allerdings erreichten die Druckwellen sowie der Aussto\u00df von Asche und Gasen kaum vorstellbare Ausma\u00dfe.<\/p>\n<p>Es scheint sich um Serien von Ausbr\u00fcchen gehandelt zu haben, die sich wochenlang hinzogen. Die Druckwellen d\u00fcrften sich in Sch\u00fcben von sich steigernder Intensit\u00e4t produziert haben. Sie vernichteten vermutlich sofort den gr\u00f6\u00dften Teil der Kommunikationsinfrastruktur im Umkreis von mehreren tausend Kilometern. Durch brechende Masten, Antennen, Kabel und Leichtbauteile d\u00fcrften breitfl\u00e4chige Kollateralsch\u00e4den wie Br\u00e4nde und \u00dcberschwemmungen aufgetreten sein, welche neben einer Gro\u00dfzahl von Wohneinheiten F\u00f6rder- und Industrieanlagen, Warenbest\u00e4nde, Archive und Dateien unbrauchbar machten. Panik in der Bev\u00f6lkerung, insbesondere in Gro\u00dfst\u00e4dten, muss unmittelbar zum Ausfall \u00f6ffentlicher Dienstleistungen, zu Pl\u00fcnderei und Anarchie gef\u00fchrt haben. Die Aschewolken verdunkelten den Himmel f\u00fcr Monate, haupts\u00e4chlich in den gem\u00e4\u00dfigten Klimazonen der Erde, wo der Hauptteil der Nahrungsmittel f\u00fcr die Menschen und ihre Haustiere produziert wird. In weiten Gebieten ging eine gesamte Jahresernte verloren.<\/p>\n<p>Der Zusammenbruch von Kommunikations- und Transportmitteln in ihrem fortgeschrittensten und produktivsten Teil hatte zerst\u00f6rerische Auswirkungen auf der ganzen Erde, die zudem wegen der Ernteausf\u00e4lle unter gro\u00dfem Nahrungsmittelmangel litt. Die globale Wirtschaft war in einem Ma\u00dfe vernetzt, dass weit geringere St\u00f6rungen als die hier beschriebenen sie ins Trudeln gebracht h\u00e4tten. Jetzt brach sie zusammen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Gesellschaftssysteme brachen zusammen. Es gab kaum noch Institutionen oder Organisationen, die gemeinsames Handeln h\u00e4tten gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnen. In einigen anf\u00e4nglich weniger betroffenenen Regionen scheinen improvisierte F\u00fchrer sich Zugang zu sogenannten &#8220;Atomwaffen&#8221; verschafft zu haben. Sie versuchten offenbar, durch deren Einsatz Macht und damit Zugang zu f\u00fcrs kurzfristige \u00dcberleben n\u00f6tigen Waren und Rohstoffen zu erlangen, erh\u00f6hten damit jedoch nur das allgemeine Chaos und vergr\u00f6\u00dferten die Zerst\u00f6rungen. Der Mangel zerst\u00f6rte jeden Gemeinsinn; Jeder war sich selbst der N\u00e4chste. Wer noch einige Vorr\u00e4te besa\u00df oder ein St\u00fcck Erde, um solche zu produzieren, verbarrikadierte sich und versuchte, mit irgendwelchen Waffen seine \u00dcberlebensgrundlage zu verteidigen. Die Gro\u00dfst\u00e4dte entv\u00f6lkerten sich. Wer sich nicht zu Verwandten aufs flache Land retten konnte (viele verhungerten oder wurden ermordet auf dem Weg), starb verlassen in seiner Wohnung, wenn er sich nicht einer der zahlreichen Banden anschlie\u00dfen konnte, welche auf grausamste Weise versuchten, sich in Stadt und Land das \u00dcberlebensnotwendige zu verschaffen. Die Erde versank in Anarchie. Wir haben Grund zur Annahme, dass gut zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung die Katastrophenfolgen nicht \u00fcberlebten. Der Rest vegetierte in Angst und Not.<\/p>\n<p>Wie es scheint, gab es dennoch einige Stellen, in denen eine elementare Ordnung erhalten blieb. Es waren dies dorf\u00e4hnliche, kleine Ortschaften mit einem in vielen Generationen gepr\u00e4gten Gemeinsinn. Dort kannten die Leute einander und wussten, wem zu vertrauen war. Manche dieser Gemeinschaften hatten schon l\u00e4ngere Zeit vor der Katastrophe an der Zukunftsf\u00e4higkeit der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle zu zweifeln begonnen. Die dort \u00fcberwiegende Hektik etwa hatten sie als Minderung ihrer Lebensqualit\u00e4t empfunden und sich &#8220;Langsamkeit&#8221; verordnet. Andere waren es m\u00fcde geworden, in ihrer Energieversorgung von gigantischen Systemen abh\u00e4ngig zu sein, die sie nicht verstehen und noch weniger beeinflussen konnten. Sie hatten ihre Ersparnisse, statt sie einem un\u00fcbersichtlichen und zunehmend suspekten Finanzmarkt anzuvertrauen, \u00f6rtlich zusammengelegt und damit Windgeneratoren, Solarelemente oder geothermische Anlagen finanziert. Auch hatten sie in ihrer Umgebung die Entwicklung einer Landwirtschaft provoziert, welche eine akzeptable Produktion ohne Einsatz ortsfremder Saaten, D\u00fcnge- und Futtermittel gew\u00e4hrleistete. Solche Gemeinschaften retteten sich nat\u00fcrlich nicht vor dem pl\u00f6tzlichen Mangel an all den Dingen, die den gewohnten Lebenswandel ausmachten. Aber sie kamen durch.<\/p>\n<p>Wie sie mit der Zeit merkten, gar nicht so schlecht. Nachdem die erste Not wegen fehlenden frischen Gem\u00fcses und Obstes (man half sich mit Vitamintabletten) behoben und die lokalen Energietr\u00e4ger mit Bordmitteln notd\u00fcrftig instand gesetzt worden waren, konnte ein bescheidenes Weiterleben beginnen. Die Gemeinschaften w\u00e4hlten Notr\u00e4te, die \u00fcber die Verteilung noch vorhandener Lebensmittel und Medikamente entschieden und bestimmten geeignete Leute f\u00fcr prek\u00e4re Sicherheitsorgane. Lehrer k\u00fcmmerten sich um den Fortbestand des Schulbetriebs, Techniker um die Wartung elementarer Infrastruktur und \u00c4rzte um die Krankenbetreuung. Nat\u00fcrlich musste man dabei ohne Computer und stromfressende Mega-Apparaturen auskommen. Es ging aber auch so, nachdem sich die Verantwortlichen wieder daran gew\u00f6hnt hatten, die pers\u00f6nlichen Umst\u00e4nde von Sch\u00fclern, Nutzern und Patienten behutsam zu erkunden und in Betracht zu ziehen.<\/p>\n<p>In manchen Gegenden gab es mehrere solcher Gemeinschaften von \u00dcberlebensk\u00fcnstlern. Sofern anf\u00e4nglich zu Fu\u00df oder per Fahrrad erreichbar, schlossen sich bald einige davon zu kleinen Allianzen zusammen. Man tauschte Waren und Dienstleistungen, Solarstrom etwa gegen Brennholz. An einer Stelle gab es jemanden, der Fahrr\u00e4der reparieren konnte und an einer anderen einen Krebsspezialisten. Wo es ausreichende Energie gab, konnten die Ingenieure sogar in kurzer Zeit wieder ein regionales, einige Stunden t\u00e4glich funktionierendes, Fernsprech- oder Funknetz aufbauen. Dies war vor allem notwendig zur B\u00fcndelung der kleinen \u00f6rtlichen Verteidigungsmannschaften, wenn irgendwo pl\u00fcndernde Banden im Anzug waren. Wo in einer dieser Allianzen eine Druckerei betriebsfertig gemacht werden konnte, wurde Notgeld in Umlauf gebracht, denn das alte Finanzsystem hatte die Katastrophe nat\u00fcrlich nicht \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Nach einem Modewort, das die Katastrophe \u00fcberlebt hatte, nannte man diese vereinzelten Allianzen &#8220;Cluster&#8221;. Die Cluster waren Inseln der Ordnung in einem Meer von Anarchie und Verzweiflung. Als solche begannen sie, Zulauf zu bekommen aus Orten, die kaum oder nicht auf Selbstverwaltung vorbereitet waren. Dem stand man zun\u00e4chst recht ablehnend gegen\u00fcber, denn man hatte viel mit sich selbst zu tun und es gab keine \u00dcbersch\u00fcsse zu verteilen. Dennoch ergab sich allm\u00e4hlich ein Austausch von raren Dingen, Kenntnissen und F\u00e4higkeiten. Die Cluster f\u00fcllten sich auf, rundeten sich ab und dehnten sich aus.<\/p>\n<p>Das waren dann schon gro\u00dffl\u00e4chigere Gemeinschaften von mehreren Zehntausend. Sie mussten organisiert werden. Dazu waren die urspr\u00fcnglichen, improvisierten Notr\u00e4te \u00fcberfordert. Es versteht sich von selbst, dass sofort nach \u00dcberbr\u00fcckung der schlimmsten Notlagen ehemalige Politiker auftraten, um ihre ehemaligen Parteien zu reorganisieren. Dies, meinten die Notr\u00e4te, sei aber gewiss nicht im Sinne einer nachhaltigen Zukunftsordnung. Schlie\u00dflich h\u00e4tte der Zusammenbruch des alten, zentralistischen und b\u00fcrgerfernen Systems seine Inkompetenz im Katastrophenfall hinl\u00e4nglich bewiesen. Eine neue Gesellschaftsordnung m\u00fcsse her.<\/p>\n<p>Der gesellschaftliche Reorganisationsprozess scheint mehrere Jahre in Anspruch genommen zu haben und alles andere als geradlinig verlaufen zu sein. Er d\u00fcrfte auch noch nicht abgeschlossen sein, denn vor der Katastrophe hatten sehr verschiedene Modelle existiert, vom Stammesverband bis zur gro\u00dffl\u00e4chigen republikanischen Demokratie. Die Reformation ging nat\u00fcrlich von den Stellen aus, die ein einigerma\u00dfen geordnetes \u00dcberleben geschafft hatten, den Clustern.<\/p>\n<p>Im Ma\u00dfe, in dem diese sich stabisilierten und erweiterten, ergaben sich zunehmend Meinungen, dass nun die Zeit gekommen sei, wieder gro\u00dffl\u00e4chige Produktions-, Verteilungs- und Verwaltungskomplexe zu organisieren, um das &#8220;Wachstum&#8221; zu f\u00f6rdern. Diesen Ansichten stand die \u00dcberzeugung der Mehrheit der Clusterarchitekten gegen\u00fcber, dass Kleinteiligkeit in jeder Beziehung eine sicherere Zukunftsperspektive biete als der aus der gesamten Menschheitsgeschichte sattsam bekannte Gr\u00f6\u00dfenwahn. Sie setzten sich zusammen, um eine &#8220;Nachhaltige Qualit\u00e4tsstrategie&#8221; zu entwerfen.<\/p>\n<p>Deren Grundlage war die eigentlich von jeher bekannte, kaum je aber in politischen Systemen effektiv umgesetzte Erkenntnis: Der Ursprung gesellschaftlichen Erfolgs ist gegenseitiges Vertrauen.<\/p>\n<p>Um jemandem zu vertrauen, sagten die Clusterweisen, muss man ihn kennen. Das menschliche Gehirn, folgerten sie weiter, ist zwar ziemlich effizient, aber nach allen Erfahrungen \u2013 im Milit\u00e4r, in der Wirtschaft, in der Politik \u2013 nicht imstande, mehr als etwa 200 Nachbarindividuen nach ihren St\u00e4rken und Schw\u00e4chen einigerma\u00dfen einzuordnen. Dies, so folgerten sie, solle die Anzahl der W\u00e4hler sein, welche auf der unteren Stufe der Gesellschaftsordnung aus ihrer Mitte einen Vertreter f\u00fcr sie bestimmen und einen Stellvertreter. Und alle diese W\u00e4hler, f\u00fcgten sie hinzu, m\u00fcssen seit mindestens zwei Jahren einer Gemeinschaft von mindestens 200 angeh\u00f6ren, die einen \u00fcbersichtlichen Wohnkreis teilen. So wird die 200-B\u00fcrger-Gemeinschaft zu einem Forum, wo jeder B\u00fcrger seine Meinung \u00e4u\u00dfern kann und jeder &#8220;Politiker&#8221; Rechenschaft ablegen muss. Die &#8220;Politiker&#8221; sind es auf begrenzte Zeit. Die ihnen w\u00e4hrenddessen entgangenen Eink\u00fcnfte und Rechte sowie ihre Spesen werden ihnen von der Gemeinschaft erstattet. Angestellte und Berater brauchen sie nicht; schlie\u00dflich gibt es in der B\u00fcrgergemeinschaft Spezialisten, die der &#8220;Politiker&#8221; gratis befragen kann.<\/p>\n<p>F\u00fcr weiterreichende Entscheidungen w\u00e4hlen die B\u00fcrgervertreter einen Regionalrat von 3-5 Leuten aus ihrer Mitte. Es versteht sich von selbst, dass es hierf\u00fcr nicht mehr als 200 Kandidaten, ausschlie\u00dflich aus benachbarten Basisgruppen, geben kann und dass diese sich durch h\u00e4ufige periodische, etwa w\u00f6chentliche, Treffen gut kennengelernt haben m\u00fcssen. Das sind dann die Vertreter von etwa 40.000 wahlberechtigten B\u00fcrgern, dem &#8220;Regionalkreis&#8221;. Zur Wahrung des 200-Individuen-Prinzips werden die Wahlkreise der 1. und 2. Ordnung periodisch austariert in einer &#8220;Begradigungsversammlung&#8221;. Die Regionalkreise besitzen das Machtmonopol, erheben Steuern und w\u00e4hlen lebenslange Richter. F\u00fcr gewisse \u00fcberregionale Aufgaben k\u00f6nnen sie zweckbestimmte, zeitlich begrenzte Allianzen mit benachbarten Regionalkreisen eingehen. Sie k\u00f6nnen, m\u00fcssen aber nicht, eigene W\u00e4hrungen besitzen. Einfuhr- oder Ausfuhrz\u00f6lle d\u00fcrfen sie nicht erheben. Eine dritte Stufe der Gesellschaftsordnung hielten die Clusterarchitekten nicht f\u00fcr angebracht.<\/p>\n<p>Letzteres erzeugte massive Verwirrung bei den B\u00fcrgern. Und wenn wir von einem anderen Regionalkreis \u00fcberfallen werden? Oder von einer externen Superbande? Wer verteidigt uns? Die au\u00dferregionalen Angelegenheiten, wer k\u00fcmmert sich um sie? Wir sch\u00e4tzen Langsamkeit, Heimatverbundenheit und nachhaltige Produktion, fuhren sie fort, aber ab und zu m\u00f6chten wir schon nach Au\u00dfen; schlie\u00dflich glauben manche von uns, noch Verwandte und Freunde dort zu besitzen. Daf\u00fcr muss es \u00fcberregionale Kommunikations- und Transportbedingungen geben! Auch sind wir ganz zufrieden mit unserem Kohl, den \u00c4pfeln und Pflaumen. Zu besonderen Anl\u00e4ssen jedoch w\u00fcrden wir doch ganz gern Orangen, Bananen und Ananas auf den Tisch bringen; es m\u00fcssen ja nicht gerade jeden Tag Kiwis zum Fr\u00fchst\u00fcck sein.<\/p>\n<p>Die Diskussion scheint lange hin- und hergegangen zu sein. Die Clusterarchitekten wiesen darauf hin, dass hinsichtlich der Verteidigungsfrage man sich von hergebrachten Kriegs\u00e4ngsten endlich befreien sollte: Weder existierte nach der Katastrophe noch die chauvinistische Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung der Gesellschaften, noch die nationalen F\u00fchrer, welche diese zum Expansionswahn h\u00e4tten aufr\u00fchren k\u00f6nnen. Doch wenn solche Versuche irgendwo noch denkbar gewesen w\u00e4ren, st\u00e4nde ihnen eine massive Abwehr der B\u00fcrger entgegen. Schon vor der Katastrophe besa\u00dfen diese so wenige Kinder, dass sie unter keinen Umst\u00e4nden bereit gewesen w\u00e4ren, auch nur eines davor f\u00fcr h\u00f6heren Nationalruhm zu opfern. Und nun waren die Gesellschaften derart ausged\u00fcnnt, dass allein der Gedanke, irgendein Menschenleben zu riskieren, f\u00fcr Jedermann abstrus erschien.<\/p>\n<p>Und was die \u00fcberregionalen Produktionen und Verbindungen anbetrifft, sagten die Weisen, stehe es den Regionalkreisen ja offen, mit anderen, nat\u00fcrlich benachbarten, eine Zweitw\u00e4hrung zu kreieren, mit welcher interessierte B\u00fcrger in die Herrichtung oder Gr\u00fcndung von Bus- oder Flugzeugwerken oder Werften investieren k\u00f6nnten. Solche Produktionsst\u00e4tten d\u00fcrften allerdings nur im 200-W\u00e4hler-Kreis ans\u00e4ssige B\u00fcrger einstellen. F\u00fcr die entsprechenden Verbindungsstra\u00dfen h\u00e4tte jeder Regionalkreis in seinem Gebiet zu sorgen. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde die Gr\u00f6\u00dfe solcher Produktionen nicht mehr die riesigen, kosteng\u00fcnstigen Vehikel erlauben, wie sie vor der Katastrophe die Regel waren. Fernreisen w\u00fcrden also Luxuscharakter besitzen, dem B\u00fcrger nur \u00e4u\u00dferst selten m\u00f6glich sein und bei ihm behutsame Planung sowie l\u00e4ngeres Sparen voraussetzen.<\/p>\n<p>An eine massive PKW-Produktion war ohnehin nicht mehr zu denken. Wenn nicht schon die Infrastruktur gro\u00dfenteils betriebsunf\u00e4hig gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte allein der Mangel an mineralischen Energietr\u00e4gern entsprechenden Projekten un\u00fcberwindliche Grenzen gesetzt. Die Leute machten sich dar\u00fcber wenige Gedanken. Da die allm\u00e4hlich angenommenen und sogar als angenehm lebensnah empfundenen Prinzipien der Langsamkeit und Dezentration st\u00e4ndige Mobilit\u00e4t er\u00fcbrigten, kam man im Tagesgesch\u00e4ft gut mit Muskelantrieb zurecht oder \u2013 soweit ausreichend erneuerbare Energie zur Verf\u00fcgung stand \u2013 mit einfachen Elektrovehikeln. Wo mehrere Regionalkreise sich zusammenfinden konnten, wurden auf alten Gleisanlagen periodische Zugverbindungen istalliert mit Lokomotiven, die mit Biogas oder Abfallholz angetrieben wurden.<\/p>\n<p>Etliche der anf\u00e4nglichen Regionalkreise hatten begonnen, ihre Prinzipien in verfassungs\u00e4hnlichen Dokumenten niederzulegen. Man verglich diese Schriftst\u00fccke untereinander, diskutierte, verbesserte, schrieb ab. So entstand allm\u00e4hlich ein theoretischer Unterbau f\u00fcr nachhaltige Lebensweise und Gesellschaftsform, welcher \u00e4u\u00dferen Regionen zur Information und sich neu formierenden Kreisen zur Anregung diente. Deren Fragen und Einw\u00e4nde wiederum befruchteten die Kernaussagen. <\/p>\n<p>Dabei ergab sich weitgehende \u00dcbereinstimmung \u00fcber ein weiteres, zun\u00e4chst nicht ber\u00fccksichtigtes, wichtiges Grundprinzip: Nachhaltige Lebensweise war nicht mit unbegrenzter Vermehrung vereinbar. Territorium und Einwohnerzahl mussten in einem Verh\u00e4ltnis stehen, das die Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen unter Erhaltung ihrer Substanz erlaubte und den au\u00dfermenschlichen Lebensarten eine Existenz erm\u00f6glichte. Man beschloss, in die &#8220;Verfassungs\u00e4hnlichen Empfehlungen&#8221; einen Passus aufzunehmen, der die Kinderzahl pro Frau auf mindestens eines und h\u00f6chstens drei festsetzte. Einmal pro Generation sollte dieser Passus \u00fcberdacht werden. Es erstaunt wiederum, wie harmonisch diese Empfehlung befolgt wurde. Allein der Prestigeverlust, den ihre Nichtbeachtung in der 200-Individuum-Gemeinde auszul\u00f6sen pflegte, sorgte f\u00fcr seine Einhaltung.<\/p>\n<p>Eigentlich w\u00e4re zu erwarten gewesen, dass die in l\u00e4ndlichen Gebieten \u00fcberraschend problemlos funktionierende neue Ordnung in den vielen gr\u00f6\u00dferen und Gro\u00dfst\u00e4dten mit ihren ehemals zentralistischen Verwaltungen und ihrer gro\u00dfen Abh\u00e4ngigkeit von nationalen, ja, globalen, Kommunikations-, Produktions- und Verteilungssystemen auf enorme Schwierigkeiten und Widerst\u00e4nde gesto\u00dfen w\u00e4re. Dies scheint jedoch vielerorts kaum der Fall gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Wenn diese Menschenansammlungen nicht schon \u2013 da katastrophennah gelegen \u2013 unter Druckwellen oder Ascheregen gelitten hatten, waren sie durch Energie- und Nahrungsmangel sowie die T\u00e4tigkeit brutaler Banden weitaus mehr als l\u00e4ndliche Gebiete betroffen und in der Folge zu nicht geringen Teilen entv\u00f6lkert worden. Arbeitslosigkeit, Hunger, fehlende Krankenbetreuung und andere Dienstleistungen hatten die Einwohner durch Tod oder Abwanderung dezimiert. Die Verbleibenden hatten sich zum \u00dcberleben mit dem nahen l\u00e4ndlichen Umfeld arrangieren m\u00fcssen und dabei die dort jetzt herrschenden Prinzipien kennengelernt. Prinzipien \u00fcbrigens, die manchen von ihnen aus der Theorie durchaus bekannt waren, welche umzusetzen ihnen jedoch im Vorkatastrophensystem verwehrt gewesen war. Nun kramten sie alte B\u00fccher und Artikel hervor und begannen, nach deren Anleitungen auf verlassenen Fabrikgel\u00e4nden, ungenutzten Pl\u00e4tzen, auf D\u00e4chern und entw\u00e4ndeten Obergeschossen unbewohnbarer Hochh\u00e4user (die Fahrst\u00fchle lagen ja still) Gem\u00fcsebeete anzulegen, Obstb\u00e4ume und Beerenstr\u00e4ucher zu pflanzen, und H\u00fchner- und Kaninchenst\u00e4lle gab es bald auch. Die St\u00e4dte beruhigten und begr\u00fcnten sich, ohne zu ver\u00f6den. Man r\u00fcckte zusammen zu 200-W\u00e4hler-Gemeinden und Regionalkreisen. Leblos blieben lediglich Flugh\u00e4fen, Fernbahnh\u00f6fe sowie die monumentalen Zentralen der Konzerne, Banken und ehemaligen Regierungen.<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, dass all diese Transformationen den Menschen nahezu unm\u00f6gliche Verhaltens\u00e4nderungen abverlangt h\u00e4tten. Dies scheint aber nicht so gewesen zu sein. Die Leute selbst wunderten sich dar\u00fcber, wie rasch sie etwa vom Kybernetiker zum Fahrradtechniker oder vom Bankleiter zum Koch werden konnten. Da traten Begabungen und F\u00e4higkeiten zutage, die sie sich gar nicht zugetraut h\u00e4tten. Oft stellte sich sogar ein Gl\u00fccksgef\u00fchl ein beim Ernten der ersten selbst gezogenen Tomaten oder bei Betrachtung eines m\u00fchsam reparierten M\u00f6bels. Es war befriedigend, nach harter Arbeit einen Erfolg vor Augen zu haben. Als winzige Teile unendlicher, un\u00fcbersichtlicher Produktionsketten hatten die Allermeisten solche Erfolgserlebnisse fr\u00fcher nicht gekannt.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens herrschte auch gr\u00f6\u00dferer innerer Frieden. In kleinen Gemeinden sind Misset\u00e4ter rasch identifiziert. Kleine Strafen reichen zur Resozialisierung aus, so dass Anfangst\u00e4ter sich kaum zu Schwerverbrechern entwickeln. Internationale Terroristen- und Verbrecherorganisationen, die ehemals im allgemeinen Kommunikationswirrwar ihr Unwesen treiben, ihre Waffen und Waren beinahe unbehelligt als Beiladung eines monstr\u00f6sen Vertriebssystems hatten beschaffen k\u00f6nnen, waren zusammengebrochen wie die legalen Konzerne.<\/p>\n<p>Die Kulturschaffenden erlebten eine unerwartete Aufwertung. In Abwesenheit immerw\u00e4hrender Unterhaltung durch elektronische Medien begannen die Menschen, ihr Vergn\u00fcgen selbst zu organisieren. Alte Musikinstrumente wurden hervorgeholt und ihr Gebrauch ge\u00fcbt. Ehemalige Schauspieler organisierten Theatergruppen. Die Volkshochschulen erhielten Zulauf. Da industrieller Wohnungsschmuck, Magazine und Billigb\u00fccher sowie Konservenmusik nicht mehr zur Verf\u00fcgung standen (nunmehr auch als minderwertig empfunden wurden), hatten die ehemals am Rande der Gesellschaft lebenden Maler, Bildhauer, Musiker und Literaten nun wieder allerorts ein dankbares Publikum. Nat\u00fcrlich gab es keine Stars mehr, die Millionen mobilisierten und verdienten. Aber ein kreativer K\u00fcnstler war nun so angesehen und auch materiell ausgestattet wie ein ordentlicher Handwerker oder Lehrer.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches galt f\u00fcr die Sportler. Wer Sport liebte und dazu in der Lage war, \u00fcbte ihn aus. Seine Erfolge im kleinen Kreis zeitigten den Respekt des Publikums, ohne ihn mit den Geldmassen zu \u00fcbersch\u00fctten, die fr\u00fcher aus den globalen Vertriebssystemen flossen und mit denen er wenig mehr anfangen hatte k\u00f6nnen, als sie in obsz\u00f6nen Luxusenklaven auszugeben. Spitzenleistungen waren uninteressant. Wenn hier\u00fcber von irgendwo berichtet wurde, lie\u00df das die Sportsfreunde kalt. Man kannte jene Leute ja gar nicht und hatte weder den Drang noch die M\u00f6glichkeit, solche Nachrichten zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Wie wir und andere interstellare Adressen ja l\u00e4ngst aus eigener sehr langwieriger und m\u00fchsamer Erfahrung wissen, ist es m\u00fc\u00dfig, die ganze Wahrheit \u00fcber das Universum ergr\u00fcnden zu wollen. Zu dieser Erkenntnis ist die Wissenschaft auf der Erde noch nicht gelangt. Dennoch scheint sie sich umst\u00e4ndehalber eine weise Selbstbeschr\u00e4nkung auferlegt zu haben: Selbst wenn noch die ungeheuren Mittel an Energie und Arbeitskraft zur Verf\u00fcgung gestanden h\u00e4tten, die vor der Katastrophe zur Ergr\u00fcndung der vermeintlich letzten Geheimnisse im Aufbau der Materie oder der Geschichte des Universums eingesetzt waren (oder gar zu dessen Erkundung durch irdische Artefakte), der ungewisse Erfolg solcher Programme h\u00e4tte in keinem vern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis gestanden zu den Vorteilen, die die Verwendung dieser Mittel f\u00fcr die Wahrung der Gesundheit des eigenen Planeten versprachen. Die Wissenschaftler kamen also ziemlich schnell \u00fcberein, Mikrokosmos und Makrokosmos der Phantasie der Philosophen zu \u00fcberlassen und die Energie auf den eigenen Mesokosmos zu konzentrieren.<\/p>\n<p>Dort gab es ja auch gewiss noch genug zu tun. Nicht einmal alle Lebensarten ihres Planeten hatten die Menschen erfasst, so dass sie davon entfernt waren, etwa den Schaden des von ihnen verursachten Artensterbens quantifizieren zu k\u00f6nnen. Man warf sich also auf das Studium der irdischen Lebensformen und ihrer Verschr\u00e4nktheit in den zahlreichen und sehr unterschiedlichen Biosystemen. Der Fortschritt solcher Erkenntnisse erlaubte den Menschen nicht nur, Wege zum gedeihlichen Zusammenleben mit anderen Kreaturen zu weisen, er er\u00f6ffnete auch sehr wertvolle neue M\u00f6glichkeiten, erneuerbare, st\u00e4ndig verf\u00fcgbare Naturkr\u00e4fte effizient zu nutzen. Und das alles konnte in kleinen Forschungs- und Lehrzirkeln erarbeitet werden, welchen nach Absprache zwischen den Regionalkreisen gewisse Privilegien f\u00fcr die Kommunikation mit anderen Zirkeln einger\u00e4umt worden waren, um Ergebnisse auszutauschen.<\/p>\n<p>Wie unsere Analysten schildern, scheint die R\u00fcckkehr der Erdbev\u00f6lkerung zur Qualit\u00e4tsstrategie l\u00e4ngst nicht abgeschlossen. Die hier geschilderte &#8220;Small-Is-Beautiful-Strategie&#8221; erfasst erst einen Kernbereich des Planeten. Es ist der, welcher die anscheinend effektivste und intelligenteste Form des \u00dcberlebens organisieren konnte \u2013 und der einzige, aus dem uns Funkspr\u00fcche erreichen. Aus diesen Nachrichten k\u00f6nnen unsere Spezialisten jedoch destillieren, dass in anderen Gegenden weiterhin schlimme Not und grausame Br\u00e4uche herrschen. Immerhin hat die bisherige Post-Katastrophen-Entwicklung gezeigt, dass der Erfolg vern\u00fcnftiger Prinzipien unter gewissen Umst\u00e4nden ansteckend ist.<\/p>\n<p>Die Umst\u00e4nde waren katastrophale Naturereignisse. Nun, da diese Umst\u00e4nde ihre Dominanz verloren haben, bleibt abzuwarten, ob die Erdbev\u00f6lkerung aus eigener Erkenntnis eine nachhaltige Lebensweise global zu instituieren und zu erhalten in der Lage sein wird.<\/p>\n<p>Sie w\u00e4re dabei gut beraten, dem dort lange verunglimpften Begriff der Bescheidenheit in der Erziehung, in den W\u00e4hlergruppen, in und zwischen den Regionalkreisen neues, priorit\u00e4res Gewicht zu verleihen. Damit k\u00f6nnte verhindert werden, dass der jedem Lebewesen angeborene Drang zur unbegrenzten Vermehrung \u2013 durch den vermeintlichen Zwang, m\u00f6glichst jedem der m\u00f6glichst vielen Nachkommen m\u00f6glichst optimale Expansionsm\u00f6glichkeiten zu er\u00f6ffnen \u2013 die gerade in Anf\u00e4ngen befindliche, zukunftstr\u00e4chtige Entwicklung wieder in Richtung eines Kollapses wie jenem f\u00fchrt, dem die Menschheit vor der Katastrophe ziemlich nahe war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erde funkt wieder Von Friedbert W. B\u00f6hm Nach einer Zeitspanne, welche die Dortigen 35 Jahre nennen, erreichen uns seit Kurzem wieder Signale von jenem &#8220;Erde&#8221; genannten, sonnennahen Planeten. Sie sind sehr viel sp\u00e4rlicher als die vor der langen Funkstille gewohnten. 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