{"id":1512,"date":"2008-07-23T12:27:37","date_gmt":"2008-07-23T15:27:37","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2008\/07\/23\/rodin-in-buenos-aires\/"},"modified":"2008-07-23T12:41:33","modified_gmt":"2008-07-23T15:41:33","slug":"rodin-in-buenos-aires","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2008\/07\/23\/rodin-in-buenos-aires\/","title":{"rendered":"Rodin in Buenos Aires"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mehr als nur die Ausstellung im Museo Nacional de Arte Decorativo<\/p>\n<p><em>Von Katharina Guderian<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1513\" alt=Rodin3.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/07\/Rodin3.jpg\" \/><br \/>\n<em>Rettungsbed\u00fcrftiger \u201aDenker\u2019.<br \/>\n(Foto: Katharina Guderian)<\/em><\/div>\n<p>Kaum jemand schenkt ihm Aufmerksamkeit. Er ist in einem erschreckenden Zustand. Mit Graffitis bespr\u00fcht und Farbschmierereien \u00fcbers\u00e4ht muss \u201aDer Denker\u2019 des franz\u00f6sischen Bildhauers Fran\u00e7ois Auguste Ren\u00e9 Rodin auf der Plaza Lorea 200 Meter vor dem Kongress in Buenos Aires nicht nur seit 1907 der Witterung standhalten, sondern wurde zum Opfer von Aggression und Zerst\u00f6rungswut. Einst ein Symbol f\u00fcr Verstand, Reflexion und St\u00e4rke, sitzt er jetzt auf seinem Sockel wie ein H\u00e4ufchen Elend und scheint den Idealen den R\u00fccken gekehrt zu haben. Resignation statt Inspiration. \u201aDer Denker\u2019 in Buenos Aires ist der einzige Bronzeguss dieses k\u00fcnstlerischen Meisterwerkes mit unsch\u00e4tzbarem historischem Wert in ganz S\u00fcdamerika. Und doch gehen die Passanten an ihm vorbei, ohne ihren Blick zu heben. Zur Rodin-Ausstellung im Museo Nacional de Arte Decorativo an der Avenida del Libertador str\u00f6men die Besucher allerdings in Scharen.<\/p>\n<p>Alleine am Er\u00f6ffnungstag, dem 12. Juli, hatte die Ausstellung \u201aLa Era de Rodin\u2019 mehr als 2100 Besucher. Im monumentalen Rahmen des historischen Bauwerkes werden noch bis zum 14. September dienstags bis sonntags von 14 bis 19 Uhr 46 Werke von Rodin gezeigt &#8211; darunter einige seiner ber\u00fchmtesten wie \u201aDer Denker\u2019 (1880) und \u201aDer Kuss\u2019 (1886) &#8211; sowie weitere 30 Arbeiten seiner Zeitgenossen. Die gedr\u00e4ngte Masse der Kunstwerke ist \u00fcberw\u00e4ltigend, ebenso wie der Andrang im Museum. Es bietet sich an, den Besuch der Ausstellung auf mehrere Tage aufzuteilen, um die Skulpturen mit gen\u00fcgend Ruhe genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, da der Eintritt nur zwei Pesos betr\u00e4gt und dienstags kostenlos ist.<\/p>\n<p>Auch wenn die Beleuchtung im Museum nicht ideal sein mag, so dass sich das f\u00fcr Rodin typische Wechselspiel zwischen Licht und Schatten auf den Skulpturen voll entfalten kann, der Besuch der Ausstellung lohnt sich. Mehr Rodin auf einem Fleck gibt es in Buenos Aires sonst nirgends.<\/p>\n<p>Rodin geh\u00f6rt zu den bedeutendsten Pers\u00f6nlichkeiten der Bildhauerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er wird als letzter gro\u00dfer klassischer Bildhauer, gleichzeitig aber auch als Wegbereiter der Moderne angesehen, der neue Ma\u00dfst\u00e4be vor allem auf dem Gebiet der Plastik und der Skulptur setzte.<!--more--> Er versuchte sich in neuen Darstellungsformen, ohne dabei jedoch die Tradition aus den Augen zu verlieren. Es ist schwierig, seinen Stil einzuordnen: symbolische Allegorien mit impressionistischem Realismus, expressionistischer Dynamik und einem Hauch von Romantik. Durch das Spiel des Lichtes haben die Figuren eine malerische Lebhaftigkeit. Rodin schaffte es, menschliches, seelisches Befinden aus dem K\u00f6rper heraus in Stein oder Metall zu bannen. Nicht nur ganze Figuren und Gesichter leben, sondern selbst isolierte K\u00f6rperteile wie H\u00e4nde zeigen das Wesen eines gef\u00fchlten Momentes. Das non-finito ist dabei ein bedeutendes Stilmerkmal seiner Werke. Nicht wie Michelangelo lie\u00df er manche unvollendet, weil es ihm an Geld oder der n\u00f6tigen Selbstsicherheit fehlte. Er integrierte das Fragmentarische als ausdruckstragendes Stilmittel. Auch weit seiner Zeit voraus war er mit seinen Assemblagen, wobei er durch die Neu-Kombination von Teilen bereits bestehender Werke andere Sinnzusammenh\u00e4nge erschloss.<\/p>\n<p>Rodin wurde am 12. November 1840 in Paris geboren. Er entdeckte sein Interesse f\u00fcr die Bildhauerei ab 1854 an der Petite \u00c9cole, die eigentlich f\u00fcr die Ausbildung von Kunsthandwerkern bestimmt war. W\u00e4hrend seiner dreij\u00e4hrigen Schulzeit versuchte er mehrmals vergeblich, an der ber\u00fchmten \u00c9cole des Beaux-Arts aufgenommen zu werden &#8211; vielleicht eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung, denn an dieser Schule w\u00e4re er strenger an die klassischen Normen gebunden gewesen. Nach dem Tod seiner Schwester 1862 trat er in den Orden der P\u00e8res du Saint-Sacrement ein. Doch nicht das Priesteramt entpuppte sich als seine Berufung, sondern die Kunst: In einer Bretterbude im Ordensgarten widmete er sich seiner Leidenschaft. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde Rodin Sch\u00fcler von Albert-Ernest Carrier-Belleuse, folgte diesem 1870 nach Br\u00fcssel, aber trennte sich nach heftigen k\u00fcnstlerischen Konflikten wieder von ihm. In der Folgezeit f\u00fchrte Rodin \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge aus und erfuhr dadurch seine erste k\u00fcnstlerische Anerkennung. In den Jahren 1875\/76 unternahm Rodin eine Studienreise nach Italien, um das Geheimnis Michelangelos zu entschl\u00fcsseln. 1877 kehrte er nach Paris zur\u00fcck, 1880 erhielt er den Auftrag, das Portal f\u00fcr das Mus\u00e9e des Arts D\u00e9coratifs zu gestalten. An diesem \u201aH\u00f6llentor\u2019 arbeitete er ann\u00e4hernd 37 Jahre, ohne es zu vollenden. Doch einige Figuren daraus, wie auch \u201aDer Denker\u2019, isolierten sich aus ihrem urspr\u00fcnglichen Kontext und erhoben sich zu eigenst\u00e4ndigen Kunstwerken. Drei Jahre sp\u00e4ter lernte Rodin Camille Claudel kennen, die ihm in den folgenden 15 Jahren als Assistentin, Modell und Geliebte zur Seite stand.<\/p>\n<p>Zwischen 1886 und 1890 erhielt Rodin die Auftr\u00e4ge f\u00fcr einige seiner ber\u00fchmtesten Werke, \u201aDie B\u00fcrger von Calais\u2019, die Skulptur Victor Hugos und das Portr\u00e4t von Honor\u00e9 de Balzac; gegen Ende der 90er schaffte er den \u00f6ffentlichen Durchbruch. Rodin lie\u00df sich 1894 in Meudon nieder und scharte dort einen Kreis junger Schriftsteller und K\u00fcnstler um sich. Es folgten zahlreiche Ausstellungen, u.a. bei der Weltausstellung in Paris (1900), und Ehrentitel von Universit\u00e4ten. Im Jahr 1895 beauftragte Arist\u00f3bolu del Valle von der Kunstkommission von Buenos Aires den franz\u00f6sischen Bildhauer mit einem Denkmal f\u00fcr den ehemaligen Pr\u00e4sidenten Domingo Faustino Sarmiento. Somit war Buenos Aires eine der ersten St\u00e4dte der Welt, die das seltene Privileg erhielt \u00f6ffentlich eine Skulptur von Rodin auszustellen &#8211; auch wenn Rodin nicht bezahlt werden konnte, weil die Bank, in welcher die Geldmitteln angelegt waren, bankrott machte. Dennoch wurde das Monument am 25. Mai 1900 in den G\u00e4rten von Palermo eingeweiht. 1907 bezog Rodin sein Stadtatelier im H\u00f4tel Biron, das heute das Mus\u00e9e Rodin beherbergt. In dem Buch \u201aDie Kunst\u2019 verewigte er 1911 seine Kunsttheorie. Im Alter von 76 Jahren heiratete Rodin eine andere langj\u00e4hrige Lebensgef\u00e4hrtin, Rose Beuret, die er bereits 1864 kennengelernt hatte. Am 17. November 1917 starb er in Meudon.<\/p>\n<p>Die Ausstellung im Museo Nacional de Arte Decorativo ist nicht die einzige M\u00f6glichkeit in Buenos Aires, Rodins Werke zu bewundern. Wer sie verpasst, kann sich in der Dauerausstellung des Museo Nacional de Bellas Artes 16 Werke des K\u00fcnstlers aus Marmor, Bronze und Gips, sowie eine Terrakotta-Studie von dem \u201aKuss\u2019 ansehen. Au\u00dferdem gibt es schon einige Regierungsinitiativen, unter anderem der Abgeordneten von Buenos Aires Teresa Anchorena (Coalici\u00f3n C\u00edvica), den \u201aDenker\u2019 auf dem Plaza Lorea zu retten, und ihn auf seinen urspr\u00fcnglichen Bestimmungsort, die Stufen des Kongresses, zu verlegen. Dies soll innerhalb des n\u00e4chsten Monats geschehen. Vielleicht erh\u00e4lt er dort die Wertsch\u00e4tzung, die ihm geb\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; vom 19.07.08.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als nur die Ausstellung im Museo Nacional de Arte Decorativo Von Katharina Guderian Rettungsbed\u00fcrftiger \u201aDenker\u2019. (Foto: Katharina Guderian) Kaum jemand schenkt ihm Aufmerksamkeit. Er ist in einem erschreckenden Zustand. 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