{"id":15329,"date":"2013-04-18T10:27:35","date_gmt":"2013-04-18T13:27:35","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=15329"},"modified":"2013-04-20T14:49:12","modified_gmt":"2013-04-20T17:49:12","slug":"sehr-viel-wasser-gottliche-mutter-und-erschossene-kameras","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/04\/18\/sehr-viel-wasser-gottliche-mutter-und-erschossene-kameras\/","title":{"rendered":"Sehr viel Wasser, g\u00f6ttliche M\u00fctter und erschossene Kameras"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Streifzug durch die Sektionen des 15. Filmfestivals BAFICI<\/p>\n<p><em>Von Jana M\u00fcnkel<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/broken_cameras.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/broken_cameras.jpg\" alt=\"\" title=\"broken_cameras\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"aligncenter size-full wp-image-15331\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/broken_cameras.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/broken_cameras-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nNoch ist es wuselig im &#8220;Village Cines&#8221; in Recoleta. Seit einer Woche verraten die langen Schlangen vor den Kinos, dass das 15. <a href=\"http:\/\/festivales.buenosaires.gob.ar\/festivales\/v3\/web\/index.php\/index.html\">BAFICI<\/a> in vollem Gange ist. Zeit f\u00fcr eine Zwischenbilanz! Es ist gar nicht so leicht, sich durch den Kinodschungel zu schl\u00e4ngeln und aus den mehr als 400 Filmen ein paar herauszupicken.<\/p>\n<p>Der erste Langfilm der uruguayischen Regisseurinnen Ana Guevara und Leticia Jorge war bereits auf der Berlinale ein voller Erfolg. In Buenos Aires l\u00e4uft er im internationalen Wettbewerb und auch hier kommt er an: alle drei Vorstellungen sind komplett ausverkauft. Es wird keine riesig aufgebauschte Geschichte erz\u00e4hlt, im Gegenteil. Trotzdem wird man hineingesogen in diesen Film mit dem vielen Wasser. Ein geschiedener Vater holt seine ihm fremdgewordenen Kinder bei der Mutter ab, um eine Urlaubswoche in einer Apartmentanlage zu verbringen. Die pubertierende Luc\u00eda (grandios in ihrer Mischung aus Unsicherheit und der Lust, was auszuprobieren: Mal\u00fa Chouza) und ihr kleiner Bruder sind m\u00e4\u00dfig begeistert und dann regnet es auch noch unaufh\u00f6rlich Sturzb\u00e4che. &#8220;Tanta Agua&#8221; ist koproduziert von &#8220;Komplizen Film&#8221;, einer Berliner Produktionsfirma, die von Maren Ade mitgegr\u00fcndet wurde. Ein bisschen scheint diese Handschrift durch; die Erz\u00e4hlweise der beiden Regisseurinnen erinnert sehr an Ades &#8220;Alle anderen&#8221;, das 2009 den Gro\u00dfen Preis der Berlinale-Jury gewann. Ohne viel Aufhebens wird man Zeuge eines Familienurlaubs, der sich erst zaghaft zu einem solchen entwickeln muss. Die hilflosen Ann\u00e4herungsversuche des Vaters (Nestor Guzzini) an seine Kinder oder Luc\u00edas erste Flirts, Entt\u00e4uschungen und Alkoholeskapaden &#8211; das alles driftet nie ins Klischeehafte ab. Neben urkomischen Szenen, die viele Lacher im Kinosaal provozieren, wirken die Dialoge, in denen vieles unausgesprochen bleibt, authentisch und unkonstruiert. Es k\u00f6nnte sich um Szenen aus dem eigenen Urlaub handeln.<\/p>\n<p>Auch zahlreiche sehenswerte Dokumentationen lassen sich auf dem BAFICI entdecken. Trotz der fr\u00fchen Stunde ist die Pressevorf\u00fchrung des mit Spannung erwarteten &#8220;Bloody Daughter&#8221; (Au\u00dfer Konkurrenz) gut gef\u00fcllt. Regisseurin St\u00e9phanie Argerich ist die Tochter der weltber\u00fchmten argentinischen Pianistin Martha Argerich. &#8220;Ich bin die Tochter einer G\u00f6ttin&#8221;, sagt sie selbst in leicht sarkastischem Ton und zeichnet das Portr\u00e4t einer virtuosen Frau, die Chopin als die Liebe ihres Lebens bezeichnet, drei T\u00f6chter mit drei verschiedenen M\u00e4nnern hat und die Balance zwischen tourender K\u00fcnstlerexistenz und Muttersein nicht immer zu halten vermochte. Herausgekommen ist ein sehr pers\u00f6nlicher Film, der gekonnt Bilder aus verschiedenen Zeiten integriert. St\u00e9phanie filmte eher zuf\u00e4llig seit fr\u00fcher Kindheit. Das ist ein Gl\u00fccksfall, denn so entstanden wertvolle Szenen, die die wundersch\u00f6ne Martha Argerich mit dem feingliedrigen Gesicht in Jung, Alt, im Schlafanzug im Kreis der Familie und in Konzertkleidung zeigen. Gekonnt kommentiert und reflektiert St\u00e9phanie, die der jungen Martha wie aus dem Gesicht geschnitten ist, aus dem Off, thematisiert ihre Kindheit und die Mutter-Tochter-Beziehung mit zuweilen unbequemen Fragen. Auch ihre Schwestern und ihr Vater kommen zu Wort. Man hat den Eindruck, die lebendige K\u00fcnstlerfamlie aus erster Hand kennenzulernen.<\/p>\n<p>Eine andersartige Dokumentation l\u00e4uft im Panorama: &#8220;5 Broken Cameras&#8221; von Emad Burnat und Guy Davidi zeigt schockierende Bilder aus dem Kern des Nahostkonflikts. Emad Burnat filmte f\u00fcr die preisgekr\u00f6nte und Oscar-nominierte pal\u00e4stinensisch-israelisch-franz\u00f6sische Koproduktion seinen Alltag in Bil&#8217;in, einem kleinen Dorf, das besonders von der israelischen Besiedlung betroffen ist. Die Bewohner protestieren gegen H\u00e4user- und Mauerbau, man ist dabei, wenn israelische Granaten einschlagen, die das Handkamerabild ersch\u00fcttern, und kann sich der Wut nicht erwehren, wenn der Sohn eines Dorfbewohners von einer Kugel getroffen wird und nicht mehr aufsteht. Zu wissen, dass das &#8220;real life&#8221; sei, sei heftig, sagt die deutsche Austauschstudentin und Festivalbesucherin Leonie Riek. F\u00fcnf von Burnats Kameras werden &#8220;erschossen&#8221;, doch er filmt immer weiter. Die Bilder, kurz bevor die Kameras kaputtgehen, werden erst pixelig, dann schwarz und hinterlassen ein flaues Gef\u00fchl im Magen.<\/p>\n<p>Eher entt\u00e4uschend ist &#8220;Butoh&#8221;, eine Dokumentation von Constanza Sanz Palacios \u00fcber <a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/07\/21\/pionierin-in-einem-technischen-und-spirituellen-neuland\/\">Marielouise Alemann<\/a>. Sie ist die zweite Frau von Ernesto Alemann, dem Vater der beiden Herausgeber des <a href=\"http:\/\/www.tageblatt.com.ar\/\/\/\">Argentinischen Tageblatts<\/a>, und schrieb fr\u00fcher selbst f\u00fcr diese Zeitung. Die geb\u00fcrtige Deutsche wuchs in Argentinien auf und experimentierte viel mit Happenings und dem Kino. In der Dokumentation ist interessantes Material ihrer Arbeit integriert, allerdings bleiben viele Fragen offen. Die Bilder wirken teilweise unzusammenh\u00e4ngend und werden der beeindruckenden Pers\u00f6nlichkeit dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Frau nicht gerecht. Ein durchdachteres Portr\u00e4t w\u00e4re w\u00fcnschenswert gewesen.<\/p>\n<p>Positiv zum BAFICI und insbesondere zum interessierten Publikum \u00e4u\u00dferten sich zwei angereiste deutsche Regisseure. Zu lebendigen Publikumsdiskussionen geh\u00f6ren aber selbstverst\u00e4ndlich auch spannende Filme. <a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/04\/17\/atomverseuchter-sudural\/\">Sebastian Mez&#8217; Dokumentation &#8220;Metamorphosen&#8221;<\/a> aus dem internationalen Wettbewerb thematisiert eine Gegend im S\u00fcdural, die durch den weitgehend unbekannten, weltweit drittgr\u00f6\u00dften Atomunfall radioaktiv verseucht ist. Mit einer besonderen Schwarz-Wei\u00df-\u00c4sthetik und Filmkorn als Stilmittel gelingt es ihm, eine eigentlich wundersch\u00f6ne Landschaft verfremdet und bedrohlich wirken zu lassen.<\/p>\n<p>Christoph Hochh\u00e4uslers Bankerdrama &#8220;Unter dir die Stadt&#8221; von 2010 l\u00e4uft in der Sektion &#8220;Panorama&#8221; und verst\u00f6rt mit seiner Handlung, die auf wirklich gef\u00fchrten Interviews mit Bankern basiert. Die Chefetage einer Investmentbank als frostiges Milieu mit kalten Farben, starren Formen und Scheinfreundlichkeiten enth\u00fcllt ein unmenschliches Spiel um Macht, Sex und Geld. Ein unvorstellbarer Voyeurismus entwickelt sich innerhalb der Handlung, aber auch durch die Kamera, die jedes Detail genau verfolgt und mit k\u00fchl-analysierender N\u00fcchternheit freilegt.<\/p>\n<p>Ein BAFICI-Besuch, ganz gleich in welcher Sektion, lohnt sich also allemal.<\/p>\n<p>Infos <a href=\"http:\/\/festivales.buenosaires.gob.ar\/festivales\/v3\/web\/index.php\/index.html\"><em>hier<\/em><\/a>.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\n5 zerst\u00f6rte Kameras &#8211; Emad filmt trotzdem weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Streifzug durch die Sektionen des 15. Filmfestivals BAFICI Von Jana M\u00fcnkel Noch ist es wuselig im &#8220;Village Cines&#8221; in Recoleta. Seit einer Woche verraten die langen Schlangen vor den Kinos, dass das 15. BAFICI in vollem Gange ist. Zeit f\u00fcr eine Zwischenbilanz! 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