{"id":1565,"date":"2008-11-02T08:53:05","date_gmt":"2008-11-02T11:53:05","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2008\/10\/02\/begegnung-mit-der-pachamama\/"},"modified":"2008-11-03T13:22:11","modified_gmt":"2008-11-03T16:22:11","slug":"begegnung-mit-der-pachamama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2008\/11\/02\/begegnung-mit-der-pachamama\/","title":{"rendered":"Begegnung mit der Pachamama"},"content":{"rendered":"<p><strong>Teresa Peredas Projekt &#8220;Flores para un desierto&#8221; in der Salzw\u00fcste Boliviens<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1560\" alt=Ovillo2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/09\/Ovillo2.jpg\" \/><br \/>\n<em>Das mit bunten B\u00e4ndern geschm\u00fcckte Wollkn\u00e4uel, das Teresa Pereda in ihrer Performance in Bolivien verwendete.<\/em><\/div>\n<p>Die Pachamama ist eine anspruchsvolle Gottheit. Zum Beispiel hat sie es gern, mit S\u00fc\u00dfigkeiten verw\u00f6hnt oder bes\u00e4nftigt zu werden. Diese werden mit etwas Alkohol besprenkelt und dann sorgf\u00e4ltig verbrannt. Ein kleines Loch wird in die Erde gegraben und die zu Asche gewordene Gabe hineingelegt. Die Gebete der Schamanen oder die konzentrierte Andacht derjenigen, die das Opfer darbringen, tragen zur guten Verdauung und dem resultierenden Wohlwollen der Pachamama, der Mutter Erde, bei. Und zur Gewissheit ihrer Kinder: Sie wird unsere Ernte, unser Vieh besch\u00fctzen, uns Nahrung und Kleidung geben, das, was wir zum Leben brauchen.<\/p>\n<p>Gutes Essen und bunte Farben liebt die Pachamama. Es gef\u00e4llt ihr, wenn das sch\u00f6nste Tier der Herde f\u00fcr sie geopfert wird und man ihr sein Blut zu trinken gibt, und wenn die Gaben mit Coca-Bl\u00e4ttern bestreut sind. Sie mag es, wenn die Lamas der Herde mit bunten B\u00e4ndern geschm\u00fcckt sind und jeden Tag, wenn sie \u00fcber die Erde schreiten, dies ihr zu Ehren tun. Dann sorgt sie f\u00fcr Nahrung und Fruchtbarkeit &#8211; f\u00fcr Leben.<\/p>\n<p>Die Pachamama wird heute wie einst von den Ketschua oder Amaya in Nordargentinien, Nord-Chile, Bolivien, Peru und Ecuador verehrt. Einen Konflikt mit dem christlichen Glauben gibt es nicht, die meisten Verehrer der Pachamama sind zugleich Katholiken. Sogar in der Weltstadt Buenos Aires ist es bei vielen Menschen \u00fcblich, einen kleinen Schluck ihres Weines zu versch\u00fctten, bevor sie selbst trinken: &#8220;Erst etwas f\u00fcr die Pachamama!&#8221;<\/p>\n<p>Die argentinische K\u00fcnstlerin Teresa Pereda ist eine dieser aufgekl\u00e4rten, modernen, globalisierten Personen. In ihrem Atelier in Buenos Aires sitzt sie an ihrem Laptop und bearbeitet mit dem neuesten Programm f\u00fcr Filmschnitt die Videos von ihrer letzten Performance. Eine, die ein so einschneidendes Erlebnis, eine so tiefe Begegnung mit der Pachamama und den sie umgebenden Ritualen war, dass Teresa vier Monate lang nicht einmal die Fotos ansehen konnte, die sie und die K\u00fcnstler Charly Nijensohn und Juan Pablo Ferlat bei ihrem zwanzigt\u00e4gigen Aufenthalt im Januar in der Salzw\u00fcste von Bolivien gemacht hatten.<\/p>\n<p><strong><em>Ausgangspunkt Ushuaia<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1561\" alt=Teresa2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/09\/Teresa2.jpg\" \/><br \/>\n<em>(Zur\u00fcck-)geben statt immer nur nehmen: Teresa Pereda (links) bei der Darbringung von Erde aus verschiendenen argentinischen Provinzen in Ushuaia 2007. Rechts: Ren\u00e9 Vergara.<br \/>\n<\/em><\/div>\n<p>Im April 2007 hielt sich der in Berlin lebende, international anerkannte argentinische Video-K\u00fcnstler Charly Nijensohn in Ushuaia auf, wo er sich an der &#8220;I. Bienal del Fin del Mundo&#8221; (I. Biennale am Ende der Welt) beteiligte. Teresa Peredas Beitrag zur Biennale war die Performance &#8220;Recolecci\u00f3n en el bosque: cita en Yatana&#8221;. Diese bestand aus der &#8220;recolecci\u00f3n&#8221;, also Sammlung, von Erde des Ortes Yatana, die Teresa Pereda von der feuerl\u00e4ndischen K\u00fcnstlerin M\u00f3nica Alvarado \u00fcberreicht bekam; dann folgte die &#8220;restituci\u00f3n&#8221;. also R\u00fcckgabe, von Erde, die Teresa Pereda zu anderen Gelegenheiten an anderen Orten Argentiniens gesammelt (bzw. von dortigen Schamanen \u00fcberreicht bekommen) hatte, an den Ort Yatana, und das Darbringen dieser Erde als Opfergabe durch Teresa Pereda und den feuerl\u00e4ndischen Schamanen Ren\u00e9 Vergara. Bei dieser Performance verwendete Teresa auch zum ersten Mal das Wollkn\u00e4uel als &#8220;Werkzeug&#8221;: 38 kg zu einem Strang gedrehte Schafswolle, die sie im Wald von Yatana ausrollte und wieder einholte.<\/p>\n<p>Charly Nijensohn lud Teresa Pereda ein, mit ihm in Januar 2008 in die Salzw\u00fcste von Uyuni zu fahren, wo er unter Mithilfe des K\u00fcnstlers Juan Pablo Ferlat sein Video-Projekt &#8220;El naufragio de los hombres&#8221; (Der Schiffbruch der Menschheit) verwirklichen wollte. Er hatte den besonderen Zugang gesehen, den die K\u00fcnstlerin Pereda zur alteingesessenen Bev\u00f6lkerung hatte und den gegenseitigen Respekt, der f\u00fcr die Verwirklichung ihrer Performance in Ushuaia unerl\u00e4sslich gewesen war, und bat sie um Mithilfe beim Aufbau eines Kontaktes zur Bev\u00f6lkerung seines Zielortes in Bolivien. Teresa bat Nijensohn im Gegenzug, dass er dort ihr Projekt &#8220;Recolecci\u00f3n en el salar: cita en Jaruma&#8221;, sp\u00e4ter &#8220;Flores para un desierto&#8221;, dokumentieren m\u00f6ge.<\/p>\n<p><strong><em>Blumen in der W\u00fcste<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die 20 Tage in der Salzw\u00fcste werden f\u00fcr die drei K\u00fcnstler unvergesslich bleiben. Schon bei ihrer Ankunft hatten sie Gl\u00fcck: Teresa kam mit dem Taxifahrer, der sie am 7. Januar 2008 vom Flughafen abholte, ins Gespr\u00e4ch, und dieser stellte ihr nicht nur einen Schamanen vor, der ihr die in der Region \u00fcblichen Rituale f\u00fcr die Pachamama erl\u00e4uterte, sondern brachte sie und die beiden anderen K\u00fcnstler zu seiner umfangreichen Familie, deren Mitglieder fortan Protagonisten der beiden Kunstprojekte wurden.<\/p>\n<p>Fast jeden Tag, bevor sie zum Drehen in die Salzw\u00fcste fuhren, brachten sie der Pachamama ein Opfer dar und stimmten sie milde f\u00fcr das Gelingen ihrer Arbeit. Sie wurden so sehr Teil der Familie, dass diese Teresa schlie\u00dflich einlud, an ihrem wichtigsten Feiertag, dem 21. Januar (dem Tag des Hl. Sebastian, dem Schutzpatron der Schafe und Kamele) beim &#8220;Florear&#8221;-Ritus, dem Mit-Blumen-Schm\u00fccken der Lamas, mit ihrer Performance und ihren Gaben mitzuwirken. Bei der &#8220;Florear&#8221;-Zeremonie werden die Ohren der Lamas mit bunten B\u00e4ndern geschm\u00fcckt, so dass sie jedesmal, wenn sie ihren Kopf beugen, um zu fressen, der Pachamama ihre Ehrerbietung beweisen.<\/p>\n<p>Am 21. Januar wurde das sch\u00f6nste Tier der Herde (im Falle der betreffenden Familie ein Schaf, ein wei\u00dfer Hammel), geopfert und sein Blut wurde mit anderen Gaben der Pachamama dargebracht. Zu diesen Gaben geh\u00f6rte auch Erde, die Teresa Pereda von verschiedenen Orten Argentiniens mitgebracht hatte, und die mit den &#8220;ofrendas&#8221; der Familie zusammen der Pachamama in der den ganzen Tag dauernden Zeremonie geopfert wurde. Darauf wurden die Lamas der Familie geschm\u00fcckt. Teresa vollzog ihre Performance &#8220;Flores para un desierto&#8221;, indem sie das 40 kg schwere Schafswoll-Kn\u00e4uel, das sie mitgebracht und in den vergangenen Tagen mit bunten B\u00e4ndern geschm\u00fcckt hatte, in der kargen Landschaft ausrollte und wieder einholte.<\/p>\n<p>Die von Charly Nijensohn gefilmten Szenen der Zeremonie und der Woll-Performance geben eine Atmosph\u00e4re wieder, die fast \u00fcberirdisch ist. In der Luft liegt eine ungeheure Spannung, und doch werden alle Bewegungen mit Bedacht und Langsamkeit ausgef\u00fchrt. Hier gibt es keinen Selbstzweifel, kein individuelles Zaudern, sondern die jahrhundertealte Gewissheit eines Kollektivs um die Richtigkeit und den Wert jedes einzelne Details des Rituals.<\/p>\n<p>Es hat die drei argentinischen K\u00fcnstler sehr stark bewegt, dass sie bei einer solchen Zeremonie als gleichwertige Akteure mitwirken durften und nicht lediglich wie &#8220;Voyeure&#8221; einen alten Ritus aufgezeichnet haben. Teresa Pereda hat immer noch einen Klo\u00df im Hals, wenn sie von dem Erlebnis erz\u00e4hlt und Filmausz\u00fcge oder Fotos zeigt. Aber sie ist zusammen mit Juan Pablo Ferlat jetzt flei\u00dfig dabei, die Dokumentation ihres fl\u00fcchtigen Kunstwerks voranzutreiben. Sie bearbeitet Videosequenzen, w\u00e4hlt Bilder aus. 20 kg ihres Wollkn\u00e4uels hat sie der Familie in Bolivien geschenkt, aber ein 20-kg-Kn\u00e4uel, das mit vielen bunten B\u00e4ndern geschm\u00fcckt ist, hat sie nach Buenos Aires mitgebracht. Es steckt in einem Plastiksack und riecht etwas streng nach Naphthalin, und doch umweht es etwas von der Weite des unendlichen bolivianischen Himmels und dem heiligen Boden der Pachamama, den es ber\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Als Plattform f\u00fcr Teresa Peredas Kunstwerk k\u00f6nnte man sich einen Museumssaal vorstellen, darin ein Podest, auf dem das Wollkn\u00e4uel ausgestellt ist. Daneben einen Bildschirm, auf dem die Zeremonie zu sehen ist, und einen anderen mit dem Film der Performance, an den W\u00e4nden schlie\u00dflich die Fotos.<\/p>\n<p><strong><em>Die bisherige Karriere &#8211; in einem Buch<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Teresa Pereda ist bekannt im argentinischen Kunstbetrieb, und sie stammt aus einer K\u00fcnstlerinnenfamilie. In ihrem Buch &#8220;Tierra&#8221;, das die bisherige Karriere der 52-J\u00e4hrigen dokumentiert, findet man ein Foto aus dem Jahr 1991, das sie mit ihrer Mutter, der K\u00fcnstlerin Estela Pereda, ihrer Gro\u00dfmutter, der Schriftstellerin und K\u00fcnstlerin Estela Lacau, und ihrer Urgro\u00dfmutter Ana Laplace, die Gobelins schuf, zeigt.<\/p>\n<p>Teresa ist auf dem Land gro\u00dfgeworden und hatte schon immer einen direkten Bezug zur Erde. Auch heute lebt sie mit ihrer Familie zwischen der Provinz und der Hauptstadt, wo ihre Kinder jetzt studieren. Das Atelier in Buenos Aires ist mehr f\u00fcr die &#8220;saubere&#8221; Arbeit da, f\u00fcr die Computerarbeit, das Synthetisieren ihres Tuns. In ihrer Werkstatt &#8220;auf dem Dorf&#8221; arbeitet sie mit den Materialen Erde, Sand, Schlamm, hier krempelt sie die \u00c4rmel hoch und legt Hand an.<\/p>\n<p>Schon seit 14 Jahren sammelt Teresa Erde in ganz Argentinien, immer im respektvollen Zusammentun mit dem jeweiligen Schamanen der Region. Sie hat diese Erde in ihre Mischtechniken oder K\u00fcnstlerb\u00fccher eingearbeitet. Aber erst im Oktober 2006, als sie im Dorf Mechita, das durch die Feuer-Arbeiten des argentinischen K\u00fcnstlers Juan Doffo bekannt ist, ihre erste Performance durchf\u00fchrte &#8211; in der sie Mechita &#8220;ein Feuer schenkte&#8221; &#8211; wurde ihr bewusst, dass ihre Arbeit von jeher eine konzeptuelle gewesen war. Ihr wurde klar, dass hier nicht ein neuer Weg war, um sich als K\u00fcnstlerin weiterzuentwickeln, sondern dass dies immer schon ihr Weg gewesen war.<\/p>\n<p>Das Mitte 2008 im Verlag &#8220;El Ateneo&#8221; erschienene, sehr liebevoll gemachte Buch &#8220;Tierra&#8221; hat Teresa Pereda dennoch dazu gedient, eine Art Strich unter ihre bisherige Karriere zu ziehen. Hier ist dokumentiert, was sie bisher gemacht hat, jetzt ist sie frei f\u00fcr neue Projekte. Und man kann allerhand von ihr erwarten.<\/p>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; vom 01.11.08.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teresa Peredas Projekt &#8220;Flores para un desierto&#8221; in der Salzw\u00fcste Boliviens Von Susanne Franz Das mit bunten B\u00e4ndern geschm\u00fcckte Wollkn\u00e4uel, das Teresa Pereda in ihrer Performance in Bolivien verwendete. Die Pachamama ist eine anspruchsvolle Gottheit. 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