{"id":1637,"date":"2008-11-10T14:54:19","date_gmt":"2008-11-10T17:54:19","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2008\/11\/10\/konstrukteur-anderer-welten\/"},"modified":"2008-11-12T19:36:46","modified_gmt":"2008-11-12T22:36:46","slug":"konstrukteur-anderer-welten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2008\/11\/10\/konstrukteur-anderer-welten\/","title":{"rendered":"Konstrukteur anderer Welten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ingo G\u00fcnther stellte in Buenos Aires eine Anthologie seiner Werke vor<\/p>\n<p><em>Von Hanna Jochims<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1622\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/Ig3.jpg\" alt=\"Ig3.jpg\" \/><br \/>\n<em>\u201cIch m\u00f6chte die Welt verstehen\u201d, ist die Motivation des deutschen K\u00fcnstlers Ingo G\u00fcnther.<\/em><\/div>\n<p>\u201cWenn man sich f\u00fcr Kunst interessiert, aber kein Talent hat, ist es sehr schwierig, etwas zu machen. Und so hat bei mir Technologie Talent ersetzt.\u201d Ingo G\u00fcnther, 1957 in Dortmund geboren und aufgewachsen, kann auf eine sehr sympathische Art und Weise bescheiden sein. Das Euroamerikanisches Festival f\u00fcr Film, Video und Digitalkunst, MEACVAD08 hat ihn eingeladen, eine Anthologie seiner Werke vorzustellen. Mit mehreren Preisen ausgezeichnet, lehrte er an verschiedenen Kunsthochschulen, wurde in den renommiertesten Kunstzentren der Welt ausgestellt &#8211; unter anderem auf der Biennale in Venedig und Fukui in Japan, auf der documenta in Kassel oder auf der Ars Electronica in Linz &#8211; und er\u00f6ffnete seinen Vortrag im Goethe-Institut Buenos Aires am vergangenen Donnerstag so: \u201cDanke, dass Sie 1 \u00bd Stunden Ihrer Zeit opfern, ich hoffe, es wird nicht langweilig.\u201d<\/p>\n<p>Wurde es nicht. Auch nach zwei abendf\u00fcllenden Pr\u00e4sentationen des in New York lebenden K\u00fcnstlers bleibt das Gef\u00fchl, gerade erst einen kleinen Einblick in die umfangreiche und extrem vielschichtige Arbeit G\u00fcnthers bekommen zu haben.<\/p>\n<p>Anfang der 80er Jahre entstehen seine ersten Projekte &#8211; \u201cdie \u00fcbrigens sehr preiswert waren &#8211; \u00d6konomie ist in den Medien ja immer ganz wichtig\u201d, erz\u00e4hlt G\u00fcnther und f\u00e4hrt fort: \u201cIch wollte fr\u00fcher nie Videok\u00fcnstler sein, denn das bedeutete, sich in eine Art Ghetto zu begeben.\u201d<\/p>\n<p>Technische Probleme, Schwierigkeiten mit der Pr\u00e4sentation machen normale Ausstellungen unm\u00f6glich. Schlechte Bedingungen, die f\u00fcr G\u00fcnther aber auch Antrieb waren: Aus seiner Frustration habe er auch Motivation sch\u00f6pfen k\u00f6nnen. Eine Motivation, die sich aus \u00c4rger \u00fcber bestehende Zust\u00e4nde entwickelt &#8211; diese Dynamik steht hinter vielen von Ingo G\u00fcnthers Arbeiten.<\/p>\n<p>1987 wird aus dem Video-Ghetto, aus der Nische, \u201cpl\u00f6tzlich eine Art Refugium\u201d. G\u00fcnther erh\u00e4lt eine Einladung zur documenta nach Kassel. Er gestaltet einen Raum, der komplett mit Marmor ausgekleidet ist. In der Mitte ein Block, auf den aus der Decke Satellitenaufnahmen von AWACS-Flugzeugen projiziert wurden. F\u00fcr die nicht an Projektionen gew\u00f6hnten Zuschauer sah das Ganze nach Magie aus. \u201cSie fragten sich: Kommt das Bild aus dem Stein?\u201d, berichtet der K\u00fcnstler. Die Daten stammten aus einem \u201cAusflug in den Journalismus\u201d &#8211; G\u00fcnther war als Korrespondent bei den Vereinten Nationen in New York akkreditiert.<\/p>\n<p>Nach dem Fall der Berliner Mauer sieht Ingo G\u00fcnther eine Chance, seine als passiv empfundene Position als Medienk\u00fcnstler zu verlassen. Er fliegt nach Deutschland und baut innerhalb von zwei Wochen in Leipzig einen Piratensender auf. \u201cDie Mediengesetze waren au\u00dfer Kraft gesetzt, diese Situation haben wir genutzt.\u201d Im Sender werden sp\u00e4ter Journalisten ausgebildet, er sendet mehrere Jahre lang aus dem Leipziger Haus der Demokratie.<\/p>\n<p><strong><em>Staatskonkurrent und Geschichtsschreiber<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u201cIch bin ein zutiefst politischer Mensch, der gerne auf allen Ebenen mit dem Staat konkurriert, nicht nur in den Medien\u201d, sagt G\u00fcnther \u00fcber sich. Staatssymbole, insbesondere Flaggen wecken sein Interesse. \u201cFlaggen sind als Symbol eines Staates extrem abstrakt, ein paar Farbbalken reichen aus, um Menschen zu Tr\u00e4nen oder sogar in den Tod zu treiben.\u201d Er beginnt, eigene zu entwerfen, so zum Beispiel zu Beginn des Golfkriegs 1990 Flaggen f\u00fcr M\u00e4rtyrer, \u00dcberlebende, Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Anfang der 90er Jahre recherchiert und schreibt G\u00fcnther f\u00fcr die taz \u00fcber kambodschanische Fl\u00fcchtlingscamps in Thailand. Die Berichterstattung empfindet er als \u201cst\u00e4ndiges Lamento \u00fcber die Situation der armen Fl\u00fcchtlinge\u201d und als f\u00fcr ihn unbefriedigend. Aus dem Versuch, eine positive Geschichte zu schreiben, entsteht das Projekt \u201cRefugee Republic\u201d, an dem G\u00fcnther seitdem kontinuierlich weitergearbeitet hat. In der Refugee Republic sind &#8211; in Anlehnung an Beuys` \u201cKunst = Kapital\u201d &#8211; die Fl\u00fcchtlinge Kapital. Die Republik hat eine Flagge, deren \u201cRR\u201d stark an das Rolls Royce-Logo erinnert, Geld, P\u00e4sse, eine eigene Homepage. Diese sieht zeitweilig der offiziellen Seite des Fl\u00fcchtlingshilfswerks der UNO (UNHCR) so \u00e4hnlich, dass G\u00fcnthers Versuch, \u00fcber die Seite \u201cFl\u00fcchtlingsaktien\u201d zu verkaufen, zu emp\u00f6rten Anfragen f\u00fchrt: Finanziert sich so etwa die UNO?<\/p>\n<p>In einer seiner Installationen findet sich der Fl\u00fcchtlingstext auf Neonr\u00f6hren gedruckt. Diese h\u00e4ngen \u00fcber den auf dem Fu\u00dfboden eingezeichneten L\u00e4ndergrenzen &#8211; um den Text zu lesen, m\u00fcssen Grenzen \u00fcberschritten werden. In der platzsparenden Version sind die R\u00f6hren um einen Globus gewickelt.<\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1638\" alt=Globen2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/11\/Globen2.jpg\" \/><br \/>\n<em>Eine andere Sicht auf die Welt &#8211; Globen aus dem Projekt Worldprocessor.<\/em><\/div>\n<p>Globen sind es auch, die den zweiten Teil des Vortrags dominieren. Das von G\u00fcnther so bezeichnete \u201cMapping\u201d, die ganze Welt als Thema, taucht schon in seinen fr\u00fchen Arbeiten auf. Seit Ende der 80er Jahre vorwiegend in Kugelform: Innerhalb von 20 Jahren produziert er \u00fcber 1000 Globen zu mehr als 350 verschiedenen Themen. \u201cDinge sichtbar machen, die unanschaulich sind &#8211; das war mir ein Anliegen\u201d, so G\u00fcnther, und: \u201cIch dachte: Den Globus kann ich neu erfinden.\u201d<\/p>\n<p>Das Projekt \u201cWorldprocessor\u201d w\u00e4re wohl am Finanziellen gescheitert &#8211; wenn G\u00fcnther nicht das weltpolitische Geschehen in die H\u00e4nde gespielt h\u00e4tte: Nach dem Fall der Mauer und der Neuordnung der alten Ostblockstaaten mussten neue Globen her. Die alten, die zuvor 100 DM kosteten, waren nun f\u00fcr f\u00fcnf zu haben. \u201cSo konnte ich meinen enormen Bedarf decken &#8211; viele gingen ja schon bei der Produktion kaputt\u201d, erinnert sich G\u00fcnther. Auf den Weltkugeln zu sehen: Das Vorkommen von Landminen auf der Welt, L\u00e4nder ohne direkten Zugang zum Wasser, das Volumen und die Vernetzung der Kommunikation \u00fcber Fiberoptikkabel, die Routen, \u00fcber die die US-Airforce innerhalb von drei Stunden fast jeden Ort der Erde erreichen kann &#8211; so politisch brisant und schwer verdaulich die Aussagen der dargestellten statistischen Werte oft sind, immer sind sie sehr \u00e4sthetisch.<\/p>\n<p>Am Ende des zweiten Vortragsabends, eine der Fragen aus dem Publikum: Wie versteht er, Ingo G\u00fcnther, sich selbst, sich als K\u00fcnstler? G\u00fcnthers Antwort: \u201cMich selbst zu verstehen, habe ich schon lange aufgegeben. Ich m\u00f6chte die Welt verstehen.\u201d<\/p>\n<p>Mehr Informationen zu Ingo G\u00fcnther und seinen Arbeiten <a href=\"http:\/\/www.republik.com\/\">in der \u201cRepublik\u201d<\/a> und auch im <a href=\"http:\/\/www.worldprocessor.com\/\">Worldprocessor<\/a>.<\/p>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; vom 08.11.2008.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ingo G\u00fcnther stellte in Buenos Aires eine Anthologie seiner Werke vor Von Hanna Jochims \u201cIch m\u00f6chte die Welt verstehen\u201d, ist die Motivation des deutschen K\u00fcnstlers Ingo G\u00fcnther. \u201cWenn man sich f\u00fcr Kunst interessiert, aber kein Talent hat, ist es sehr schwierig, etwas zu machen. 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