{"id":16452,"date":"2013-08-05T17:29:06","date_gmt":"2013-08-05T20:29:06","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=16452"},"modified":"2013-08-05T17:29:50","modified_gmt":"2013-08-05T20:29:50","slug":"katharsis-und-neubeginn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/08\/05\/katharsis-und-neubeginn\/","title":{"rendered":"Katharsis und Neubeginn"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Hinaufsteigen oder Hinunterlaufen von Treppen<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/treppe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/treppe.jpg\" alt=\"\" title=\"treppe\" width=\"250\" height=\"260\" class=\"alignright size-full wp-image-16496\" \/><\/a>Wenn man ein Alter erreicht hat, das vor nicht viel mehr als f\u00fcnfzig Jahren noch als das der senilen Greise galt, heute jedoch h\u00e4ufig als sp\u00e4ter Ausgang der Jugend bezeichnet \u2013 und von nicht Wenigen auch so gelebt \u2013 wird, darf man Meinungen \u00e4u\u00dfern, die von der einen H\u00e4lfte der Leserschaft als unrettbar abgedroschen und von der anderen als naiv empfunden werden. Meinungen betreffend, m\u00f6chte ich im \u00dcbrigen beide H\u00e4lften einladen: Haben Sie keine, nehmen Sie meine. (Diesen Spruch habe ich bei FAKTuell abgekupfert, der ersten Onlinezeitung Deutschlands.)<\/p>\n<p>Meine heutige Meinung bezieht sich auf die gesellschaftliche Entwicklung in zwei so verschiedenen L\u00e4ndern wie Deutschland und Argentinien, an deren Schnittstellen ich seit einem halben Jahrhundert lebe. Dass ich weder Soziologe noch Historiker noch Journalist bin, wird der Leser an der Abwesenheit hocht\u00f6nender Vokabeln und Phrasen erkennen. Und am Inhalt, der nicht einem Laboratorium oder Studierzimmer oder einer Redaktion entstammt, sondern dem nahen Umgang mit Hunderten von Personen und Unternehmen aller Schichten und Branchen, mit Beh\u00f6rden und Institutionen beiderseits des Atlantiks, das alles mit offenen Augen und Ohren und dem redlichen Bem\u00fchen um Objektivit\u00e4t.<\/p>\n<p>In beiden Gesellschaften leben Menschen mit sehr \u00e4hnlichen allgemeinen Anlagen. Von Vorneherein unterstreiche ich meine immer wieder best\u00e4tigt gefundene Erkenntnis, dass rassische Eigenarten, falls es sie geben sollte, gesellschaftlich h\u00f6chst irrelevant sind. Die schlimmsten s\u00fcdamerikanischen Schlitzohren, die mir untergekommen sind, waren gro\u00df, blond und blau\u00e4ugig, und ich kenne etliche Schwarzhaarige mit Indianergesichtern, deren Flei\u00df, Gr\u00fcndlichkeit und Pflichtbewusstsein man in Deutschland nicht mehr alle Tage antrifft. Gesellschaftliche Eigenarten sind nicht Resultat der Genetik ihrer Mitglieder. Sie entstehen durch Traditionen. Traditionen sind die Gene der Gesellschaften. Ihre Entstehung verdanken sie dem nachhaltigen Beispiel oder dem Druck Kritischer Massen von B\u00fcrgern, die in priorit\u00e4ren Dingen gleichgesinnt sind.<!--more--><\/p>\n<p>Bevor ich hier ins Detail gehe, m\u00f6chte ich jedoch zum Thema einiges Allgemeines sagen, das ich der gl\u00fccklichen \u00dcbereinstimmung von viel Gelesenem mit viel Beobachtetem verdanke. Es gilt, wie gesagt, f\u00fcr Argentinien genauso wie f\u00fcr Deutschland und \u2013 da bin ich mir ziemlich sicher \u2013 gleicherma\u00dfen f\u00fcr den Rest der bewohnten Welt. Lasst uns also zun\u00e4chst den<\/p>\n<p>MENSCHEN                                                                                                                            <\/p>\n<p>betrachten!<\/p>\n<p>Unser Bewusstsein entsteht im Lauf des Lebens aus dem immerw\u00e4hrenden Zusammenspiel von Hundert Milliarden Neuronen. Diese sitzen in verschiedenen Schubladen &#8211; der rechten und der linken Hirnh\u00e4lfte. Beide H\u00e4lften sind durch einen engen Kanal verbunden. Nach sehr weitgehender \u00dcbereinstimmung der Wissenschaftler besteht zwischen beiden ein Austausch von Informationen und \u2013 bis zu einem gewissen Grad \u2013 auch von Funktionen. Dennoch haben die Hirnh\u00e4lften verschiedene Priorit\u00e4ten. Im Normalfall ist die linke f\u00fcr die rechten Gliedma\u00dfen zust\u00e4ndig und die rechte f\u00fcr die linken. Die rechte H\u00e4lfte scheint wissbegieriger, toleranter, sensibler, vision\u00e4rer, also intellektueller und kreativer zu sein, w\u00e4hrend die linke f\u00fcr Einzelheiten, Folgerichtigkeit, Akkuratesse, also Gr\u00fcndlichkeit zust\u00e4ndig ist. Beinahe k\u00f6nnte man sagen, dass wir Zwei sind, ein K\u00fcnstler und ein Mathematiker. Wenn ein Denk- oder Handlungsbefehl ansteht, finden die Beiden allermeist einen Kompromiss \u2013 oder wir sind unentschlossen.<\/p>\n<p>Was die Wissenschaft uns nicht sagen kann ist, aus welchen Gr\u00fcnden oder unter welchen Umst\u00e4nden im Individuum das generelle Verhalten durch ein \u00dcberwiegen einer der Hirnh\u00e4lften bestimmt wird. Hier sind au\u00dfer der Genetik gewiss auch Umwelteinfl\u00fcsse bedeutsam (schlie\u00dflich wirken diese st\u00e4ndig auf Informationsfluss und \u2013archive im Hirn ein) sowie permanente oder augenblicksbedingte k\u00f6rperliche Gegebenheiten wie etwa der Hormonspiegel. Das Zustandekommen unseres Charakters und unser Verhalten sind dementsprechend von \u00fcberaus zahlreichen festen und ver\u00e4nderlichen Faktoren bestimmt, deren Zusammenspiel mutma\u00dflich nie v\u00f6llig wissenschaftlich erkl\u00e4rt werden kann. Tiefe und Breite unserer Verhaltensm\u00f6glichkeiten sind prinzipiell unbestimmbar. Und absolut nichts bisher Bekanntes spricht daf\u00fcr, dass dies nicht f\u00fcr alle gesunden Menschen gelten sollte, von Alaska bis Tasmanien und von Kamtschatka bis Feuerland. Wie aber kann aus einer solchen amorphen Mischung von Individuuen eine <\/p>\n<p>GESELLSCHAFT<\/p>\n<p>entstehen?<\/p>\n<p>Zur Beantwortung dieser Frage sollte man sich in erster Linie vor Augen f\u00fchren, dass der Mensch ein Rudeltier ist. Kein Einzelg\u00e4nger wie die Katze oder der Dachs, kein Herdentier wie Hirsch oder Gnu. Rudeltiere wie W\u00f6lfe, L\u00f6wen oder unsere n\u00e4chsten Verwandten, die Schimpansen, bed\u00fcrfen einer gewissen Ordnung. Sie sind zum \u00dcberleben aufeinander angewiesen. Irgendjemand muss erreichen, dass Alle mitmachen, wenn es darum geht, ein Beutetier zu schlagen oder eine vielleicht l\u00e4ngere Reise zum reifen Obstbaum anzutreten.<\/p>\n<p>In der Gruppe gibt es immer Mehrere, die dieser Jemand sein m\u00f6chten, je nach Veranlagung und Charakter. Es findet eine Auswahl statt, die gelegentlich blutig endet. Gewinner ist der St\u00e4rkste oder der Schnellste oder der Verschlagenste oder jener Gescheiteste, der sich beizeiten Alliierte in der Gruppe beschaffen konnte. Die anderen Gruppenmitglieder akzeptieren den Machthaber. Oder die Machthaber, denn h\u00e4ufig entsteht eine Hierarchie, die bestimmt, wer mit wem kopulieren darf, wer Vortritt bei der Verteilung der Beute besitzt, wer wen kraulen muss oder hacken darf &#8211; die &#8220;Hackordnung&#8221; eben. Ich habe nichts dagegen, wenn Jemand diese Anschauung, die enge Verwandtschaft zwischen menschlichen und tierischen Verhaltensweisen feststellt, als Darwinismus bezeichnet. Schlie\u00dflich war Darwin einer der bedeutendsten Aufkl\u00e4rer \u00fcberhaupt, dessen vision\u00e4re Ansichten auch nach zwei Menschenaltern noch st\u00e4ndig neue Best\u00e4tigung durch die Wissenschaft erfahren.<\/p>\n<p>Verhaltensforscher sind sich sehr weitgehend einig, dass die Evolution bei Gruppentieren genetische Anlagen geschaffen hat, die sowohl zur F\u00fchrung als auch zur treuen Gefolgschaft bef\u00e4higen. Nicht nur bei W\u00f6lfen und Schimpansen, auch beim Menschen.<\/p>\n<p>Allerdings besitzt der Mensch betr\u00e4chtlich gr\u00f6\u00dfere M\u00f6glichkeiten als jedes Tier, seine N\u00e4chsten zu beeinflussen oder zu manipulieren. Er gestikuliert und quiekt nicht nur, er spricht auch, schreibt, zeigt Bilder, Fotos, Filme, das alles jetzt in Sekundenschnelle global verteilt, und kann, vor allem, pr\u00e4ziser als andere Tiere, Vergangenes zur\u00fcckrufen und daraus Prognosen f\u00fcr die Zukunft ableiten. Erfreuliche Prognosen \u2013 Versprechungen \u2013 h\u00f6ren die Menschen gern. Meine Geschichte \u00fcber <a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/06\/12\/die-geschichten-der-geschichte\/\">&#8220;Die Geschichten der Geschichte&#8221;<\/a> erz\u00e4hlt dar\u00fcber N\u00e4heres.<\/p>\n<p>&#8220;Transparency International&#8221;, eine dem Kampf gegen die Korruption gewidmete Organisation, ver\u00f6ffentlichte vor einiger Zeit eine interessante Studie \u00fcber den Einfluss individueller auf gesellschaftliche Verhaltensweisen: In jeder Poblation gibt es, an beiden Extremen einer Skala von zehn, ein bis zwei absolut redliche und etwa dieselbe Menge absolut korrupter Individuen, durchschnittlich drei Extremisten also. Die sieben charakterlich weniger Definierten dazwischen tendieren dazu, ihr Verhalten der Mehrheit anzugleichen. Der scheinbaren Mehrheit. Denn wenn etwa die ein bis zwei chronisch Korrupten von ein bis zwei anderen dieser Pr\u00e4gung verst\u00e4rkt werden und wenn diese Gruppe prominente oder lautstarke Individuen beinhaltet, dann ist sie als Kritische Masse imstande, die Mehrheit der Gesellschaft zu korrumpieren. Umgekehrt gilt, dass Redlichkeit haupts\u00e4chlich vom guten Beispiel oder den Lehren Prominenter verbreitet wird. Leider muss h\u00e4ufig durch Druck der Obrigkeit (wenn diese patriotisch ist) nachgeholfen werden, denn die Bereitschaft der Leute, Laster gegen Tugend zu tauschen, ist so unterentwickelt wie jene, eine Treppe hinaufzusteigen statt sie hinunterzulaufen. Das \u00dcberzeugen zum Hinaufsteigen f\u00e4llt allerdings leichter, wenn es treppunten brennt oder dort der Feind lauert.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Verhaltens\u00e4nderungen sind in aller Regel langwierig. Dies gilt insbesondere f\u00fcr fl\u00e4chen- oder bev\u00f6lkerungsm\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Gesellschaften und solche mit, nach Geschichte, Sprache, Aussehen oder Religion heterogener Einwohnerschaft. Es kann Generationen dauern, bis einigerma\u00dfen stabile<\/p>\n<p>TRADITIONEN<\/p>\n<p>zustandekommen.<\/p>\n<p>Oft ist vom &#8220;Volkscharakter&#8221; die Rede. Der stolze Spanier, lebenslustige Italiener, gewandte Franzose, gr\u00fcndliche Deutsche, steife Engl\u00e4nder. Wie in allen Klischees, steckt auch in diesen ein Quentchen Wahrheit. Welche k\u00f6nnen die Umst\u00e4nde sein, die in einer Gesellschaft Traditionen hervorbringen, die den Klischees eine gewisse Berechtigung verleihen?<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass solche Umst\u00e4nde genauso mannigfaltig, eher noch komplizierter und weniger transparent sein m\u00fcssen als die, die das Verhalten von Individuen bestimmen. Immerhin haben die Historiker (seit sie gl\u00fccklicherweise etwas davon abgekommen sind, wichtige Ereignisse vorwiegend dem Genie au\u00dferordentlicher  Personen zuzuschreiben) Grundtendenzen ausgemacht, welche zum Verst\u00e4ndnis dieser Umst\u00e4nde beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Da sind zun\u00e4chst die nat\u00fcrlichen Gegebenheiten. Weder in Sibirien, noch in Feuerland, noch am Kongo oder am Amazonas haben sich bedeutende Gesellschaften entwickeln k\u00f6nnen. In Gegenden wie am Ufer eines Flusses im tropischen Urwald lebt man recht m\u00fchelos von Fischen, Fr\u00fcchten, Kleinwild. Das Klima zwingt weder zu w\u00e4rmender Kleidung noch zu soliden Wohnungen. Man gew\u00f6hnt sich an viel Nichtstun, entwickelt wenig Kreativit\u00e4t, die zu h\u00f6heren kulturellen Leistungen f\u00fchren k\u00f6nnte. Das Nomadenleben erlaubt kaum gr\u00f6\u00dfere Gesellschaften als die Familie oder die Sippe. Und am Eismeer ist man mit der lebensgef\u00e4hrlichen Jagd auf Essbares sowie der Herstellung von Booten, Waffen, Pelzkleidung und einigerma\u00dfen winterfesten H\u00fctten oder Iglus derartig besch\u00e4ftigt, dass kaum Zeit und Kraft f\u00fcr nicht \u00dcberlebensnotwendiges wie Architektur oder andere gesellschaftliche Gro\u00dftaten \u00fcbrigbleibt. In beiden geographischen Extremf\u00e4llen werden sich haupts\u00e4chlich Traditionen des famili\u00e4ren oder Gruppenzusammenhalts entwickeln, solche der kleinen Hausmusik, der Handfertigkeit und des kleinen Kunsthandwerks.<\/p>\n<p>Wo hingegen Klima und Umwelt sowohl fordernd als auch f\u00f6rdernd sind, wo man sich zum \u00dcberleben schon anstrengen muss, dann aber feststellt, dass durch geringe Zusatzarbeit \u00dcbersch\u00fcsse entstehen, die das Leben erleichtern, die Zukunft sichern, Vorr\u00e4te, die gelagert und gehandelt werden und damit neue Fortkommensm\u00f6glichkeiten schaffen k\u00f6nnen, die den Wohlstand und auch das Prestige heben, dort pflegen sich jene positiven R\u00fcckwirkungen zu ergeben, die zur Entwicklung von Traditionen f\u00fchren, welche \u00fcber jene armer Nomaden hinausgehen. Solche Gegenden sind die gem\u00e4\u00dfigten Klimazonen mit fruchtbarer Erde und ausreichenden Niederschl\u00e4gen.<\/p>\n<p>Wo es \u00dcbersch\u00fcsse gibt, entsteht Begehrlichkeit. Erfolgversprechende Gelegenheiten zu Diebstahl, dann Raub-, dann Eroberungsz\u00fcgen d\u00fcrften die ersten Traditionen geschaffen haben. Das hatte nat\u00fcrlich nur Sinn in Gegenden, wo sich gr\u00f6\u00dfere Beute machen lie\u00df, welche die Kosten und Risiken des Raubs \u00fcberstiegen. Solche Gegenden bedeutender \u00dcbersch\u00fcsse waren stets fruchtbare Gebiete, die viele Menschen ern\u00e4hrten und ohne gro\u00dfe Schwierigkeiten per Land oder Wasser erreichbar waren. Das Nildelta etwa oder Mesopotamien, die fruchtbaren chinesischen Ebenen um den Jangtsekiang und den Gelben Fluss, oder auch die freundlichen Hocht\u00e4ler der Kordillere.<\/p>\n<p>Zuerst entstanden dort kriegerische Traditionen und solche der gro\u00dfen Helden, dann, aus vor\u00fcbergehender Kriegsm\u00fcdigkeit, die der Diplomatie. Wortgewaltige \u00dcberzeugungskunst dient auch dem Handel \u2013 eine weitere in solchen Gegenden fr\u00fch gepflegte Tradition. Soll der Handel gedeihen, braucht man Gesetze zu seiner Regulierung \u2013 eine Rechtsordnung. Zu ihrer Anwendung und um weitr\u00e4umig verwalten zu k\u00f6nnen, muss man die Schrift erfinden. Folgerichtig denkend und schreibend, entstehen dann beinahe von selbst Poesie, Literatur und schlie\u00dflich die Philosophie. Damit sind die Traditionen umrissen, welche die ersten Gro\u00dfreiche pr\u00e4gten und mancherorts, etwa in den Mittelmeerl\u00e4ndern, heute noch unterschwellig in den Leuten stecken. Damit ist schon gesagt, dass ein Gro\u00dfreich nicht notwendig auch eine Hochkultur zu sein braucht. Es reicht f\u00fcr eine Gesellschaft nicht aus, andere Gesellschaften zu erobern. Sie muss auch kreativ sein, nachhaltig n\u00fctzliche Dinge wie das Rad, Methoden wie die Schrift oder den Buchdruck oder Ideen wie den Monotheismus oder die Gewaltenteilung ersinnen, in Traditionen umsetzen und verbreiten.<\/p>\n<p>Im mittleren Teil des europ\u00e4ischen Kontinents gab es w\u00e4hrend der l\u00e4ngsten Zeit der Kulturgeschichte keine bedeutenden \u00dcbersch\u00fcsse, die eingeladen h\u00e4tten, sein Fell in gr\u00f6\u00dferen Raubz\u00fcgen zu riskieren. Man lebte dort in kleinen Gemeinschaften, die sich selbst versorgen mussten, denn es gab kaum Handelswege durch die bergigen W\u00e4lder und sumpfigen T\u00e4ler. F\u00fcr den Erfolg kleiner Ortschaften war Macht weniger wichtig als Gemeinsinn. Hand anlegen musste jeder, denn wohlfeile Arbeitskr\u00e4fte, etwa Sklaven, standen nicht zur Verf\u00fcgung. Neben Flei\u00df und handwerklicher Geschicklichkeit waren also auch Vielf\u00e4ltigkeit und verantwortliches Mitdenken in allgemeinen Dingen gefragt. Hier ging es nicht zuletzt auch um Planung, denn der n\u00e4chste Winter kam bestimmt. Wer nicht ausgesto\u00dfen werden und es zu etwas bringen wollte, musste diese Tugenden entwickeln. Und um sich nicht zu langweilen, fingen solche Leute im Winter zu T\u00fcfteln an. Wenn es drau\u00dfen ohnehin kaum etwas zu tun gab, konnte man ja die Zeit benutzen, um Werkzeuge und Installationen so zu verbessern, dass man im Fr\u00fchjahr weniger M\u00fche hatte. Es entstanden Traditionen der pflichtbewussten Zusammenarbeit und der Suche nach technischem Fortschritt. Sie pr\u00e4gen manche Gesellschaften heute noch.<\/p>\n<p>In einer schon im Altertum recht globalen Welt kam es nat\u00fcrlich st\u00e4ndig zum Austausch von Traditionen und Kulturen, mehr denn je in unserer wie nie vernetzten Gegenwart. Dennoch: Wie die Kulturen die genetischen Arteigenschaften des Individuums nie mehr als oberfl\u00e4chlich eind\u00e4mmen konnten, scheinen Aufkl\u00e4rung und elektronische Sekundeninformation nicht imstande zu sein, hergebrachte gesellschaftliche Verhaltensweisen in kleineren als Generationenabst\u00e4nden zu \u00e4ndern. Um die traditionellen Grundtendenzen demokratischer Gesellschaften zu erkennen, reicht manchmal die Analyse der Reden, Versprechungen und Taten der Politiker aus. Wenn dort Leistungsf\u00f6rderung und Zukunftssicherung im Vordergrund stehen, wird eine W\u00e4hlerschaft angesprochen. Wenn das Ziel rasche Wohlstandsmehrung und gemeinsame Gro\u00dftaten sind, ist es eine andere. Zwei grundverschiedene Gesellschaften m\u00f6gen Beispiele f\u00fcr das Gewicht von Traditionen sein:<\/p>\n<p>DEUTSCHLAND<\/p>\n<p>geh\u00f6rt nach Klima, Landschaftsformen und Bodenqualit\u00e4t zu den Gegenden, in denen die Natur den Menschen fordert und f\u00f6rdert. Fr\u00fche Gro\u00dfreiche hat es dort nicht gegeben und fremde, etwa das der R\u00f6mer, haben es nie voll oder nachhaltig in ihre Machtsph\u00e4re einbeziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Seine Bewohner sind weidlich gemischter Herkunft. Ganz egal, ob sie von fr\u00fchen Band- oder Schnurkeramikern abstammen, von Kelten, Germanen, h\u00e4ngengebliebenen, eingewanderten oder angesiedelten R\u00f6mern, Hunnen, Ungarn, Italienern, Hugenotten oder Polen, sie alle teilen eine Jahrhunderte w\u00e4hrende gemeinsame Vergangenheit. Diese war \u2013 durch sehr zahlreiche politische \u00c4nderungen hindurch \u2013 f\u00fcr den Einzelnen gekennzeichnet durch die Notwendigkeit zu leistungsorientierter Arbeit, Gehorsam gegen\u00fcber dem Herrn und den Herren sowie einer nicht geringen Portion Eigeninitiative. Letztere unterschied selbst Leibeigene von Sklaven, denn im Gegensatz zu diesen mussten jene \u00dcbersch\u00fcsse f\u00fcr die Obrigkeit unter eigener Regie erarbeiten. Besserung der famili\u00e4ren Situation war nur durch besonnene Planung und klugen Einsatz der vorhandenen Mittel zu erreichen. Neben dem Gemeinsinn entwickelten sich so Traditionen wie die der Arbeit, der Disziplin und der Selbstverantwortung. &#8220;Wie du mir, so ich dir&#8221;, &#8220;Morgenstund hat Gold im Mund&#8221;, &#8220;Erst die Arbeit, dann das Vergn\u00fcgen&#8221;, &#8220;H\u00e4tt&#8217;st dein&#8217; Mund g&#8217;halten, h\u00e4tt&#8217; dich der Bosch b&#8217;halten&#8221;, &#8220;Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied&#8221; usw. usw..<\/p>\n<p>Die politische Entwicklung Deutschlands ist von jeher durch seine Kleinteiligkeit bestimmt. Nie hatte der Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation absolutistische Macht \u00fcber dessen Einwohner. Das verhinderten die lokalen K\u00f6nige, Kurf\u00fcrsten, F\u00fcrst\u00e4bte und Freien St\u00e4dte, deren wechselnde Allianzen seinem Einfluss recht enge Grenzen zu setzen pflegten. Noch bis zur Bismarckschen Gr\u00fcndung des II. Reiches bestanden \u00fcber 40 mehr oder weniger unabh\u00e4ngige Staatsgebilde. Dies erkl\u00e4rt gewiss die Abwesenheit fabul\u00f6ser Freiheitshelden wie Spartakus, Robin Hood, Wilhelm Tell oder Andreas Hofer in der deutschen Folklore. Verfolgte Querdenker hatten es meist nicht schwer, um die Ecke eine weniger verst\u00e4ndnislose Obrigkeit zu finden. So kann es nicht erstaunen, dass die europ\u00e4ischen Neuerer von Luther bis Descartes in Deutschland trotz feudaler Gesamtordnung einen aufgekl\u00e4rten Absolutismus zeitigen konnten, der gewissen Raum f\u00fcr eigene Meinungen lie\u00df. Keine schlechte Voraussetzung f\u00fcr Traditionen wie Toleranz und Gelehrsamkeit.<\/p>\n<p>Es war franz\u00f6sisches Expansionsstreben, welches den nach dem Klischee so typisch deutschen Nationalismus und in dessen Folge die Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit hervorrief. Die revolution\u00e4ren Postulate im eigenen Land noch nicht nachhaltig verankert habend, versuchte Napoleon ihren Export nach ganz Europa. Seine jahrelange, mit &#8220;welschen&#8221; Sitten garnierte Hegemonie \u00fcber die deutschen Staaten l\u00f6ste dort, neben halbheimlichen, den Franzosen abgeguckten milit\u00e4rischen und administrativen Modernisierungen, vor allem in Preu\u00dfen, starke nationalistische Emotionen aus, die von Intellektuellen und Barden in Volkes Seele gen\u00e4hrt wurden \u2013 &#8220;Deutschland, Deutschland \u00fcber Alles&#8221;.<\/p>\n<p>Nach dem Sieg \u00fcber Napoleon machten die F\u00fcrsten zwar einige Zugest\u00e4ndnisse an den Wunsch mancher Studenten und Intellektuellen nach demokratischer \u00d6ffnung, doch in der Praxis \u00fcberwogen die reaktion\u00e4ren Methoden wiedergewonnener Macht. Aufgekl\u00e4rtheit war bald suspekt und wurde verfolgt. Au\u00dfer einigen standhaften Republikanern, die meist au\u00dfer Landes getrieben wurden, sah das Volk wenig Grund f\u00fcr Widerstand. Schlie\u00dflich begannen die deutschen L\u00e4nder wirtschaftlich aufzuleben. Und als nach dem mit vereinten Kr\u00e4ften errungenen neuen Sieg \u00fcber Frankreich 1871 der ersehnte Nationalstaat errichtet werden konnte, war die Begeisterung f\u00fcr die Obrigkeit allgemein. Anschlie\u00dfend wurde der Nationalismus noch gesch\u00fcrt durch die au\u00dferordentlichen Erfolge deutscher Ingenieurskunst und Wissenschaft. Man war dabei, England als Industrienation zu \u00fcberholen, und auf der ganzen Welt lernten Maschinenbauer, Elektriker, Chemiker und Forscher Deutsch, um technische Neuigkeiten nicht zu verpassen. Wie sollten die Leute nicht den Kaiser lieben und ihm blind folgen, der Frankreich besiegt, die Nation geeint und in eine technologische und wirtschaftliche Gro\u00dfmacht verwandelt hatte!<\/p>\n<p>Am Begeistertsten von sich war der Kaiser selbst. Er schickte Bismarck, den Erfahrenen, aber zu Behutsamen, in den verdienten Ruhestand und sich selbst an, mit seinem englischen Vetter in der Weltgeltung mindestens gleichzuziehen. Kolonien mussten her und dazu brauchte er eine starke Kriegsflotte. Seine meist adligen Gener\u00e4le waren damit sehr einverstanden; auch Krupp &#038; Co. sowie die Arbeiterschaft hatten nichts gegen eine Aufr\u00fcstung einzuwenden. Sogar die damals noch marxistischen Sozialdemokraten konnten oder wollten dem allgemeinen Gro\u00dfmachtstreben nicht widerstehen.<\/p>\n<p>So marschierten die Deutschen geschlossen und mit fr\u00f6hlichen Nelken in der Gewehrm\u00fcndung 1914 in den ersten Teil des Zweiten Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges. Der katastrophale Verlauf und deprimierende Ausgang dieser Erfahrung reichten jedoch nicht aus, den Gr\u00f6\u00dfenwahn in den traditionellen Eliten zu schm\u00e4lern. Man h\u00e4tte den Sieg verschenkt, hie\u00df es in der von ihnen verbreiteten &#8220;Dolchsto\u00dflegende&#8221;. Da der Feind das eigene Land nicht betreten hatte, zu Hause also kein materieller Augenschein f\u00fcr die Niederlage bestand, schien die Legende glaubhaft. Im Volk schlug der Gr\u00f6\u00dfenwahn in Wut und Niedergeschlagenheit um. Und die tats\u00e4chlich unerf\u00fcllbaren Reparationsforderungen der Sieger, die zu Hyperinflation und hoher Arbeitslosigkeit beitrugen, taten ein \u00dcbriges, um Revanchegel\u00fcste zu sch\u00fcren.<\/p>\n<p>Adel und Milit\u00e4r \u2013 von jeher Tr\u00e4ger der Macht \u2013 hatten nach Abdankung des Kaisers und Ausrufung der Republik nicht nur jene, sondern in vielen F\u00e4llen ihre Existenzgrundlage verloren oder sahen sie gef\u00e4hrdet. Ein gro\u00dfer Teil von Presse und Literatur sch\u00fcrte neue Kriegsgel\u00fcste durch Verherrlichung der unl\u00e4ngst vergeblich erbrachten Heldentaten, insbesondere die der Kriegsflotte. Die Reaktion\u00e4re schufen allerlei paramilit\u00e4rische Kampfgruppen. Ihnen entgegen traten bewaffnete Milizen einer linken, vom Erfolg der Russischen Revolution befeuerten Minderheit. Von der einen Seite wurde der jetzt schon seit mehreren Generationen bestehende Nationalismus weiter verfestigt und von beiden der ebenso verwurzelte Autoritarismus. So konnte die Weimarer Republik kaum anders enden als in einer Diktatur, die sowohl nationale als auch sozialistische Befriedigung versprach \u2013 die der Nazis.<\/p>\n<p>Vor und w\u00e4hrend des zweiten, voraussehbaren Teils jenes Weltkrieges gelangten die Traditionen des deutschen Nationalismus und Autoritarismus \u2013 mit Unterst\u00fctzung eines bis dahin nie zu solcher Zerst\u00f6rungskraft gelangten Rassismus \u2013 zu extremer Reife und verbrecherischer Wirkung. <\/p>\n<p>Nach Kriegsende hatte es viele Millionen Tote, Verwundete und Vertriebene gegeben; die Metropolen waren dem Erdboden gleichgemacht, die Industrie zerst\u00f6rt oder abtransportiert. Das Land hatte einen guten Teil seines Territoriums und seiner leistungsf\u00e4higen Menschen verloren; die Nation war zweigeteilt und unterstand der Autorit\u00e4t der Sieger. Deutschland war zum Paria der Nationen geworden.<\/p>\n<p>Geblieben waren die Traditionen. Die althergebrachten der harten Arbeit und des Gemeinsinns erwiesen sich als \u00fcberaus wichtig f\u00fcrs \u00dcberleben und den \u2013 mit gro\u00dfm\u00fctiger Hilfe der westlichen Siegerm\u00e4chte \u2013 unerwartet raschen Wiederaufbau. Hier m\u00f6gen auch die gewohnte Disziplin und Obrigkeitsh\u00f6rigkeit n\u00fctzlich gewesen sein, denn die Leute lie\u00dfen sich die Umerziehungsma\u00dfnahmen der Alliierten beiderseits des Eisernen Vorhangs ohne h\u00f6rbares Murren gefallen. <\/p>\n<p>Damit war aber noch l\u00e4ngst keine demokratische, dem Recht und den guten Sitten entschieden verpflichtete Gesellschaft geschaffen. Eine Gesellschaft, die in einem Umfeld von \u00fcberbordendem Nationalismus in dritter Generation gelebt hatte und selbst die Kinder mit autorit\u00e4ren Parolen und rassistischen Vorurteilen vollgestopft hatte, verwandelte sich auch nach der gr\u00f6\u00dften Katastrophe nicht von heute auf morgen in eine liberale Demokratie. So schwelte nationalsozialistisches Gedankengut noch f\u00fcr eine weitere Generation in zahlreichen Hinterk\u00f6pfen. Gl\u00fccklicherweise war der neue Zeitgeist g\u00fcnstig f\u00fcr eine Minderheit, die, gewiss auch in Erinnerung an alte basis-demokratische Erfahrungen in freien St\u00e4dten, Gilden und Vereinen, mit der Zeit \u2013 und dem &#8220;Wirtschaftswunder&#8221; &#8211; zur kritischen Masse wurde, welche eine R\u00fcckf\u00fchrung des Landes in die V\u00f6lkergemeinschaft und endlich sogar seine Wiedervereinigung erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Damit will ich nicht behaupten, dass die deutsche jetzt eine in positiven Traditionen nachhaltig gefestigte Gesellschaft sei. Nach Erreichen neuen Wohlstands hat sie sich (allerdings in guter internationaler Kumpanei) freudig einem Konsumismus hingegeben, der schwerlich mit Webers Protestantischer Arbeitsethik vereinbar ist. Und ihre bew\u00e4hrten alten kaufm\u00e4nnischen Prinzipien wie &#8220;leben und leben lassen&#8221; hat sie ziemlich schnell hintangestellt, als vor einer Generation das angels\u00e4chsische &#8220;winners take it all&#8221; Mode und zu &#8220;Geiz ist geil&#8221; wurde.<\/p>\n<p>ARGENTINIEN<\/p>\n<p>ist mehr noch als Deutschland mit g\u00fcnstigen landwirtschaftlichen Voraussetzungen gesegnet. Es besitzt fruchtbarste B\u00f6den im \u00dcberfluss, au\u00dferdem beinahe alle denkbaren Landschaftsformen in beinahe allen Klimata. Die Natur h\u00e4tte also wie dort menschliche Pr\u00e4senz von Beginn an fordern und f\u00f6rdern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allerdings liegt das Land zwischen zweien der gr\u00f6\u00dften Weltmeere, weitab von den eurasischen fr\u00fchen Hochkulturen, die sich gegenseitig befruchteten und auf benachbarte Gesellschaften ausstrahlten. Auch waren die f\u00fcr den Ackerbau im Flachland besonders geeigneten Getreidearten wie Weizen, Roggen oder Reis in Amerika unbekannt, so dass sich eine Landwirtschaft, die gr\u00f6\u00dfere Gesellschaften h\u00e4tte ern\u00e4hren k\u00f6nnen, kaum entwickelte. Pferd und Rad fehlten, so konnten einzelne \u00f6rtliche Erfahrungen nicht fl\u00e4chendeckend verbreitet werden. Der gr\u00f6\u00dfte Teil des Landes war \u00fcberaus d\u00fcnn von Nomaden bewohnt. Sie lebten in primitiven Unterk\u00fcnften von den Fischen der gro\u00dfen Fl\u00fcsse und jagten mit ihren Boleadoras Pampastrau\u00dfe.<\/p>\n<p>\u00dcber die Traditionen der Ureinwohner Argentiniens ist wenig bekannt. Im Kernland und in Patagonien werden es die bei nicht sesshaften V\u00f6lkern \u00fcblichen gewesen sein: Sippenzusammenhalt, pers\u00f6nlicher Mut und Geschick auf der Jagd und im Krieg, diffuser G\u00f6tterglaube. In den T\u00e4lern der Kordillere und an den Oberl\u00e4ufen der gro\u00dfen Fl\u00fcsse Paran\u00e1 und Uruguay waren unter dem Einfluss (oder dem Kuratell) der Inkas gr\u00f6\u00dfere Stammesverb\u00e4nde entstanden, wo Gemeinsinn erforderlich war, landwirtschaftliche und handwerkliche F\u00e4higkeiten tradiert wurden, man also einigerma\u00dfen flei\u00dfig und diszipliniert sein musste und wo politische und religi\u00f6se Rituale zu einem gr\u00f6\u00dferen Ma\u00df an geistiger T\u00e4tigkeit f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Solche Traditionen wurden nach der Konquista br\u00fcsk unterdr\u00fcckt oder durch die neuen Umst\u00e4nde radikal modifiziert.<\/p>\n<p>Fruchtbares Land interessierte die Spanier nicht; ihnen ging es um Edelmetalle und wohlfeile Macht. Utz Schmidl beschrieb wundersch\u00f6n, wie die Eroberer den Paran\u00e1fluss, von dem sie glaubten, dass er sie zum Silber f\u00fchre, schnurstracks, an allen armen Nomadengruppen vorbei, bis ins heutige Paraguay hochfuhren, wo sie endlich freundliche Guaran\u00edindianer trafen, die ihnen nicht nur Fisch zu essen gaben, sondern auch Fleisch, Mais und K\u00fcrbisse. Au\u00dferdem waren die Guaran\u00edfrauen erfreulich zug\u00e4nglich. Dort gr\u00fcndeten sie Asunci\u00f3n, ihre erste feste Niederlassung im sp\u00e4teren Vizek\u00f6nigreich Rio de La Plata.<\/p>\n<p>Die Jesuitenmissionare begannen mehrere Entwicklungsprojekte, die eine harmonische Zusammenf\u00fchrung einheimischer Traditionen und F\u00e4higkeiten mit dem Christentum und europ\u00e4ischen Kulturen zum Ziel hatten. Nach wenigen Generationen beachtlich positiver Erfahrungen (deren Spuren heute noch in Paraguay zu sp\u00fcren sind) wurde dieser Ansatz von der spanischen Krone und der Kirche brutal abgebrochen. Die \u00fcberlebenden Guaran\u00edes kehrten in die W\u00e4lder zur\u00fcck, wo sie das bei den Jesuiten Gelernte weitgehend verga\u00dfen und nur schwer zu ihren eigenen Traditionen zur\u00fcckfanden.<\/p>\n<p>Zu jener Zeit hatte Spanien bereits die Inkas als Ordnungsmacht der teilweise tausendj\u00e4hrigen Kulturen in den T\u00e4lern und Hochebenen der Westkordillere von Ecuador bis Chile ersetzt. Deren Mitglieder wurden peu \u00e0 peu zu Sklaven in Bergbau und Landwirtschaft degradiert. Oder, wie die immer aufm\u00fcpfigen Quilmesindianer aus dem argentinischen Calchaqu\u00edhochtal, einfach an die La-Plata-M\u00fcndung umquartiert, wo sie ihre Identit\u00e4t rasch verloren.<\/p>\n<p>Das Kernland Argentiniens diente den Spaniern nahezu ausschlie\u00dflich als Milit\u00e4r- und Handelskorridor zwischen den Atlantikh\u00e4fen Montevideo\/Buenos Aires und Lima, dem Hauptquartier ihrer Herrschaft mit seinem Pazifikhafen Callao. Hier entstanden die ersten Ortschaften. Was au\u00dferhalb des Korridors vorging  war Nebensache. Dort hatten sich entschl\u00fcpfte Pferde und Rinder derart vermehrt, dass man sie wie Wild jagen konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Indianer der Pampa und Patagoniens waren diese ein Geschenk des Himmels. Im Nu verwandelten sie sich in hervorragende Reiter und Pferdez\u00fcchter. Die Stuten a\u00dfen sie und auf den Hengsten bekriegten sie sich gegenseitig und bedienten sich h\u00e4ufig bei den Handelskarawanen des Korridors, nahmen gern auch wei\u00dfe Frauen mit. Als im fr\u00fchen XIX. Jahrhundert der Korridor sich auszudehnen begann, immer mehr Geh\u00f6fte im Binnenland entstanden und man die wilden Rinder allm\u00e4hlich in halbzahmen Herden \u2013 immer noch ohne Z\u00e4une \u2013 zusammenfasste, da entdeckten die Indianer den Handel. Sie \u00fcberfielen die Geh\u00f6fte, raubten einige tausend oder zehntausend Rinder und trieben diese \u00fcber die Kordillere nach Chile, wo ein hungriger Markt daf\u00fcr bestand. Sie entwickelten Traditionen kriegerischer R\u00e4uber, auch heuchlerischer Diplomaten, denn an den Schnittstellen zwischen &#8220;Zivilisation und Barbarei&#8221; waren immer wieder Waffenstillst\u00e4nde, Ausl\u00f6sung von Geiseln sowie Reparations- oder Schutzgeldzahlungen zu verhandeln, die nat\u00fcrlich meistens keinen Bestand hatten.<\/p>\n<p>Inzwischen hatten Bol\u00edvar von Venezuela und San Mart\u00edn von S\u00fcdargentinien aus in einem erfolgreichen Befreiungskrieg die Herrschaft des durch napoleonische Besatzung geschw\u00e4chten Spanien abgesch\u00fcttelt. San Mart\u00edn, ein in Spanien ausgebildeter und einer englischen Freimaurerloge angeh\u00f6render Offizier, war mit prek\u00e4r ausger\u00fcsteten und ausgebildeten Truppen \u00fcber die Anden nach Chile gesetzt, hatte dort mit O&#8217;Higgins die Spanier geschlagen und war bis Bolivien\/Peru vorgedrungen, wo er sich mit Bol\u00edvar traf. Eine Gro\u00dftat, die ihn in den \u00dcbervater des sp\u00e4teren Nationalstaats Argentinien verwandeln sollte. Allerdings wollte er mit komplizierter Politik nichts zu tun haben und kehrte nach Europa zur\u00fcck, bevor seine und andere Siege in ein neues Staatsgebilde umgesetzt werden konnten.<\/p>\n<p>Von Nationalstaat war n\u00e4mlich zun\u00e4chst wenig zu sehen. Allerlei primitive Lokalgr\u00f6\u00dfen versuchten sich als Erben der den Spaniern entrissenen autorit\u00e4ren Macht. Ihnen standen progressive Kr\u00e4fte gegen\u00fcber, die eine aufgekl\u00e4rte Gesellschaft anstrebten \u2013 &#8220;Barbarei gegen Zivilisation&#8221;. Es begann ein blutiger B\u00fcrgerkrieg, der nach einer guten Generation ein vorl\u00e4ufiges Ende nahm durch die \u00dcbermacht des Herrschers \u00fcber die Provinz Buenos Aires, Rosas, eines halbgebildeten, gerissenen Gro\u00dfgrundbesitzers.<\/p>\n<p>Nach Abzug der Spanier war die Stadt Buenos Aires mit ihrem (nach Verselbst\u00e4ndigung Montevideos) einzigen Seehafen die Metropole des ehemaligen Vizek\u00f6nigreichs geworden. Handel mit englischer Schmuggelware und die Ausfuhr getrockneter Rinderh\u00e4ute hatten dem Platz Wohlstand beschert. Rosas regierte auf eine Art, die man als Kombination feudalistischer spanischer und neuerworbener indianischer Traditionen bezeichnen k\u00f6nnte. Er wurde zu einem Tyrann antiken Musters. Seinen Anh\u00e4ngern war er ein gro\u00dfz\u00fcgiger Patriarch; den Gegnern lie\u00df er gelegentlich \u00f6ffentlich den Bauch aufschlitzen.<\/p>\n<p>Es bedurfte einer weiteren Generation, bis aufgekl\u00e4rte patriotische Intellektuelle den Landlord Urquiza nach seinem Sieg \u00fcber Rosas \u00fcberzeugen konnten, einer modernen, rechtsstaatlichen Verfassung zuzustimmen, die schlie\u00dflich von den erm\u00fcdeten \u00fcbrigen Caudillos akzeptiert wurde. Vern\u00fcnftige Pr\u00e4sidenten wie Mitre, Sarmiento, Avellaneda und Roca verschafften dem Land gr\u00f6\u00dferen inneren Frieden, Fortschritt, schlie\u00dflich, zum Wechsel ins XX. Jahrhundert, Wohlstand und internationale Geltung.<\/p>\n<p>Allerdings war ihnen v\u00f6llig klar, dass ihr Volk das ihm \u00fcbergest\u00fclpte Grundgesetz weder verstanden hatte noch sich daf\u00fcr interessierte. Es bestand aus halb integrierten Ureinwohnern, den sp\u00e4ten Nachkommen der wechselnden Beziehungen zwischen ledigen, bildungsfernen Konquistadoren und noch bildungsferneren Indianerfrauen, h\u00e4ngengebliebenen spanischen Funktion\u00e4ren oder Kaufleuten, die immer noch darauf warteten, auf feudalistische Art &#8220;S\u00fcdamerika zu machen&#8221;, neben einigen nach Invasionsversuchen dagebliebenen Engl\u00e4ndern und wenigen anderen Mitteleurop\u00e4ern. Ein wirres Gemisch aus Traditionen, die sich nur darin glichen, alles andere als staatstragend zu sein. Es war erforderlich, die Bev\u00f6lkerung des verzweifelnd d\u00fcnn besiedelten Landes durch qualifizierte Neub\u00fcrger zu vergr\u00f6\u00dfern und gleichzeitig zu kultivieren.<\/p>\n<p>Man gr\u00fcndete also Organisationen zur F\u00f6rderung der Einwanderung mitteleurop\u00e4ischer Landwirts- und Handwerkerfamilien. Billiges oder gar geschenktes Land wurde versprochen (und manchmal auch gew\u00e4hrt) sowie Hilfe beim Erwerb von Werkzeugen, Saatgut, Vieh und bei der Assimilation. Es kamen Viele, nicht nur aus Mitteleuropa: in Russland verfolgte Juden (deren Urenkel heute noch umgangssprachlich &#8220;Russen&#8221; genannt werden), arme Schweizer Bergbauern, Polen, Deutsche, zahlreiche des Osmanischen Reiches \u00fcberdr\u00fcssige Araber (heute noch &#8220;die T\u00fcrken&#8221;). Wie bei derartigen Umsiedlungsma\u00dfnahmen \u00fcblich, lie\u00dfen sich die Ank\u00f6mmlinge gruppenweise im Binnenland nieder und hatten zun\u00e4chst wenig Kontakt mit Einheimischen. Sie brachten jedoch den Ackerbau mit, der bis dahin den auf ihrem Pferd festgewachsenen Gauchos nahezu unbekannt war.<\/p>\n<p>Der Ackerbau krempelte das Land um. In Mitteleuropa hatte die Industrialisierung Heere von Landarbeitern in die St\u00e4dte gelockt, r\u00fcckl\u00e4ufige Getreideproduktion und steigender st\u00e4dtischer Bedarf also gro\u00dfen Nachfrage\u00fcberhang nach Nahrungsmitteln ausgel\u00f6st. Argentinien bereitete sich vor, diesen zu befriedigen. Allerdings fehlten daf\u00fcr die flei\u00dfigen H\u00e4nde. Man besorgte sie in Spanien und, vor allam, S\u00fcditalien, wo Armut herrschte und auch die sprachlichen Voraussetzungen g\u00fcnstig waren. Hunderttausende Saisonarbeiter wurden j\u00e4hrlich eingeschifft und nach der Ernte wieder repatriiert. Das war f\u00fcr Arbeitgeber und \u2013nehmer umst\u00e4ndlich und teuer. Es bot sich an, besser gleich hierzubleiben und die Familie nachzuholen. So vervielfachte sich die Einwohnerzahl des Landes in wenigen Jahren. Mit den Einwanderern kamen deren Vorstellungen und Sitten. Es waren nicht gerade die von den Verfassungsv\u00e4tern gew\u00fcnschten, denn meist kamen jene aus noch ziemlich feudalistisch gepr\u00e4gten Gegenden.<\/p>\n<p>Mittlerweile hatte man die r\u00e4uberischen Indianer teils zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, teils vordergr\u00fcndig integriert, wodurch die Ackerbaufl\u00e4che immens erweitert worden war. Neben H\u00e4uten und Talg wurden nun auch Getreide, Wolle und ged\u00f6rrtes, bald K\u00fchlfleisch exportiert. Die Estancieros und Kaufleute wurden reich. Sie errichteten jedoch nicht nur Schl\u00f6sser auf ihren Landsitzen und Pal\u00e4ste in der Hauptstadt. Mit ihren Steuern (und ausl\u00e4ndischem Know How) schuf der Pr\u00e4sident Sarmiento ein beispielhaftes, landesweites Schulsystem. Englische Firmen bauten ein vorbildliches Eisenbahnnetz, das die wichtigsten Landesteile verband. In der Hauptstadt errichtete Siemens Bauunion die erste U-Bahn Lateinamerikas. Wissenschaft und Kunst erreichten ein Niveau, das durch nicht seltene Besuche internationaler Koryph\u00e4en zementiert und gen\u00e4hrt wurde. Zu Beginn des XX. Jahrhunderts hatte Argentinien eine geringere Analphabetenquote als manche europ\u00e4ischen L\u00e4nder und befand sich unter den ersten Wirtschaftsm\u00e4chten.<\/p>\n<p>Dies schien eine Best\u00e4tigung f\u00fcr die Parole zu sein, welche die Regierungen schon l\u00e4nger verbreitet hatten, um die zun\u00e4chst prek\u00e4ren Einwanderer bei der Stange zu halten: Argentinien ist ein gottbegnadetes Land mit glorioser Vergangenheit (der Anden\u00fcberquerung San Mart\u00edns) und gebildeten, klugen B\u00fcrgern (die besser lesen und schreiben k\u00f6nnen als die in anderen L\u00e4ndern), so dass ihm eine grandiose Zukunft garantiert ist. Die Leute glaubten es gern, zumal das Land bei seinen Nachbarn und im Rest Lateinamerikas als Vorbild galt und \u2013 bis in die zweite H\u00e4lfte des XX. Jahrhunderts &#8211; auch war.<\/p>\n<p>Neben Rindfleischgrillen und Mateschl\u00fcrfen entstand eine Tradition der Selbstgef\u00e4lligkeit (um nicht zu sagen \u2013\u00fcbersch\u00e4tzung), die etwa in dem sarkastischen Verdikt Ausdruck fand, der Argentinier sei ein &#8220;spanisch sprechender Italiener, der sich f\u00fcr einen Engl\u00e4nder h\u00e4lt&#8221;. (Tas\u00e4chlich hatten die englischen Invasionsversuche, Lieferungen von Schmuggelware, dann Investitionen, speziell in der Hauptstadt, gro\u00dfen Eindruck und sichtbare Spuren hinterlassen: siehe die Namen zahlreicher Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze sowie mehrerer Fu\u00dfballvereine der Erstliga.)<\/p>\n<p>Jene urspr\u00fcnglich mit gewisser Berechtigung entstandene \u00dcberzeugung der argentinischen Herausgehobenheit erfuhr weitere Unterst\u00fctzung durch den Zustrom neuer Einwanderer aus dem gebeutelten Europa. Nach dem ersten Krieg enteignete russische Aristokraten und arbeitslose deutsche Milit\u00e4rs, dann Opfer von Inflation und Weltwirtschaftskrise, gefolgt von sozialistischen Verlierern des spanischen B\u00fcrgerkriegs, in Nazideutschland verfolgten Juden und Kommunisten. Schlie\u00dflich, nach dem zweiten Krieg, suchten untergetauchte Nazis sowie aus Ostblockl\u00e4ndern Vertriebene und etliche am zerst\u00f6rten Deutschland Verzweifelte Zuflucht in einem wohlhabenden Land ohne ethnische oder religi\u00f6se noch politische Diskriminierung. Die Neuzug\u00e4nge waren \u00fcberwiegend mittelst\u00e4ndisch, gut ausgebildet, zuweilen auch nicht ganz mittellos. Argentinien empfing sie mit einer Art herablassenden, schmunzelnden Gro\u00dfmuts, was diese sich dankbar gefallen lie\u00dfen. Ihr Arbeitseifer und ihre Kenntnisse kamen der sich allm\u00e4hlich industrialisierenden Wirtschaft zugute.<\/p>\n<p>Hier war Unterst\u00fctzung angebracht. Es waren nicht nur die Weite des kaum erschlossenen Hinterlandes und die langen Frachten f\u00fcr Vorprodukte sowie die Verteilung von Fertigwaren, welche einer raschen Industrialisierung entgegenstanden. Es fehlte an Kapital und, vor Allem, an strategischer Voraussicht. Letztere betreffend, h\u00e4tten die Erfahrungen der unl\u00e4ngst zugezogenen Europ\u00e4er durchaus hilfreich sein k\u00f6nnen. Diese waren jedoch noch nicht ausreichend integriert, um politisch wirksam werden zu k\u00f6nnen. Und ihre Kinder und Enkel hatten, dem Umfeld folgend, l\u00e4ngst angefangen, das Hinaufsteigen von Treppen zu verlernen. Nun begann die Aufkl\u00e4rung in Argentinien r\u00fcckl\u00e4ufig zu werden.<\/p>\n<p>Unter der Weltwirtschaftskrise und den Kriegen in Europa hatten die Einnahmen aus den Lebensmittelexporten ziemlich gelitten. Immerhin waren noch in den F\u00fcnfzigern des XX. Jahrhunderts &#8220;die G\u00e4nge im Keller der Zentralbank derart mit Goldbarren verstellt, dass man dort kaum laufen konnte&#8221;, wie Per\u00f3n einmal sagte. Diese Reserven wurden jedoch mitnichten zur langfristigen Entwicklung des Landes eingesetzt. Das schien nicht n\u00f6tig. Schlie\u00dflich war man reich und clever und hatte der Welt schon mehrere Generationen hindurch seine \u00dcberlegenheit bewiesen (&#8220;reich wie ein Argentinier&#8221; hie\u00df es zu jener Zeit in Bayern noch, wie der Autor sich erinnert). Die Priorit\u00e4ten lagen woanders.<\/p>\n<p>Schon in den Drei\u00dfigern war offenbar geworden, dass eine sich m\u00e4hlich mechanisierende Landwirtschaft die ehemals massiv importierten (inzwischen sich ordentlich vermehrt habenden) ungelernten Arbeitskr\u00e4fte in Zukunft kaum mehr ben\u00f6tigen w\u00fcrde. Die Enkel jener armen Einwanderer selbst, h\u00e4ufig zu einigem Wohlstand gelangt, tendierten dazu, das Pionierleben ihrer Vorfahren gegen eine geruhsamere Existenz in der Stadt einzutauschen (&#8220;mein Sohn, der Doktor&#8221; wollten die ehemaligen Pioniere gern sagen d\u00fcrfen). So begann eine Landflucht \u00e4hnlich der, die in Europa fr\u00fcher die Nachfrage nach argentinischem Getreide ausgel\u00f6st hatte.<\/p>\n<p>Die Politik war gefordert, diese Leute zu unterhalten. Es handelte sich ja um sehr viele W\u00e4hlerstimmen, das Wahlrechtsreform, auch von Frauen ausge\u00fcbt und nicht mehr so leicht wie gewohnt durch das Establishment manipuliert werden konnten. Solchen B\u00fcgern, welche unter dem obrigkeitlich gefestigten Eindruck standen, einer den europ\u00e4ischen und nord-amerikanischen mindestens gleichwertigen Nation anzugeh\u00f6ren, zu sagen, dass die guten Zeiten nun vorbei waren und man durch eifriges Lernen, harte Arbeit und gr\u00f6\u00dfere Disziplin die Zukunft sichern m\u00fcsse, w\u00e4re politischer Selbstmord gewesen.<\/p>\n<p>Also nutzte man die Finanzreserven zu einer Befl\u00fcgelung des Massenkonsums sowie f\u00fcr Projekte, die einem oberfl\u00e4chlichen Patriotismus Auftrieb gaben. Per\u00f3n lie\u00df schon auch einige Wohnungen und Schulen bauen, haupts\u00e4chlich jedoch verteilte er Geschenke und, vor allem, viele Posten und P\u00f6stchen in Regierung und Verwaltung an verl\u00e4ssliche Anh\u00e4nger, die selten einer neutralen Auswahlprozedur standgehalten h\u00e4tten. Er kaufte den Engl\u00e4ndern zu \u00fcberh\u00f6htem Preis die Eisenbahnen ab und verfolgte, in seinem Wahn, es den Gro\u00dfm\u00e4chten, vor allem den USA, gleichzutun, utopische Projekte wie etwa den Aufbau einer Atomindustrie. So entstand im Volk ein Anspruchsdenken (oder wurde in ihm gefestigt), das allen zaghaften Korrekturversuchen nachfolgender Regierungen \u2013 ob diese nun demokratisch gew\u00e4hlt oder von reaktion\u00e4ren Milit\u00e4rs gef\u00fchrt waren \u2013 starrsinnig widerstand. Alle Niederlagen in der Verfolgung jener Anspr\u00fcche wurden auf den verderblichen Einfluss externer oder unpatriotischer Faktoren zur\u00fcckgef\u00fchrt \u2013 den seelenlosen Kapitalismus, die imperialistischen USA, die reaktion\u00e4re Oligarchie, die korrupten Gewerkschaften. Der Verdruss \u00fcber unbefriedigte Anspr\u00fcche d\u00fcrfte die Ursache sein f\u00fcr die im Land verbreitete Neigung zur Selbstbemitleidung und dazu, das Glas halbleer zu sehen.<\/p>\n<p>Indessen hatten sich die au\u00dfenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Terms of Trade, radikal ver\u00e4ndert, ohne dass die Politik dies bemerkte oder darauf h\u00e4tte reagieren k\u00f6nnen. Ab Mitte des Jahrhunderts hatte die Gr\u00fcne Revolution durch besseres Saatgut, Automatisierung und Fl\u00e4chenbereinigung just in den ehemaligen Abnehmerl\u00e4ndern Argentiniens die landwirtschaftlichen Ertr\u00e4ge vervielfacht. Diese versorgten sich nun nicht nur selbst, sondern produzierten und exportierten \u00dcbersch\u00fcsse, welche die Weltmarktpreise erheblich dr\u00fcckten.<\/p>\n<p>Argentinien befand sich nun in einer Schere zwischen sinkenden Einnahmen und st\u00e4ndig steigenden Kosten. Leere Staatskassen waren die Folge, die man jahrelang durch von der Bev\u00f6lkerung lange geduldete Assignatendruckerei aufzuf\u00fcllen versuchte, dann, in einer Periode scheinbarer Stabilit\u00e4t, durch \u00fcberzogene Aufnahme von Auslandskrediten, welche 2002 zu Default, brutalen Lohnminderungen, gro\u00dfem Verlust mittelst\u00e4ndischer Ersparnisse, Rezession und Zerst\u00f6rung des Vertrauens der B\u00fcrger in die Politik f\u00fchrte. Das Land war an einem Tiefpunkt angekommen, \u00e4hnlich einem verlorenen Krieg, allerdings ohne die augenf\u00e4lligen Verluste an Menschen und Bausubstanz, welche in anderen Breiten (Deutschland, Japan) nach einer Katastrophe zur Bereitschaft gef\u00fchrt hatten, umzudenken und Traditionen zu erneuern.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil fiel Argentinien zur\u00fcck in beinahe noch ausgepr\u00e4gtere nationalistische, populistische und dirigistische Praktiken als jene, die das Land schon drei\u00dfig und f\u00fcnfzig Jahre zuvor beinahe in den Abgrund getrieben h\u00e4tten. Dabei war unl\u00e4ngst durch den Aufstieg asiatischer und anderer Schwellenl\u00e4nder nicht nur ein eindrucksvolles Entwicklungsbeispiel qua \u00dcbergang zu liberal(er)er Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik gegeben worden, sondern es war dort auch ein bedeutendes neues, allem Anschein nach nachhaltiges, Konsumpotenzial entstanden, das lang versch\u00fcttete, vielversprechende Abnahmem\u00f6glichkeiten f\u00fcr die traditionellen argentinischen Exporte sowie Chancen f\u00fcr eine Diversifizierung der Produktion und somit gr\u00f6\u00dfere wirtschaftliche und politische Stabilit\u00e4t er\u00f6ffnete. Weit davon entfernt, diese M\u00f6glichkeiten zu nutzen, kapselte sich das Land ab vom Rest der vern\u00fcnftigen Welt und begab sich in Gesellschaft einiger international Verfemter, die weder kulturellen noch wirtschaftlichen Fortschritt begleiten k\u00f6nnen. Die warnenden Stimmen einer patriotischen Minderheit verhallen bisher in einem Volk, dem seit vier Generationen kaum Anderes gepredigt und vorgelebt wird, als Treppen hinunterzulaufen. <\/p>\n<p>So l\u00e4uft Argentinien jetzt Gefahr, durch seine selbstverliebte Starrsinnigkeit wieder zu der rechtlosen Feudalgesellschaft zu werden, die es vor 150 Jahren war. Es ist sehr zu w\u00fcnschen, dass dem Land eine Katharsis gelingt, ohne solch \u00fcberaus schlimme Erfahrungen, wie sie damals dem aufgekl\u00e4rten Neubeginn hatten vorausgehen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Hinaufsteigen oder Hinunterlaufen von Treppen Von Friedbert W. B\u00f6hm Wenn man ein Alter erreicht hat, das vor nicht viel mehr als f\u00fcnfzig Jahren noch als das der senilen Greise galt, heute jedoch h\u00e4ufig als sp\u00e4ter Ausgang der Jugend bezeichnet \u2013 und von nicht Wenigen auch so gelebt \u2013 wird, darf man Meinungen \u00e4u\u00dfern, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-16452","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesellschaft-sociedad"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16452","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16452"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16452\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16498,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16452\/revisions\/16498"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16452"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16452"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16452"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}