{"id":1664,"date":"2009-01-22T15:35:59","date_gmt":"2009-01-22T18:35:59","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2008\/12\/14\/realitaten-und-behauptungen\/"},"modified":"2009-01-28T11:18:44","modified_gmt":"2009-01-28T14:18:44","slug":"realitaten-und-behauptungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2009\/01\/22\/realitaten-und-behauptungen\/","title":{"rendered":"Realit\u00e4ten und Behauptungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wiederer\u00f6ffnung der Fundaci\u00f3n Proa mit Marcel Duchamp<\/p>\n<p><em>Von Hanna Jochims<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1663\" alt=Proa2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/Proa2.jpg\" \/><br \/>\n<em>Transformierte Fundaci\u00f3n Proa. Neuer Glanz in La Boca.<\/em><\/div>\n<p>Es ist nicht zu \u00fcbersehen, das neue Geb\u00e4ude der Fundaci\u00f3n Proa. Strahlend wei\u00dfe Fassade, spiegelnde Glasfl\u00e4chen, auf die der silberne Schriftzug wie aufgenietet erscheint. Ein starker Kontrast zur Umgebung: In unmittelbarer Nachbarschaft der Caminito, der in seiner bunten Folkloreverkitschtheit an eine laute, grell geschminkte Showt\u00e4nzerin erinnert, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich hat. Im Hafenbecken vor der T\u00fcr steht das brackige Wasser des Riachuelo, drum herum das Netz der Stra\u00dfen von La Boca. Abseits der touristischen Pfade ist das Leben hier weder bunt noch gl\u00e4nzend, sondern vor allem hart.<\/p>\n<p>All das erscheint beim Betreten der Fundaci\u00f3n Proa weit entfernt. Das klare und ultramoderne Design setzt sich auch im Inneren fort. Stahl, Beton und Holz, wei\u00dfe hohe W\u00e4nde, jeder Winkel wirkt.<\/p>\n<p>Die erste Ausstellung in diesen neuen R\u00e4umen: \u201eMarcel Duchamp: Ein Werk, das kein \u201aKunst\u2018-Werk ist\u201c. Das passt gut zueinander, die Neuer\u00f6ffnung und der K\u00fcnstler, der mit seiner Frage \u201eKann man Werke schaffen, die keine \u201aKunst\u2018-Werke sind?\u201c eine neue \u00c4ra, eine Revolution des Kunstbegriffs einl\u00e4utete. Mit Werken aus dem Jahr dieser grunds\u00e4tzlichen Infragestellung, 1913, l\u00e4sst die Kuratorin Elena Filipovic die Ausstellung beginnen.<\/p>\n<p>Hat man eine Art Eingangshalle mit an die Wand projizierten Aufnahmen Marcel Duchamps passiert und betritt den zweiten Raum, wei\u00df man zun\u00e4chst gar nicht, wohin man sich wenden soll. Eine Vielzahl von Gegenst\u00e4nden h\u00e4ngt von der Decke, steht auf dem Fu\u00dfboden und wird auf und an wei\u00dfen, in den Raum gebauten Elementen pr\u00e4sentiert. Es gibt keinen vorgegebenen Weg, keine klare Chronologie. Die Art und Weise der Darstellung soll unterstreichen, wie wenig Sinn klassische Auffassungen wie Kontinuit\u00e4t und \u00e4sthetischer \u201eFortschritt\u201c in Bezug auf Duchamps Arbeiten machen, so Filipovic.<\/p>\n<p>Trotzdem wirkt die Pr\u00e4sentation alles andere als chaotisch, im Gegenteil. Die Werke sind in Gruppen angeordnet: In Raum Zwei finden sich die \u201ereadymades\u201c, Produkte aus industrieller Fertigung. Allein dadurch, dass Duchamp sie ausw\u00e4hlte, wurden sie zu Kunstwerken. Diese Abkehr von traditionellem \u201eKunsthandwerk\u201c wird heute h\u00e4ufig als Beginn der Konzeptkunst gesehen.<\/p>\n<p>Unter anderem zeigt die Fundaci\u00f3n Proa Duchamps \u201eFountain\u201c &#8211; ein unter einem Synonym signiertes Urinal, mit dem er 1917 bei einer Kunstaustellung in New York f\u00fcr einen handfesten Skandal sorgte &#8211; und das \u201eRoue de bicyclette\u201c, ein auf einen Hocker montiertes Fahrradrad.<\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1667\" alt=Sala22.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/Sala22.jpg\" \/><br \/>\n<em>&#8220;Readymades&#8221;.<\/em><\/div>\n<p>Einen weiteren Schwerpunkt des zweiten Raumes bilden die Themen Transparenz und Perspektive. In seinen h\u00e4ufig auf und in Glas gestalteten Arbeiten spielt Duchamp mit den verschiedenen visuellen Dimensionen. Das Verwirren der Sehgewohnheiten zieht sich durch das gesamte Werk Duchamps.<\/p>\n<p>In den 20er und 30er Jahren experimentierte er mit der Manipulation der Optik. Er fertigte verschiedene Maschinen der optischen T\u00e4uschung an, von denen einige im dritten Raum zu sehen sind. Eine weitere T\u00e4uschung: Marcel Duchamp als Frau. Als sein Alter ego Rrose S\u00e9lavy wurde er unter anderem von seinem Freund Man Ray fotografiert.<\/p>\n<p>In seinem gesamten Schaffen stellte Duchamp immer wieder die Idee der Einzigartigkeit eines Kunstwerkes in Frage. Er begann, Kopien seiner und der Arbeiten anderer K\u00fcnstler anzufertigen. Einige glichen dem Original exakt, an anderen nahm er kleine Ver\u00e4nderungen vor. Seine in diesem Zusammenhang wohl bekannteste Arbeit: Leonardo da Vincis Madonna, der er einen Schnurrbart malte. In der Zwischenzeit wiederum unz\u00e4hlige Male reproduziert, h\u00e4ngt Duchamps Madonna in den K\u00fcchen und Fluren dieser Welt.<\/p>\n<p>Der letzte Raum der Ausstellung ist Marcel Duchamps T\u00e4tigkeit als Kurator und Designer gewidmet. So kreierte er unter anderem den Katalog f\u00fcr die Surrealismus-Ausstellung in New York (1942) und war an den Pariser Surrealismusausstellungen der 40er und 50er Jahre beteiligt. Die Pr\u00e4sentation schlie\u00dft mit der Arbeit, mit der auch Duchamp sein Werk beschloss: \u201e\u00c9tant donn\u00e9s: 1. La chute d\u2019eau \/ 2. La gaz d\u2019eclairage\u201c. Das Original befindet sich in Philadelphia, in Buneos Aires ist eine virtuelle Reproduktion zu sehen. Der Besucher muss sich in einem kleinen, dunklen, separaten Raum b\u00fccken und durch zwei Guckl\u00f6cher in der Wand schauen, unm\u00f6glich, sich dabei nicht wie ein Voyeur zu f\u00fchlen. Die letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens arbeitete Duchamp im Geheimen an diesem Werk, es durfte erst nach seinem Tod der \u00d6ffentlichkeit gezeigt werden.<\/p>\n<p>Die Ausstellung endet hier, das Erlebnis der Fundaci\u00f3n Proa nicht. Es erwartet einen der sch\u00f6nste Raum des ganzen Geb\u00e4udes, die Bibliothek. An gro\u00dfen Tischen kann gebl\u00e4ttert, gelesen, geschaut werden. Verkauft werden Kataloge der Fundaci\u00f3n Proa, B\u00fccher der Gegenwartskunst, Magazine, Poesie und Literatur.<\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1665\" alt=Libr2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/Libr2.jpg\" \/><br \/>\n<em>Zentraler Raum: die Bibliothek.<br \/>\n(Fotos: Fundaci\u00f3n Proa)<\/em><\/div>\n<p>Ein Stockwerk h\u00f6her: das Caf\u00e9. Die Terrasse bietet einen phantastischen Ausblick auf den Hafen von La Boca und die Avellaneda-Br\u00fccke. Der Service ist sehr aufmerksam, der Kaffee und das Essen gut.<\/p>\n<p>Der Besuch in der Fundaci\u00f3n hinterl\u00e4sst Eindruck. Ein toller Ort, eine gro\u00dfartige Ausstellung. Aber auch das Gef\u00fchl von K\u00fcnstlichkeit. Es ist, als ob die betonte Offenheit, das Eingliedertsein in die Nachbarschaft nur Behauptung bleibt. Ein Sandwich f\u00fcr 20 Pesos zumindest werden sich die meisten Nachbarn nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eMarcel Duchamp: una obra que no es una obra \u201ade arte\u2018\u201d ist noch bis zum 08.02.2009 in der Fundaci\u00f3n Proa, Av. Pedro de Mendoza 1929 zu sehen und ist dienstags bis sonntags von 11-19 Uhr ge\u00f6ffnet. Weitere Informationen bietet die <a href=\"http:\/\/www.proa.org\/esp\/\">Webseite der Fundaci\u00f3n Proa<\/a>.<\/p>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; vom 13.12.08.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiederer\u00f6ffnung der Fundaci\u00f3n Proa mit Marcel Duchamp Von Hanna Jochims Transformierte Fundaci\u00f3n Proa. Neuer Glanz in La Boca. Es ist nicht zu \u00fcbersehen, das neue Geb\u00e4ude der Fundaci\u00f3n Proa. Strahlend wei\u00dfe Fassade, spiegelnde Glasfl\u00e4chen, auf die der silberne Schriftzug wie aufgenietet erscheint. 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