{"id":17059,"date":"2013-10-05T13:20:58","date_gmt":"2013-10-05T16:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=17059"},"modified":"2013-10-05T13:27:21","modified_gmt":"2013-10-05T16:27:21","slug":"dieser-film-ist-keine-abrechnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/10\/05\/dieser-film-ist-keine-abrechnung\/","title":{"rendered":"&#8220;Dieser Film ist keine Abrechnung&#8221; &#8211; Nachlese zum 13. Deutschen Kinofestival von Buenos Aires"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Frauke Finsterwalder, der Regisseurin von &#8220;Finsterworld&#8221;<\/p>\n<p><em>Von Carlo-Johannes Schmid<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/ff.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/ff.jpg\" alt=\"\" title=\"ff\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"aligncenter size-full wp-image-17061\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/ff.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/ff-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\n&#8220;Finsterworld&#8221;, der Er\u00f6ffnungsfilm des <a href=\"http:\/\/www.cinealeman.com.ar\/festival13\/presentacion.html\">13. Deutschen Kinofestivals<\/a>, das Mitte September in Buenos Aires stattfand, ist das Spielfilmdeb\u00fct von Frauke Finsterwalder. Sie f\u00fchrte Regie und schrieb zusammen mit ihrem Mann, dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, das Drehbuch. Im Film wird der Zuschauer auf eine Reise geschickt unter die Oberfl\u00e4che der deutschen Gesellschaft. Die Dinge, die man sonst nicht mitbekommt, kommen zum Vorschein. So folgt man in dem Film verschiedenen Charakteren mit ihren Vorlieben und Macken, die alle eine eigene Geschichte erz\u00e4hlen und am Ende doch auf teils dramatische Weise zusammenh\u00e4ngen und kollidieren.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Neulich haben Sie in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk gesagt, dass Sie noch nicht fertig sind mit Deutschland und deswegen einen Film \u00fcber Deutschland machen mussten. Sind Sie denn nach &#8220;Finsterworld&#8221; jetzt fertig mit Deutschland? War dieser Film eine Art Abrechnung?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Dieser Film ist keine Abrechnung, aber nat\u00fcrlich habe ich mir etwas von der Seele gesprochen damit. Es ist eher eine Analyse, w\u00fcrde ich sagen. Ich wei\u00df nicht, ich bin ja Deutsche, ich spreche Deutsch, auch wenn ich im Ausland lebe, ich wei\u00df nicht, inwieweit ich jetzt fertig bin mit Deutschland oder nicht, aber diese Identit\u00e4t w\u00fcrde nie weggehen, egal ob ich jetzt einen Film im Ausland machen w\u00fcrde oder nicht.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Was wollten Sie mit dem Film aussagen? Es ist schon eine Art Kritik an der deutschen Mentalit\u00e4t oder Gesellschaft?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Also es liegt mir fern, da allgemeine Aussagen zu machen, dann k\u00f6nnte man ja auch sagen, ich will mich selber kritisieren, ich bin auch Deutsche. Ich m\u00f6chte auf keinen Fall verallgemeinern, w\u00fcrde ich das wollen, w\u00fcrde der Film &#8220;Deutschlandwelt&#8221; hei\u00dfen.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Was verbindet Sie mit Buenos Aires? Sie haben hier ja zwei Jahre lang gelebt. Was haben Sie hier gemacht und hat es Ihnen gefallen?<\/strong><\/em> <\/p>\n<p>FF: Ja, mir hat es hier sehr gut gefallen, deswegen bin ich auch hierher gezogen. Ich glaube, dass es ganz viele Probleme, die in &#8220;Finsterworld&#8221; besprochen werden, hier so nicht gibt. Es gibt wesentlich mehr zwischenmenschliche W\u00e4rme, w\u00fcrde ich sagen, es gibt mehr Umarmungen, Ber\u00fchrungen, eigentlich permanent, das haben wir in Deutschland ja nicht. Ich habe es sehr genossen, in dieser sch\u00f6nen Stadt zu leben. Und auch meine Tochter hat ihr erstes Jahr in ihrem Leben hier verbracht und das war ganz toll, mit einem kleinen Kind hier zu leben. Kinder sind ja in Deutschland nicht so beliebt, aber hier sehr, ganz besonders Babys, und es gibt dann immer diese Situationen, wo man mit dem Kinderwagen auf der Stra\u00dfe ist, und dann kommen Leute und k\u00fcssen das Kind. In Deutschland ist es eher so, dass die Leute sagen, sch\u00f6ner Kinderwagen, und das Kind selber wird ignoriert. Ja, es war eine ganz tolle Zeit, und das Drehbuch zu &#8220;Finsterworld&#8221; wurde ja auch zum Teil hier geschrieben.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Warum sind Sie Regisseurin geworden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Es war meine Berufung. Ich wollte immer schon Regisseurin werden, ich wollte das schon, als ich f\u00fcnf Jahre alt war. Ich habe, glaube ich, mit acht Jahren mein erstes Theaterst\u00fcck inszeniert, es war eigentlich immer klar, dass ich das wollte, auch wenn ich ein paar Umwege auf dem Weg zur Regisseurin genommen habe. Erst war ich im Theater t\u00e4tig, und dann hat es sich eben zum Film hin ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Sie haben ja angefangen mit Dokumentarfilmen, warum sind Sie umgesattelt auf Spielfilm?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Das ist f\u00fcr mich jetzt gar nicht so ein gro\u00dfer Unterschied, es geht in beiden F\u00e4llen darum, Geschichten zu erz\u00e4hlen. Und auch meine Dokumentarfilme waren von der Form her oft sehr am Fiktiven dran. Man hat mir auch immer vorgeworfen, dass die Form des Erz\u00e4hlens in meinen Dokumentarfilmen sehr frei war. Ich wei\u00df nicht, ich glaube, es ist kein gro\u00dfer Unterschied. Der gr\u00f6\u00dfte Unterschied ist glaube ich, dass man beim Dokumentarfilm mit einem sehr kleinen Team arbeitet, mit nur einem Kameramann, manchmal macht man selber Kamera und Ton. Es gibt Situationen, wo man alleine ist mit den Protagonisten, und sonst ist man halt h\u00f6chstens mit zwei anderen, das ist nat\u00fcrlich bei einem Spielfilm ganz anders. Da gibt es eine riesige Maschinerie, die man bewegt als Regisseur, angefangen bei den Schauspielern und den ganzen anderen Leuten am Set, keine Ahnung, wer noch alles was hinter den Kulissen macht. Das ist was, womit einige Dokumentarfilmer Probleme haben. F\u00fcr mich war das eine Riesenbefreiung, ich finde das wahnsinnig toll, diese ganzen verschiedenen Leute zu haben, die einfach viele Sachen besser k\u00f6nnen als ich. Also ich kann zum Beispiel keine Kost\u00fcme machen oder Kulissen bauen. Auch mein Kameramann hat phantastische Arbeit geleistet. F\u00fcr mich war das eine gro\u00dfe Befreiung.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Wie viel Biographisches steckt in &#8220;Fisterworld&#8221;, von Ihnen und vielleicht auch von Ihrem Mann Christian Kracht, der das Drehbuch mitgeschrieben hat?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Naja, es ist nat\u00fcrlich auch so ein kleiner Trick, so zu tun, als w\u00e4re das jetzt alles biographisch, muss man sagen, gerade der Charakter der Filmemacherin nat\u00fcrlich, das w\u00e4re ein bisschen zu einfach. Aber nat\u00fcrlich haben alle Geschichten, die man erz\u00e4hlt, mit einem selber zu tun und mit dem, was man erlebt hat, und in diesem Fall ganz extrem, also es gibt keine Figur, keine Geschichte, die nicht irgendetwas mit mir zu tun h\u00e4tte, also das ist im besten Fall so, glaube ich.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Sie haben auf der Pressekonferenz anl\u00e4sslich des 13. Deutschen Kinofestivals von Buenos Aires gesagt, dass Sie nach Deutschland gereist sind und dass Sie dort ganz viele ungl\u00fcckliche und unfreundliche Menschen getroffen haben. Was genau ist Ihnen denn da passiert, was haben die Menschen Ihnen erz\u00e4hlt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Also ich finde, das ist einfach ein gesamtes Stimmungsbild, ich kann es auch nicht so verallgemeinern, aber das kennt ja jeder von uns, wenn man in Deutschland lebt und man f\u00e4hrt in Urlaub und man landet dann wieder in Deutschland auf dem Flughafen und trifft die Flughafenangestellten, die einen dann anbl\u00f6ken, nachdem man drei Wochen in Asien unterwegs war, wo alle sehr nett sind. Ich glaube, das Gef\u00fchl kennt man, und die Deutschen sind halt sehr direkt und zum Teil sehr unh\u00f6flich und zum Teil auch sehr stolz darauf, unh\u00f6flich zu sein. Es wird einfach nicht so viel Wert auf ein gewisses Miteinander gelegt. Das angenehme Umgehen miteinander ist in Deutschland sehr unwichtig. Es geht immer eher um die einzelnen Personen, das ist wichtig, wie man sich f\u00fchlt, und das auch jeden sp\u00fcren zu lassen, wie man sich f\u00fchlt.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Sie haben auch erw\u00e4hnt, dass die Deutschen nicht so sehr \u00fcber sich selber lachen k\u00f6nnen. Versuchen Sie mit diesem Film, anders zu sein als die Deutschen, indem Sie zeigen, dass Sie \u00fcber sich selber lachen k\u00f6nnen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Das ist eine geschlossene Frage, da kann ich nur Ja sagen!<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Warum sind Sie aus Deutschland weggezogen? Finden Sie die Menschen da wirklich so schlimm?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Nein, \u00fcberhaupt nicht, das ist einfach, weil ich gerne reise, weil mich das interessiert, weil f\u00fcr mich der Stillstand im Leben, der Stillstand an einem Ort, wie Sterben ist. Also ich brauche Bewegung im Raum, sonst werde ich verr\u00fcckt. Und es hilft mir, um auf neue Ideen zu kommen, das sind die Gr\u00fcnde. Und ich finde Deutschland auch gar nicht so schrecklich, ich finde Deutschland zum Teil auch sehr komisch und ich bin da zu Hause, meine Familie lebt da und so weiter. Die Gr\u00fcnde sind eher, dass mich das Reisen interessiert, und da bin ich auch nicht alleine, also je mehr man im Ausland ist, desto mehr Menschen trifft man, denen es genauso geht, das ist auch unsere Zeit, glaube ich, dass man einfach nicht mehr so festgelegt ist auf das Land, aus dem man kommt.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Sie haben auf der Pressekonferenz gesagt, dass das Drehbuch aus Tr\u00e4umen und Alptr\u00e4umen besteht, was ist denn zum Beispiel ein Alptraum von Ihnen in dem Film, und was ist ein Traum, also vielleicht auch etwas Positives, wenn man davon ausgeht, dass ein Traum positiv ist?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Ein Traum sind auf jeden Fall die Momente von Liebe, die es in dem Film gibt, der B\u00e4r und das Kind zum Beispiel, und die Alptr\u00e4ume sind glaube ich ziemlich offensichtlich. Also zum Beispiel die Szene im Krematorium des Konzentrationslagers ist nat\u00fcrlich ein absoluter Alptraum.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Mich hat Ihr Film &#8220;Finsterworld&#8221; an den Film &#8220;Hundstage&#8221; von Ulrich Seidl erinnert, und selbiger wird ja auch in Ihrem Film genannt. Was hat es damit auf sich?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Also, dass Ulrich Seidl und vor allem auch Haneke in dem Film erw\u00e4hnt werden, liegt vor allem daran, dass in Deutschland alle immer so neidisch sind auf die \u00f6sterreichischen Filmemacher, die so tolle Filme machen. Das ist eine kleine Spitze, dass das in dem Film gesagt wird von einer Filmemacherin. Es gibt in der deutschen Filmszene immer diesen Ton, dass alle sagen, warum k\u00f6nnen wir Deutschen nicht so gute Filme machen wie die \u00d6sterreicher. Deswegen ist es da drin, und ich pers\u00f6nlich finde, dass &#8220;Finsterworld&#8221; mit &#8220;Hundstage&#8221; sehr wenig zu tun hat. Ich finde den Tonfall einen sehr anderen, man kann sagen, es sind beides Analysen von bestimmten Personen oder so, aber ich empfinde &#8220;Hundstage&#8221; eher als einen Film, wo der Filmemacher in Welten geht, die nicht die seinen sind. &#8220;Finsterworld&#8221; besch\u00e4ftigt sich meiner Meinung nach sehr stark mit der B\u00fcrgerlichkeit, und das ist ein Milieu, das ich gut kenne, und ich hoffe zumindest nicht, dass ich von oben herab auf diese Leute runterschaue, sondern ich hoffe, dass es gelungen ist, dass es auch ein liebevoller Blick ist. Das macht Ulrich Seidl anders. Aber es ist ja auch kein Urteil da drin.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Was hat es explizit mit der Szene mit dem wilden Mann im Wald auf sich? F\u00fcr was ist das eine Metapher? Oder ist es \u00fcberhaupt eine Metapher?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Sie stellen mir lauter Fragen, die Sie selber beantworten m\u00fcssten als Journalist.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Gut, dann versuch ich es mal zu beantworten. Steht dieser Charakter vielleicht daf\u00fcr, dass man in Deutschland sehr skeptisch gegen\u00fcber allem Fremdartigen ist und versucht, das Fremde wegzuschieben, anstatt zu versuchen. mit ihm zu leben?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Das ist sicherlich ein Punkt, die Au\u00dfenseiterfigur. Es trifft nat\u00fcrlich nicht nur auf Deutschland zu. Als wir den Film drehten, passierte gerade diese Geschichte auf dem Times Square, dort wurde ein junger Mann erschossen, der eine Mischung zwischen Obdachlosem und drogens\u00fcchtigem Psycho war. Und der irgendwie rumrannte und rumschrie und ein Messer in der Hand hatte, aber eigentlich niemanden bedroht hat. Der Mann ist f\u00f6rmlich hingerichtet worden von acht Polizisten, die einfach alle auf den Mann geschossen haben. Das passierte genau in den Tagen, als wir diese Szene drehten. Diese Geschichte zeigt, dass die Gesellschaft sehr diktiert, was normal ist und was normal sein darf. Das ist ein Punkt. Aber was nat\u00fcrlich auch sehr wichtig ist im Zuge der Geschichte, ist, dass dieser Mann in einem absoluten paradiesischen Zustand lebt, im Einklang mit der Natur, mit einer fast kindlichen Naivit\u00e4t, und dass das Ganze dann zerst\u00f6rt wird, sobald die &#8220;Zivilisation&#8221; einbricht. Das ist ein Thema, das es ganz viel gibt in der Literatur und auch im Film. Das gab es auch schon in der Bibel.<\/p>\n<p><em><strong>CJS: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/em><\/p>\n<p>FF: Gerne.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nRegisseurin Frauke Finsterwalder vor dem Filmposter beim Filmfest M\u00fcnchen, auf dem der Film im Juli 2013 uraufgef\u00fchrt wurde. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Frauke Finsterwalder, der Regisseurin von &#8220;Finsterworld&#8221; Von Carlo-Johannes Schmid &#8220;Finsterworld&#8221;, der Er\u00f6ffnungsfilm des 13. 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