{"id":17696,"date":"2013-11-28T14:37:02","date_gmt":"2013-11-28T17:37:02","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=17696"},"modified":"2014-02-22T12:32:10","modified_gmt":"2014-02-22T15:32:10","slug":"lesen-schutzt-vor-dummheit-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2013\/11\/28\/lesen-schutzt-vor-dummheit-nicht\/","title":{"rendered":"&#8220;Lesen sch\u00fctzt vor Dummheit nicht&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Philosophin Gayatri Spivak zu Gast in Buenos Aires<\/p>\n<p><em>Von Janina Knobbe<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/spivak11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/spivak11.jpg\" alt=\"spivak11\" width=\"250\" height=\"223\" class=\"alignleft size-full wp-image-17698\" \/><\/a>Nur langsam f\u00fcllte sich das Auditorium des Malba am Montag und lange blieben die Pl\u00e4tze in der ersten Sitzreihe frei. Das lag jedoch kaum an zu geringem Besucherandrang. In einer Masse aus Menschen jeglichen Alters dr\u00e4ngte man sich zur Eingangst\u00fcr, wo Sicherheitsbeauftragte und Mitveranstalter in Erkl\u00e4rungsn\u00f6te gerieten und wild mit Teilnehmerlisten umherwedelten, um zu entscheiden, wer noch Zugang zu der Konferenz bekommen sollte. Die argentinische Schlange-Stehen-Kultur wurde aufgebrochen und es gelang nur schleppend, die aufgeregten Besucher so zu koordinieren, dass die meisten noch einen Platz im Saal fanden. Aus verschiedenen Orten des Landes, ja sogar aus Chile, kamen sie angereist, um sie sprechen zu h\u00f6ren und zu sehen: Die indische Philosophin, Feministin und Mitbegr\u00fcnderin der Postkolonialen Theorie, Gayatri Spivak.<\/p>\n<p>Von dem Programm &#8220;Lectura Mundi&#8221; der UNSAM (Universidad Nacional San Mart\u00edn) war sie eingeladen worden, \u00fcber ihr Werk zu referieren und mit ihren Lesern in den direkten Austausch zu treten. Der Auftakt ihres dreit\u00e4gigen Besuchs an der Universit\u00e4t bestand in der am Montag stattfindenden Konferenz &#8220;Spivak habla con sus lectores&#8221;, wo sie \u00fcber zwei Stunden hinweg ausgew\u00e4hlte Fragen beantwortete, die von Studenten der UNSAM zuvor zusammengetragen wurden.<\/p>\n<p>Gayatri Spivak wurde 1942 in Kalkutta geboren und schrieb ihre Doktorarbeit in den USA, wo sie heute Professorin f\u00fcr Literaturwissenschaft an der Colombia University in New York ist. Ihre Schriften beeinflussen seit den 80er-Jahren die Wissenschaftsproduktion im damals neu definierten Feminismus, aber vor allem auch jene des Dekonstruktivismus sowie der postkolonialen Forschungsans\u00e4tze. \u00dcberdies erschien im Spanischen vor Kurzem eine Sammlung ihrer Schriften mit dem Titel &#8220;En otras palabras, en otros mundos&#8221; (Paidos Verlag).<\/p>\n<p>Ihr wohl bekanntestes Essay ist zweifellos &#8220;Can the Subaltern Speak? Postkolonialit\u00e4t und subalterne Artikulation&#8221;, eine Kritik an den Machenschaften und Machtkonstrukten der in Indien vorherrschenden Elite und deren Umgang mit dem marginalisierten Teil der Gesellschaft, der auch auf Grund der westlich gepr\u00e4gten Wissenschaftsproduktion &#8220;sprachlos&#8221; ist. Dies f\u00fchrt dazu, dass ganze Gesellschaftsgruppen g\u00e4nzlich vom politischen Geschehen einer Nation ausgeschlossen sind. Ein Themenkomplex, der durchaus auch in Hinblick auf politische und gesellschaftliche Realit\u00e4ten in Lateinamerika hochaktuell ist.<\/p>\n<p>Dementsprechend machte Spivak am Montag deutlich, dass auch die Intellektuellen einer Gesellschaft st\u00e4ndig Gefahr laufen, eine marginalisierte Gruppe noch weiter an den Rand zu dr\u00e4ngen, sie folglich &#8220;stumm&#8221; zu machen. Die Aufgabe der Intellektuellen einer Gesellschaft besteht insofern nicht darin, in ihrem Namen zu sprechen, sondern vielmehr, &#8220;ihnen Raum zu schaffen, in dem sie geh\u00f6rt werden k\u00f6nnen und durch welchen sie der Regierung (dem Staat) entgegentreten k\u00f6nnen.&#8221; Um dies zu erreichen, sollte das Vertrauen in die institutionelle Wissenschaftsproduktion hinterfragt werden und sich nicht damit aufgehalten werden, &#8220;wie den Subalternen Geh\u00f6r verschafft werden kann&#8221;, sondern &#8220;wie man ihnen das Konzept dessen nahebringt, dass jeder ein Recht auf geistige Arbeit hat.&#8221; Dies l\u00e4sst sich als das Recht eines Jeden auf intellektuelle Bildung verstehen. Dennoch &#8220;ist Lesen kein Schutz davor, ein Idiot zu bleiben. Es gibt viele Idioten auf der Welt, die viel gelesen haben&#8221;, f\u00fcgte Spivak hinzu.<\/p>\n<p>Es geht also gerade in einer globalisierten Welt darum, allen Menschen &#8220;kritisches Lesen&#8221; nahezubringen. Dabei ist es laut der Philosophin wichtig, zu akzeptieren, dass dies ein langsamer Lernprozess ist. Doch auf diese Weise kann in einer Gesellschaft Recht und Unrecht sowie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit definiert werden.<\/p>\n<p>Die Philosophin verlieh ihrer Auffassung Nachdruck, dass sich ihre Schriften nicht an die &#8220;Subalternen&#8221; wenden, sondern an die Wissenschaft und Wissenschaftler, deren Aufgabe es auch ist, der globalen Bev\u00f6lkerung deutlich zu machen, &#8220;dass jedes Kind und jeder Erwachsene ein Recht auf geistige Arbeit hat&#8221;.<\/p>\n<p>Spivak verbrachte noch zwei weitere Tage dieser Woche in Buenos Aires, um mit Studenten und Experten die Zusammenh\u00e4nge von Institutionen und Erkenntnistheorie zu diskutieren. Zum Abschluss ihres Besuchs \u00fcberreichte die Universit\u00e4t San Mart\u00edn ihr am Mittwoch einen Ehrendoktortitel.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nGayatri Spivak am Montag im Malba.<br \/>\n(Foto: Janina Knobbe)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Philosophin Gayatri Spivak zu Gast in Buenos Aires Von Janina Knobbe Nur langsam f\u00fcllte sich das Auditorium des Malba am Montag und lange blieben die Pl\u00e4tze in der ersten Sitzreihe frei. Das lag jedoch kaum an zu geringem Besucherandrang. 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