{"id":1800,"date":"2009-06-11T13:47:05","date_gmt":"2009-06-11T16:47:05","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2009\/06\/11\/ein-zeitreisender-mit-grossem-herzen\/"},"modified":"2009-06-21T20:18:07","modified_gmt":"2009-06-21T23:18:07","slug":"ein-zeitreisender-mit-grossem-herzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2009\/06\/11\/ein-zeitreisender-mit-grossem-herzen\/","title":{"rendered":"Ein Zeitreisender mit gro\u00dfem Herzen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Carlos Kaspar f\u00fchrt mit \u201eLa Yunta\u201c neues St\u00fcck \u201eMutter Courage und ihre Kinder\u201c auf<\/p>\n<p><em>Von Svenja Beller<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1799\" alt=car.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/car.jpg\" \/><br \/>\n<em>Wenn Schauspieler Carlos Kaspar von der Theatergruppe \u201cLa Yunta\u201d spricht, dann leuchten seine eisblauen Augen.<br \/>\n(Foto: Svenja Beller)<\/em><\/div>\n<p>&#8220;Wir Argentinier sind Nostalgiker, wir blicken immer auf die glanzvolle Vergangenheit. Statt die Realit\u00e4t anzupacken, machen wir Theater\u201c, erkl\u00e4rt Carlos Kaspar die Lebensphilosophie seiner Landsleute. Und so macht er es auch: Er macht Theater, schon sein Leben lang. Angefangen hat er in der Theatergruppe in seiner Schule, das habe sein Leben entscheidend gepr\u00e4gt, seine Passion war gefunden. Er spielte in zahlreichen Filmen und Theaterst\u00fccken, den richtigen Durchbruch landete er vor f\u00fcnf Jahren in der Telenovela &#8220;Resistir\u00e9&#8221;. Als seine Figur in der Sendung erschossen wurde, sprachen ihn viele Leute auf der Stra\u00dfe an und jammerten: &#8220;Nein, sie haben dich umgebracht!&#8221; Er hatte sich in die Herzen der Argentinier gespielt, war ein B\u00f6ser, der am Ende doch noch gut wurde und der Hauptfigur zur Seite stand. Im Moment bereitet er sich auf seine Rolle in dem Thriller &#8220;Olv\u00eddame&#8221; vor. Dort spielt er einen finsteren Arzt, einen &#8220;doctor muerte&#8221;, wie er ihn nennt. Auch seine letzte Rolle in dem mexikanischen Film &#8220;La \u00faltima muerte&#8221; war ein Arzt, dieses Mal aber ein guter. Sterben tut er aber in beiden Streifen. &#8220;Meistens spiele ich dunkle Rollen, da werde ich immer umgebracht&#8221;, erz\u00e4hlt er grinsend, er sei ans Sterben gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Carlos Kaspar ist ein zweiseitiges Blatt: Neben seiner eigenen Schauspielkarriere treibt er auch die Theaterzukunft anderer voran. An seiner ehemaligen deutschen Schule &#8220;Instituto Ballester&#8221; rief er vor acht Jahren die Theatergruppe &#8220;La Yunta&#8221; (Joch) ins Leben. Mit dem Namen will er betonen, dass alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Vor acht Jahren, zur Zeit der Krise, habe er seiner Schule etwas zur\u00fcckgeben wollen, wollte in negativen Zeiten etwas Positives schenken. Dieses Jahr spielt die Gruppe aus Sch\u00fclern, Ehemaligen, Lehrern und Eltern schon ihr siebtes St\u00fcck, das Konzept war erfolgreich. Carlos Kaspar sieht es als p\u00e4dagogisches, soziales und kulturelles Projekt. Es biete die M\u00f6glichkeit, sich besser kennenzulernen, seine F\u00e4higkeiten als Schauspieler, Regieassistent oder Maskenbildner auszutesten und etwas \u00fcber seine Kultur zu lernen. Carlos Kaspar geht auf im Theaterprojekt, es sei ein gutes Gef\u00fchl, andere f\u00fcr das Theater zu begeistern und seiner Schule etwas zur\u00fcckzugeben. \u201eMein Blut ist gr\u00fcn und wei\u00df\u201c, lacht er &#8211; durch seine Adern flie\u00dfen die Schulfarben.<\/p>\n<p>Wenn der gem\u00fctlich wirkende Deutsch-Argentinier von der \u201eYunta\u201c redet, dann leuchten seine eisblauen Augen. Er ist nicht der hochn\u00e4sige Star geworden, zu dem ihn die Filmindustrie h\u00e4tte machen k\u00f6nnen. Begeistert erz\u00e4hlt er vom neuen St\u00fcck \u201eMutter Courage und ihre Kinder\u201c. Ein zufriedenes L\u00e4cheln umspielt seine Lippen, wenn er von Grundideen, kreativen Details, Inspirationen, Musikauswahl, Besetzungen und Proben spricht. Er erz\u00e4hlt gerne, und obwohl er es nicht sagt, ist er stolz auf das Projekt.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, Klassiker muss man immer adaptieren\u201c, erkl\u00e4rt er seine Inszenierung. Seine \u201eMutter Courage\u201c k\u00e4mpft im Irak um das \u00dcberleben ihrer Kinder, auch wenn das nicht plakativ deutlich wird. Die Fahnen von Protestanten und Katholiken, Uniformen, Musik &#8211; es sind Details, die auf den Ort schlie\u00dfen lassen. Er geht mit Bertolt Brechts St\u00fcck modern um und bezieht Probleme aus dem Hier und Jetzt mit ein. So findet die Mediatisierung in dieser Inszenierung einen gro\u00dfen Platz. Durch die Medien sei Gewalt etwas Allt\u00e4gliches geworden, das wirke sich gravierend auf das Verhalten der Menschen aus. Die wachsende Gewaltbereitschaft mache ihm Angst, er wolle den Medien aber auch nicht die volle Schuld geben. Dennoch will er dieses Ph\u00e4nomen thematisieren, will aufmerksam machen auf Missst\u00e4nde in unserer mediatisierten Welt.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne mischen sich ein Kameramann und eine Journalistin ins Kriegsgeschehen, die Aufnahmen werden auf eine Leinwand \u00fcbertragen. Das trage mit zum \u201eVerfremdungseffekt\u201c bei, eine Eigenschaft, die er am Brechtschen Theater liebe. Verschiedene Techniken und Kniffe vermeiden, dass der Zuschauer in das Geschehen eintaucht, wie wir es von Hollywoodfilmen kennen, bei denen man zutiefst verletzt gemeinsam mit der betrogenen Protagonistin mitheult. Dazu l\u00e4sst Carlos Kaspar es in seinem St\u00fcck nicht kommen: Durch Schilder, Br\u00fcche und eine Sprecherin schafft er Distanz zwischen Zuschauer und Charakteren. So bleibe ein kritischer Blick auf die Handlung bewahrt, der Zuschauer solle sich nicht einfach mittreiben lassen. Wieder leuchten die Augen: \u201eIch finde Brecht faszinierend.\u201c In \u201eMutter Courage\u201c zeige er, wie unterschiedlich die Menschen sich in Krieg und Frieden verhalten, und diesen Faden nimmt er in seiner Inszenierung auf.<\/p>\n<p>Durch seinen Beruf als Schauspieler hat er nicht immer die n\u00f6tige Zeit, um die Gruppe zu betreuen. Deswegen sind die Aufgaben gut aufgeteilt, er will nicht, dass alles mit ihm steht und f\u00e4llt. Um die Schauspieler-Regie k\u00fcmmert sich Mercedes Sirni, die Orchesterleitung haben Federico Popoff und Margarita Huber, Kaspar selbst entwickelte die Inszenierung. Gespielt wird auf Spanisch, nur ein Fragment werde auf Deutsch sein. In dem werde die Schuldirektorin mit einer Poesie-Interpretation f\u00fcr einen thematischen Schnitt sorgen, ein weiterer Gehilfe des Verfremdungseffektes. F\u00fcr Carlos Kaspar ist es wichtig, dass immer ein St\u00fcck deutsche Kultur transportiert wird. Er will die Kultur und Geschichte weitergeben, viele Sch\u00fcler w\u00fcrden ihre Wurzeln in Deutschland ja nur aus Erz\u00e4hlungen kennen.<\/p>\n<p>\u201eIch bin ein Fanatiker der Geschichte\u201c, gibt er lachend zu. Er lese viel, krieche gerne weit und immer weiter in die Welten der Vergangenheit. Er suche nach Gr\u00fcnden. Gr\u00fcnden f\u00fcr Entscheidungen, Kriege, Frieden, f\u00fcr die Verstrickungen der Zeit. Sein Gro\u00dfvater sei im Krieg gefallen &#8211; f\u00fcr ihn ein Grund, in die Vergangenheit zu blicken. Er begann schon fr\u00fch, sich f\u00fcr die Geschichte um das Leben des Mannes zu interessieren, den er kaum kennenlernen durfte. Von Spielkameraden in den Stra\u00dfen von Buenos Aires wurde er Nazi genannt, \u201eMami, was ist ein Nazi?\u201c Die erkl\u00e4renden Worte der Mutter wurden bald durch dicke B\u00fccher \u00fcber den Zweiten Weltkrieg abgel\u00f6st, in denen er Antworten auf seine Fragen fand. \u201eMit dem Theater kann ich in der Geschichte reisen und mit der Phantasie spielen\u201c, erkl\u00e4rt Carlos Kaspar seine Begeisterung f\u00fcr die Schauspielerei, \u201ees gibt mir die M\u00f6glichkeit, in einem Leben mit vielen Leben zu experimentieren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMutter Courage und ihre Kinder\u201c feiert seine Premiere am 13. Juni in der Aula Magna des \u201cInstituto Ballester\u201d. Weitere Auff\u00fchrungen sind am 14., 20., 21., 27. und 28. Juni und am 4. und 5. Juli, samstags um 20 Uhr und sonntags um 19 Uhr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carlos Kaspar f\u00fchrt mit \u201eLa Yunta\u201c neues St\u00fcck \u201eMutter Courage und ihre Kinder\u201c auf Von Svenja Beller Wenn Schauspieler Carlos Kaspar von der Theatergruppe \u201cLa Yunta\u201d spricht, dann leuchten seine eisblauen Augen. (Foto: Svenja Beller) &#8220;Wir Argentinier sind Nostalgiker, wir blicken immer auf die glanzvolle Vergangenheit. 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