{"id":18019,"date":"2014-02-01T15:41:42","date_gmt":"2014-02-01T18:41:42","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=18019"},"modified":"2014-02-01T15:41:42","modified_gmt":"2014-02-01T18:41:42","slug":"der-hang-zur-selbstzerstorung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/02\/01\/der-hang-zur-selbstzerstorung\/","title":{"rendered":"Der Hang zur Selbstzerst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Die Nash\u00f6rner&#8221; von Ionesco polterten \u00fcber die Corrientes<\/p>\n<p><em>Von Philipp Boos<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/rhino2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/rhino2.jpg\" alt=\"rhino2\" width=\"500\" height=\"262\" class=\"aligncenter size-full wp-image-17983\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/rhino2.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/rhino2-300x157.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nVergangenes Wochenende gastierte das franz\u00f6sische &#8220;Th\u00e9\u00e2tre de la Ville&#8221; im Mart\u00edn Coronado-Saal des San Mart\u00edn-Theaters. Unter der Direktion des hoch dekorierten Theatermachers Emmanuel Demarcy-Mota wurde &#8220;Die Nash\u00f6rner&#8221; vom franz\u00f6sisch-rum\u00e4nischen Dramatiker Eug\u00e8ne Ionesco (1909-1994), aus dem Jahre 1957, einmal am Samstag und zwei Mal am Sonntag aufgef\u00fchrt. Auch die letzte Vorstellung sollte bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt sein. Als kleine Randnotiz: Am 31. Oktober 1959 wurde der Klassiker im D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus uraufgef\u00fchrt. Bisher gastierte die Truppe um Emmanuel Demarcy-Mota in London, Moskau, New York und Santiago de Chile.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung Ionescos, welche die zunehmende Gleichschaltung einer Gesellschaft beschreibt und so Kritik an menschlicher Ignoranz und autorit\u00e4rer Politik \u00fcbt, konnte das Land zu keinem &#8220;besseren&#8221; Zeitpunkt treffen. Die Entwertung des Pesos ist nicht aufzuhalten, f\u00fcr Elektroger\u00e4te und Luxusg\u00fcter gab es zeitweilig keine Preise mehr, doch auf der Avenida Corrientes schieben sich noch am selben Tag die Menschenmassen vor den Leuchtreklamen und stehen vor den Theater- und Kinokassen Schlange. So als w\u00e4re nichts passiert, w\u00e4hrend es unter der Oberfl\u00e4che brodelt. Angesichts aktueller Entwicklungen war ein Besuch im San Mart\u00edn jedoch durchaus naheliegend.<\/p>\n<p>Der lebensfrohe und empfindsame Behringer, der gro\u00dfartig von Serge Maggiani gespielt wird, muss beobachten, wie sich sein Freund Hans, ebenso gut dargestellt von Hugues Quester, und weitere ihm nahestehende Menschen, in Nash\u00f6rner verwandeln. So wie es Ionesco selbst in den 1930er Jahren in Rum\u00e4nien erlebt haben muss, als sich sein Umfeld, einschlie\u00dflich engster Familienangeh\u00f6riger, zunehmend zum Faschismus bekannte.<\/p>\n<p>Aber diese Verwandlung soll nicht nur im Kontext von Diktaturen verstanden werden, der sich Menschen blindlings anschlie\u00dfen. Sie ist nach Ionesco gewisserma\u00dfen selbstverschuldet und scheint in der Natur des Menschen zu liegen. Und genau hierin liegt die fortw\u00e4hrende Aktualit\u00e4t der &#8220;Nash\u00f6rner&#8221; begr\u00fcndet. Der Mensch wird zum &#8220;Nashorn&#8221; ohne jegliche \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse, aus Feigheit und Faulheit, die kollektive Gleichschaltung aus Behaglichkeit und Ignoranz also. Ein dem Menschen innewohnender Hang zur Selbstzerst\u00f6rung, weil er sich selbst verkennt.<\/p>\n<p>In einem sparsam und effizienten B\u00fchnenbild, mit an ein Musical anmutenden Choreografien &#8211; wie die B\u00fcroszene im zweiten Akt &#8211; und getragen von hervorragenden darstellerischen Leistungen aller Beteiligten, sch\u00e4lt Emmanuel Demarcy-Mota die Essenzen von Ionescos St\u00fcck heraus. Behringer, eingangs als trinkender Nichtsnutz vorgestellt, wandelt sich vor dem Auge des Betrachters zum Verfechter der Menschheit. Seine Andersartigkeit und Immunit\u00e4t gegen\u00fcber der Gleichschaltung wird vor allem durch die f\u00fcr die ihn obligatorische Verantwortung f\u00fcr seine Mitmenschen begr\u00fcndet. Aber auch und vor allem darin, das Menschsein zu akzeptieren, und nicht stets mehr sein zu wollen. Die Verwandlung seines Freundes Hans, dessen Ideale sich durch widerspr\u00fcchliches Verhalten als Worth\u00fclsen entpuppen, stellte einen von vielen H\u00f6hepunkten der schauspielerischen Leistung des &#8220;Th\u00e9\u00e2tre de la Ville&#8221; am vergangenen Wochenende dar.<\/p>\n<p>Fluch oder Segen, gewiss wird Ionescos Erz\u00e4hlung auch weiterhin nichts an seiner Aktualit\u00e4t verlieren und die Menschen weiterhin in Scharen ins Theater locken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Nash\u00f6rner&#8221; von Ionesco polterten \u00fcber die Corrientes Von Philipp Boos Vergangenes Wochenende gastierte das franz\u00f6sische &#8220;Th\u00e9\u00e2tre de la Ville&#8221; im Mart\u00edn Coronado-Saal des San Mart\u00edn-Theaters. 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