{"id":18124,"date":"2014-02-12T17:47:23","date_gmt":"2014-02-12T20:47:23","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=18124"},"modified":"2014-02-12T17:47:23","modified_gmt":"2014-02-12T20:47:23","slug":"der-neue-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/02\/12\/der-neue-mensch\/","title":{"rendered":"Der Neue Mensch"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8230; oder der alte?<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/mensch1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/mensch1.jpg\" alt=\"mensch\" width=\"250\" height=\"250\" class=\"alignright size-full wp-image-18131\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/mensch1.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/mensch1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Seit es Obrigkeiten gibt &#8211; also von jeher &#8211; versuchen sie, den Neuen Menschen zu erschaffen. Sie nennen ihn selten so, um den alten nicht zu verunsichern. Sie geben das Ziel an &#8211; das Paradies, die Weisheit, Freiheit, Gerechtigkeit -, oder den Weg &#8211; die Revolution, den Liberalismus, den Sozialismus des XXI. Jahrhunderts, oder schlicht Das Modell. Aber immer geht es ihnen um den Neuen Menschen.<\/p>\n<p>Der alte Mensch ist n\u00e4mlich ziemlich unbequem zu verwalten. Wie andere etwas h\u00f6her entwickelte Lebensformen hat die Evolution ihn pr\u00e4destiniert, zuerst an sich zu denken, dann an seine Familie, dann, vielleicht, an seine Freunde. Der Rest der Menschheit ist seinen angeborenen Gef\u00fchlen fremd, wenn nicht suspekt. Ihm zuliebe seine gef\u00fchlten Interessen zu beschneiden, erscheint ihm unnat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Obrigkeiten ben\u00f6tigen jedoch eine solche Beschneidung. Sie wollen und m\u00fcssen \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Gruppen herrschen, also die Menschen irgendwie dazu bringen, das eigene Wohlsein zu mindern, um das der Gruppe (des Stammes, F\u00fcrstentums, Imperiums, der Nation) zu erh\u00f6hen. Die Mittel dazu waren immer bekannt und sind von Schopenhauer mit un\u00fcbertroffener Griffigkeit als &#8220;Zuckerbrot und Peitsche&#8221; definiert worden.<\/p>\n<p>Eine probate Mischung beider Mittel ist seit mehr als Menschengedenken, mit Zuckerbrot sich eine kleine, verl\u00e4ssliche, gut ausgebildete und \u2013ger\u00fcstete Anh\u00e4ngerschaft zu erwerben, die mit der Peitsche den Rest der Gruppe so konditioniert, dass er die zum Unterhalt und Wohlstand des Ganzen erforderlichen Ertr\u00e4ge erwirtschaftet und sonstigen Opfer bringt.<\/p>\n<p>Da die exzessive Anwendung der Peitsche mit der Zeit die Gesellschaften in Aufruhr und die Obrigkeiten in Verruf brachte, sannen letztere schon fr\u00fch in der Geschichte auf einen Ausweg. Offenbar war der Mensch nicht auf der H\u00f6he der Obrigkeit. Man musste einen Neuen Menschen schaffen.<\/p>\n<p>Die Obrigkeit wusste, dass das Gro\u00dfhirn des Menschen gl\u00fccklicherweise imstande und daran gew\u00f6hnt ist, Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Vergangenheit zu begreifen, sich Zukunft vorzustellen und den Lehren weiser oder Versprechungen m\u00e4chtiger Volksgenossen zu glauben. Zudem vertraute sie mit Recht darauf, dass der Mensch beinahe immer Aussagen sch\u00e4tzt, die ihn hoffnungsvoll stimmen, selbst wenn sein Verstand ihm sagen m\u00fcsste, dass sie wirklichkeitsfremd oder schlicht erlogen sind.<\/p>\n<p>So erfand die Obrigkeit ein komplement\u00e4res Mittel zur Wahrung der Herrschaft: die Gehirnw\u00e4sche. Hier ist keinesfalls die Rede von mancherorts \u00fcblichen folter\u00e4hnlichen Methoden zur Bek\u00e4mpfung von Terroristen oder politischen Gegnern. Gehirnw\u00e4sche beginnt bei Kindern. Wird eine Idee in ein leeres Hirn gepflanzt, f\u00fcllt es dieses v\u00f6llig aus und ist aus ihm in aller Regel kaum mehr v\u00f6llig zu entfernen. Religions- und Ideologiestifter haben deshalb immer darauf geachtet, ihre Lehren in der Vorschule beginnen und m\u00f6glichst nicht vor Abschluss der Pubert\u00e4t oder dem Staatsexamen aufh\u00f6ren zu lassen.<\/p>\n<p>Solche Gehirnw\u00e4sche hat beeindruckende Erfolge vorzuweisen. Von obrigkeitlichen Ideen begeistert, sind Menschen bereit, in Eroberungs- oder Religionskriege zu ziehen mit dem Risiko, nicht nur ihr Hab und Gut, ihre Gesundheit und sogar ihr Leben zu verlieren, sondern auch das Wohl der Gemeinschaft, dem die obrigkeitlichen Ideen angeblich ja gerade h\u00e4tten dienen sollen.<\/p>\n<p>Vor geschichtlich ganz kurzer Zeit \u2013 etwa 250 Jahren \u2013 begann in Europa ein als Aufkl\u00e4rung bezeichneter Versuch, die Menschen zu bilden, statt ihnen das Gehirn zu waschen. Weltliche und religi\u00f6se Macht sollten separiert, gesellschaftliche Klassen abgeschafft, dem Einzelnen gewisse politische Rechte einger\u00e4umt werden. Zu seiner \u00dcberzeugung sollten nicht mehr Zuckerbrot und Peitsche, sondern Argumente dienen, wozu die Wissenschaft vertrauensw\u00fcrdig(er)e Grundlagen zu liefern hatte. Vom Neuen Menschen wurde damals wohlweislich nicht gesprochen.<\/p>\n<p>Ohne schon \u00fcber die heute verf\u00fcgbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse zur menschlichen Natur zu verf\u00fcgen, ahnten die Aufkl\u00e4rer wohl, dass realistische Gesellschaftsmodelle auf den immer gleichen alten Menschen abgestimmt zu sein haben. Sie schlugen also Gewaltenteilung vor sowie zeitliche Begrenzung politischer Macht. Es dauerte viele Generationen und zahlreiche ungemein verlustreiche R\u00fcckschl\u00e4ge mussten \u00fcberwunden werden, bis diese Postulate bei einigen V\u00f6lkern den Absolutismus von Gottes Gnaden durch einigerma\u00dfen demokratische Rechtsstaaten ersetzen konnten.<\/p>\n<p>Die Utopie des Neuen Menschen lebte aber fr\u00f6hlich weiter, jetzt unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Karl Marx hatte ungeheuren Erfolg mit seiner Ansicht, dass Jener nur seinen Egoismus aufgeben und bereit sein sollte, sein Bestes der Gesellschaft zu geben und sich damit zu bescheiden, von ihr das N\u00f6tigste zur\u00fcckzuerhalten.<\/p>\n<p>Selbst autorit\u00e4re Imperien haben diesen Neuen Menschen nicht erschaffen k\u00f6nnen. Und Sigmund Freud strebte eine L\u00f6sung von innen an. Die von ihm ins Leben gerufene Psychoanalyse will aus der Sezierung unserer Seele die Erkenntnisse sch\u00f6pfen, die uns zu besseren Menschen und B\u00fcrgern machen. Davon ist bisher wenig zu sehen. Selbst in Gesellschaften mit weit \u00fcberdurchschnittlicher Psychanalytikerdichte ist der Neue Mensch nicht erkennbar.<\/p>\n<p>Wahrscheinlicher ist, dass die aus der Massage des Innenlebens resultierende Selbstoptimierung des Individuums eine Minderung seines Gemeinsinns, sowie qua Verlagerung der Gr\u00fcnde f\u00fcr eigenes Fehlverhalten auf die Umwelt \u2013 Eltern, Schule, Gesellschaft \u2013 zu allgemeiner Permissivit\u00e4t f\u00fchrt, die unsere Rechtsordnungen zu untergraben droht.<\/p>\n<p>Diese beiden bisher letzten Neumenschutopien dienen nicht wenigen Obrigkeiten vortrefflich, den noch l\u00e4ngst nicht abgeschlossenen Prozess der Aufkl\u00e4rung umzukehren. Gleich Schmarotzern in einem \u00e4u\u00dferlich noch gesund erscheinenden Gastgeberwesen unterminieren sie mit pseudo-wissenschaftlichen Postulaten oder populistischen Viertelwahrheiten die Institutionen ihrer Gesellschaften und h\u00f6hlen damit den demokratischen Rechtsstaat aus. Stra\u00dfensperren gelten dann als berechtigte Reaktionen unterdr\u00fcckter Mitmenschen, Diebstahl und Raub als eine Art \u00dcberlebensma\u00dfnahmen Armer, Enteignungen als Schritte zu gerechter Verm\u00f6gensverteilung, Beschneidung der Meinungsfreiheit als notwendige Verteidigung des wahren Weges zum Neuen Menschen.<\/p>\n<p>Voraussetzung zum Erfolg solcher Machenschaften ist nat\u00fcrlich eine eing\u00e4ngige Propaganda, die bei solchen Obrigkeiten zur ersten Regierungspriorit\u00e4t wird \u2013 st\u00e4ndiges Eigenlob in Funk und Fernsehen, pomp\u00f6se Ank\u00fcndigungen oder sogar Einweihungen nie zu beginnender oder halb erstellter Projekte, glamour\u00f6se Festlichkeiten an Gedenktagen, Einbeziehung von Kultur und Sport in die Eigenwerbung.<\/p>\n<p>Da solche Spiegelfechterei beim gebildeten und redlichen Publikum keinen Eindruck macht, ist die Obrigkeit sehr bem\u00fcht, allen gegenteiligen Ank\u00fcndigungen zum Trotz, die Masse der Volksgenossen so einf\u00e4ltig wie m\u00f6glich zu halten: statt Erziehung Brot und Spiele (so lange das Geld reicht). Ein bildungsfernes Publikum st\u00f6rt sich auch nicht daran, dass der Lebenswandel der Obrigkeit und ihrer Freunde in striktem Gegensatz steht zu den Tugenden des angestrebten Neuen Menschen (das war schlie\u00dflich schon in der Antike, im Feudalismus sowie der west- und ostr\u00f6mischen Kirche so).<\/p>\n<p>Es wird Zeit f\u00fcr die Erkenntnis, dass der Neue Mensch nicht nur unerreichbar ist, sondern auch unn\u00fctz, wenn nicht sch\u00e4dlich. Wenn wir uns angew\u00f6hnten, zu denken statt zu glauben, die Politik in die H\u00e4nde versierter, vertrauensw\u00fcrdiger, ordentlich bezahlter Volksvertreter zu legen, welche unsere Verfassungen respektieren und Gesetze vern\u00fcnftig handhaben, und wenn wir diesen Politikern trotzdem auf die Finger s\u00e4hen, dann k\u00e4men wir mit dem alten Menschen recht gut aus.<\/p>\n<p>(Foto von <a href=\"http:\/\/shop.fusion400.de\/top-10\/100-mensch-man\/\">Fusion400<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; oder der alte? Von Friedbert W. B\u00f6hm Seit es Obrigkeiten gibt &#8211; also von jeher &#8211; versuchen sie, den Neuen Menschen zu erschaffen. Sie nennen ihn selten so, um den alten nicht zu verunsichern. 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