{"id":18136,"date":"2014-02-17T16:04:21","date_gmt":"2014-02-17T19:04:21","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=18136"},"modified":"2014-02-17T16:04:21","modified_gmt":"2014-02-17T19:04:21","slug":"kultur-und-zivilisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/02\/17\/kultur-und-zivilisation\/","title":{"rendered":"Kultur und Zivilisation"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die neuen Formen unseres Zusammenlebens<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/gesellschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/gesellschaft.jpg\" alt=\"gesellschaft\" width=\"500\" height=\"169\" class=\"aligncenter size-full wp-image-18189\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/gesellschaft.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/gesellschaft-300x101.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nDie Begriffe Kultur und Zivilisation sind dehnbar. Sie \u00fcberlappen, durchdringen, verdr\u00e4ngen sich gegenseitig. W\u00e4hrend sich im Deutschen noch gewisse Unterschiede in der Definition erkennen lassen, sind die Bedeutungen in anderen europ\u00e4ischen Sprachen nahezu deckungsgleich. Zivilisation ist im t\u00e4glichen deutschen Sprachgebrauch beinahe verschwunden, Kultur zum Kennwort f\u00fcr die Lebensweisen verschiedener Gesellschaften geworden. Dass all jene Lebensweisen gleichwertig seien, signalisiert das Modewort Multikulti \u2013 ein von Vielen geliebter, von vielen Anderen misstrauisch be\u00e4ugter Begriff.<\/p>\n<p>Wie heute noch im Agrarbereich \u00fcblich, bezeichnete Kultur urspr\u00fcnglich das Menschenwerk \u2013 im Gegensatz zu dem der Natur. Zivilisation ist ein recht neuer Begriff, mutma\u00dflich abgeleitet vom (zivilen) B\u00fcrger, einem neuen Mittelstand, der sich in Europa ab dem sp\u00e4ten Mittelalter entwickelte. Er, der zivilisierte Mensch, unterschied sich vom anderen (h\u00e4ufig Barbar genannten) nicht nur durch gewisse ihm eigene Rechte, sondern auch dadurch, dass er allgemein anerkannte Umgangsformen besa\u00df, etwa mit Messer und Gabel a\u00df, nicht mehr auf den Boden spuckte oder an die Wand pinkelte, seinen Widersacher mit Argumenten statt mit Faustschl\u00e4gen zu \u00fcberzeugen suchte.<\/p>\n<p>Wenn man nun eine allgemeine, griffige Grundsatzunterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation treffen m\u00f6chte, k\u00f6nnte man sagen, dass Kultur die Summe der Gebr\u00e4uche einer Gesellschaft bezeichnet und Zivilisation ihren Anspruch auf konfliktarmes Zusammenleben.<\/p>\n<p>Das ist kein kleiner Unterschied. In diesem Sinne h\u00e4tten eine Gruppe von Wildbeutern, die den Verzehr eines besiegten Feindes mit geschm\u00fcckten H\u00fctten, Gesang und Tanz feiert, oder die Horden des Dschingis Khan mit ihren seit Generationen verfeinerten Methoden der Waffenproduktion, der Reit- und Kriegskunst, gewiss gewachsene Kulturen besessen. Niemand wird ihnen jedoch zugestehen wollen, zivilisiert gewesen zu sein. Andererseits kann es in internationalen Konzernen oder Streitkr\u00e4ften (solange diese sich nicht im Krieg befinden) sehr zivilisiert zugehen, ohne dass sie eigene Kulturen entwickelten.<\/p>\n<p>Zivilisation in der oben vorgeschlagenen Definition bedeutet mehr, als nicht auf den Boden zu spucken oder Fisch ohne Messer zu essen. Konfliktarm mit seinen Zeitgenossen auszukommen, setzt gegenseitige R\u00fccksichtnahme voraus. Um R\u00fccksicht nehmen zu k\u00f6nnen, muss man versuchen, sich in seinen N\u00e4chsten hineinzuversetzen und seine Interessen zu erahnen. Es erfordert weiterhin eine gewisse formale Bildung, denn zur Abw\u00e4gung eigener und fremder Interessen ist es n\u00f6tig, bestehende Gesetze und Usancen zu kennen. Und schlie\u00dflich muss man, um R\u00fccksicht nehmen zu k\u00f6nnen, bereit sein, gegebenenfalls die eigenen Interessen zur\u00fcckzustellen.<\/p>\n<p>Solche zivilisatorische Traditionen entstehen nicht von heute auf morgen. Sie m\u00fcssen von Eltern und Lehrern anerzogen, von Nachbarn, Freunden, Vorgesetzten begleitet und vorgelebt werden \u2013 m\u00f6glicherweise Generationen hindurch.<\/p>\n<p>Zur Zeit der Entstehung des Begriffs Zivilisation waren die Voraussetzungen hierf\u00fcr relativ g\u00fcnstig. Der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil der Menschheit von weniger als einer Milliarde lebte in kleinen, \u00fcber das Territorium verstreuten Ortschaften. Die Lebensumst\u00e4nde waren einfach genug, um durch griffige, \u00fcbersichtliche Regeln geordnet werden zu k\u00f6nnen. Wenige Mitglieder einer wohlmeinenden Elite konnten die Gemeinschaft beeinflussen. Au\u00dferdem kannte man sich gegenseitig ziemlich gut, so dass Zivilisationsmuffel bald erkannt, gebessert oder ausgesto\u00dfen werden konnten. Fremde sind immer zun\u00e4chst suspekt, auch wenn sie sich in Aussehen und Sprache von den Bekannten kaum unterscheiden.<\/p>\n<p>Heute, bei \u00fcber sieben Milliarden Erdenbewohnern, die zunehmend in Megametropolen zusammengepfercht sind, ist die Schaffung oder Tradierung zivilisatorischer Verhaltensweisen unendlich schwieriger geworden, zumal das Zusammenleben sich ungeheuer komplizierte. Unser N\u00e4chster ist jetzt ein winziger Teil der Nachbarn, Arbeitskollegen oder Vereinsfreunde. Die Zigtausend oder Millionen anderer N\u00e4chster, denen wir auf der Stra\u00dfe, dem Parkplatz, im Supermarkt, im Fu\u00dfballstadion, Kino, Theater, im Flugzeug, Feriendomizil, im Internet oder sonstwo st\u00e4ndig begegnen \u2013 es sind Unbekannte. Die allgemeine Mobilit\u00e4t, die durch technische Neuerungen unentwegt sich \u00e4ndernden Arbeits- und Konsumbedingungen, die durch globale Augenblickskommunikation uns \u00fcberflutenden und mitrei\u00dfenden fremden Gebr\u00e4uche haben das Zusammenleben \u00fcber die Ma\u00dfen kompliziert, zumal wir seit mehr als einem halben Jahrhundert \u2013 einerseits durch unsere Intellektuellen angeregt, zum anderen durch die Umst\u00e4nde verf\u00fchrt \u2013 einem Indivualismus anheimgefallen sind, der noch unseren Gro\u00dfeltern unbekannt war und suspekt erschienen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Kann es sein, dass die Verdr\u00e4ngung von Zivilisation durch Kultur in unserem Sprachgebrauch ein Symptom f\u00fcr zivilisatorischen R\u00fcckschritt auf breiter Ebene ist? Dann sollten wir nicht unbesehen von Multikulti tr\u00e4umen, fremde Kulturen selbstverst\u00e4ndlich auch nicht ablehnen, allerdings deren Akzeptanz in unserer Gesellschaft davon abh\u00e4ngig machen, dass sie zivilisiert sind.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen t\u00e4ten wir auch gut daran, in unserer eigenen Gesellschaft das M\u00f6gliche zu tun, um dem zunehmenden Mangel an zivilisatorischem Verhalten entgegenzutreten.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nHeute sind die Menschen, denen wir auf der Stra\u00dfe, dem Parkplatz, im Supermarkt, im Fu\u00dfballstadion, Kino, Theater, im Internet oder sonstwo st\u00e4ndig begegnen, Unbekannte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neuen Formen unseres Zusammenlebens Von Friedbert W. B\u00f6hm Die Begriffe Kultur und Zivilisation sind dehnbar. Sie \u00fcberlappen, durchdringen, verdr\u00e4ngen sich gegenseitig. 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