{"id":183,"date":"2005-09-24T00:11:44","date_gmt":"2005-09-24T03:11:44","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2005\/09\/24\/geheimnisse-des-anderen\/"},"modified":"2010-11-07T18:06:44","modified_gmt":"2010-11-07T21:06:44","slug":"geheimnisse-des-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2005\/09\/24\/geheimnisse-des-anderen\/","title":{"rendered":"Geheimnisse des \u201eAnderen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2005\/09\/24\/los-secretos-de-los-otros\/\">Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Mariano Pensottis Kunstprojekt \u201eLa Marea\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Von Susanne Franz<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/Lamare.JPG\" alt=\"\" \/> <\/p>\n<p>\u201eIch muss einschlafen\u201c, denkt die auf einem Bett in einem Schaufenster liegende Frau. \u201eIch muss die Decke streichen, sonst f\u00e4llt sie mir noch auf den Kopf. Alles an mir ist am Auseinanderfallen. Seit wie vielen Tagen warte ich jetzt schon auf einen Anruf von ihm?\u201c Vor dem Fenster dr\u00e4ngelt sich eine Traube Menschen, die die sich hin- und herw\u00e4lzende Einsame betrachtet und ihre auf einem Schriftband ablaufenden selbstqu\u00e4lerischen Gedanken liest. Das beleuchtete Fenster, in dem die Schlaflose liegt, ist eines der neun Szenarien, aus denen sich Mariano Pensottis \u201eLa Marea\u201c zusammensetzt, eine der vier Kunstaktionen des \u201eProyecto Cruce\u201c im Rahmen des V. Internationalen Theaterfestivals von Buenos Aires. Nach 10 Minuten geht das Licht aus, die Szene ist vorbei. Man geht zum n\u00e4chsten Schauplatz.<\/p>\n<p>Eine Kellnerin liest an ihrem Arbeitsplatz den Brief ihres Ex-Mannes, der in die USA gegangen ist und nun als Soldat im Irak- oder einem sonstigen beliebigen Krieg dient. \u201eGestern haben wir einen Kindergarten zusammengeschossen\u201c, schreibt er. \u201eGestern habe ich einen Kadaver auf den Mund gek\u00fcsst. Ich habe nicht an dich gedacht, meine Liebste, ich schw\u00f6re es dir.\u201c \u201eEr hat sich ver\u00e4ndert\u201c, denkt sie. Ein Gast setzt sich hin und versucht, seine Sorgen um Arbeitslosigkeit und Geldmangel zu vertreiben. \u201eMenschen sind Autos\u201c, denkt er. \u201eIch bin ein gelber Citro\u00ebn.\u201c Den verbindet er mit seinem Idol Belmondo und urpl\u00f6tzlich, ohne es zu wollen, mit seiner Kindheit, die er mit seiner Familie, Verfolgte unter dem Milit\u00e4rregime, st\u00e4ndig auf der Flucht, in einem solchen Wagen verbrachte. \u201eWir machten den Kofferraum auf und sangen mit fl\u00fcsternden Stimmen bolschewistische Lieder unter dem Sternenzelt\u201c, erinnert sich der Mann und r\u00fchrt in seinem Kaffee.<!--more--><\/p>\n<p>Die intimen Gedanken, Zweifel, W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte der Personen werden nicht laut ausgesprochen, sondern anhand des genialen Tricks der Untertitel aus dem Unterbewusstsein hervorgeholt, aus dem Denkprozess in Sprache \u00fcbersetzt, die aber wiederum gelesen, nicht geh\u00f6rt wird und so ins Unterbewusstsein des Zuschauers, Zuh\u00f6rers (Zu-denkers?) hineingleitet und sich mit dem eigenen inneren Monolog vermischt.<\/p>\n<p>\u201eIch k\u00f6nnte ein besserer Mensch sein\u201c, \u201eMorgen fange ich ein neues Leben an\u201c, \u201eAb morgen bin ich einfach ich und mache, was ich will\u201c, diese Gedanken kennt wohl jeder, der mal in einer Krise oder Selbstzweifeln gesteckt hat. Und f\u00fchlten wir uns nicht alle einmal in unserem Leben festgefahren, in Situationen, die wir nicht gew\u00e4hlt haben, eingeschlossen im eigenen inneren Diskurs?<\/p>\n<p>Auch Lebensgeschichten erz\u00e4hlt Pensotti in seiner \u201eMarea\u201c, Geschichten, die traurig machen. Der Mann, den man vielleicht als Fitness-Studio-Idiot bel\u00e4cheln w\u00fcrde, entpuppt sich als Gefangener, der von einer Gruppe Vergewaltiger terrorisiert wird, die ihm vorschreibt, wie er zu leben hat. Ein anderer Mann ist mit dem Motorrad verungl\u00fcckt, als er gerade unterwegs zu einem Treffen mit seinem Vater war. Vielleicht h\u00e4tte eine Vers\u00f6hnung ihm geholfen, sein Leben in den Griff zu kriegen. R\u00f6chelnd liegt er am Boden, die Maschine neben ihm, w\u00e4hrend der Zuschauer die Umst\u00e4nde liest, die zu dem Unfall gef\u00fchrt haben. Ein Paar k\u00fcsst sich in einer dunklen Stra\u00dfe. Ihre Gef\u00fchle, W\u00fcnsche, Erinnerungen und \u00c4ngste im Moment dieses ersten Austauschs von Z\u00e4rtlichkeit liest der Zuschauer mit, und auch ihr weiteres Leben wird erz\u00e4hlt &#8211; bis zu ihrer Trennung ein Jahr sp\u00e4ter. Ein schon etwas \u00e4lterer Mann steht allein auf dem Balkon und raucht, w\u00e4hrend seine Teenagertochter drinnen eine wilde Party feiert. Er geh\u00f6rt nicht mehr dazu.<\/p>\n<p>Die Unm\u00f6glichkeit der Kommunikation; die Unm\u00f6glichkeit, den eigenen inneren Diskurs, der sich mit der realen Zeit \u00fcberdeckt, mit jemandem zu teilen, der wiederum in seinen eigenen Monolog eingebunden ist; die Unm\u00f6glichkeit, den \u201eAnderen\u201c wirklich zu kennen &#8211; diese k\u00fcnstlerisch hervorragend umgesetzten Grundthemen der Aktion Pensottis tr\u00e4gt jeder in seinen Gedanken mit nach Hause &#8211; und vergisst sie nicht mehr.<\/p>\n<p><em>Der Artikel erschien (gek\u00fcrzt) am 24.9.05 im \u201eArgentinischen Tageblatt\u201c. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano. Mariano Pensottis Kunstprojekt \u201eLa Marea\u201c Von Susanne Franz \u201eIch muss einschlafen\u201c, denkt die auf einem Bett in einem Schaufenster liegende Frau. \u201eIch muss die Decke streichen, sonst f\u00e4llt sie mir noch auf den Kopf. 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