{"id":18410,"date":"2014-03-24T16:00:20","date_gmt":"2014-03-24T19:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=18410"},"modified":"2014-03-24T16:00:20","modified_gmt":"2014-03-24T19:00:20","slug":"das-verschwinden-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/03\/24\/das-verschwinden-der-zeit\/","title":{"rendered":"Das Verschwinden der Zeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leben in einem \u00e4rmlichen Jetzt<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/harold-lloyd-safety-last-clock1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/harold-lloyd-safety-last-clock1.jpg\" alt=\"harold-lloyd-safety-last-clock1\" width=\"250\" height=\"200\" class=\"alignright size-full wp-image-18414\" \/><\/a>Beeindruckt von den makellosen Rasenfl\u00e4chen in einem Londoner Vorort, fragt der nordamerikanische Tourist einen G\u00e4rtner, welches wohl das Geheimnis solcher Perfektion sei. Ganz einfach, ist die Antwort, t\u00e4glich gie\u00dfen, einmal w\u00f6chentlich schneiden. Hundert Jahre lang.<\/p>\n<p>Das h\u00f6rt sich gar nicht an wie &#8220;time is money&#8221;, ein Spruch, den wir als angels\u00e4chsisches Grundpostulat im Hinterkopf haben. Aber auch zu Hause sagen wir &#8220;Verschiebe nicht auf Morgen, was du heute kannst besorgen&#8221;.<\/p>\n<p>Beide Spr\u00fcche stammen aus einer Zeit, in der die Zeit noch beinahe unangetastet existierte. Man hatte sie im \u00dcberfluss, genoss sie, auch w\u00e4hrend der Arbeit. Allerdings begannen damals andere Werte an Bedeutung zu gewinnen. Die Industrie hatte eine nahezu unvorstellbare Menge neuer Dinge geschaffen und auf den Markt geworfen zu Preisen, die nicht nur f\u00fcr Besitzer ererbten oder eroberten Reichtums erschwinglich waren. Manche dieser Dinge waren sehr n\u00fctzlich, andere praktisch, sch\u00f6n oder halt dem Prestige f\u00f6rderlich. Sie kosteten Geld. Geld war (auf legale Weise) nur durch Arbeit, nachdenklichen Grips oder Sparsamkeit zu beschaffen. Die Erf\u00fcllung solcher Voraussetzungen kostet Zeit. Geld war eine Alternative zur Zeit geworden.<\/p>\n<p>Der anf\u00e4ngliche \u00dcberfluss an Zeit gestattete einem kleinen Teil der Menschheit, durch seinen Transfer in Geld allerlei Armut zu mildern und einen in der bisherigen Geschichte kaum gekannten Mittelstand zu etablieren. Fron verwandelte sich in gesetzlich geregeltes Arbeitnehmertum, m\u00fchselige Handwerkerarbeit qua Mechanisierung und Delegation in Fabrikantendasein, kleine H\u00e4ndler wurden durch \u00dcberseekabel und Motorschiffe zu Handelskonzernen, Bankiersfamilien, ihrer Kundschaft folgend, zu weltumspannenden Finanzinstituten, Hausfrauen avancierten dank \u00d6lheizung, K\u00fchlschrank und Waschmaschine zu gelegentlich durch Gymnastik, Volkshochschule oder Literaturzirkel entstressten Kinderbetreuerinnen.<\/p>\n<p>Das Wesen der Alternativen ist jedoch, sich gegenseitig zu verdr\u00e4ngen. Je schneller wir laufen, je h\u00f6her wir springen, desto mehr bed\u00fcrfen wir der erholsamen Ruhe. Je mehr Geld wir zu ben\u00f6tigen glauben, desto weniger Zeit bleibt uns. Zur Erholung. F\u00fcr unsere Familie und unsere Freunde. F\u00fcr unsere Hobbies. Zum Nachdenken \u00fcber Dinge, die etwa die Zeit betreffen, die vergangene, welche vielleicht Hinweise geben kann auf eine ungewisse zuk\u00fcnftige.<\/p>\n<p>Und wir laufen immer schneller, springen immer h\u00f6her. Die gr\u00f6\u00dfere, sch\u00f6nere Wohnung, die dreisprachige Privatschule f\u00fcr die Kinder, das schnellere, sicherere Auto, der Urlaub in \u00dcbersee, das Boot, die Golf- oder Tenniskurse m\u00fcssen bezahlt werden. Wir machen \u00dcberstunden, suchen uns wom\u00f6glich einen zweiten Job. Beide Partner m\u00fcssen arbeiten, um die Ziele zu erreichen. Dies bedeutet ein zweites Auto, vielleicht eine Haushaltshilfe, externe Kinderbetreuung \u2013 neue Zusatzkosten, die durch neue Zeitverluste &#8220;finanziert&#8221; werden m\u00fcssen. Unsere Kinder wachsen unter Fremdbetreuung auf; Verwandte und Freunde sehen wir kaum noch.<\/p>\n<p>Auch an unserer Arbeitsstelle erleiden wir Zeitdruck. F\u00fcr die Erreichung der vorgegebenen Ziele werden immer k\u00fcrzere Fristen gesetzt. Das Unternehmen, die Unternehmer, sind strikt darauf angewiesen, in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden immer neue Produkte oder Dienstleistungen &#8220;auf den Markt zu werfen&#8221;, um der Konkurrenz beim bereits \u00fcbers\u00e4ttigten Publikum voraus zu sein. Der Takt an den B\u00f6rsen wird von der Nanosekunde vorgegeben \u2013 dem Reaktionszeitraum des Supercomputers. Unsere Lieferanten massiver Dienstleistungen haben keine Zeit mehr f\u00fcr uns, lassen unsere Fragen durch Computerspr\u00fcche beantworten oder durch entfernte Callcenters, deren Mitarbeiter lediglich stereotype L\u00f6sungen parat haben.<\/p>\n<p>St\u00e4ndig werden wir von neuer Werbung \u00fcberflutet (oder m\u00fcssen diese produzieren), damit diese Produkte oder jene Nachrichten bekannt werden. Dabei wird immer schneller gesprochen und immer schneller von einem Spot zum anderen umgeschaltet, denn Werbung kostet Geld und time is money. Kaum ein TV-Programm und absolut keine Internetseite kann man mehr betrachten, ohne durch st\u00e4ndige Werbeunterbrechungen \u00fcberfallen zu werden. Selbst in den Kinofilmen folgen die Einstellungen und Einblendungen einander so hastig, dass eine nachdenkliche Verfolgung der Handlung kaum noch m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Solche Hektik bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unser eigenes Verhalten. Wir reden immer schneller, lesen nur noch \u00dcberschriften, zappen von einem TV-Programm oder einer Internetseite zur anderen, schreiben SMS statt Briefe. Wenn unser Handy oder iPod eine halbe Stunde lang keine Nachricht meldet, werden wir nerv\u00f6s, f\u00fcrchten, von der Welt vergessen zu werden.<\/p>\n<p>Dabei \u00fcbersch\u00fcttet diese Welt uns mit Nachrichten, ob wir wollen oder nicht. Jedes aus dem Rahmen fallende Vorkommnis der Antipoden dringt augenblicklich in unser Gehirn. Ohne Analyse, ohne Erkl\u00e4rung, ohne Hintergrund. Es beeinflusst kurzzeitig unser Gem\u00fct und wird dann von der n\u00e4chsten Nachricht verdr\u00e4ngt. L\u00e4ngst hindert uns das Verschwinden der Zeit, uns dar\u00fcber Gedanken zu machen. Unsere Gedanken geh\u00f6ren den n\u00e4chsten Minuten, dem Jetzt.<\/p>\n<p>Wenn all diese Zeitopfer, wie die Alternativtheorie ja versprochen hatte, uns mit entsprechend mehr Geld entsch\u00e4digt h\u00e4tten, k\u00f6nnten wir uns ja von vielem Zeitdruck freikaufen. Dies ist jedoch anscheinend den Multimillion\u00e4ren vorbehalten. Wir Anderen leben in einem \u00e4rmlichen Jetzt, beinahe wie die Tiere, denen die Evolution lediglich ein \u00fcberaus beschr\u00e4nktes Zeitempfinden verordnet hat.<\/p>\n<p>Wie lange wird es in englischen Vorg\u00e4rten noch perfekten Rasen geben?<\/p>\n<p><strong>Illustration:<\/strong><br \/>\nHarold Lloyd in dem Stummfilm &#8220;Safety Last&#8221;.                                                        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leben in einem \u00e4rmlichen Jetzt Von Friedbert W. 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