{"id":1848,"date":"2009-08-01T15:55:11","date_gmt":"2009-08-01T18:55:11","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2009\/08\/01\/kunst-eines-jesuitenpaters\/"},"modified":"2009-08-06T17:38:07","modified_gmt":"2009-08-06T20:38:07","slug":"kunst-eines-jesuitenpaters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2009\/08\/01\/kunst-eines-jesuitenpaters\/","title":{"rendered":"Kunst eines Jesuitenpaters"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zeichnungen von Florian Paucke in der UCA<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1851\" alt=florian2.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/florian2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Am Donnerstagabend wurde im Pavillon der Sch\u00f6nen K\u00fcnste der Katholischen Universit\u00e4t (Pabell\u00f3n de las Bellas Artes de la Universidad Cat\u00f3lica Argentina, UCA) eine Ausstellung des aus dem argentinischen Chaco stammenden Bildhauers Juan de Dios Mena (1897-1954) er\u00f6ffnet, in deren Rahmen auch 26 Zeichnungen des deutschen Jesuitenpaters Florian Paucke (1719-1780) und f\u00fcr den Nordosten Argentiniens typische Textilkunst gezeigt werden. Erm\u00f6glicht wurde die Pr\u00e4sentation der Paucke-Zeichnungen durch eine Zusammenarbeit der Direktorin des UCA-Museums Cecilia Cavanagh und der Paucke-Stiftung mit der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, die die Schirmherrschaft \u00fcbernommen hat.<\/p>\n<p>Pater Paucke (1719-1780) wirkte fast 20 Jahre in den Jesuiten-Reduktionen San Javier und dem von ihm gegr\u00fcndeten San Pedro und widmete sich mit gro\u00dfem Erfolg der Erziehung der Mokobier &#8211; bis die Jesuiten von den Spaniern aus dem Land vertrieben wurden. Er schrieb das Werk &#8220;Hacia all\u00e1, (fuimos) amenos y alegres, para ac\u00e1 (volvimos) amargados y entristecidos &#8211; Estad\u00eda con los indios mocov\u00edes 1749-1767&#8221;, das im Zisterzienserkloster Zwettl in \u00d6sterreich aufbewahrt wird. Von den 100 begleitenden Zeichnungen des talentierten Florian Paucke stammen die 26 nun in Buenos Aires gezeigten Werke, die mit einer speziellen Technik dem Werk entnommen wurden.<\/p>\n<p>Bis zum 30. August kann man die Ausstellung im &#8220;Pabell\u00f3n de las Bellas Artes de la UCA&#8221;, Alicia Moreau de Justo 1300, montags bis samstags von 11 bis 19 Uhr bei freiem Eintritt besuchen.<\/p>\n<p>Am 12. und am 25. August, jeweils um 18 Uhr, leitet der Historiker Horacio Aguilar f\u00fcr interessierte Besucher eine kostenlose F\u00fchrung durch die Ausstellung.<\/p>\n<p><strong><em>Mehr zu Florian Paucke:<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Als Pers\u00f6nlichkeit und in Bezug auf seine Erfolge als Menschenbildner steht Florian Paucke nicht hinter seinem Vorg\u00e4nger (Anton Sepp, 1655-1733) zur\u00fcck. Er ist das Kind einer anderen Zeit, stammt aus einer anderen Umgebung und ist auch seinem Temperament nach von Sepp recht verschieden. Zwischen 1655 und 1719, dem Jahr, in dem Paucke in Winzig, Kreis Wohlau in Schlesien, geboren wird, hat sich Deutschland von dem Ungl\u00fcck des gro\u00dfen Krieges erholt. An die Stelle des Reiches, das nur noch dem Namen nach besteht, sind die Landesf\u00fcrstent\u00fcmer getreten. Der Horizont der Deutschen ist enger geworden, er reicht nicht viel weiter als der Blick vom Rathaus- oder Kirchturm der Residenz, in der Serenissimus regiert. Daf\u00fcr hat man die Lebenssicherheit, die so furchtbar ersch\u00fcttert worden war, wiedergewonnen. Das aufgekl\u00e4rte B\u00fcrgertum setzt sich nicht nur in der Wirtschaft durch, sondern auch in der moralisierenden Dichtung der Zeit: Christian F\u00fcrchtegott Gellert dichtet seine gescheiten und witzig pointierten Fabeln. Freilich &#8211; das Gef\u00fchl stirbt nicht ab, daf\u00fcr sorgt der Pietismus. Aber Verstand und Empfindung durchdringen sich nicht, sie laufen nebeneinander her. Nur in der Musik entspringt aus Ratio und Anima, aus der Einsicht in die Ordnung der Welt und aus leidenschaftlichem Empfinden das Werk Johann Sebastian Bachs.<\/p>\n<p>Florian Paucke verbindet die praktische Klugheit des B\u00fcrgers mit musikalischer Begabung. Sein Sinn f\u00fcr alles Wirtschaftliche, seine manuelle Geschicklichkeit erkl\u00e4ren sich nicht nur aus seiner Zeit: Das kleine Landst\u00e4dtchen, aus dem er stammt, hat bis in die Gegenwart hinein eine b\u00e4uerlich-handwerkliche Bev\u00f6lkerung gehabt. Er hatte es nich. schwer, sich daheim und bei Nachbarn die Kenntnisse zu verschaffen, um die es ihm nach seiner Schilderung in \u201cHin und Her\u201d zu tun war: Da der junge Mann schon bei seinem Eintritt in den Orden mit 17 Jahren entschlossen war, Missionar zu werden, besuchte er Handwerker aller Art, schaute ihnen bei der Arbeit zu und machte sich Notizen und Zeichnungen, die ihm im Chaco gut zustatten gekommen sind.<\/p>\n<p>Aus seinem Lebensbericht spricht ein heiteres Temperament, das mit allen Schwierigkeiten fertigwird. Er ist weniger gef\u00fchlsselig als Sepp, aber keineswegs trocken. Wenn die Erz\u00e4hlungen, die Sepp in seine Darstellungen einflicht, novellistisch geformt sind oder an Legenden erinnern, bevorzugt Paucke die wirklichkeitsnahen \u201cwahren Geschichten\u201d. So ist sein Reise- und Missionsbericht ein kulturhistorisches Dokument f\u00fcr die Geschichte der mittleren Kolonialzeit.<\/p>\n<p>Schon die Schilderung der \u00dcberreise zeigt, dass er viel weniger sensibel als Sepp ist: Er klagt weder \u00fcber die Ger\u00fcche noch \u00fcber das Ungeziefer &#8211; nur als seinen italienischen Ordensbr\u00fcdern bei einem Sturm die Zwiebelsuppe, die sie sinnigerweise in ihren Koffern mitf\u00fchren, ausl\u00e4uft, so dass die Kaj\u00fctengenossen darin herumschwimmen, beschwert er sich ein wenig. Und als sie Tage und N\u00e4chte lang von dem aufgeregten Meer ger\u00fcttelt und gesch\u00fcttelt werden, hat er noch soviel Humor, \u00fcber einen Kapuzinerpater zu lachen, der eine geistreiche Erfindung gemacht zu haben glaubt: Er spannt ein Seil auf und setzt sich darauf wie ein Junge auf eine Schaukel. Der Erfolg entspricht den Erwartungen nicht. Er wird dreimal so heftig mit seinen volumin\u00f6sen Hemisph\u00e4ren gegen die Kaj\u00fctenwand geschleudert, dass er aufgeben muss. Bei der Gelegenheit des anhaltenden Unwetters bewahrt Florian \u00fcbrigens eine seiner gro\u00dfen F\u00e4higkeiten: seine Kochkunst. Als die Stimmung der Reisegef\u00e4hrten nach mehrt\u00e4gigem Fasten auf den tiefsten Punkt gesunken ist, stellt er sie mit einer Weinsuppe wieder her. Ein Fass mit katalanischem Wein kqmmt ihm zugute, das als Treibgut aufgefangen wird.<\/p>\n<p>Drei Monate nach ihrer Abfahrt aus Lissabon kommen die Reisenden in Colonia Sanctissimi Sacramenti (heute Colonia) an. Hier h\u00f6rt Pater Florian eine Geschichte, die ihn und seine Zeitgenossen lebhaft besch\u00e4ftigt: Ein Jesuit Nikolaus, der angeblich aus Deutschland stammt, soll ein indianisches K\u00f6nigreich begr\u00fcndet haben, unabh\u00e4ngig von weltlicher und geistlicher Gewalt, der die Reduktionen unterstehen. Die leidenschaftliche Neigung der Zeit zu einem naturnahen Leben, die in Romanen wie Schnabels \u201cFelsenburg\u201d zum Ausdruck kommt, spricht sich in dieser Legende aus &#8211; freilich wohl auch der Verdacht, dass die Jesuiten gegen die Krone konspirieren.<\/p>\n<p>In Buenos Aires bereiten die Ordensbr\u00fcder den neuen Missionaren einen feierlichen Empfang: Das ganze Kolleg unter F\u00fchrung des Provinzials und Hunderte von Laien begr\u00fc\u00dfen sie am Anlegeplatz der Boote, mit denen sie ausgeschifft werden, und f\u00fchren sie unter dem Gel\u00e4ut aller Glocken in die Jesuitenkirche, wo ein feierliches Te Deum gesungen wird.<\/p>\n<p>Mit der Genauigkeit eines Kochs beschreibt Pater Florian die Speisenfolge, die ihnen an der mit Blumen und Fr\u00fcchten dekorierten Tafel des Kollegs gereicht wird: Fleischbr\u00fche mit Zwiebeln, Spie\u00dfbraten mit W\u00fcrsten, Rebh\u00fchner in Essig, H\u00fchnerbraten, Hammelfleisch, Kuchen und Olla podrida, ein spanisches Eintopfgericht aus Fleisch und Gem\u00fcse, dessen Rezept Florian sofort aufzeichnet.<\/p>\n<p>Die Schilderung der Stadt zeigt, dass sie seit den Zeiten Pater Sepps gewachsen ist: Sie ist gr\u00f6\u00dfer als Prag, aber \u201cnicht so pr\u00e4chtig\u201d, denn die Stra\u00dfen sind noch immer ungepflastert und die H\u00e4user nur einst\u00f6ckig mit Dachterrassen und Fenstern ohne Glasscheiben, nur durch h\u00f6lzerne L\u00e4den verschlie\u00dfbar. Als sachlicher Beobachter erkennt Pater Paucke die Ursachen dieser R\u00fcckst\u00e4ndigkeit: Der Handel zwischen der Kolonie und Spanien k\u00fcmmert dahin &#8211; das einzige Schiff. das im Hafen liegt, wartet seit vier Jahren auf Ladung! Daf\u00fcr fIoriert der Schmuggel, vor allem nach den portugiesischen Kolonien. Ein Meisterst\u00fcck anschaulicher Prosa ist die Darstellung der Reise von Buenos Aires nach C\u00f3rdoba: Wir sehen die hohen zweir\u00e4drigen Wagen vor uns, mit vier Ochsen als Zugtieren, die ein Mulatte mit dem Stechrohr regiert. Wir erleben den Tageslauf der Reisenden mit. von dem Aufbruch mitten in der Nacht bis zu der Rast um neun Uhr morgens, der Mahlzeit von einem Rost \u00fcber der Erdgrube und der Siesta, die bis um vier Uhr nachmittags dauert, bis das Horn der braunen Poslillone zu neuem Aufbruch ruft. auf den erst am sp\u00e4ten Abend eine neue Rast folgt. Pater Florian ist verzweifelt \u00fcber die lange Mittagsruhe. Eines Tages liest er w\u00e4hrend der Rast in seinem Brevier einen Psalm, in dem die Rede davon ist, dass Gott den Frommen sch\u00fctzen wird: vor dem Grauen der Nacht. vor den Pfeilen, die bei Tage fliegen \u201cet a daemonio meridiano\u201d (\u201cvor dem B\u00f6sen von S\u00fcden her\u201d). Er bleibt bei den letzten Worten h\u00e4ngen, und ein spa\u00dfhafter Einfall kommt ihm. Als die Spanier aufwachen. zeigt er ihnen die Stelle und fragt sie, was unter dem daemonio meridiano wohl zu verstehen sei. Sie wissen es nicht. \u201cDer Schlafteufel am Mittag ist damit gemeint\u201d, erkl\u00e4rt er ihnen. \u201cIhr m\u00fcsst ihn kennen, denn ihr seid jeden Tag sechs Stunden besessen von ihm!\u201d Seitdem sagt jeder Spanier, wenn er sich zur Siesta ausstreckt: \u201cAch, padre Flori\u00e1n, ya estamos otra vez pose\u00eddos del demonio meridiano!\u201d Eine k\u00f6stliche Episode ist die Begegnung Pater Dobrizhoffers, der FIorian begleitet, mit einem Stinktier oder Zorrino. Der Pater, der ein Wissenschaftler im geistlichen Rock ist, beugt sich ahnungslos \u00fcber das Tier und bekommt einen Strahl der gelben Fl\u00fcssigkeit ab, die es gegen Angreifer verspritzt. Alles fI\u00fcchtet vor dem Pechvogel, als er zu den Wagen zur\u00fcckkehrt &#8211; er ist sozusagen exkommuniziert und muss abseits essen. Es ist ein Gl\u00fcck, dass er noch eine Soutane in seinem Reisegep\u00e4ck hat. Der verschandelte Rock ist durch kein Waschen zu retten, er muss ihn wegwerfen.<\/p>\n<p>Von C\u00f3rdoba aus wird FIorian als Missionar in den Chaco zu den Mokobiern geschickt, einem kriegerischen Nomadenvolk, das mit den friedlichen Guaran\u00eds Pater Sepps nicht zu vergleichen ist. Selbst eine jahrelange Erziehungsarbeit in den Reduktioncn tilgt ihre angeborene Wildheit nicht aus: Als Pater Florian sp\u00e4ter mit den Bewohnern von San Javier gegen die Abiponer zieht, die seine Siedlung bedrohen, kann er es nicht verhindern, dass seine Leute den gefallenen Feinden Nasen und Ohren abschneiden, um ihren Pferden daraus Halsgeh\u00e4nge zu machen.<\/p>\n<p>San Javier ist von den Jesuiten auf Wunsch der Bewohner von Santa Fe begr\u00fcndet worden, da die Stadt unter den \u00dcberf\u00e4llen der Indios schwer zu leiden hat. Bald hintertreiben die Spanier freilich die Arbeit des ersten Missionars, Pater Burg\u00e9s&#8217;, indem sie aus der Siedlung billige Arbeitskr\u00e4fte zu beziehen versuchen. Die Reduktion muss mehrmals verlegt werden und gedeiht erst, als sie weit genug von der Stadt entfernt ist.<\/p>\n<p>Die erste Zeilt in San Javier ist selbst f\u00fcr einen so anspruchslosen Menschen wie Pater Florian unertr\u00e4glich schwer: Er haust in einer H\u00fctte, deren W\u00e4nde aus Fellen bestehen. Wenn es regnet, ist sie sofort \u00fcberschwemmt. Es wimmelt von Fliegen und Moskitos. Scheint dann wieder die Sonne, ziehen sich die Felle in der Hitze zusammen, und die Holzn\u00e4gel, mit denen sie am Boden bcfestigt sind, rei\u00dfen, so dass er von Tieren aller Art, H\u00fchnern, Hunden, Fr\u00f6schen und Schlangen heimgesucht wird.<\/p>\n<p>So verlegt er sich zuerst auf die Herstellung von Ziegeln. um die H\u00fctten durch H\u00e4user zu ersetzen. Er beginnt mit der Vqrbereitung der Formen und \u00fcberlegt dabei, wie er die Indios, die neugierig um ihn herumstehen, zur Mitarbeit \u00fcberreden kann. Vielleicht gelingt es ihm, wenn er sich ungeschickt anstellt? Wahrhaftig, die Indios lachen ihn aus und nehmen ihm die Arbeit aus den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Er k\u00e4me schneller voran, wenn er ihre Sprache verst\u00e4nde. Aber die Aufzeichnungen Pater Burg\u00e9s&#8217;, ein W\u00f6rterbuch und eine Grammatik, helfen ihm nicht rasch genug vorw\u00e4rts. Also gew\u00f6hnt er sich daran, die Indios zu fragen: Wie nennt ihr dieses Ding? Was bedeutet jenes Wort? Nach einem Jahr kann er die Christenlehre in der Sprache der Mokobier \u00fcbernehmen, nach zwei Jahren predigt er auf indianisch.<\/p>\n<p>Inzwischen sind stattliche Ziegelh\u00e4user an die Stelle der H\u00fctten getreten. Er kann versuchen, aus den Nomaden Bauern zu machen. Doch vorher muss er sie von einem ihrer angestammten Laster, der Trunksucht, kurieren. Er hat einen Einfall: Wie w\u00e4re es, wenn er sie zum Matetrinken erz\u00f6ge? Mit einem der Kaziken macht er den ersten Versuch. \u201cWenn du durchaus trinken muss\u201d, sagt er zu ihm, \u201cwill ich dir ein Getr\u00e4nk verschaffen, das dir schmeckt, aber nicht den Verstand raubt.\u201d Nach ein paar Tagen l\u00e4dt er ihn zum Tee ein. Der Kazike ist begeistert, besonders deswegen, weil er nachher keinen Katzenjammer hat.<\/p>\n<p>Florian benutzt den Tee als Lockmittel, um die Indios f\u00fcr die Feldarbeit zu gewinnen: Das erste Pfl\u00fcgen f\u00e4ngt mit einem Mategelage an. Dann nimmt der Pater den primitiven Pflug in die Hand und zieht eine Furche, die einer Schlangenlinie bedenklich \u00e4hnlich sieht. Die zehnte sieht besser aus, aber er ist nun auch in Schwei\u00df gebadet. \u201cWarum versucht ihr es nun nicht einmal\u201d, wendet er sich an seine Zuschauer. \u201cNein, Vater\u201d, antworten sie, \u201cpfl\u00fcge du nur weiter. Du machst deine Sache recht gut.\u201d<br \/>\nDoch nun rei\u00dft dem Pater die Geduld: \u201cIhr meint, ihr k\u00f6nnt Tee trinken und mit gekreuzten Armen zusehen, wie ich arbeite? Ihr habt den Tee unter der Bedingung bekommen, dass ihr mitarbeitet &#8211; ich habe meine Pflicht getan und will nun ausruhen!\u201d<\/p>\n<p>Der Kazike redet seinen Leuten zu, und der erste Indio \u00fcbernimmt den Pflug. Nach einer Weile zieht er so schnurgerade Furchen, dass der Pater triumphierend ausruft: \u201cWahrhaftig, ich h\u00e4tte niemals gedacht, dass ihr mich derart besch\u00e4men w\u00fcrdet! Ich werde mich nie mehr trauen, vor euch zu pfl\u00fcgen!\u201d<\/p>\n<p>Florian versteht es meisterhaft, die Indios zu behandeln: Niemals h\u00e4lt er ihnen lange Ermahnungsreden, er vermeidet jeden unn\u00f6tigen Stimmaufwand und nimmt R\u00fccksicht auf ihre Stimmungen: Sind sie verstockt oder zornig, verschlie\u00dfen sie sich allen Vernunftsgr\u00fcnden &#8211; man muss warten, bis ihnen der Trotz vergangen ist, dann gen\u00fcgen meist ein paar Worte der Belehrung oder Zurechtweisung.<\/p>\n<p>Um nicht nur ihre Achtung, sondern auch ihre Liebe zu gewinnen, bem\u00fcht er sich, ihre Lebensgewohnheiten anzunehmen. Als er mit den jungen Burschen des Dorfes auf die Jagd geht und die erbeuteten Tiere, noch blutig, gebraten werden, sieht er, dass man ihn zu der Mahlzeit einladen m\u00f6chte, es aber nicht wagt. \u201cWarum bringt ihr mir nicht ein St\u00fcck Fleisch?\u201d, fragt er die sch\u00fcchternen Wilden. Man bringt ihm das beste St\u00fcck. Er bezwingt seinen Ekel und i\u00dft, w\u00e4hrend alle mit den Blicken an ihm h\u00e4ngen, mit stoischer Ruhe das ungewaschene blutige Fleisch. Die Jungen brechen in ein Jubelgeschrei aus, und nach ihrer R\u00fcckkehr ins Dorf sagen die Erwachsenen: \u201cUnser Pater ist kein Fremder mehr, er geh\u00f6rt zu uns.\u201d<\/p>\n<p>Da er die Jugend auf seiner Seite hat, ist das Schulehalten ein Vergn\u00fcgen. Die Unterrichtsf\u00e4cher sind Lesen, Schreiben und Musik. Sein Chor und sein Orchester aus Violinen, Celli, Fl\u00f6ten, Harfen und H\u00f6rnern sind bald in allen Reduktionen bekannt, so dass man ihn einl\u00e4dt, in Santa Fe und Buenos Aires zu konzertieren. Aber auch der Handfertigkeitsunterricht macht Fortschritte: Er stellt Seife und Kerzen her, baut eine Zimmermannswerkstatt auf und schafft Drehb\u00e4nke an, richtet eine Schmiede ein, denn die 30.000 St\u00fcck Vieh, die der Reduktion geh\u00f6ren, m\u00fcssen markiert werden, und unterrichtet im Kunsthandwerk, zum Beispiel im Bildschnitzen.<\/p>\n<p>Da ihm der M\u00fc\u00dfiggang der Frauen ein Dorn im Auge ist, bringt er ihnen Weben und F\u00e4rben bei und handelt gegen die Decken, die sie herstellen, Tee, Tabak und Zucker ein. Die kleinen M\u00e4dchen erzieht er zur Arbeit, indem er zun\u00e4chst vier von ihnen ausw\u00e4hlt, um spinnen und weben zu lernen. Die anderen schauen ihnen zu und bitten dann selbst darum, an dem Unterricht, den eine handfertige Kazikenwitwe \u00fcbernommen hat, teilnehmen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Bei jeder neuen Besch\u00e4ftigung lobt Pater Flor\u00edan die Anf\u00e4nger zun\u00e4chst, um sie dann erst auf ihre Fehler und Unvollkommenheiten hinzuweisen. Er verliert nie die Geduld, auch wenn seine gro\u00dfen und kleinen Sch\u00fcler in alte Unarten zur\u00fcckfallen oder neue annehmen. Als er feststellt, dass man statt der \u00f6ffentlichen Trinkgelage von fr\u00fcher heimliche Orgien abh\u00e4lt, sp\u00fcrt er aus, bei wem die Chicha, der Mais- oder Honigwein, hergestellt wird, sucht unter einem Vorwand die H\u00e4user der Schwarzbrenner auf und sticht wie von ungef\u00e4hr mit seinem spitzen Stock in die irdenen Beh\u00e4lter, so das s der Inhalt ausrinnt. Als die Unsitte der Gl\u00fccksspiele von Spaniern eingeschleppt wird, verbrennt er nach R\u00fccksprache mit dem Kaziken alle Karten und W\u00fcrfel, die er eingesammelt hat.<\/p>\n<p>Nachdem er zu der alten Reduktion eine neue, San Pedro, gegr\u00fcndet hat, macht das k\u00f6nigliche Dekret, durch das die Jesuiten im Jahre 1767 aus den spanischen Kolonien ausgewiesen werden, seinem fast zwanzigj\u00e4hrigen Wirken ein Ende. Die Mokobier wollen ihren \u201cgro\u00dfen Vater\u201d gegen die Spanier verteidigen; der k\u00f6nigliche Kommissar aus Santa Fe, der die Siedlung \u00fcbernehmen soll, muss den Pater um bewaffnetes Geleit f\u00fcr die Reise nach San Javier bitten. Als ihm Florian die Kasse aush\u00e4ndigt, findet der Spanier statt der erwarteten Reicht\u00fcmer, die die Jesuiten gesammelt haben sollen. ganze dreizehn Realen, ein paar Pesos.<\/p>\n<p>Seine Indios begleiten ihn ein gutes St\u00fcck Weg. Er kann sie nur damit beruhigen, dass er ihnen verspricht, zur\u00fcckzukommen, wenn sich alles aufgekl\u00e4rt hat. Wahrscheinlich hat er gewusst, dass es niemals der Fall sein w\u00fcrde &#8211; dass die Arbeit von zwanzig Jahren verloren war.<\/p>\n<p>Die Indios von San Pedro sind bald danach in ihre W\u00e4lder zur\u00fcckgekehrt. San Javier hat sich als Ortschaft gehalten, mit st\u00e4ndig abnehmender Bev\u00f6lkerung und st\u00e4ndig wachsender Armut.<br \/>\nAber nicht der \u00e4u\u00dfere Erfolg, sondern die Leistung entscheidet. Florian Paucke ist einer der aufopferndsten und p\u00e4dagogisch begabtesten Erzieher der Indios am R\u00edo de la Plata gewesen. Seine nat\u00fcrliche Menschenkenntnis und seine praktische Geschicklichkeit haben ihm dazu verholfen. Als sein \u00f6sterreichischer Ordensbruder Brigniel einmal nach San Javier kam, bemerkte er im Scherz nach der Besichtigung der Werkst\u00e4tten: \u201cEs fehlt Ihnen nur eins: Sie m\u00fcssen das Schusterhandwerk erlernen.\u201d Nach ein paar Tagen brachte ihm Florian ein Paar Schuhe, die er eigenh\u00e4ndig hergestellt hatte. Brigniel war geschlagen. \u201cSie sind ein Preusse\u201d, erkl\u00e4rte er resigniert (Friedrich der Gro\u00dfe hatte inzwischen Pauckes Heimat erobert). \u201cSie machen das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich wie Ihr K\u00f6nig!\u201d<\/p>\n<p><em>Aus: \u201cDeutsche in Argentinien, 1520-1980\u201d, Hg. vom Deutschen Klub in Buenos Aires, Verlag Alemann.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeichnungen von Florian Paucke in der UCA Von Susanne Franz Am Donnerstagabend wurde im Pavillon der Sch\u00f6nen K\u00fcnste der Katholischen Universit\u00e4t (Pabell\u00f3n de las Bellas Artes de la Universidad Cat\u00f3lica Argentina, UCA) eine Ausstellung des aus dem argentinischen Chaco stammenden Bildhauers Juan de Dios Mena (1897-1954) er\u00f6ffnet, in deren Rahmen auch 26 Zeichnungen des deutschen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-1848","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tipp-der-woche-recomendacion-de-la-semana"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1848","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1848"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1848\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}