{"id":18574,"date":"2014-04-16T11:38:34","date_gmt":"2014-04-16T14:38:34","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=18574"},"modified":"2014-04-19T11:45:31","modified_gmt":"2014-04-19T14:45:31","slug":"tasten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/04\/16\/tasten\/","title":{"rendered":"Tasten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Herantasten an die Wahrheit ist komplizierter denn je<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/WalterCrane_ManOfTheFuture.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/WalterCrane_ManOfTheFuture.jpg\" alt=\"WalterCrane_ManOfTheFuture\" width=\"250\" height=\"291\" class=\"alignright size-full wp-image-18576\" \/><\/a>Bevor das Auge sich erfand, tasteten sich die Wesen durch das Leben. Was sich essbar anf\u00fchlte, wurde verschlungen, Anderes gemieden. Zum Tastsinn gesellten sich im Laufe der Entwicklung das Gesicht, das Geh\u00f6r, der Geruch, der Geschmack, beim Menschen. Andere Wesen entbehren einige dieser Sinne, besitzen daf\u00fcr oder zus\u00e4tzlich andere, wie etwa Radar oder Elektrizit\u00e4tsempfindung. Sie alle dienen der Orientierung in der Umwelt; ein Wesen ohne Sinne w\u00e4re schon vor der Entstehung des Auges ausgestorben gewesen.<\/p>\n<p>Wir tasten mit den Fingern, schmecken mit der Zunge, sehen mit den Augen (oder der Brille), h\u00f6ren mit den Ohren (wenn wir wollen), riechen mit der Nase (wenn uns nicht gerade der Smog es versaut). So sind wir immer ganz gut zurecht gekommen, im afrikanischen Urwald, in der Savanne, zwischen den Bergen, selbst w\u00e4hrend der Eiszeit, in Wasser und Luft, heute sogar im Weltraum.<\/p>\n<p>Unsere Sinne k\u00f6nnen jedoch t\u00e4uschen. Was uns da bei der Nachtfahrt entgegenkommt: ist es ein Auto oder sind es zwei Motorr\u00e4der? Vielleicht hilft uns ein Beifahrer, der bessere Augen oder mehr Erfahrung hat als wir. Die Kommunikation mit Unsresgleichen ist ein unsch\u00e4tzbarer Vorteil und hat uns mutma\u00dflich die Dominanz \u00fcber alle anderen Wesen (mit Ausnahme der Stechm\u00fccken) verschafft.<\/p>\n<p>Allerdings kann uns auch der Beifahrer t\u00e4uschen. Wir tun gut daran, Informationen aus zweiter Hand nur dann den gleichen oder h\u00f6heren Wahrheitsgehalt als unseren Sinnen und unseren eigenen R\u00fcckschl\u00fcssen zuzuschreiben, wenn wir den Informanten beurteilen k\u00f6nnen. Ist er wohlmeinend, intelligent, erfahren? Oder ein chronischer L\u00fcgner, ein Angeber, ein gerissener Verfolger eigenen Vorteils? Dies werden wir am Besten ermessen k\u00f6nnen, wenn wir ihn aus eigener Erfahrung kennen oder von vertrauensw\u00fcrdigen Dritten Verl\u00e4ssliches \u00fcber ihn geh\u00f6rt haben. Das ist umso einfacher, je kleiner die Gesellschaft ist, in der wir mit Informant und Informiertem zusammenleben \u2013 je l\u00e4nger ihr Weg, desto verdrehter ist jede Information.<\/p>\n<p>In unserer heutigen Megagesellschaft ist das Herantasten an die Wahrheit komplizierter denn je. Und mehr denn je ben\u00f6tigen wir letzere, um in ersterer zurecht zu kommen. Gl\u00fccklicherweise besitzen wir Kommunikationsmittel, von denen unsere Vorfahren nicht einmal h\u00e4tten tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Oder doch? Der englische Illustrator und Kunstlehrer <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Crane\">Walter Crane<\/a> lebte am \u00dcbergang vom IXX. zum XX. Jahrhundert. Er zeichnete 1907 den &#8220;Tastendr\u00fccker&#8221;. Das ist ein einsamer Mensch, der weder h\u00f6rt, noch sieht, noch schmeckt noch riecht. Nein, tasten tut er auch nicht mehr. Er dr\u00fcckt Tasten, welche ihm aus wer wei\u00df wievieler Hand die Informationen vermitteln, die er meint, zum Leben zu ben\u00f6tigen. Er grinst sogar.<\/p>\n<p>Sieht er so aus, als k\u00f6nne er Erfolg haben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Herantasten an die Wahrheit ist komplizierter denn je Von Friedbert W. B\u00f6hm Bevor das Auge sich erfand, tasteten sich die Wesen durch das Leben. Was sich essbar anf\u00fchlte, wurde verschlungen, Anderes gemieden. Zum Tastsinn gesellten sich im Laufe der Entwicklung das Gesicht, das Geh\u00f6r, der Geruch, der Geschmack, beim Menschen. 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