{"id":1887,"date":"2009-09-19T14:34:45","date_gmt":"2009-09-19T17:34:45","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2009\/09\/19\/form-gewordene-poesie\/"},"modified":"2009-10-12T18:16:39","modified_gmt":"2009-10-12T21:16:39","slug":"form-gewordene-poesie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2009\/09\/19\/form-gewordene-poesie\/","title":{"rendered":"Form gewordene Poesie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Skulpturenausstellung \u201cInfinito\u201d von Edgardo Madanes bei Elsi del R\u00edo<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1885\" alt=edga.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2009\/09\/edga.jpg\" \/><\/p>\n<p>Die Arbeit mit den H\u00e4nden erlaubt ihm das Denken, das Meditieren. In der Stille sp\u00fcrt er den unmittelbaren Kontakt mit seinem Werk. In seinen Gedanken nimmt es Gestalt an; das handwerkliche Tun &#8211; das Biegen, Flechten, Verkn\u00fcpfen &#8211; lenkt wiederum seine Gedanken. Das Manuelle wird zum Spirituellen und umgekehrt: Aus diesem Prozess, dem Dialog zwischen H\u00e4nden und Kopf, entsteht das Werk von <a href=\"http:\/\/www.madanes.blogspot.com\/\">Edgardo Madanes<\/a>.<\/p>\n<p>Er nimmt daf\u00fcr von dem, was die Natur reichlich zu bieten hat: Madanes arbeitet mit Korbruten aus dem Tigre-Delta. Einmal im Jahr m\u00fcssen diese geschnitten werden, damit die Weiden wieder wachsen k\u00f6nnen &#8211; und nach jedem Schneiden wachsen mehr Triebe als zuvor. Die Gewinnung des nat\u00fcrlichen Materials, das der K\u00fcnstler verwendet, zerst\u00f6rt somit kein kostbares Naturgut, sondern multipliziert Leben.<\/p>\n<p>Kein Geringerer als der ehemalige Pr\u00e4sident und Vorreiter des argentinischen Bildungswesens Domingo Faustino Sarmiento (1811-1888) siedelte die Weide im Tigre-Delta an; die Korbflechterei wurde hier zuerst von europ\u00e4ischen Einwanderern betrieben und ist bis heute ein wichtiger Gesch\u00e4ftszweig der Insulaner des Deltas.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler und Kunstdozent Edgardo Madanes arbeitete als Sch\u00fcler des renommierten Bildhauers Juan Carlos Dist\u00e9fano zun\u00e4chst in dessen Tradition mit Polyestermasse, aus der er Pflanzen und Phantasie-Tiergestalten modellierte. Die Bilder stammten aus dem Tigre-Delta, wo der Porte\u00f1o seit seiner fr\u00fchen Jugend rudert und seine Freizeit verbringt. Die eher zuf\u00e4llige Entdeckung \u201cseines\u201d Materials war wie eine logische Konsequenz: \u201cErst holte ich von dem Ort, der mir innere Nahrung gibt, meine Bilder, jetzt schneide ich im \u00fcbertragenen Sinne mein Material aus ihm heraus.\u201d Ungef\u00e4hr im Jahr 1990 geschah dies, und die Liebe und Faszination f\u00fcr seinen Werkstoff ist bis heute geblieben &#8211; wobei Madanes strikte Auswahlkriterien hat, wenn es dazu kommt, \u201cwer\u201d in sein Werk aufgenommen wird.<\/p>\n<p>Jede einzelne der zwei bis vier Meter langen Korbruten, die er verwendet, \u201chat etwas zu erz\u00e4hlen\u201d, sagt er; trotz der gro\u00dfen \u00c4hnlichkeit, die alle miteinander haben, sei jede ein Individuum. Madanes w\u00e4hlt die, die er f\u00fcr sein Werk haben will, mit Bedacht aus. Bewusst \u201cmarginalisiert\u201d er diejenigen, die nicht in das Gef\u00fcge passen. \u201cMeine Konstruktion des Werks ist eine soziale Konstruktion\u201d, betont er, und macht damit verst\u00e4ndlich, warum seine Werke wie Lebewesen wirken &#8211; oder eher wie Lebenssysteme, in denen das Individuum dem gr\u00f6\u00dferen Ganzen untergeordnet ist &#8211; wobei es aber gleichzeitig unabdingbarer Teil des Ganzen ist.<\/p>\n<p>Madanes, der seine Werke nur selten, in Abst\u00e4nden von vielen Jahren, der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert, schuf mit seinem neuen Material zun\u00e4chst netzartige Skulpturen (\u201cRedes\u201d), die er Mitte der 90er Jahre vorstellte. Er komponierte eine Welt, die die des Tigre-Deltas widerspiegelte, \u201cund da herrschen ganz andere Mechanismen des \u00dcberlebens als in der Stadt\u201d, sagt er. Viele Dinge sind \u201caufgeh\u00e4ngt\u201d (Boote etc.) oder stehen auf St\u00f6cken, alles schwimmt oder treibt im Wasser &#8211; \u201cdiese Schaukelbewegung des Wassers beherrscht irgendwie alles\u201d.<\/p>\n<p>Das Schwimmen und das Ankern als wichtige Grund-Elemente im Leben des Deltas flossen in Madanes&#8217; Raum-Installation \u201cPresente\u201d ein, die er im Jahr 2001 im Centro Cultural Recoleta zeigte. An dicken Kabeln hingen von der Decke gro\u00dfe, tropfenf\u00f6rmige, aus Korbruten geflochtene Netze, die an schweren Granitbl\u00f6cken am Boden verankert waren. Eine ungeheure Spannung entstand in diesem unwirklichen Raum aus der Tatsache, dass die anscheinend doch leichten Flecht-Objekte mit solch extremen Gewichten am Boden gehalten werden mussten. Das Gewicht der Netze resultierte f\u00fcr Madanes aus der Leere in ihrem Inneren.<\/p>\n<p>Edgardo Madanes\u2019 j\u00fcngste Ausstellung \u201cInfinito\u201d, mit der am Montagabend die Galerie Elsi del R\u00edo in Palermo ihren neuen Sitz einweihte, zeigt den K\u00fcnstler auf einem neuen H\u00f6hepunkt seiner k\u00fcnstlerischen Laufbahn. Hatten seine \u201cNetzwerke\u201d bislang eine Komponente der sozialen Reflexion, sind nun Introspektion und \u201cein Bed\u00fcrfnis in mir, zur Ruhe zu kommen\u201d an diese Stelle getreten. \u201cEs ist, als ob der Redefluss versiegt sei\u201d, sagt der K\u00fcnstler, \u201can seine Stelle tritt nun Poesie, die Form angenommen hat\u201d &#8211; die Form seiner Werke.<\/p>\n<p>Madanes\u2019 \u201cZeichnungen im Raum\u201d sind reine Bewegung, \u201cein Tanz, den ich im Raum erschaffe\u201d, sagt der K\u00fcnstler. Mit einer einzigen unendlichen Linie entf\u00fchrt Madanes auch den Blick des Betrachters in den unendlichen Raum. \u201cWenn mein Werk fr\u00fcher eher die Bewegung des Wassers widerspiegelte, ist es heute das Schweben im Raum\u201d, beschreibt Madanes den st\u00e4rkeren Bezug zum Kosmischen, den sein Werk heute hat.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Ziel sind riesige Formate, auch eine Ausstellungsfl\u00e4che daf\u00fcr ist f\u00fcr diesen Sommer schon in Sicht: Die Direktorin des sch\u00f6nen \u201cMuseo de Arte de Tigre\u201d (MAT), Diana Saiegh, hat die Museumsg\u00e4rten daf\u00fcr in Aussicht gestellt. K\u00f6nnte es einen besseren Ort geben? Au\u00dferdem verhandelt Edgardo Madanes\u2019 Galerist Fernando Ent\u00edn von Elsi del R\u00edo mit einer Galerie in Sao Paulo.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst aber ist die Ausstellung \u201cInfinito\u201d bei Elsi del R\u00edo noch bis zum 31. Oktober zu sehen. An den 5,40 Meter hohen W\u00e4nden der neuen Galerie sind die Werke Madanes\u2019 sparsam montiert, und die Schatten, die sie dank der raffinierten Beleuchtung werfen, heben ihre Dramatik und konzentrierte Energie noch st\u00e4rker hervor.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der <a href=\"http:\/\/www.lasemanadelarte.com.ar\/\">\u201cSemana del Arte\u201d<\/a> in der kommenden Woche ist bei Elsi del R\u00edo f\u00fcr den 23. September, an dem in Palermo die \u201cGallery Night\u201d stattfindet, um 20 Uhr ein Klavierkonzert geplant, in dessen Rahmen Norma Lado die \u201cGymnop\u00e9die\u201d von Erik Satie spielt.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.madanes.blogspot.com\/\">Edgardo Madanes<\/a>, \u201eInfinito\u201c, Korbskulpturen. <a href=\"http:\/\/www.elsidelrio.com.ar\/\">Elsi del R\u00edo Arte Contempor\u00e1neo<\/a>, Humboldt 1510, Palermo Hollywood. Di-Fr 14-20, Sa 11-15 Uhr. 14.9.-31.10.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Skulpturenausstellung \u201cInfinito\u201d von Edgardo Madanes bei Elsi del R\u00edo Von Susanne Franz Die Arbeit mit den H\u00e4nden erlaubt ihm das Denken, das Meditieren. In der Stille sp\u00fcrt er den unmittelbaren Kontakt mit seinem Werk. In seinen Gedanken nimmt es Gestalt an; das handwerkliche Tun &#8211; das Biegen, Flechten, Verkn\u00fcpfen &#8211; lenkt wiederum seine Gedanken. 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