{"id":19181,"date":"2014-07-14T16:36:19","date_gmt":"2014-07-14T19:36:19","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=19181"},"modified":"2014-07-14T16:37:08","modified_gmt":"2014-07-14T19:37:08","slug":"zuruck-aufs-dorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/07\/14\/zuruck-aufs-dorf\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck aufs Dorf?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gro\u00dfstadtfl\u00fcchter auf den Spuren eines verlorengegangenen Gemeinschaftsgef\u00fchls<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/kinder-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/kinder-1.jpg\" alt=\"kinder (1)\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignright size-full wp-image-19183\" \/><\/a>In meiner Familie gibt es etwa ein Dutzend junger Leute zwischen 40 und 45. Lauter intelligente, lebensfrohe, gut ausgebildete und schon ziemlich herumgekommene Mittelkl\u00e4ssler. Nur zwei davon besitzen eine feste, ordentlich bezahlte Anstellung. Die anderen sind Schauspieler, K\u00fcnstler, Schriftsteller oder andere Freiberufler; Ich-AG hei\u00dft das wohl heutzutage.<\/p>\n<p>Bei meinen vorherigen Deutschlandbesuchen lebten die allermeisten von ihnen in M\u00fcnchen, K\u00f6ln oder Berlin, mitten im Mainstream des anscheinend unaufhaltbaren Fortschritts von Kultur und Wirtschaft. Es w\u00e4re \u00fcbertrieben zu sagen, dass meine jungen Verwandten auf die Dorfbewohner herabgesehen h\u00e4tten, es schien ihnen aber doch wohl ein wenig altmodisch, nicht besonders cool, seine Zeit weitab von den vielfachen M\u00f6glichkeiten und Vergn\u00fcgungen zu verbringen, welche die Gro\u00dfstadt bietet.<\/p>\n<p>Welche \u00dcberraschung, sie jetzt alle auf dem Dorf anzutreffen! Ich habe mich nicht dadurch unbeliebt gemacht, durch gezielte, wom\u00f6glich als hochnotpeinlich empfundene Umfragen die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr in Erfahrung zu bringen. Wenn ich allerdings meine Beobachtungen vor den gesellschaftlichen Nachrichten sehe, die uns in letzter Zeit erreichen, glaube ich, diese Gr\u00fcnde ziemlich zweifelsfrei zu erkennen:<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst einmal (wo nicht?) der Kostenfaktor. Ich habe mir im Dorf nahe K\u00f6ln die Haare schneiden lassen \u2013 in einem modernen, geschmackvoll dekorierten Lokal, von einer sehr netten, sehr kompetenten Friseuse, die mir nebenbei die Dorfgeschichte erz\u00e4hlte. Das Alles f\u00fcr die H\u00e4lfte des in Berlin \u00fcblichen Preises. Auch andere Dinge des t\u00e4glichen Lebens d\u00fcrften \u2013 nicht im Dorf, wo es kaum noch L\u00e4den gibt, aber im meistens nahen Einkaufszentrum \u2013 g\u00fcnstiger sein als in der City. Ausschlaggebend jedoch sind die Wohnungspreise. Kauf oder Miete in einer wohnlichen Gro\u00dfstadtgegend scheinen f\u00fcr Mittelkl\u00e4ssler nicht mehr erschwinglich zu sein.<\/p>\n<p>Zumindest nicht f\u00fcr solche, die dem Vermieter oder der Bank nicht eine stabile, gut honorierte Arbeitsstelle mit Aufstiegsm\u00f6glichkeiten nachweisen k\u00f6nnen. Solche Konditionen sind aber schon seit Jahren \u00fcberaus schwer beizubringen f\u00fcr eine Minderheit (ist sie es noch?), die aus irgendwelchen Gr\u00fcnden mit 40 noch nicht in einer mittleren F\u00fchrungsposition eines guten Unternehmens sitzt, so kompetent, verl\u00e4sslich, arbeitsam und vielsprachig sie auch sei. Die Wirtschaft bevorzugt billige Universit\u00e4tsabg\u00e4nger, die einige Jahre hindurch als Praktikanten benutzt werden k\u00f6nnen (oder, neuerdings, bestens ausgebildete S\u00fcdeurop\u00e4er, deren anf\u00e4ngliches Sprachmanko durch einige Berufserfahrung ausgeglichen wird).<\/p>\n<p>Es gibt aber noch zwei andere wesentliche Gr\u00fcnde f\u00fcr den Umzug ins Dorf. Der weniger wichtige ist die steigende M\u00fchsal, sich in der Gro\u00dfstadt zu bewegen. Der Angestellte tut es in \u00fcberf\u00fcllten U- oder S-Bahnen, der Freiberufler verliert man-hours bei der Suche nach Parkpl\u00e4tzen; beide sind st\u00e4ndig hautnah von Musik H\u00f6renden oder ins Handy Sprechenden Mitst\u00e4dtern oder Touristen umgeben, wom\u00f6glich auch nachts. F\u00fcr nicht Wenige macht dies den Vorteil der nahen Verf\u00fcgbarkeit von Waren und gewissen Dienstleistungen hinf\u00e4llig (zumal einfache Dienstleister auf dem Dorf schneller, verl\u00e4sslicher, freundlicher und preisg\u00fcnstiger zu sein pflegen).<\/p>\n<p>Der andere Grund sind die Kinder. Nicht nur Eltern, die im Gr\u00fcnen aufgewachsen sind, wissen oder erkennen, dass eine nat\u00fcrlich(er)e Umgebung ein unsch\u00e4tzbarer Erziehungsvorteil ist. Dass die Milch nicht von einer T\u00fcte produziert, der Apfel nicht in einer Kiste gewachsen ist, kann man einem Kind zehnmal erkl\u00e4ren. Wirklich beGREIFEN wird es dies erst, wenn es mehrmals beim Melken zugeschaut und dabei die Kuh gestreichelt oder beim Nachbarn halbreife Fr\u00fch\u00e4pfel geklaut hat. Auch wird es Verantwortungs- und Pflichtgef\u00fchl eher in sein Verhalten integrieren, wenn es den Eltern bei der Gartenarbeit oder beim Schneeschippen helfen muss, als wenn es diese Begriffe in der Schule \u2013 oder am ersten Arbeitsplatz &#8211; erkl\u00e4rt bekommt. Die Kinder meiner Verwandten machen den Eindruck, auf dem Dorf gl\u00fccklich zu sein. Lesen und Schreiben werden sie dort auch nicht schlechter lernen als in der Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend mehrerer Wochen habe ich zwei D\u00f6rfer mitbewohnt, die mir recht symptomatisch erscheinen f\u00fcr kleine Ortschaften in Stadtn\u00e4he. Beide liegen eine knappe Autostunde von M\u00fcnchen bzw. K\u00f6ln entfernt und in greifbarer N\u00e4he kleinerer St\u00e4dte. Beide sind kommunalpolitisch in gr\u00f6\u00dfere D\u00f6rfer oder benachbarte kleine St\u00e4dte eingegliedert. Beide sind umgeben von einer Vielzahl anderer D\u00f6rfer, die \u00e4hnlichen Charakteristiken entsprechen. Sie alle entz\u00fccken durch eine gro\u00dfe Mehrzahl adretter, neu erscheinender, mit h\u00fcbschen G\u00e4rten umgebener (oder aufgeputzter ehemaliger Bauern-) H\u00e4user, durch Sauberkeit und perfekte Infrastruktur. Die Landwirte, die es dort noch gibt, leben mehr von der Betreuung st\u00e4dtischer Reitpferde als \u2013 in einem Fall ein Einziger in einer 1000-Seelen-Gemeinde \u2013 noch von Ackerbau und Viehzucht.<\/p>\n<p>Im Grunde sind es Schlafd\u00f6rfer. In dem mir am besten Bekannten gibt es keine Kirche, keine Polizeiwache, keine Kneipe mehr, der letzte Kramladen wurde vor einem Jahr aufgegeben, und selbst der einzige Zigarettenautomat ist au\u00dfer Betrieb. Auf der Stra\u00dfe f\u00fchlt man sich in nordamerikanische Ferienorte versetzt. B\u00fcrgersteige gibt es nicht mehr. Wozu auch? Die vorbeikommenden Menschen sind in Autos versteckt. Kaum spielende Kinder, keine schwatzenden Nachbarinnen oder Kegelbr\u00fcder, h\u00f6chstens dann und wann ein einsamer Jogger. Geselligkeit findet im kleinen Kreis auf der hinteren Terrasse statt oder dem schattigen Grillplatz. Den &#8220;Volks&#8221;festen, die anl\u00e4sslich des Feuerwehrjubil\u00e4ums oder der Maibaumaufrichtung obrigkeitlich ausgerichtet werden, fehlt der Stallgeruch.<\/p>\n<p>Die hier lebenden Gro\u00dfstadtfl\u00fcchter scheinen ein typisches Merkmal der Massengesellschaft mitgebracht zu haben: die Abkapselung vom N\u00e4chsten. Diese ist unvermeidlich, wenn man in einer Wohnwabe im vierten Stock lebt und seine st\u00e4ndig wechselnden Nachbarn h\u00f6chstens mal im Fahrstuhl gesehen hat. Nat\u00fcrlich ist die zeitgem\u00e4\u00dfe Megamobilit\u00e4t auch im Dorf ein Hindernis f\u00fcr schlichte Geselligkeit. W\u00e4re es nicht aber ersprie\u00dflicher, an einem warmen Sommerabend mit Nachbarn auf dem Dorfplatz ein Bier zu trinken und sich \u00fcber die Fu\u00dfball-WM zu unterhalten oder winters eine Schlittenpartie am nahen Hang zu organisieren, als jeden freien Tag zu entfernten, schicken Ausflugszielen zu rasen? Ist nicht die M\u00f6glichkeit zur Wiederherstellung des weitgehend verlorengegangenen Gemeinschaftsgef\u00fchls eine weitere Attraktion des Dorfes?<\/p>\n<p>Vielleicht kommen die Stadtfl\u00fcchter mit der Zeit darauf.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nKinder sind auf dem Dorf meist gl\u00fccklicher als in der Gro\u00dfstadt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfstadtfl\u00fcchter auf den Spuren eines verlorengegangenen Gemeinschaftsgef\u00fchls Von Friedbert W. B\u00f6hm In meiner Familie gibt es etwa ein Dutzend junger Leute zwischen 40 und 45. Lauter intelligente, lebensfrohe, gut ausgebildete und schon ziemlich herumgekommene Mittelkl\u00e4ssler. Nur zwei davon besitzen eine feste, ordentlich bezahlte Anstellung. Die anderen sind Schauspieler, K\u00fcnstler, Schriftsteller oder andere Freiberufler; Ich-AG hei\u00dft [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-19181","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesellschaft-sociedad"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19181"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19181\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19186,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19181\/revisions\/19186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}