{"id":19394,"date":"2014-08-04T14:31:08","date_gmt":"2014-08-04T17:31:08","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=19394"},"modified":"2014-08-04T16:25:26","modified_gmt":"2014-08-04T19:25:26","slug":"ein-gott-im-theater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/08\/04\/ein-gott-im-theater\/","title":{"rendered":"Ein Gott im Theater"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit einer Woche ist der junge Journalist Tobias Zwior gerade mal in Buenos Aires &#8211; Diego Maradona zu treffen, kann er schon von seiner To-do-Liste streichen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/maradona2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/maradona2.jpg\" alt=\"maradona2\" width=\"250\" height=\"188\" class=\"alignright size-full wp-image-19396\" \/><\/a>Eigentlich wollte ich nur ins Theater gehen. Wollte mich kurzweilig unterhalten lassen von <a href=\"https:\/\/es-la.facebook.com\/Hijadediosteatrodocumental\">Dalma Maradona, der &#8220;Tochter Gottes&#8221;<\/a>, wenn man dem Titel des Theaterst\u00fcckes Glauben schenkt. Wollte wissen, wie man sich das Leben einer solchen Tochter vorstellen kann. Man kann schlie\u00dflich \u00fcber die Familie Maradona vieles sagen, aber nicht, dass sie keine Unterhaltung b\u00f6te. Das St\u00fcck lief vergangenes Wochenende zum letzten Mal und ich sagte daher noch drei deutschen Freunden Bescheid, die es ebenfalls noch nicht gesehen hatten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wollten wir am Sonntag gehen, doch dann kam mir ein anderer Termin dazwischen. Danach stand der Freitag zur Debatte, den sagten meine Freunde jedoch in letzter Minute noch ab. Also blieb wohl oder \u00fcbel nur noch der Samstag \u00fcbrig. Typisch deutsch treffen wir uns eine Stunde vor Beginn des St\u00fccks vor dem Theater, um die Karten an der Abendkasse zu kaufen. Es ist so fr\u00fch, dass der Portier uns zun\u00e4chst noch gar nicht ins Geb\u00e4ude lassen will. Doch als wir nach rund einer Stunde Wartezeit und einem halben Liter Cola pro Person als erste den Theatersaal betreten, hat es sich gelohnt: Die erste Reihe ist noch frei. Denken wir.<\/p>\n<p>Aber als wir n\u00e4her kommen, leuchten uns schon die wei\u00dfen &#8220;Reserviert&#8221;-Schilder entgegen. Zu einem meiner Freunde sage ich noch im Spa\u00df &#8220;So dick kann der Diego doch nicht geworden sein, dass er gleich die ganze Reihe reservieren muss.&#8221; &#8220;Als ob der heute hier ist&#8221;, antwortet mein Freund. &#8220;Stimmt auch wieder.&#8221; Gut, so setzen wir uns eben in die dritte Reihe. Der Saal f\u00fcllt sich z\u00fcgig bis auf den letzten Platz. Kurz vor Beginn des St\u00fccks wird es noch einmal f\u00fcr einige Sekunden stockdunkel, doch dann erscheint Dalma auf der B\u00fchne. Erz\u00e4hlt die gro\u00dfen und kleinen Geschichten ihrer Kindheit und Jugend. Wie ihre Idole, die Backstreet-Boys, ein Autogramm ihres Vaters haben wollten. Wie sie zum 12. Geburtstag ein Auto geschenkt bekam. Wie sie bei Fidel Castro auf dem Scho\u00df sa\u00df. Als sie das Video des Maradona-Tores gegen England 1986 auf der Leinwand zeigt, brechen im Saal spontane Jubelst\u00fcrme aus.<\/p>\n<p>Irgendwann, gegen Mitte des St\u00fcckes, f\u00e4llt mir in der ersten Reihe ein Herr auf, der bei vielen von Dalmas Anekdoten besonders laut lacht und meistens als erster klatscht. Ab und zu ruft er auch etwas rein. Meinem Freund neben mir ist er auch aufgefallen. Wir schauen genauer hin. &#8220;Von hinten sieht der aus wie&#8230;&#8221;, fl\u00fcstert mein Freund. &#8220;Das kann nicht sein&#8221;, entgegne ich. Aber auch ich muss zugeben, dass es tats\u00e4chlich derjenige sein k\u00f6nnte, wegen dem wir alle hier sitzen, als ich seine markanten Ohrringe sehe. Von diesem Moment an kann ich mich nicht mehr auf das St\u00fcck konzentrieren. Mag ja lustig sein, was Dalma und ihr kongenialer B\u00fchnenpartner noch erz\u00e4hlen, aber ich will nur noch wissen, ob der Kerl dort vorne tats\u00e4chlich Diego Maradona ist, oder nicht. Meinen Freunden geht es genauso. Genau k\u00f6nnen wir es nicht erkennen. Z\u00e4hes Warten. Dann, endlich, folgen Dalmas abschlie\u00dfende Worte: &#8220;&#8230;er ist nicht Gott. Er ist mein Papa. Und er ist heute Abend hier.&#8221;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xq6Gu0qULmY\">Von einem Moment auf den n\u00e4chsten verwandelt sich der ganze Saal in ein Tollhaus.<\/a> Als dann tats\u00e4chlich Diego Maradona auf der B\u00fchne erscheint, seine Tochter umarmt und kurz fl\u00fcchtig ins Publikum winkt, h\u00e4lt es keinen mehr auf seinem Sitz, auch uns Deutsche nicht. Alle singen, klatschen und rufen immer wieder &#8220;Diego, Diego&#8221; und &#8220;Dios&#8221;. Es herrscht eine Stimmung, als h\u00e4tte Argentinien gerade die WM-Finals von 1990 und 2014 doch noch gewonnen. Nach rund f\u00fcnfzehn Sekunden B\u00fchnenpr\u00e4senz verschwindet der Umjubelte dann schnell durch den Hinterausgang. Doch jetzt geht die Party erst richtig los.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Zuschauer rennt Richtung Ausgang, um &#8220;D10S&#8221; noch f\u00fcr ein Autogramm abzufangen. Selbst das Rentnerehepaar vor mir hat schon den schwarzen Filzstift gez\u00fcckt. Und einer meiner Freunde kann sich nicht anders behelfen und ruft tats\u00e4chlich noch aus dem Theatersaal heraus seine Eltern in Deutschland an. Dass dort gerade vier Uhr nachts ist, geschenkt. Er: &#8220;Mama, ich bins.&#8221; Sie: &#8220;Ist was passiert?&#8221; Er: &#8220;Ja, ich habe gerade Diego Armando Maradona getroffen.&#8221; Sie (zugegeben f\u00fcr diese Uhrzeit sehr originell): &#8220;Wo, in der Disco?&#8221;. Er: &#8220;Nein, im Theater&#8221;. Sie: &#8220;Sch\u00f6n, dann lass mich jetzt weiterschlafen.&#8221; Recht hat sie. Einen Mann, dessen sch\u00f6pferische (in diesem Fall: fu\u00dfballerische) Glanzzeit fast 30 Jahre zur\u00fcckliegt als Gott zu verehren, wo gibt\u2019s denn sowas?, denke ich mir in einem ruhigen Moment. Doch die Antwort ist eigentlich klar: \u00dcberall dort, wo Diego Armando Maradona auftaucht, egal ob in Argentinien oder sonst wo auf der Welt. Gracias a Dios.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nVater und Tochter: Diego und Dalma Maradona auf der B\u00fchne.<br \/>\n(Foto: Tobias Zwior)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einer Woche ist der junge Journalist Tobias Zwior gerade mal in Buenos Aires &#8211; Diego Maradona zu treffen, kann er schon von seiner To-do-Liste streichen Eigentlich wollte ich nur ins Theater gehen. Wollte mich kurzweilig unterhalten lassen von Dalma Maradona, der &#8220;Tochter Gottes&#8221;, wenn man dem Titel des Theaterst\u00fcckes Glauben schenkt. 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