{"id":19469,"date":"2014-08-15T13:03:40","date_gmt":"2014-08-15T16:03:40","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=19469"},"modified":"2014-08-15T15:11:00","modified_gmt":"2014-08-15T18:11:00","slug":"die-aussagekraft-der-fehlenden-information","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/08\/15\/die-aussagekraft-der-fehlenden-information\/","title":{"rendered":"Die Aussagekraft der fehlenden Information"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schriftsteller Ariel Magnus bei einer Lesung im Goethe-Institut<\/p>\n<p><em>Von Tobias Zwior<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/magnus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/magnus.jpg\" alt=\"magnus\" width=\"500\" height=\"282\" class=\"aligncenter size-full wp-image-19471\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/magnus.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/magnus-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nDie bewegende Geschichte einer Gro\u00dfmutter und ihres Enkels stand vergangenen Donnerstag in der Bibliothek des <a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/ins\/ar\/bue\/esindex.htm\">Goethe-Instituts<\/a> auf dem Programm. Ariel Magnus, erfolgreicher Schriftsteller aus Buenos Aires und jener Enkel, las dort einige Passagen aus seinem Buch <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/zwei-lange-unterhosen-der-marke-hering\/978-3-462-04460-7\/\">&#8220;Zwei lange Unterhosen der Marke Hering&#8221;<\/a>. Rund 60 Zuh\u00f6rer waren erschienen und beteiligten sich nachher auch lebhaft an einer offenen Diskussion mit dem Autor.<\/p>\n<p>Moderiert wurde die Veranstaltung von Carla Imbrogno (Goethe-Institut) und Silvie Rundel (Die Zeit). Magnus\u2018 Buch war im Jahr 2006 urspr\u00fcnglich unter dem Titel &#8220;La Abuela&#8221; auf Spanisch erschienen und liegt seit 2012 in der deutschen \u00dcbersetzung vor. Im Sommer 2001 hatte Magnus, damals noch als Journalist in Deutschland t\u00e4tig, seine j\u00fcdische Gro\u00dfmutter in Porto Alegre besucht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses Besuchs lie\u00df er sich von ihr ihre Lebensgeschichte erz\u00e4hlen. In einer unnachahmlich chaotischen und zugleich liebenswerten Mischung aus Deutsch und Portugiesisch sprach sie \u00fcber ihre Zeit als J\u00fcdin in Deutschland w\u00e4hrend des Nazi-Regimes, ihre freiwillige Deportation in die KZs von Theresienstadt und Auschwitz sowie ihre erfolgreiche Flucht aus letzterem. &#8220;Ich hatte w\u00e4hrend dieses Interviews noch gar nicht vor, daraus ein Buch zu machen, sondern ich wollte eigentlich nur die Geschichte meiner Gro\u00dfmutter bewahren. Ich war schlie\u00dflich der Journalist in der Familie&#8221;, erinnerte sich Magnus w\u00e4hrend der Lesung.<\/p>\n<p>Als ihn seine Gro\u00dfmutter dann aber 2004 zehn Tage lang in Deutschland besucht hatte und er mit ihr gemeinsam nach Berlin, Weimar und Buchenwald gereist war, entschied er sich doch daf\u00fcr, ein Buch zu schreiben. &#8220;Auch viele meiner deutschen Freunde hatten gesehen, welch beeindruckende Pers\u00f6nlichkeit meine Gro\u00dfmutter war, und rieten mir dazu&#8221;, sagte er. Und so entstand aus dem Interview 2001, seinen Aufzeichnungen der Erlebnisse 2004 und einiger Tagebuch-Notizen seiner Gro\u00dfmutter das Buch &#8220;La Abuela&#8221;.<\/p>\n<p>Wichtig war es Magnus zu betonen, dass es sich nicht um ein weiteres Werk der Holocaust-Verarbeitung handelt: &#8220;Dokumentationen \u00fcber Auschwitz haben mich nie interessiert&#8221;, sagte er. &#8220;Die Geschichte meiner Gro\u00dfmutter jedoch schon. Daher ist es kein Buch \u00fcber eine Auschwitz-\u00dcberlebende geworden, sondern \u00fcber meine Gro\u00dfmutter als Person.&#8221;<\/p>\n<p>Die verschiedenen Quellen, Quellarten (Ton und Schrift) und Sprachen machen Magnus\u2018 Buch zu einem unlinearen und sprunghaften Leseerlebnis, was aber seinen Reiz ausmacht: &#8220;Es fehlt viel Information, aber das ist nicht schlimm. Manchmal ist das, was man nicht sagt, st\u00e4rker als das, was man sagt&#8221;, stellte er fest.<\/p>\n<p>Was den Abend im Goethe-Institut besonders machte, war, dass Magnus die unlineare Schreibweise seines Buches auf die Lesung \u00fcbertrug. So las er gemeinsam mit Andrea Belafi einen Dialog mit seiner Gro\u00dfmutter auf Deutsch vor, spielte Original-Tonbandaufnahmen der alten Dame ab und gab au\u00dferdem auf Spanisch Ausz\u00fcge aus seinen Aufzeichnungen \u00fcber die Deutschland-Reise 2004 wieder. Auch die Zuh\u00f6rer, die das Buch nicht gelesen hatten, bekamen so eine gute Vorstellung davon.<\/p>\n<p>Vor allem Magnus\u2018 Gro\u00dfmutter selbst machte Eindruck auf das Publikum: &#8220;Ich habe jetzt das Gef\u00fchl, diese Person zu kennen, und bin traurig dar\u00fcber, dass ich sie in der Realit\u00e4t nie kennengelernt habe&#8221;, sagte Moderatorin Silvie Rundel. Im Anschluss hatten die Zuh\u00f6rer noch die Gelegenheit, Magnus Fragen zu stellen, die er ausf\u00fchrlich beantwortete.<\/p>\n<p>Auf die Verkaufszahlen der deutschen Ausgabe des Buches im Vergleich zu seinem Bestseller &#8220;Ein Chinese auf dem Fahrrad&#8221; angesprochen, sagte er nur schmunzelnd: &#8220;Anscheinend interessieren sich die Deutschen mehr f\u00fcr Chinesen in Buenos Aires als f\u00fcr Holocaust-\u00dcberlebende in Brasilien.&#8221;<\/p>\n<p>Am Ende lie\u00df Magnus noch durchblicken, dass er sich vorstellen k\u00f6nne, noch weitere Familiengeschichten in Buchform zu verarbeiten: &#8220;Mich interessiert zum Beispiel sehr das Schicksal meines Gro\u00dfvaters v\u00e4terlicherseits, ein nach Argentinien ausgewanderter Bibliothekar.&#8221; Da er diesen jedoch nie pers\u00f6nlich kennenlernt habe, k\u00f6nnte das eine langwierige Recherche werden.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nAriel Magnus (Mitte) im Gespr\u00e4ch mit Silvie Rundel (Die Zeit) und Carla Imbrogno vom Goethe-Institut (v.l.).<br \/>\n(Foto: Tobias Zwior)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schriftsteller Ariel Magnus bei einer Lesung im Goethe-Institut Von Tobias Zwior Die bewegende Geschichte einer Gro\u00dfmutter und ihres Enkels stand vergangenen Donnerstag in der Bibliothek des Goethe-Instituts auf dem Programm. 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