{"id":19475,"date":"2014-08-15T14:19:26","date_gmt":"2014-08-15T17:19:26","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=19475"},"modified":"2014-08-15T14:19:26","modified_gmt":"2014-08-15T17:19:26","slug":"neue-wege-statt-rekonstruktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/08\/15\/neue-wege-statt-rekonstruktion\/","title":{"rendered":"Neue Wege statt Rekonstruktion"},"content":{"rendered":"<p><strong>Podiumsgespr\u00e4ch \u00fcber j\u00fcdisches Leben im heutigen Deutschland<\/p>\n<p><em>Von Marcus Christoph<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/juedisches_leben15.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/juedisches_leben15.jpg\" alt=\"juedisches_leben15\" width=\"500\" height=\"201\" class=\"aligncenter size-full wp-image-19481\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/juedisches_leben15.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/juedisches_leben15-300x120.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nWie gestaltet sich j\u00fcdisches Leben im heutigen Deutschland? Wie gegenw\u00e4rtig ist die Vergangenheit? Wie geht das Land mit der Geschichte von Krieg und Holocaust um? Fragen, um die es vor wenigen Tagen bei einem Diskussionsabend im J\u00fcdischen Museum von Buenos Aires ging. Eingeladen waren drei j\u00fcdische Teilnehmer von Besucherreisen in Deutschland, die vom Ausw\u00e4rtigen Amt in Berlin organisiert wurden. Die Veranstaltung stellte zugleich den Schlusspunkt der Ausstellung &#8220;250 Jahre J\u00fcdisches Krankenhaus Berlin&#8221; dar, die Anfang April im Beisein von Berlins Regierenden B\u00fcrgermeister Klaus Wowereit er\u00f6ffnet worden war. Ehrengast des Podiumsgespr\u00e4chs war der deutsche Botschafter Bernhard Graf von Waldersee.<\/p>\n<p>Als erste Gespr\u00e4chsteilnehmerin schilderte Ana Epelbaum de Weinstein, die Direktorin des Dokumentationszentrum &#8220;Marc Turkov&#8221;, ihre Reiseerlebnisse. F\u00fcr die Tochter von \u00dcberlebenden des Holocausts war es der zweite Aufenthalt in Deutschland. Doch auch diesmal sei die Wirkung enorm gewesen, schildert sie. Auf dem Programm der Reisegruppe, die sich aus Juden und Nichtjuden aus 21 verschiedenen L\u00e4ndern zusammensetzte, standen Berlin und Dresden, wo verschiedene Orte mit historischem Bezug aufgesucht wurden.<\/p>\n<p>Beispielsweise die Neue Synagoge in Dresden, ein Neubau, der vor einigen Jahren an derselben Stelle entstand, wo am 9. November 1938 die alte Synagoge in den Flammen der Pogromnacht aufging. Zwischen diesem Geschehen und dem Bombardement Dresdens im Februar 1945, zwischen Judenverfolgung und Untergang Deutschlands, sieht Epelbaum de Weinstein einen Zusammenhang: &#8220;Die Feuer von 1938 haben die Feuer von 1945 provoziert.&#8221; Heute gehe es nicht so sehr um das Rekonstruieren von etwas Altem, sondern um das Entstehen eines ganz neuen j\u00fcdischen Lebens, fasst Epelbaum den Tenor der Gespr\u00e4che mit Vertretern der j\u00fcdischen Gemeinde in der s\u00e4chsischen Hauptstadt zusammen.<\/p>\n<p>In Berlin hinterlie\u00dfen vor allem das Holocaust-Mahnmal nahe dem Brandenburger Tor sowie das J\u00fcdische Museum in Kreuzberg gro\u00dfen Eindruck. Beide Orte, die erst im zur\u00fcckliegenden Jahrzehnt entstanden, spiegelten den langen Weg zu einem Konzept wider, wie die deutsche Gesellschaft mit der Vergangenheit umgehen k\u00f6nne. Epelbaum de Weinstein erinnerte an den schwierigen Neuanfang nach dem Krieg. Nur wenige Tausend Juden hatten das Inferno des Holocausts in Deutschland \u00fcberlebt. In den folgenden Jahrzehnten waren es vor allem aus der Sowjetunion stammende Juden, die die alten j\u00fcdischen Einrichtungen in Deutschland wiederbelebten.<\/p>\n<p>Der bundesdeutsche Staat habe dabei viele Hilfestellungen gegeben, urteilt Epelbaum. In diesem Zusammenhang erw\u00e4hnte sie auch die Gesetze gegen Antisemitismus, die es in dieser Form nur in Deutschland gebe. Heute seien das Land und besonders Berlin sehr kosmopolitisch. Wobei f\u00fcr die Bundesrepublik auch eine gro\u00dfe Herausforderung darin bestehe, die zahlreichen muslimischen Einwanderer zu integrieren.<\/p>\n<p>Dass es in Sachen Verst\u00e4ndigung aber auch noch manches zu tun gibt, habe die Reisegruppe am Ende ihrer Reise erfahren, als der Konflikt im Gazastreifen eskalierte. Dies habe vielerorts zu einer D\u00e4monisierung Israels und des Judentums gef\u00fchrt, schildert Epelbaum. Sie sprach von daher von &#8220;zwei Realit\u00e4ten&#8221;: einerseits aufrichtiges Bem\u00fchen, aus der Vergangenheit zu lernen, andererseits aber auch Ressentiments.<\/p>\n<p>Mit Juli\u00e1n Schvindlerman schilderte ein weiterer Reiseteilnehmer seine Eindr\u00fccke. Die Erinnerung an den Holocaust sei in Deutschland immer noch sehr pr\u00e4sent, meinte der Autor und Politikwissenschaftler. Zwar sei der damals entstandene Schaden nie wiedergutzumachen. Dennoch lobte er den Umgang des heutigen Deutschlands mit seiner Geschichte. Andere L\u00e4nder stellten sich nicht in dieser Form ihrer Vergangenheit. Auch die gesetzliche Praxis, dass die Meinungsfreiheit dort ihre Grenzen habe, wo Antisemitismus beginne, h\u00e4lt Schvindlerman f\u00fcr richtig. &#8220;Da gibt es eine klare rote Linie, die nicht \u00fcberschritten werden darf.&#8221;<\/p>\n<p>Der Politikwissenschaftler beschrieb, wie sich im Laufe der Jahre sein eigenes Bild von Deutschland verbessert habe. Die erste Wahrnehmung waren Bilder vom Holocaust, die Schvindlerman im Grundschulalter sah. Es habe lange gedauert, ehe dieser schreckliche Eindruck durch eine differenziertere Betrachtungsweise erg\u00e4nzt wurde. Als Leitmotiv f\u00fcr den Umgang mit der heutigen Generation von Deutschen nannte Schvindlerman den Ausspruch des Schriftstellers Elie Wiesel, dass die &#8220;Kinder der Nazis nicht Nazis, sondern Kinder&#8221; seien. Die nachfolgende Generation k\u00f6nne nicht f\u00fcr die Verfehlungen der Eltern haftbar gemacht werden.<\/p>\n<p>Als beeindruckend hob Schvindlerman das J\u00fcdische Museum in Berlin hervor. Dieses setze alleine schon durch seine auff\u00e4llige Zickzack-Architektur ein Ausrufezeichen. In Bereichen wie dem &#8220;Holocaust-Turm&#8221; oder den Leerr\u00e4ume (Voids) bekomme der Besucher eine Ahnung davon, welche Angst und Verzweiflung die Opfer des Holocausts h\u00e4tten durchleben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Bemerkenswert findet der Politikwissenschaftler auch die von dem K\u00fcnstler Gunter Demnig initiierten &#8220;Stolpersteine&#8221;. Dabei handelt es sich um Gedenktafeln, die dort gelegt werden, wo NS-Opfer lebten. Mittlerweile gibt es europaweit 45.000 solcher Steine, was die Aktion zum weltweit gr\u00f6\u00dften &#8220;dezentralen Mahnmal&#8221; gemacht hat.<\/p>\n<p>Berlin sei voll von Geschichte, aber auch von Kultur, fasst Schvindlerman seine Eindr\u00fccke von der deutschen Hauptstadt zusammen. Unter dem Strich ist er zuversichtlich, dass die Anstrengungen der Deutschen in Sachen Auss\u00f6hnung nachhaltig sind: &#8220;Ich glaube nicht, dass das eine Blase ist.&#8221;<\/p>\n<p>Liliana Olmeda de Flugelman, die Kuratorin des J\u00fcdischen Museums in Buenos Aires, war im Rahmen einer weiteren Besucherreise in Deutschland, die sich speziell an Ausstellungsgestalter in j\u00fcdischen Museen richtete. Auch hier standen Aufenthalte in Berlin und Dresden auf dem Programm. Die deutsche Hauptstadt nahm Olmeda als eine &#8220;Metropole in Bewegung&#8221; wahr, in der viel Neues entstehe, in der es aber auch viele historische Narben gebe.<\/p>\n<p>Die Kuratorin ging in ihrem Reisebericht vor allem auf den architektonischen Umgang mit der Geschichte ein. Dieser reiche von der detailgetreuen Rekonstruktion wie bei der Dresdner Frauenkirche bis hin zur kompletten Neugestaltung wie im Falle der Neuen Synagoge in der s\u00e4chsischen Hauptstadt. Dazwischen gebe es Mischformen zwischen Alt und Neu wie beim J\u00fcdischen Museum oder der teilweisen Rekonstruktion wie die der Neuen Synagoge in Berlin, bei der die Au\u00dfenfassade wiederherstellt wurde. Olmeda lobte das Holocaust-Mahnmal, dem es gelinge, eine Vorstellung vom Ausma\u00df der Trag\u00f6die zu vermitteln.<\/p>\n<p>Anerkennende Worte hatte die Kuratorin auch f\u00fcr die Staatspolitik der Bundesrepublik \u00fcbrig, die dazu beitrage, dass die Vergangenheit nicht dem Vergessen anheim falle. Eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr das heutige Deutschland sieht Olmeda darin, das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen zu meistern.<\/p>\n<p>Botschafter Bernhard Graf von Waldersee erl\u00e4uterte auf Nachfrage aus dem Publikum die Diskussion um die rituelle Beschneidung von Jungen, die Deutschland 2012 intensiv besch\u00e4ftigte. Vorausgegangen war ein Urteil des Landgerichts K\u00f6ln, das in der Beschneidung aus rein religi\u00f6sen Gr\u00fcnden eine strafbare K\u00f6rperverletzung sah. Juden und Muslime emp\u00f6rten sich daraufhin gleicherma\u00dfen. Der Bundestag sah sich zum Handeln veranlasst und beschloss ein Gesetz, das religi\u00f6se Beschneidungen erlaubt, sofern sie &#8220;nach den Regeln der \u00e4rztlichen Kunst&#8221; durchgef\u00fchrt werden. &#8220;Ein klares Bekenntnis zum j\u00fcdischen Glauben in Deutschland&#8221;, bewertete von Waldersee den Beschluss des Bundestags.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\n(v.l.n.r.) Juli\u00e1n Schvindlerman, Ana Epelbaum de Weinstein, Liliana Olmeda de Flugelman, Museumsdirektor Dr. Sim\u00f3n Moguilevsky und Botschafter Bernhard Graf von Waldersee.<br \/>\n(Foto: Marcus Christoph)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Podiumsgespr\u00e4ch \u00fcber j\u00fcdisches Leben im heutigen Deutschland Von Marcus Christoph Wie gestaltet sich j\u00fcdisches Leben im heutigen Deutschland? Wie gegenw\u00e4rtig ist die Vergangenheit? Wie geht das Land mit der Geschichte von Krieg und Holocaust um? Fragen, um die es vor wenigen Tagen bei einem Diskussionsabend im J\u00fcdischen Museum von Buenos Aires ging. 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