{"id":19574,"date":"2014-08-21T17:46:29","date_gmt":"2014-08-21T20:46:29","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=19574"},"modified":"2014-08-22T17:49:10","modified_gmt":"2014-08-22T20:49:10","slug":"lehreralltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2014\/08\/21\/lehreralltag\/","title":{"rendered":"Lehreralltag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Tag im Leben von Alejandro Fuentes<\/strong><\/p>\n<p><em>Viel wurde zuletzt berichtet \u00fcber den Zustand der \u00f6ffentlichen Schulen in Argentinien. Wenig Positives. Anfang des Schuljahres wurde landesweit wieder wochenlang gestreikt. Doch wie sieht er aus, der Alltag an diesen Schulen? Tobias Zwior hat f\u00fcr seine Reportage einen Lehrer in Mendoza einen Tag lang begleitet.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag222.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag222.jpg\" alt=\"lehreralltag222\" width=\"500\" height=\"282\" class=\"aligncenter size-full wp-image-19576\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag222.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag222-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nEs klingelt. In einem beigen, l\u00e4nglichen Schulgeb\u00e4ude, das von Hektik und Kinderkreischen erf\u00fcllt ist, sollte es jetzt eigentlich still werden. Aber das wird es nicht. Am Ende des Flurs greift die Direktorin zum Mikrofon und versucht sich mit einem beherzten &#8220;Buenas Tardes&#8221; Geh\u00f6r zu verschaffen. Denn die Sch\u00fcler der Grundschule &#8220;Tomas Godoy Cruz&#8221; in Mendoza haben jetzt Nachmittagsunterricht. Mehr als ein beil\u00e4ufiges Raunen als Antwort bekommt sie nicht. \u00dcberall wuseln Sch\u00fcler in grauen mantelartigen Schuluniformen umher, die sie von weitem aussehen lassen wie eine Kreuzung aus Momos grauen Herren und Harry Potters Mitsch\u00fclern. Eltern ziehen ihren Kindern den Rolltornister hinterher, M\u00e4dchen springen Seil und mehrere Lehrer versuchen ihre Klassen um sich herum zu versammeln.<\/p>\n<p>Einer von ihnen ist Alejandro Fuentes. Der 43-J\u00e4hrige unterrichtet heute Mathematik in einer sechsten Klasse. &#8220;Sind alle da?&#8221;, fragt er. Die Sch\u00fclertraube vor ihm bejaht einstimmig. Ein Trugschluss, wie sich wenig sp\u00e4ter herausstellt. Denn im Klassenraum angekommen, ist an Unterricht nicht zu denken. Alle paar Minuten trudeln neue Sch\u00fcler ein, einige mit rund 20 Minuten Versp\u00e4tung. Der &#8220;Profe&#8221;, wie die Sch\u00fcler Fuentes nennen, l\u00e4sst sich davon nicht irritieren und erledigt am Pult etwas Papierkram. Er sieht gem\u00fctlich aus mit seinem im Gegensatz zu den Beinen kurz geratenen Oberk\u00f6rper, dem wohlgen\u00e4hrten Bauch und dem leicht ergrauten Bart im Bernd-Stromberg-Stil. Auff\u00e4llig sind die vertrauenerweckenden braunen Augen, die hinter seiner Brille hervorlugen.<\/p>\n<p>Als ein weiteres M\u00e4dchen versp\u00e4tet eintrudelt, muss Fuentes dann doch ein erstes Mal eingreifen: Es gibt keinen freien Stuhl mehr f\u00fcr sie und so \u00fcberl\u00e4sst er ihr seinen eigenen. 33 Sch\u00fcler sitzen nun dicht an dicht in einem engen Raum. Er wirkt durch die Blumenmustergardinen vor den notd\u00fcrftig geklebten Fensterscheiben und die rissige Schiefertafel wie aus der Zeit gefallen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag221.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag221.jpg\" alt=\"lehreralltag221\" width=\"250\" height=\"316\" class=\"alignright size-full wp-image-19577\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag221.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lehreralltag221-237x300.jpg 237w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>In der Gegenwart will Alejandro mehrmals die Mathestunde beginnen, doch jeder Versuch verl\u00e4uft durch eine neue Unterbrechung im Sande. Unter lautem Gejohle schafft er es schlie\u00dflich nach rund einer halben Stunde, eine Textaufgabe an die Tafel zu schreiben. Langsam und gleichm\u00e4\u00dfig schwingt er die Kreide \u00fcber das Holz, w\u00e4hrend hinter ihm Papierflieger durch den Raum segeln und Sticker getauscht werden. &#8220;Tolerance, Respect, Compromise&#8221; steht neben der Tafel auf einem kleinen Blatt. Diese Leitlinien werden kurz darauf auf die Probe gestellt: In Vierergruppen sollen die Sch\u00fcler die Aufgabe l\u00f6sen, doch die Gruppen m\u00fcssen sie erst einmal bilden. Facundo will nicht mit Oriana zusammenarbeiten, Roc\u00edo nicht mit Augusto. Tische und St\u00fchle werden auf engstem Raum ger\u00fcckt, Stifte und Geodreiecke fallen zu Boden. Und dann klingelt es wieder. Pause.<\/p>\n<p>Alejandro Fuentes sitzt im Lehrerzimmer und saugt am Strohhalm seines Matetees. &#8220;Bisschen laut in der Klasse, oder?&#8221;, sagt er grinsend. Seit 20 Jahren arbeitet er nun schon als Lehrer. Auf das kurz zuvor erlebte Chaos angesprochen erz\u00e4hlt er, dass diese Schule noch eine der besseren in der Region Mendoza sei. &#8220;An Argentiniens Schulen l\u00e4uft es schlecht: Wir Lehrer werden mies bezahlt und viele haben daher zwei, drei Stellen gleichzeitig. Die Qualit\u00e4t der Lehre sinkt und darunter leiden die Sch\u00fcler. Und, ja, es gibt an vielen Orten gro\u00dfe Probleme mit der Disziplin der Sch\u00fcler und deren Respekt vor den Lehrern.&#8221; Diese Probleme reichen soweit, dass es auch f\u00fcr Fuentes selbst schon mehrmals brenzlig wurde. Einmal musste er an einer fr\u00fcheren Schule den geladenen Revolver eines Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen einsacken, ein anderes Mal einen seiner Sch\u00fcler ins Krankenhaus bringen. Ein Klassenkamerad hatte diesen zuvor mit einem Messer niedergestochen. &#8220;Vor allem in den Au\u00dfenbezirken der gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte geht es oft schlimm zu. Daher bin ich froh, dass ich jetzt im Zentrum arbeiten kann &#8211; das sind hier fast paradiesische Zust\u00e4nde&#8221;, sagt er.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Klassenraum ist von dem Paradies nicht mehr viel zu erkennen. Die Sch\u00fcler arbeiten an ihrer Aufgabe, viele lenken sich dabei jedoch immer wieder gegenseitig ab. Am Ende sind es vier oder f\u00fcnf Sch\u00fcler, die Fuentes\u2018 Fragen beantworten k\u00f6nnen und mit ihm gemeinsam das Ergebnis an der Tafel durchrechnen. Doch der Lehrer bleibt gelassen. Er hat Schlimmeres erlebt. &#8220;Lief doch ganz gut heute. Es bringt nichts, herumzuschreien. Die Sch\u00fcler haben Respekt vor mir, weil auch ich sie respektvoll behandle&#8221;, sagt er. Dann klingelt es.<\/p>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><\/p>\n<p>Ruhe bitte: Alejandro Fuentes erkl\u00e4rt eine Rechenaufgabe.<\/p>\n<p>Der Zeitplan der Sch\u00fcler am Nachmittag.<br \/>\n(Fotos: Tobias Zwior)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Tag im Leben von Alejandro Fuentes Viel wurde zuletzt berichtet \u00fcber den Zustand der \u00f6ffentlichen Schulen in Argentinien. Wenig Positives. Anfang des Schuljahres wurde landesweit wieder wochenlang gestreikt. Doch wie sieht er aus, der Alltag an diesen Schulen? Tobias Zwior hat f\u00fcr seine Reportage einen Lehrer in Mendoza einen Tag lang begleitet. Es klingelt. 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