{"id":21524,"date":"2015-06-05T08:14:41","date_gmt":"2015-06-05T11:14:41","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=21524"},"modified":"2015-06-05T12:19:45","modified_gmt":"2015-06-05T15:19:45","slug":"bis-dass-der-tod-uns-scheidet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2015\/06\/05\/bis-dass-der-tod-uns-scheidet\/","title":{"rendered":"Bis dass der Tod uns scheidet"},"content":{"rendered":"<p><strong>In ganz Argentinien gingen die Menschen auf die Stra\u00dfe, um auf die steigende Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen<\/p>\n<p><em>Von Meike Michelmann gen. Lohmann<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/niunamenos.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/niunamenos.jpg\" alt=\"niunamenos\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"aligncenter size-full wp-image-21531\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/niunamenos.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/niunamenos-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nChiara, Gabriela, Marta, Lola und so viele mehr &#8211; ihre Namen stehen f\u00fcr schreckliche Verbrechen an Frauen, die nur aufgrund ihres Geschlechts begangen wurden. Chiara Pa\u00e9z, 14 Jahre alt aus der Region Santa Fe, erwartete ein Kind. Ihr 16-j\u00e4hriger Freund ermordete sie und vergrub ihre Leiche im Garten seiner Familie. Gabriela Parrera, 42 Jahre alt, zu Tode gepr\u00fcgelt von einem Stalker. Die Leiche der 25-j\u00e4hrigen Marta wurde, schwer misshandelt, auf einer Brachfl\u00e4che in Yerba Buena in der Provinz Tucum\u00e1n gefunden. <\/p>\n<p>Allein im letzten Jahr wurden in Argentinien laut der NGO &#8220;Casa del Encuentro&#8221; (CdE) 277 Morde an Frauen gemeldet. Bei der Polizei von Buenos Aires gingen zus\u00e4tzlich knapp 170.000 Anzeigen \u00fcber Gewalttaten gegen Frauen ein. &#8220;Die Dunkelziffer ist wohl noch deutlich h\u00f6her&#8221;, beklagte die Direktorin von CdE, Fabiana Tu\u00f1ez, in einem Interview mit der Zeitung La Naci\u00f3n. &#8220;Femicidios&#8221; oder auch &#8220;feminicidios&#8221; werden diese Arten der Gewaltverbrechen an Frauen im Spanischen genannt. Femizide, das in der deutschen Umgangssprache kaum gebr\u00e4uchliche \u00c4quivalent, beschreibt Morde an Frauen, die aufgrund von Hass und Verachtung gegen\u00fcber dem weiblichen Geschlecht sowie Machtdemonstration oder Besitzanspr\u00fcchen, von m\u00e4nnlichen T\u00e4tern ver\u00fcbt werden. Aber auch der Tod einer Frau durch fehlende oder schlechte medizinische Versorgung w\u00e4hrend der Geburt oder illegalen Abtreibungen werden als solche bezeichnet.<\/p>\n<p>Jedes Jahr werden Tausende Frauen und M\u00e4dchen in S\u00fcdamerika Opfer von Gewalt und das nur aus einem Grund &#8211; weil sie nicht als Mann, sondern als Frau geboren wurden. Dabei sterben in keinem anderen Land S\u00fcdamerikas mehr Frauen als in Argentinien. Zieht man die L\u00e4nder Zentralamerikas mit dazu, landet Argentinien auf dem f\u00fcnften Platz. Angef\u00fchrt wird das traurige Ranking von Mexiko, wo im Durchschnitt alle f\u00fcnf Stunden eine Frau ermordet wird. Daneben gab es in den letzten Jahren nur in Guatemala, Costa Rica und der Dominikanischen Republik mehr gender-motivierte Morde an Frauen als in Argentinien. &#8220;Diese Zahlen spiegeln eine Gesellschaft wider, die beherrscht wird von machistischen Paradigmen, wo die Frau immer noch nur als &#8216;eine Sache, die man unterdr\u00fccken muss&#8217;, angesehen wird&#8221;, erkl\u00e4rte Tu\u00f1ez im Gespr\u00e4ch mit La Naci\u00f3n. <\/p>\n<p><strong>Protestwelle breitet sich aus<\/strong><\/p>\n<p>In Argentinien haben die j\u00fcngsten und besonders grausamen F\u00e4lle von Femiziden eine Welle an Emp\u00f6rung und Protest ausgel\u00f6st. Seit dem Tod von Chiara Pa\u00e9z vor einigen Wochen verbreitet sich der Hashtag #NiUnaMenos unaufhaltsam in den sozialen Netzwerken. Entstanden ist er aus der Parole &#8220;Ni una mujer menos! Ni una muerta m\u00e1s&#8221; (Nicht eine Frau weniger! Nicht eine Tote mehr!). Vor allem auf Twitter finden sich unter diesem Slogan Tausende Fotos von Unbekannten, aber auch Prominenten aus Sport, Kultur und Politik, die sich mit der Parole #NiUnaMenos oder dem \u00e4hnlichen #BastaDeFemicidios (Schluss mit den Frauenmorden) fotografieren lassen und so ihre Unterst\u00fctzung im Kampf gegen gender-motivierte, aber auch jede andere Form von Gewalt deutlich machen. Und der Protest bewegt sich schon lange nicht mehr nur im virtuellen Raum. Am Mittwoch versammelten sich Zehntausende Menschen auf der Plaza de Congreso in Buenos Aires, um ihrer Wut und Trauer Luft zu machen.<\/p>\n<p>Organisiert von Journalistinnen wie Ingrid Beck, Herausgeberin der Zeitung &#8220;Barcelona&#8221;, und der NGO &#8220;La Casa del Encuentro&#8221; zog der Protestmarsch durch die Stadt. Darunter viele Frauen und M\u00e4nner jeden Alters und aus allen sozialen Schichten, Organisationen, Vereine, K\u00fcnstler und Parteien. &#8220;F\u00fcr alle, die jetzt hier sind! F\u00fcr alle, die nicht mehr hier sein k\u00f6nnen! Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr Euch!&#8221;, immer und immer wieder schreien knapp vierzig in lila Gew\u00e4nder geh\u00fcllte Frauen, die sich im Gleichschritt und mit ernstem Blick dem Protestmarsch anschlie\u00dfen, diese Parole. Zwischen den Menschenmassen sieht man auch immer wieder Demonstranten, die Fotos von get\u00f6teten Angeh\u00f6rigen oder Freunden in die H\u00f6he halten. Dazwischen auch eine \u00e4ltere Frau mit grauem Haar und leuchtend rotem Mantel, die sich an ein Foto von einer jungen Frau klammert: &#8220;Meine Tochter wurde von ihrem Ehemann geschlagen, aber sie hat ihn immer wieder in Schutz genommen&#8221;, erz\u00e4hlt Anal\u00eda Iglesias und zeigt auf das Foto ihrer toten Tochter. &#8220;Ich bin heute hier, um anderen Frauen Mut zu machen, sich zu wehren.&#8221;<\/p>\n<p>Nicht nur in Buenos Aires gingen die Menschen auf die Stra\u00dfe, auch in Rosario, Tucum\u00e1n und vielen anderen St\u00e4dten gab es lautstarke Protestm\u00e4rsche. Damit wollten die Demonstranten nicht nur auf die get\u00f6teten Frauen aufmerksam machen, sondern auch ein Zeichen an die Politik senden.<\/p>\n<p>Zwar gibt es bereits seit 2010 das Gesetz Nr. 26.485, das einen besseren Schutz der Frauen vor Gewalt sowie effektivere Pr\u00e4vention und Bestrafungen der T\u00e4ter gew\u00e4hrleisten soll. Laut Organisationen wie CdE werden diese Gesetzes\u00e4nderungen aber bis heute kaum angewendet. Die Menschen auf der Plaza fordern, dass die im Gesetz festgelegten Punkte auch umgesetzt werden. &#8220;Solange die Gesetze nur auf dem Papier stehen, aber nicht daf\u00fcr gesorgt wird, dass sie auch im t\u00e4glichen Leben angewendet werden, bringen sie den betroffenen Frauen gar nichts&#8221;, sagt die Vorsitzende der Organisation &#8220;Amigos del Alma&#8221;, Marilina Villarejo. Daneben fordern die Demonstranten einen besseren Umgang der Justiz mit den Opfern und eine staatliche Erfassung von Femiziden. Auch eine bessere Aufkl\u00e4rung \u00fcber Sexualit\u00e4t und Geschlechterrollen steht auf der Agenda, denn nur so k\u00f6nne ein Wandel in den K\u00f6pfen vieler Menschen bewirkt werden, um gender-motivierter Gewalt vorzubeugen.<\/p>\n<p><strong>Fehlende Zufluchtsorte<\/strong><\/p>\n<p>Als Vorsitzende von &#8220;Amigos del Alma&#8221; (AdA), einer Organisation, die sich gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder einsetzt, kennt Marilina Villarejo viele dieser Probleme aus der Praxis: &#8220;Nur wenige Frauen haben den Mut, ihre Peiniger anzuzeigen, und wenn sie es dann doch tun, hei\u00dft das nicht, dass automatisch alles gut wird.&#8221; Nach der Anzeige stellt sich oft die Frage, wie es danach f\u00fcr die Frauen weitergeht. Oft kommen die T\u00e4ter nicht ins Gef\u00e4ngnis, und die Frauen k\u00f6nnen nicht zur\u00fcck nach Hause, ohne sich wieder in Gefahr zu begeben. Wenn sie dann keine anderen Verwandten haben, die sie und in den meisten F\u00e4llen auch ihre Kinder aufnehmen k\u00f6nnen, stehen sie oft auf der Stra\u00dfe. Staatliche Hilfsangebote oder Unterk\u00fcnfte gibt es in Argentinien kaum. F\u00fcr einige dieser Frauen und Kinder bietet &#8220;Amigos del Alma&#8221; einen Zufluchtsort.<\/p>\n<p>Der 2003 gegr\u00fcndete Verein betreibt seit 2013 ein Frauenhaus in Pilar n\u00f6rdlich von Buenos Aires. Zehn Jahre haben die Mitglieder von AdA gebraucht, um die finanziellen Mittel und gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Bau der &#8220;Casa de Abrigo&#8221; zu sammeln. Abseits vom Stadtzentrum und durch hohe Mauer gesch\u00fctzt steht das Haus, das bereits mehr als 100 Frauen und Kinder in Notsituationen aufgenommen hat. Die meisten bleiben ein bis zwei Monate, maximal aber 90 Tage. &#8220;Das ist nicht viel Zeit, um sich von dem Erlebten zu erholen, aber wir hoffen immer, ihnen zumindest die Basis f\u00fcr eine bessere Zukunft mitgeben zu k\u00f6nnen&#8221;, erz\u00e4hlt Marilina Villarejo. Vor Ort k\u00fcmmern sich Psychologen und Sozialarbeiter um die teils stark traumatisierten Frauen und Kinder. Die meisten haben nie erlebt, was Liebe und Zuneigung eigentlich bedeutet. Aufgewachsen in einem Umfeld, in dem Schl\u00e4ge zum normalen Tagesablauf geh\u00f6ren und soziale Strukturen oft kaum vorhanden sind, erleben sie dort zum ersten Mal, was es bedeutet, friedlich zusammenzuleben.<\/p>\n<p><strong>Liebe muss gelernt werden<\/strong><\/p>\n<p>Durch ihre Arbeit bei Ada kann die Mutter von drei T\u00f6chtern viele traurige Geschichten erz\u00e4hlen. So wie die des achtj\u00e4hrigen Marcos und seiner vier j\u00fcngeren Geschwister, die in die Unterkunft kamen, weil ihren Eltern das Sorgerecht entzogen wurde. Als \u00c4ltester k\u00fcmmerte sich Marcos um seine j\u00fcngeren Geschwistern, schaute, dass sie genug a\u00dfen und es ihnen gut ging. In der ersten Nacht brachten die Betreuerinnen die Kinder zu Bett. Ein paar Stunden sp\u00e4ter h\u00f6rten sie, dass die Kinder weinten. Als sie nachfragten, was los sei, antwortete Marcos, er habe seine Geschwister geschlagen, weil sie nicht schlafen wollten. Das h\u00e4tten ihre Eltern auch immer so gemacht, wenn sie keine Ruhe geben wollten. &#8220;Und genauso ist es bei vielen der Frauen, die hierher kommen, sie m\u00fcssen erst einmal lernen, was Liebe ist, und dass Schl\u00e4ge und Dem\u00fctigungen nichts mit Zuneigung und dem Interesse am Anderen zu tun haben&#8221;, erkl\u00e4rt Marilina Villarejo ruhig.<\/p>\n<p>&#8220;Auch wenn wir nur sehr wenigen betroffenen Frauen helfen k\u00f6nnen, so ist doch jede kleine Erfolgsgeschichte eine Best\u00e4tigung f\u00fcr unsere Arbeit&#8221;, sagt sie und l\u00e4chelt leicht. Ihre Organisation w\u00fcrde gerne noch mehr Orte wie die &#8220;Casa de Abrigo&#8221; er\u00f6ffnen, um mehr Frauen zu helfen. Daf\u00fcr reichen aber weder die finanziellen noch die menschlichen Ressourcen. &#8220;Das gro\u00dfe \u00f6ffentliche Echo, das #NiUnaMenos erzeugt hat, l\u00e4sst uns hoffen, dass nicht nur die Politik endlich etwas tut, sondern dass sich vor allem etwas in den K\u00f6pfen der Menschen ver\u00e4ndert und in Zukunft keine Frau, kein Kind und kein Mann mehr einen Zufluchtsort vor Gewalt suchen muss.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nAllein vor dem Parlament in Buenos Aires forderten mehr als 150.000 Menschen am Mittwoch einen besseren Schutz von Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ganz Argentinien gingen die Menschen auf die Stra\u00dfe, um auf die steigende Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen Von Meike Michelmann gen. Lohmann Chiara, Gabriela, Marta, Lola und so viele mehr &#8211; ihre Namen stehen f\u00fcr schreckliche Verbrechen an Frauen, die nur aufgrund ihres Geschlechts begangen wurden. 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