{"id":2170,"date":"2010-02-23T17:33:44","date_gmt":"2010-02-23T20:33:44","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/02\/11\/goldbaren-in-reih-und-glied\/"},"modified":"2010-09-14T17:31:45","modified_gmt":"2010-09-14T20:31:45","slug":"goldbaren-in-reih-und-glied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/02\/23\/goldbaren-in-reih-und-glied\/","title":{"rendered":"Goldb\u00e4ren in Reih und Glied"},"content":{"rendered":"<p><strong>60 Jahre Berlinale im Leopoldo Lugones-Saal des San Mart\u00edn-Theaters<\/p>\n<p><em>Von Valerie Thurner<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2169\" alt=berlinale11.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/berlinale11.jpg\" align=left hspace=5 \/>Die Berlinale feiert dieses Jahr Geburtstag und dies wird nicht nur in Europa, sondern auch hier gefeiert. So widmet das San Mart\u00edn-Theater in Zusammenarbeit mit der Fundaci\u00f3n Cinemateca Argentina und dem Goethe-Institut dem bedeutenden Filmfestival die Retrospektive \u201c60 a\u00f1os de la Berlinale\u201d. Der Kurator und Filmkritiker Luciano Monteagudo hat einen reichhaltigen Zyklus der 32 besten Gewinnerfilme aus einem halben Jahrhundert zusammengestellt, einen historischen Querschnitt des Festivals, so dass nun auch die Porte\u00f1os ihre Berlinale haben.<!--more--><\/p>\n<p>Die Berlinale ist nach Cannes das wohl wichtigste Filmfestival Europas, wo viele bedeutende Autorenfilmer ihren internationalen Durchbruch feiern durften. Das Festival hat stets mutige und kontroverse Werke honoriert, viele von ihnen sind als Wegbereiter in die Kinogeschichte eingegangen. So zeigt der Zyklus viele filmhistorische Schl\u00fcsselwerke aus L\u00e4ndern wie Frankreich, Italien, Deutschland, Schweden, aber auch aus Argentinien, Spanien, England und den USA. Stilistische und narrative Rebellen wie Ingmar Bergman, Akira Kurosawa und vor allem die Vertreter der Neuen Wellen der 60er Jahre, die das Kino grundlegend revolutionierten, haben bei der Berlinale regelm\u00e4\u00dfig Troph\u00e4en gewonnen. Gesellschaftskritische, kontroverse Filme, die einerseits politisches Aufsehen erregten oder andererseits Psychogramme einer neuen Generation sensibel oder radikal zeichneten: ergreifend, witzig und innovativ.<\/p>\n<p>Den Auftakt bildet am heutigen Donnerstag Ingmar Bergmans \u201cWilde Erdbeeren\u201d (1957), ein sensibel gestaltetes Meisterwerk um Leben, Gott und Tod, ein psychologisches Charakterportr\u00e4t, das realistische und surreale Stilmittel miteinander verschr\u00e4nkt. Formal stilbrechend war auch der Japaner Akira Kurosawa, ein Geheimtipp unter Cinephilen, der das Filmschaffen nachhaltig beeinflusst hat. \u201cDie verborgene Festung\u201d (1958; am 12.2.) gilt als eine der besten Abenteuergeschichten der Kinogeschichte und hat eine ganze Generation von Filmemachern gepr\u00e4gt. George Lucas\u2019 \u201cKrieg der Sterne\u201d war direkt von diesem Film beeinflusst.<\/p>\n<p>Kurosawa etablierte im Nachkriegskino die Figur des Antihelden. Meist im historischen Kaiserreich verortete Samurai-Mythen, sind Kurosawas Filme als Parodien des japanischen heldenhaften Historienfilms zu begreifen.<\/p>\n<p>Der Zyklus zeigt ebenfalls Antiheldengeschichten der franz\u00f6sischen Nouvelle Vague mit Protagonisten wie Jean-Luc Godard, Alain Resnais und dem k\u00fcrzlich verstorbenen Eric Rohmer. Der am heutigen Samstag im Lugones-Saal gezeigte \u201cAu\u00dfer Atem\u201d (1959) war der erste Langspielfilm des gro\u00dfen Meisters Godard, eine Hommage an den Film Noir der 40er Jahre und sein internationaler Durchbruch, weil vor allem die filmtechnischen Mittel wie Handkamera, Jump-Cuts oder Jazzmusik bahnbrechend waren. Der junge Belmondo hat in diesem leichtf\u00fc\u00dfigen bis romantischen Klassiker des Roadmovie eine Paraderolle als Kleinkrimineller.<\/p>\n<p>Das deutsche Kino der 60er und 70er Jahre ist mit Alexander Kluge, Werner Herzog oder Rainer Werner Fassbinder ebenfalls geb\u00fchrend vertreten. Die \u201cNeue Welle\u201d bahnte damals cineastisch den Weg f\u00fcr die Aufarbeitung der Schreckenstaten des Dritten Reiches und die L\u00f6sung der kulturellen L\u00e4hmung innerhalb des deutschen B\u00fcrgertums. Die sensibel gezeichneten Milieustudien von Rainer Werner Fassbinder (\u201cDie Ehe der Maria Braun\u201d, am 27.2.; \u201cDie Sehnsucht der Veronika Voss\u201d, am 1.3.) schildern die Leiden weiblicher Protagonisten. Fassbinder, ein Meister der Farbdramaturgie, hatte eine Vorliebe f\u00fcr weibliche Helden und arbeitete stark melodramatisch, was man im sp\u00e4teren Kino beispielsweise bei Pedro Almod\u00f3var wiederfindet.<\/p>\n<p>Das legend\u00e4re Kollektivprojekt \u201cDeutschland im Herbst\u201d (1977\/8; am 26.2.) \u00fcber die Attentate der RAF Ende 1977 u.a. von Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge oder Volker Schl\u00f6ndorff war ein Stilmix von dokumentarischen Aufnahmen und Erz\u00e4hlkino.<\/p>\n<p>Pier Paolo Pasolini, ein radikaler Freigeist geh\u00f6rte zu den kompromisslosesten Blo\u00dflegern der menschlichen Abgr\u00fcnde und der gesellschaftlichen Doppelmoral. \u201cDecameron\u201d (1971, am 20.2.), Teil seiner preisgekr\u00f6nten \u201cTrilogie des Lebens\u201d, ist eine bitterb\u00f6se, groteske Parabel auf die Kommunikationsst\u00f6rungen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und die Gewaltbereitschaft in sich wendenden Herrschaftsverh\u00e4ltnissen. Seine offene Kritik an den korrupten Strukturen in Italien und seine Bekenntnis zur Homosexualit\u00e4t bezahlte Pasolini schlie\u00dflich mit dem Leben. Er wurde im Herbst 1975 brutal ermordet.<\/p>\n<p>Ein Verfolgter war auch der polnische Filmemacher Roman Polanski, dessen neuester Film \u201cThe Ghostwriter\u201d bei der diesj\u00e4hrigen Berlinale uraufgef\u00fchrt wird. Seine Erfahrung im Warschauer Ghetto, der faschistischen Unterdr\u00fcckung hat sein Leben wie seine Filme stark gepr\u00e4gt. Das San Mart\u00edn zeigt seine Filme \u201cEkel\u201d (1965, am 17.2.), ein Psychogramm des Wahnsinns mit Catherine Deneuve in der Rolle einer jungen Frau, die langsam den Bezug zur Realit\u00e4t verliert, sowie \u201cCul-de-sac\u201d (1966, am 18.2.), den Polanski pers\u00f6nlich f\u00fcr seinen besten Film h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das Drama \u201cLa Patagonia rebelde\u201d (1974, am 23.2.) von H\u00e9ctor Olivera schildert den Arbeiteraufstand der 1920er Jahre in Patagonien, der vom Milit\u00e4r blutig niedergeschlagen wurde, und handelte dem Schauspielerensemble \u00c4rger mit dem Regime ein; man muss sich vor Augen halten, dass dieser Film nur wenige Monate nach dem Putsch in Chile in die Kinos kam, und es fehlten wenige, bis Argentinien ebenfalls vom Staatsterror zerfressen wurde. Olivera z\u00e4hlt zu den wichtigsten Regisseuren Argentiniens.<\/p>\n<p>Auch nicht fehlen darf der bedeutendste Regisseur des italienischen Gegenwartskinos Nanni Moretti, dessen Kom\u00f6dien mit selbstironischem Unterton inzwischen nicht nur in Italien Kultstatus haben. Moretti verwebt autobiographische und fiktive Elemente zu humorvollen bis tragischen Geschichten, erz\u00e4hlt aus dem Protagonisten in Ichperspektive, wobei er meist selbst die Hauptrolle \u00fcbernimmt. \u201cDie Messe ist aus\u201d (1985, am 7.3.) war Morettis erstes Drama, in dem er die \u00dcbertreibung seiner Kom\u00f6dien nun in den Dienst einer grunds\u00e4tzlich ernsten Handlung stellte. Moretti trat hier als junger Priester auf, der schmerzhaft erf\u00e4hrt, dass seine Aufgabe in einer gewandelten Gesellschaft sehr herausfordernd ist. Im Zentrum standen Konflikte mit alten Freunden der 68er-Bewegung und Familienmitgliedern.<\/p>\n<p>Auch das \u201cNuevo Cine Argentino\u201d, das seit den Neunzigerjahren zahlreiche Festivalerfolge verzeichnet hat, wurde in Berlin ausgezeichnet. Lucrecia Martels \u201cLa ci\u00e9naga\u201d (2001) und Daniel Burmans \u201cEl abrazo partido\u201d (2003) erhielten Preise und werden im Lugones-Saal gezeigt, beide je zweimal am 14. M\u00e4rz.<\/p>\n<p>Fatih Akins ergreifendes Drama \u201cGegen die Wand\u201d rundet die Retrospektive am 15.3. w\u00fcrdig ab; Der Film des Sohnes von t\u00fcrkischen Einwanderern bescherte der Berlinale 2005 einen verdienten einheimischen Siegerfilm. Er erz\u00e4hlt in seinem intensiven, vibrierenden Film die Sehnsucht und den Lebenshunger einer jungen T\u00fcrkin in Deutschland, die bei einer Gratwanderung zwischen zwei Kulturen versucht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Der Abschlussfilm der Retrospektive erz\u00e4hlt vom Konflikt der Heimatlosigkeit und der Suche nach Identit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>\u201c60 a\u00f1os de la Berlinale\u201d, vom 11. Februar bis zum 15. M\u00e4rz, Teatro San Mart\u00edn, Leopoldo Lugones-Saal, Av. Corrientes 1530, Buenos Aires, Eintritt $ 10.-, erm\u00e4\u00dfigt $ 5.-. Die Karten k\u00f6nnen bis zu sechs Tage im Voraus (einschlie\u00dflich des Vorstellungstages) an den Theaterkassen des San Mart\u00edn-Theaters erworben werden.<\/em><\/p>\n<p>Infos <em><a href=\"http:\/\/www.complejoteatral.gov.ar\/cine\/\">hier<\/a><\/em>.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2171\" alt=berlinale1.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/berlinale1.jpg\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>60 Jahre Berlinale im Leopoldo Lugones-Saal des San Mart\u00edn-Theaters Von Valerie Thurner Die Berlinale feiert dieses Jahr Geburtstag und dies wird nicht nur in Europa, sondern auch hier gefeiert. So widmet das San Mart\u00edn-Theater in Zusammenarbeit mit der Fundaci\u00f3n Cinemateca Argentina und dem Goethe-Institut dem bedeutenden Filmfestival die Retrospektive \u201c60 a\u00f1os de la Berlinale\u201d. 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